Fan-Randale ausser Rand und Band?

Am Montagmorgen las ich im 20 Minuten:

Und:

„In Deutschland wurden beim Spiel HSV – Bayern München Dutzende verletzt.“ Als ich diesen Satz las, schrillten bei mir alle Alarmglocken. Zumal ich bislang nichts ausser das Resultat und einige Infos zum Spiel auf der Bayern-App gelesen habe.
Wie ja bekannt ist, konzentriere ich mich dieses Jahr auf den Schwingsport, und habe den Fussball nach hinten geschoben. Trotzdem: Bayernfan bleibt Bayernfan, auch derzeit ohne Matchbesuche.
Deshalb war ich etwas besorgt, und schrieb Marcel Heil, unserem Fanclub-Präsidenten (Bayernmünchen-Fanclub Zürich) eine „Whatsapp“: „Hallo Marcel. Laut 20 Min. gab es einige Verletzte in Hamburg. Stimmt das? Und: Wart ihr auch betroffen?“

Marcel schrieb mir zurück:
„Hallo feldwaldwiesenblogger, ja gab einen grösseren Einsatz. Wir waren nur indirekt betroffen. Wurden von der Polizei zum Gäste Parkplatz begleitet, fast ne Stunde, weil die irgendwie Frust hatten.“

Uff, ich war ich erleichtert, dass meine Kollegen vom Fanclub nicht betroffen waren. Trotzdem war mein Recherche-Geist nun hellwach, und ich begann ein wenig zu recherchieren. In einem Internet-Forum fand ich einen Augenzeugen-Bericht eines Hamburgers. Diesen gebe ich in der Folge ungekürzt wider:

„Es wird den Sturmtruppenverstehern zwar nicht in die Schablone passen, aber die Realität hält dem Wunschdenken leider mal wieder nicht Stand.

Ich bin um kurz nach 14.00 Uhr mit der AKN in Eidelstedt angekommen. Als ich aus dem Bahnhof raus kam, hab ich eben noch gesehen wie sich eine größere Gruppe Fans, augenscheinlich viele jüngere Semester, die vorher am dortigen Kiosk getrunken haben, sich in die Seitenstraße beim Edelfettwerk verdrückt haben.

Als ich zum Stadion bin, kamen mir auf der Schnackenburgallee ca. 50 bis 70 Polizisten entgegen, Schwarzhelme, fünf Mann neben einander und viele, viele hintereinander. Volle Rüstung, Tonfa am Arm. Diese Polizisten waren allerdings vollkommen friedlich. Kreuzung Farnhornstieg – Schnackenburgallee, eine Wanne an der nächsten, alles abgesperrt.

Im Stadion hat mir dann ein Bekannter erzählt, dass es ca. 13.45 Uhr vorm Stadion zu Auseinandersetzungen gekommen ist. Jojo Liebnau persönlich und vier oder fünf andere CFHHler haben sich über irgendeine, nicht näher bezeichnete Polizeiaktion furchtbar aufgeregt, rumgepöbelt usw. Daraufhin haben 20 bis 25 Polizisten in voller Rüstung versucht die CFHHler festzunehmen. Jojo hat Fersengeld gegeben und ist gerannt so schnell er konnte, während der Rest die Polizei beschimpft hat. Daraufhin hat die Polizei die vier oder fünf Mann schlichtweg zusammengeschlagen, bis keiner mehr stand. Dabei sind wohl auch zum ersten Mal Tonfas im Einsatz gewesen, aber kein Reizgas.

Daraufhin kamen von allen Seiten Fans zusammen gelaufen, hauptsächlich wohl Leute aus dem Stimmungsblock, aber nicht ausschließlich CFHHler und haben die Polizei mit absolut allem beworfen was in Reichweite war, Flaschen, Gläsern, Fahrradschlössern, Einkaufswagen inklusive.

Zu diesem Zeitpunkt hat mein Bekannter Fersengeld gegeben, um nicht selber was abzubekommen. Wie es ausging kann er nicht sagen.

