Silvia Götschi: Das Hochzeitsgeschenk

Gestern erhielt ich unverhofft elektronische Post von meiner ersten Carte Blanche-Verfasserin, Silvia Götschi:

Hoi feldwaldwiesenblogger

Versunken in meiner Arbeit, bin ich zwischendurch mal wieder auf Deinen Blog gestossen.

Hast Du noch Interesse an einer neuen Geschichte?

Bei mir tut sich nämlich etwas.

Der deutsche Grossverlag Emons hat mich unter Vertrag genommen. Jetzt schreibe ich einen Bündner Krimi, heißt, ich habe ihn bereits fertig geschrieben. Er wird im März 2014 erscheinen.

In drei Wochen kommt nun endlich KÜNSTLERPECH – Kramers dritter Fall auf den Markt.

Lieben Gruss
Silvia

Ich antwortete ihr:

Hallo Silvia

Wauw, das tönt ja mega! Ich freue mich für dich. Als begeisterter Krimileser warte ich gespannt auf deine neuen Bücher.
Und natürlich habe ich immer Interesse an Geschichten von dir! Du kannst gerne wieder einen Carte Blanche-Beitrag für meinen Blog zusammenstellen, so wie’s dir grad beliebt.

Leider hat neben dir erst ein Herr noch angebissen, und mir einen Carte Blanche-Beitrag für den Blog zugestellt. Aber es schreiben halt nicht alle so gerne wie du und ich. Jä nu … 🙂

Ich freue mich auf eine neue Geschichte von dir!

Liebe Grüsse
feldwaldwiesenblogger

Eine Stunde und 13 Minuten später kam wieder eine Email von Silvia Götschi:

Anbei eine Geschichte, die ich mal für eine Anthologie geschrieben habe, die bis jetzt aber in keinem Buch zu finden ist.
Vielleicht ist sie etwas für Dich.
Einen schönen Nachmittag und lieben Gruss
Silvia

Aufmerksam las ich die Kurzgeschichte durch. Atemlos nahm ich hernach zur Kenntnis: Natürlich war die Geschichte etwas für mich, einer kleinen (Krimi-)Leseratte. Sie fesselte mich nämlich von Anfang an, Götschi’s Text mit dem Titel „Das Hochzeitsgeschenk“.
Ohne zu überlegen wusste ich gleich: Diese Geschichte ist auch für euch, liebe Leserinnen und Leser, etwas!

Zur Kurzgeschichte schickte Götschi auch noch ein wunderschönes Bild mit.

Vorhang auf für den zweiten Carte Blanche-Beitrag von Silvia Götschi:

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DAS HOCHZEITSGESCHENK

Das Unglück geschah am 30. Dezember, genauer gesagt in der Nacht, bevor Roger Tanner zusammen mit seiner Frau vom Aufenthalt auf den Malediven in die Schweiz zurückflog.
Sie hatten in aller Stille geheiratet und daraufhin ihre Flitterwochen auf einer Ferieninsel im Indischen Ozean gebucht. Es war der letzte Abend, und der sollte etwas ganz Besonderes werden. Gabrielas Geschenk an ihren Mann, der sich nichts Sehnlicheres wünschte, als diese letzte Nacht ihrer Hochzeitsreise auf hoher See zu verbringen. Ein bisschen feiern und danach schwimmen.
Mit solchen verrückten Ideen hatte man Tanner schon immer begeistern können. Er war ein Abenteurer, ein Robinson Crusoe des 21. Jahrhunderts. Er riskierte oft sein Leben und war da anzutreffen, wo man sich durch Wildwasserschluchten treiben liess und sich an Seilen in die Tiefe stürzte. Er liebte das Extreme, kannte weder Angst noch Gefahren.
Gabriela hingegen war die scheue kleine Frau, die Nachtschwester in der Kinderklinik. Die zierliche Muse, die liebend gern Geschichten erfand und sie ihren kranken Sprösslingen erzählte. Keiner ihrer Freunde hatte damit gerechnet, dass sich diese beiden Gegensätze einmal gegenseitig ausziehen würden.
Tanner wusste, dass sich Gabriela vor dem Wasser fürchtete und dass es sie Überwindung kostete, aufs Meer hinauszufahren, dass die Angst um ihn sie stets begleitete. Umso mehr freute er sich, als sie mit einem Korb voller exotischer Früchte und einer Flasche Champagner am Ufer stand und auf ihn wartete. Sie schien wirklich motiviert zu sein.
Die letzten Sonnenstrahlen ergossen sich über das Meer. Im fahlen Licht der Abenddämmerung gingen Tanners über den warmen Sand zur Bucht, wo ein Segelboot vor Anker lag. Die Wetterverhältnisse hätten idealer nicht sein können, als sie in die offene See hinausfuhren.
Später sassen sie nebeneinander. Schweigend sahen sie in die einbrechende Nacht hinaus.
In der Zwischenzeit war Wind aufgekommen. Er stiess seinen lauen Atem in die gehissten Segel wie ein unsichtbarer Blasebalg und trieb das Schiff nun zügig voran.
„Siehst du dieses Licht in den Wellen?“, fragte Gabriela nach einer Weile. Sie hatte ihren Blick auf das dunkle Wasser gerichtet. „Was ist das?“
„Vielleicht spiegelt sich der Mond darin.“ Tanner zog seine Frau liebevoll an seine Seite.
„Ich sehe aber keinen Mond.“ Gabriela war mit seiner Antwort nicht zufrieden. Neugierig lehnte sie über die Schiffsbrüstung. Ein Blick zum Bug, der die Wellen brach.
Plötzlich waren diese glitzernden Lichtkügelchen überall, leuchtenden Edelsteinen gleich, die in der Gischt auseinanderstieben. Gabriela erhob sich und ging mit schaukelnden Schritten nach hinten zu den beiden Männern, die sie begleiteten und fragte sie, was diese sonderbaren Reflexe auf dem Wasser bedeuteten.
„Das sind Allahs Diamanten“, sagte einer der beiden. „Wenn man sie aus dem Wasser nehmen will, verschwinden sie. Magische Diamanten, die uns an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern sollen.“
Kopfschüttelnd kehrte Gabriela zu Tanner zurück. Er beruhigte sie. „Auch die Inselbewohner haben so ihre Geschichten. Das ist Plankton“, erklärte er. „Wenn es nachts an die Oberfläche kommt, phosphoresziert es, und das glitzert dann so.“
Tanners Pragmatik bewirkte, dass das schöne Märchen mit einem Schlag zu Ende war. Gabriela lehnte sich seufzend wieder über den Schiffsrand. Die Diamanten waren verschwunden.
Sie fuhren eine Weile. Das Boot glitt leise. Die Segel lagen gut im Wind.
„Wollen wir auf unser Glück anstossen?“ Tanner war aufgestanden und angelte den mitgebrachten Korb an seine Seite. Er entnahm ihm die Flasche mit dem Champagner. Gabriela naschte von den tropischen Früchten.
„Auf unsere Zukunft“, sagte sie, „auf dass wir uns in unseren Wesen näher kommen.“ Sie ergriff Tanner mit beiden Armen und zog ihn zu sich. „Ich habe heute meinen ersten Schritt getan. Ich musste mich überwinden mitzukommen, weil ich auf solchen Ausflügen immer seekrank werde.“
Tanner sprang auf und bat die beiden Schiffseigner die Segel einzuziehen. Sie waren jetzt eine ziemliche Strecke von der Insel entfernt. „Machen wir also eine Rast. Trinken wir auf meine mutige Frau!“
Gabriela holte zwei Gläser hervor. Tanner goss den sprudelnden Champagner ein. Dann sassen sie nebeneinander, tranken und blickten in das sternenübersäte Firmament über ihnen. Sie glaubten, Kometen zu sehen und flüsterten sich gegenseitig ihre Wünsche ins Ohr.
