„Lisäbethler“, „Egg-Basch“ und eine Anekdote vom ersten eidgenössischen Ländlertreffen in Sargans (1971)

Am 31. Oktober letzten Jahres stellte ich folgenden Beitrag in meinen Blog: „Die Anfangstage der Schwyzerörgeler im Muotathal und was der Tschinggä-Liederverein einst so trieb“. Dabei ging es nebst dem „Tschinggä-Liederverein“ um die ersten Örgeler bei uns im Tal. Wie man weiss, waren dies „Lisäbethler“ und „Egg-Basch“.
Damals waren meine Fakten über diese beiden Schwyzerörgeli-Urgesteine noch recht dürftig. Was ich in den letzten Monaten in Erfahrung bringen konnte, lasse ich nun in die Geschichte der Muotathaler Volksmusik einfliessen. Euch, liebe Leserinnen und Leser, lasse ich heute schon teilhaben am Text über diese beiden Schwyzerörgeler. Mit dem Hinweis und der Bitte: Sollten irgendwelche Fakten nicht stimmen, bitte sofort melden. Wenn zudem jemand noch Ergänzungen hat, mir bitte auch mitteilen.

Lisäbethler
(Bildquelle: balbuluz.blogspot.ch)

Lisäbethler
Alois Suter („Lisäbethler“, 1861 – 1936) war zusammen mit Melchior Anton Langenegger („Egg-Basch“) einer der ersten, die im Muotathal mit dem Schwyzerörgeli-Spiel begannen.
Bekannt ist, dass Lisäbethler 1883 nach Rom ging, und während neun Monaten bei der Schweizer Garde im Vatikan diente. 1886 ging Alois Suter nach Deutschland, und arbeitete als Melker in Krefeld und Kempten bei zwei Arbeitsstellen. 1890 kehrte er wieder zurück ins Ried-Muotathal, bewirtschaftete sein väterliches Heimwesen „untere Meienen“ und war Kirchensakristan. Lisäbethler spielte zeitlebens nur auf einem 6-bässigen Schwyzerörgeli.
Ein Nachbar schrieb später: „Alois wurde unzählige Male nach allen Richtungen über die Muotathalergrenze hinaus berufen, denn er machte eine Musik, die heute leider fast nirgends mehr zu hören ist. Mit der lieblich schönen Weise und der Taktmässigkeit seiner Musik bezauberte er seine Zuhörer, so dass auch das hartnäckigste Tanzbein nicht widerstehen konnte. Ja, man darf ruhig sagen, Alois war ein wahrer Künstler in diesem Fache, es war für Jung und Alt ein gehöriger Ohrenschmaus. Nur mit Wehmut denkt man an die vielen und gemütlichen Abende, die wir mit ihm verlebten.“

Lisäbethler interpretierte das überlieferte Musikgut, das bis zur Erfindung der Schwyzerorgel vor allem auf Blas- und Streichinstrumenten gespielt wurde. Erstaunlicherweise hat er Aufnahmen für Schellackplatten gemacht, von denen heute noch zehn Tänze erhalten sind. Die Platten kamen aber nie in den Verkauf, es wurden nur einige für den privaten Gebrauch gepresst.
Vermutlich war Suter einer der ersten bei uns im Muotathal, welcher Plattenaufnahmen machte. Angeblich bespielte er diese Tondokumente, welche leider nicht mehr vorhanden sind, in den 10er- oder 20iger-Jahren des letzten Jahrhunderts mit seiner Stöpselbassorgel.

Alois Suter wurde zu einem Vorbild für spätere Muotathaler Musikanten. Rees Gwerder („Eigeler“) hat sich auf ihn bezogen und Alois Betschart („Pitschä Wysel“) hat ihm eine Mazurka gewidmet („dr Lisäbethler“).

Eggbasch
(Bildquelle: Josef Inderbitzin)

Egg-Basch
Melchior Anton Langenegger („Egg-Basch“, 1872 – 1938), war der andere Pionier in Sachen Schwyzerörgeli im Muotathal. Egg-Basch ist von der Egg im hinteren Sonnenhalb.
Man hat von vielen Tänzli erzählt, welche vom Egg-Basch seien. Aber ob er die auch selber komponierte, weiss man nicht. Es wird wohl so sein, dass er die meisten davon nachgespielt hat, und sie hinterher ihm zugeschrieben wurden.
Die meisten Tänzli bestanden damals aus zwei Teilen. Langenegger hatte ein C-gestimmtes (8-bässiges-)Stöpselbass-Örgeli, welches man im Winter sogar im Stalden unten hörte, wenn er droben in der Egg vor dem Haus spielte.
Es wird erzählt, dass Egg-Basch auf seinem 8-bässigen Örgeli eine Nacht lang spielen konnte, ohne einen Tanz zu wiederholen. Egg-Basch machte vor allem sehr melodiöse Tänzli.
Sein Sohn Georg-Anton („ds Baschä Jörätönel“) lernte das Orgelspiel von ihm, wie auch Anton Betschart („ds Jakä Toni“).

Die Musik von Egg-Basch war eine der Inspirationsquellen von Rees Gwerder. Mehrere seiner Tänze beruhen auf musikalischen Motiven, wie sie Egg-Basch gespielt hat. Rees hat diese Musikelemente neu arrangiert oder um Teile ergänzt. So ist beispielsweise der „Hundener-Schottisch“ das Ergebnis einer Fusion von je einem zwei- und einem drei-teiligen Tanz, wie sie von Egg-Basch gespielt wurden. Dieses Vorgehen war unter den Musikanten weit verbreitet. Es kommt auch sprachlich zum Ausdruck, wenn manche alten Musikanten von Musik „kombinieren“ und nicht von „komponieren“ sprechen.

