Schwingen: Schonungslose Kritik oder traditionsbewusstes Schwärmen?

Gestern las ich in der Zentralschweiz am Sonntag „Bornhausers Woche“:

Eigentlich hat Chefredaktor Thomas Bornhauser vollkommen Recht. Beim Verfassen der Zeilen sollen seine Schreiberlinge nicht nur die Sportler, in diesem Fall die Schwinger, unter die Lupe nehmen, sondern den Anlass als Ganzes. Dabei soll nicht kritisiert, sondern vor allem gelobt werden.

Gesagt, getan und bereits nach dem Rigi-Schwinget angewendet. In der heutigen Ausgabe der Neuen Schwyzer Zeitung stellte der Verfasser der Fronstseite nämlich den Anlass in den Vordergrund, und nicht das katastrophale Abschneiden der Innerschweizer.

Das war traditionsbewusstes Schwärmen auf höchstem Niveau. Ich meine, alles schön und gut, auch das feine Gespür Bornhausers für Kritik.
Trotzdem: Der Schwingsport ist, obwohl immer noch in einem sehr konservativen Rahmen, schon längst ein hochmoderner und athletischer Sport geworden.

Ich meinerseits sehe das Schwingen schon seit einiger Zeit nur noch als „Sport“, und die ringsum vorgelebte Tradition als „Zugemüse“.
Gute Leistungen „unserer Innerschweizer“ dürfen sehr wohl gelobt werden. Sie dürfen aber auch, wie in dem gestrigen Rigi-(Tief)fall, schonungslos kritisiert werden.

Da gefiel mir die Fronseite des heutigen „Boten“ viel besser als die der erwähnten Schwyzer Zeitung.

Keine Schlagzeile, dafür ein Bild mit dem Sieger Christian Stucki und mit „Schwyzer ohne Rigi-Kranz“ ein schonungsloser Titel.

Bornhauser und die Schwyzer Zeitung (eigentlich Luzerner Zeitung) darf nicht den Fehler begehen, wegen ein bisschen Kritik nach dem Innerschweizerischen den Schwingsport wieder als nettes und folkloristisches „Rutzen“ von ein paar übergewichtigen Älplern abzutun.
Über den Anlass als solches sowie über seine vielen freiwilligen Helfer darf man selbstverständlich positiv in einem Rahmenbericht schreiben.
Den eigentlichen Schwingsport hingegen sollte man betrachten wie einen FC Luzern-Match. Da werden nach einer Niederlage auch nicht (nur) das schöne Stadion und die freiwilligen Bierausschenker erwähnt. Dani Wyrsch deckt jeweils den FCL schonungslos mit seiner Kritik ein.

Das darf in meinen Augen auch beim Schwingsport erfolgen. Denn die Spitzen-Athleten trainieren und leben mehrheitlich wie Profisportler und reduzieren sogar ihre Arbeitspensen.
Dass die Fussballer natürlich teilweise viel zu viel Geld verdienen und die Schwinger (eigentlich) diesbezüglich nur Amateure sind, ist ein Fakt, und würde eine andere Diskussion nach sich ziehen.

Man würde den Schwingern Unrecht tun, wenn ihre Leistungen nicht dementsprechend gewürdigt und beurteilt würden. Ich habe die grösste Achtung davor, wie die besten Schwinger Beruf und Sport unter einen Hut bringen. Das verdient in meinen Augen auch Anerkennung. Diese Sportler erwarten nach getaner Schwingarbeit sicher aber auch objektive Kritik und keine Lobhudeleien.

Dass bei den Innerschweizer Schwingern nicht alles beim besten ist, weiss man nicht erst seit gestern. Die Dominanz der Berner ist derzeit so erdrückend, dass man sich im ähnlich grossen Innerschweizer Lager schon die Frage stellen darf: Was ist bloss los in dem einst so gefeierten ISV-Verband?

Meine Wenigkeit ist ebenso ratlos, wie wahrscheinlich auch ihr Technischer Leiter, Geni Hasler. Die Berner machen zur Zeit einiges viel besser als die Innerschweizer. Denn sie haben eine so breite Spitze und so starke Mittelklasseschwinger, dass einem als ISV-Fan fast die Tränen kommen.

Liegt es an der Nachwuchsförderung, den Trainingsmethoden, den Trainern oder den Chefs?
Nur alles mit der Verletzungshexe zu erklären, wäre zu einfach. Mit diesem Umstand haben alle anderen Verbände auch zu kämpfen.
Ich habe schlicht keine Antwort parat, und würde mich freuen, wenn sich ein Verantwortlicher zu Wort melden würde.

Nun bin ich von meinem ursprünglich angeschriebenen Thema „Schonungslose Kritik oder traditionsbewusstes Schwärmen?“ etwas abgewichen, und bin bei der Ursachenforschung des gestrigen Rigi-Debakels der Innerschweizer angelangt. Denn: Scheinbar gingen die Schwyzer seit Menschengedenken noch nie ungekränzt von der Rigi dannen. Gestern mussten sie es.
Die Berner waren so dermassen stark, dass sie von 13 abgebenen Kränzen nur deren zwei den Innerschwyzern zugestanden haben.
Sportlich gesehen eine einzige Katastrophe.

Noch ein abschliessendes Wort zu der sportlichen Schwing-Berichterstattung: Für den Boten der Urschweiz macht diese Arbeit schon seit etlichen Jahren der unverwüstliche Simon Gerber, und zwar sehr bravourös.
Die Schwyzerzeitung muss dies, wie man kürzlich vernahm, nicht mehr lange machen. Sie wird ab dem 1.1.2014 vom „Boten“ geschluckt.
Nein, Spass beiseite, die Luzerner Zeitung wird dies natürlich weiterhin tun. Zu hoffen ist einfach, dass sie das tradtionsbewusste Schwärmen beim Schwingsport nicht in den Mittelpunkt zu stellen beginnen. Sonst kommt dann plötzlich der Verdacht auf, dass das wegen der schlechten Leistungen der Innerschweizer Schwinger System haben könnte.

feldwaldwiesenblogger

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