Später tauschte Tanner seine Kleider gegen eine Badehose ein.
„Ich gehe jetzt schwimmen“, sagte er zu seiner Frau. „Ich weiss, du wirst mich für verrückt halten, aber ich kann es einfach nicht sein lassen.“
Mit einem galanten Schwung über die Bordwand sprang Tanner ins Wasser. Es gab ein platschendes Geräusch. Er tauchte kurz unter, kam prustend wieder hoch.
„Herrlich!“, rief er und winkte Gabriela euphorisch zu.
Später lag er auf dem Rücken und liess sich treiben. Der Himmel über ihm spannte sich wie ein Bogen voller Sterne. In solchen Momenten kam sich selbst ein Roger Tanner klein vor.
Nach einer Weile drehte er sich auf den Bauch und schwamm mit kräftigen Zügen weiter hinaus. Er war ein guter Schwimmer. Er hatte sogar das Brevet im Rettungsschwimmen gemacht und an den Wochenenden im Hochsommer aushilfsmässig als Bademeister im Freibad gearbeitet. Er dachte nichts Böses, als er plötzlich eine Bewegung im Wasser vor sich wahrnahm. Vielleicht ein Fisch, der an die Oberfläche gekommen war, um sich eine Mücke zu schnappen oder sonst etwas. Tanner verharrte ruhig und liess sich wieder rücklings auf den Wellen treiben.
Auf einmal spürte etwas an seinem rechten Fuss. Ob der Fisch zurückgekehrt war? Er ignorierte ihn. Doch das Fremde berührte ihn wieder. Am Oberschenkel, an den Lenden, am Bauch.
Haie!, durchfuhr es Tanner. Sein Herz schlug heftig gegen die Rippen. Kaltes Grauen durchfuhr ihn. Aber er behielt tapfer einen klaren Kopf. Schliesslich hatte er das Verhalten in Notsituationen gelernt. Sei kein Feigling, schalt er sich selber und schlug den Weg in Richtung Schiff ein. Der Hai schien ihn zu verfolgen. Wieder streifte er ihn, diesmal an beiden Füssen, kalt und grausam. Panik ergriff Tanner. Eine Angst, die ihn fast erlahmen liess. Doch er schwamm so schnell er konnte; die Distanz zum rettenden Schiff schien unendlich zu sein.
„Hilfe, Haie!“, schrie er aus Leibeskräften, in der Hoffnung, dass man ihn hörte. Seine eigene Stimme dröhnte in den Ohren wie eine fremde Stimme in dieser sonst absoluten Ruhe. Mein Gott, lasse mich am Leben, betete er, keuchte, spuckte und rief wieder.
Irgendetwas packte ihn plötzlich an den Oberschenkeln.
Das konnte kein Hai sein. Tanner schlug wild um sich. Er versuchte, das schreckliche Monster, das ihn mit kalten Armen umklammerte, von sich zu stossen. Dadurch wurde der Griff noch fester.
Ein Tintenfisch! Ein Polyp! Ein Riesenkrake! Tanner registrierte es im Bruchteil eines Augenblickes. Mein Gott, ich werde bei lebendigem Leib verschlungen. Er wollte wieder schreien, aber seine Stimme versagte ihm. Er strampelte und schlug verzweifelt um sich. Das blanke Entsetzen drohte, sein Gehirn zu zerreissen. Er schwamm immer noch, holte die letzte ihm noch verbleibende Kraft aus seinem Körper. Der Polyp, oder was immer es war, hing an seinen Beinen und versuchte, ihn unter Wasser zu ziehen.
Tanners Kräfte schienen langsam aber sicher nachzulassen. Es dünkte ihn, als käme er überhaupt nicht mehr vom Fleck. Das Schiff war schier endlos weit weg. Er war die längste Zeit im Kreis herum geschwommen. Er keuchte und zitterte, wollte sich dem Schicksal ergeben. Er spürte, als er erschöpft auf dem Wasser trieb, dass der Griff – einen Augenblick gelockert – jetzt noch fester wurde und ihn erneut hinunterzog. Der Sternenhimmel verschwand. Das Wasser klatschte über ihm zusammen.
Ich bin tot, dachte Tanner. Er spürte das salzige Nass in seinem Mund.
Nein, er wollte nicht aufgeben. Noch einmal kam er hoch. Mit letzter Kraft versuchte er, das Monstrum abzuschütteln.
Da griff ein weiterer Arm gnadenlos zu.
Tanner tauchte unter, während ein gleissendes Licht seine Augen traf – eine Taucherlampe. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte Tanner die schemenhaften Umrisse eines Tauchers wahrnehmen, ehe ihn die völlige Dunkelheit erneut einschloss. Wollte man ihn umbringen und weshalb? Er hatte plötzlich seinen Mund voll Wasser. Sein Kopf drohte im Innehalten des Atmens zu zerplatzen. Noch einmal trieb es ihn an die Oberfläche, wo er verzweifelt und in Todesangst spuckte und nach Luft rang. Sein klares Denken löste sich allmählich auf. Tausend Nadeln bohrten sich in seinen Schädel. Dann wurde er endgültig in die Tiefe gerissen, in diese bodenlose Schwärze hinein, in den höllischen Schlund des Meeres.
Weit vorne, sein Bewusstsein hatte er bereits verloren, leuchtete ihm etwas Weisses entgegen, ein kleines Licht, das rasend schnell auf ihn zukam.