Zum Anpfiff hing an der Vorderseite des Stimmungsblockes ein ACAB – Transparent. Bis zur Halbzeit offenbar kein Problem. In der Halbzeit tauchte dann plötzlich eine größere Anzahl Polizei durch den Eingang 21C auf, bewegte sich direkt zu 22C rüber und nahm das Plakat ab. Daraufhin gab es mächtig Gepöbel aus 22C.

Als Reaktion auf das Geschrei aus dem Oberrang hat die Polizei augenblicklich die ersten drei Reihen von 22C flächendeckend mit Tränen- / Pfeffer- oder anderem Reizgas eingesprüht. Das Gas hat sich sofort ausgebreitet und die komplette untere Hälfte von 22C und die oberen Reihen von 22B eingenebelt.
Daraufhin flogen aus 22C diverse Bierbecher in Richtung der Polizei, von denen allerdings die meisten 22B getroffen haben. In der Folge standen auch die letzten Reihen von 22B auf. Daraufhin ist die Polizei in beide Blöcke gleichermaßen eingedrungen und hat mit dem Tonfa auf absolute jeden erreichbaren Kopf eingeschlagen, ohne Rücksicht auf Verluste. In der Folge haben dann Leute in 22C die Fahnenstangen der großen Schwenkfahnen auseinander gerissen und sich damit zur Wehr gesetzt, die Polizei allerdings auch noch bis zum Blockausgang verfolgt als die schon auf dem Rückzug war. Inzwischen war das Reizgas dann auch schon in 23b.

Zwischenzeitlich ging es auch in anderen Blöcken zur Sache, weil Gegner und Befürworter des Polizeieinsatzes aneinander gerieten, so in 23 und 24b. Bei uns in 24B war ein Ultra-Gegner der Ansicht, jeden schubsen oder stoßen zu müssen, der das Wort „Polizei“ in den Mund nahm, bis er auf dem Rücken lag und 6 Hände an der Gurgel hatte.

Nach dem Wiederanpfiff ist mein Bruder aus dem Block raus um auf‘s Klo zu gehen und kam nach einigen Minuten wieder und hat berichtet, dass die Gewalt hinter der Kurve weiterging, wo die Polizei auf jeden Fan Jagd gemacht hat. Zu dem Zeitpunkt waren wenigstens zwei Gruppen Polizisten hinter der Nordkurve unterwegs und haben verschiedentlich Fans angegriffen und mitgenommen. Vor 24B haben die Ordner zeitweise eine Kette gebildet um diese Polizisten am Betreten des Blocks zu hindern. Nach Aussage einer Ordnerin sind dabei wohl auch Ordner von Polizisten geschlagen worden. Dabei waren wohl auch nicht nur Tonfas sondern auch Metall-Teleskopschlagstöcke im Einsatz.

Ab da kamen dann eine ganze Reihe Fans in den Block, die Reizgas abbekommen hatten und von anderen Fans mit Wasser behandelt wurden, und überall auf der Treppe zwischen 23 und 24B saßen. Zum Teil Leute aus dem angrenzenden Blöcken, die das treibende Reizgas abbekommen haben, aber auch wenigstens zwei Jungs, die im Treppenhaus auf dem Weg vom Klo von der Polizei eingesprüht wurden, und von denen einer von den Sanitätern aus dem Block gebracht werden musste.

Nach einer Weile hab ich mich dann mal auf Klo getraut, da war aber schon keine Polizei mehr zu sehen, dafür aber das Klo voller Leute die sich die Augen auswaschen mussten.“

Soweit also der Augenzeugenbericht des Hamburgers, welcher meiner Meinung nach richtig schockierend klingt. Der Bericht lässt den Schluss zu, als wäre das Geschehene beispielsweise auf dem Maidan-Platz in Kiew (Ukraine) passiert. Von Fussball, der schönsten Nebensache der Welt, keine Spur. Nur Gewalt und Gegengewalt.

Im Bericht ist übrigens ein paar Mal die Rede von „Tonfas“. Weil ich diesen Begriff nicht kannte, gab ich ihn bei Wikipedia ein: „Der Tonfa ist ein Schlagstock mit charakteristischem Quergriff mit vielfältigen Einsatzgebieten. Der Tonfa wird in der Kampfkunst, Kampfsportarten wie dem Kobudo, Ju-Jutsu und der Selbstverteidigung gebraucht. Verschiedene Polizeieinheiten verwenden den Tonfa als Waffe.“

Ich weiss nun nicht so recht, wie ich das einordnen soll. Irgendwie deckt sich vieles mit dem, was ich letzte Woche schon geschrieben habe: „Sind die Fan-Randale an Fussballspielen in letzter Zeit schlimmer geworden?“

Fan-Randale ausser Rand und Band? Ja, und Nein. Echte oder wahre Fans berichten von aggressiven bis sehr gewalttätigen Einsätzen von der Polizei. Ich vermute, dass dies nicht nur in Deutschland, sondern auch bei uns in der Schweiz so gehandhabt wird. Da der Staat mit den besagten „Hooligan-Konkordaten“ und ähnlichem bisher nicht den gewünschten Erfolg erzielte, haben sie wohl die Polizeikräfte angewiesen, massive Gewalt anzuwenden.
Das geht so natürlich auch nicht.

Es geht aber auch nicht so, wie letztes Wochenende beim Cupfinal in Rom. Schockierende Meldungen und Horrorbilder machten die Runde, wie man eingangs aus den beiden 20 Minuten-Artikeln entnehmen konnte. Angeblich wurde von Schusswaffen Gebrauch gemacht. Drei Napoli-„Fan‘s“ wurden verletzt, einer davon lebensgefährlich.

Meine Meinung zu diesen Gewaltexzessen, wie eben in Italien passiert, ist ganz klar: Bringen der Staat und die Ordnungskräfte keine Ruhe und Ordnung rund um Fussballspiele zu Stande, dann werden nur noch Geisterspiele durchgeführt. Oder auch gar keine mehr. Basta!

Der Fall in Hamburg kann und darf in meinen Augen nicht mit dem in Rom gleichgesetzt werden. Einige sich aufregende und rumpöbelnde „Fans“ haben die Polizei gereizt. Diese haben halt keinen Spass verstanden, und heizten mit ihrem unverhältnismässig aggressiven Einsatz den Mob auf. Das Resultat haben wir oben gelesen.

Was wir aber auch nicht vergessen dürfen, respektive was ich in letzter Zeit erkannt habe: Die Berichterstattung der Medien über Fan-Randale bei Fussballspielen ist leider nicht (mehr) objektiv. Zu oft beten unsere Schreiberlinge und Journalisten die Polizeirapporte nach. Wie die klingen, können wir uns alle vorstellen.
Aber: Der Augenzeugenbericht von Hamburg ist auch eine subjektive Sichtweise, geschrieben zwar aus dem Blickwinkel eines, wie ich meine, absolut vernünftigen Fans.

Objektivität in der Berichterstattung ist ein absolutes Muss, aber leider nicht immer durchführbar. Deshalb war ich umso stolzer, als mir kürzlich jemand über meine Schreibweise ein Kompliment machte: Angeblich schreibe ich objektiv. Diese Meinung hingegen ist auch wieder subjektiv…

Weiter habe ich gehört, dass es auf Bayern-Seite in Hamburg ruhig blieb. Aus einem Internetforum habe ich zudem noch ein paar Bilder zum Polizeieinsatz in der Hansestadt gefunden. Wie man unschwer erkennen kann, war ein massives Polizeiaufgebot vor Ort.

Fazit meines heutigen Beitrages: Die Fan-Randale sind an einigen Orten tatsächlich ausser Rand und Band geraten (Rom). Andernorts sind sie hingegen schon fast hausgemacht respektive provokativ herbeigeführt worden (Hamburg).

Was gilt es zu tun: Mein vor Wochenfrist getätigter Aufruf an die friedlichen Fans und Ultras, endlich selber in ihren Kreisen aufzuräumen, wiederhole ich an dieser Stelle wieder. Aber auch der Mahnruf an die Politik: Behandelt die gewalttätigen Hooligans bitte endlich wie Kriminelle.
Und an die Polizei gerichtet: Unnötige Gewalt von Seiten der Sicherheitskräfte schürt, wie das Beispiel Hamburg zeigt, nur Gegengewalt. Aus kleinen Geplänkeln werden auf einmal Strassenschlachten und Ausschreitungen.

feldwaldwiesenblogger

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