Tanner erwachte an diesem Licht, das ihn jetzt voll in den Augen traf. Eine Taschenlampe. Ein Mann im Taucheranzug hielt sie in der Hand. Ein anderer drückte ihm unablässig auf die Brust. Reanimierte ihn. Tanner lag auf dem Holzboden des Schiffes. Er spuckte Wasser und Galle.
„Ich habe nicht gesagt, dass ihr ihn ersäufen sollt“, sagte eine aufgeregte Frauenstimme. Es war Gabriela.
„Er kommt zu sich“, sagte jemand in seiner Sprache.
Paul Gasser.
Tanner kannte ihn aus dem Sportverein. Was ging hier vor sich? Träumte er, oder befand er sich schon im Himmel? Tanner blickte auf. Die Segel lagen im Wind. Sie fuhren wieder.
„Willkommen zurück“, sagte Gabriela plötzlich dicht an seinem Ohr. Ihre Stimme vibrierte. Sie stützte ihn. Er lag jetzt in ihren Armen und sah sie ungläubig an. „Das war mein Hochzeitsgeschenk.“ Sie küsste ihm die salzigen Tränen weg. „Dank meiner Idee, hat Paul das Ganze arrangiert, zusammen mit unserem Reisebüro. Eine neue Art des Extremerlebnisses, prädestiniert, um auf den Markt zu kommen. Du warst sein erster Kunde.“
Tanner verstand schnell. Gasser war eingeweiht gewesen. Gasser, mit dem er im Sommer beim Bungeejumping gewesen war, und Gabrielas unverblümte Fantasie hatten die Sache auf den Punkt gebracht. Eine clevere Idee. Denn jetzt würde er es sich gut überlegen, bevor er sich verantwortungslos in ein ähnliches Abenteuer stürzte. Tanner rang sich ein krampfhaftes Lächeln ab.

(Silvia Götschi)

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Einfach wunderbar, nicht wahr? Mit dieser Wendung hat wohl keiner gerechnet. Heutzutage, wo fast alles extrem sein muss, sind halt auch „Hochzeitsgeschenke“ dementsprechend „extrem“.

Ich bedanke mich bei Silvia Götschi ganz herzlich für diese schöne Kurzgeschichte. Zudem fühle ich mich geehrt, eine Kurzgeschichte von einer so renommierten und ambitionierten Autorin wie sie veröffentlichen zu dürfen.

Wenn unter meinen Lesern noch jemand ist, der eine Kurzgeschichte oder ein pfannenfertiger Text parat hat: Nichts wie her, feldwaldwiesenblogger veröffentlicht es für dich!

feldwaldwiesenblogger

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