Da es vorher noch keine Schwyzerörgeli gab, und demzufolge keine Spieler, haben sich Lisäbethler und Egg-Basch das „Örgelen“ wohl selber beigebracht. Angeblich spielten beide vorher schon Mulörgeli, und hatten sicher auch Musikgehör. Beide probierten das Orgelspiel, bis sie es beherrschten.

Lisäbethler und Egg-Basch spielten seinerzeit miteinander, und traten auch zusammen auf. Gespielt wurde damals in den Muotathaler Beizen „Sonne“, „Rössli“, „Schwert“ und „Schlüssel“. Man trat aber auch ausserhalb des Tales auf.
Die meiste Zeit haben die beiden nur im Duo aufgespielt. Musizierten sie aber mal an einem grösseren Ort, nahmen sie auch einen Basszüger mit.

Ob der Egg-Basch und der Lisäbethler selber komponiert haben, ist nicht sicher. Es könnte aber durchaus sein, denn das Aufkommen der Schwyzerörgeli ermöglichte mit Bestimmtheit neue Melodien. Eine Frage, die wahrscheinlich so niemand mehr beantworten kann. Zudem gibt es ziemlich sicher darüber auch keine schriftlichen Belege. Man vermutet, dass das Traditionsstückli waren, welche sie übernahmen und teilweise abänderten. Durchs Musizieren entstanden so neue Tänzli, statt „komponiert“ ist „kombiniert“ worden.
Dieses Vorgehen erinnert stark an Rees Gwerder. Rees Gwerder übernahm, wie oben schon erwähnt, später auch solche Traditionsstückli, und gab ihnen einen Namen. Diese Tänzli hätten vielleicht heute noch keinen Namen, wenn er das damals nicht gemacht hätte.
Kari Suter („ds Länzä“) hat von Tänzli, welche Egg-Basch und Lisäbethler gespielt haben, die Noten geschrieben.

stefan suter
Stefan Suter („ds Stützlers“)
(Bildquelle: feldwaldwiesenblogger)

Am 20. Dezember führte ich, wie schon in einem älteren Beitrag erwähnt, auch ein Gespräch mit dem Schwyzerörgeler Stefan Suter („ds Stützlers“). Dabei erfuhr ich einiges über die beiden Muotathaler Geiger „Predigers Joseb“ und „Bertholdä Seffi“. Stefan erzählte mir aber auch einige lustige Anekdoten. Eine davon spielte sich am ersten eidgenössischen Ländlertreffen in Sargans ab.
Einleitend zu der besagten Anekdote erklärte mir Stefan, wer damals alles in Sargans dabei war. Es fielen auch die Namen von drei Bisistalern, zu zweien notierte ich mir folgendes:

Augustin Gwerder („ds Dominälis Stinul“) und sein Bruder Melk sind von der „Hilträteren“ (Bisistal). Stinul war ein guter Schwyzerörgeler und hat angeblich viel Musik gemacht, auch mit Rees Gwerder.
Stinul wohnte später im Bödeli, in der „Mühle“, und war mit „dr Mühli Theres“ (Theres Nussbaumer) verheiratet. Melk war ein guter Tänzer, hat viel getanzt und „bödälät“.

Anekdote vom ersten eidgenössischen Ländlertreffen in Sargans (1971):
Am ersten eidgenössischen Ländlertreffen in Sargans war nebst dem „Mundharmonika-Quartett Muotathal“ auch diese Ländler-Formation aus dem Muotathal dabei: „Rössli Adolf“ (Adolf Schelbert) und „Dominälis Stinul“ (beide Schwyzerörgeli), sowie „Stützlers Stefan“ (Bass). Die Formation bereitete und schmückte vorgängig einen hölzernen Leiterwagen mit Holzreifen als Umzugswagen vor. Der geschmückte Wagen wurde mit einem Lastwagen nach Sargans transportiert.
In Sargans organisierte man ein Pferd, welches den Wagen beim Umzug ziehen sollte, und einen jungen Burschen als Fuhrmann.
Der Wagen wurde dann in den Umzug eingereiht. Auf dem Leiterwagen fuhren nebst den erwähnten Musikanten auch „Dominälis Melk“, „Paulinis Hermann“ (Hermann Imhof) und Griti Ulrich („Schönäbödlers Pauli’s Frau“) mit. Melk und Hermann waren fürs Bödelen und Gäuerlen zuständig, Griti für das Weben mit dem Spinnrad zu hinderst auf dem Wagen. Die Musik begann zu spielen. Als es dann auf dem Wagen wegen dem Bödelen und Gäuerlen zu „chloteren“ begann, kam das Pferd „für“. Der junge Fuhrmann vermochte das Pferd nicht mehr zu halten. Rössli Adolf stellte sein Örgeli ab, sprang ab dem Wagen, ging zum Pferd und nahm es am Halfter. Adolf konnte das Pferd mit der Zeit beruhigen und stoppen. Nach ein paar hundert Metern war die Fahrt bereits zu Ende und die Polizei nahm den Wagen aus dem Umzug. Der Auftritt des Muotathaler Umzugswagens war dann leider vorbei. Der Leiterwagen wurde wieder verladen und ins Muotathal zurück gebracht.

Einen dritten Bisistaler Namen habe ich oben bei der Einleitung zur Anekdote noch vorenthalten: Griti Ulrich („Schönäbödlers Pauli’s Frau“). Am 17. Januar besuchten wir die rüstige 86-jährige in ihrer Alterswohnung in Ibach. Wir befragten sie dabei ganz allgemein zur Muotathaler Volksmusik, Bisistaler Musikanten und zu ihrem eigenen Musizieren.
Griti spielt Schwyzer Zither und hatte zusammen mit ihrer Familie früher eine Familienkapelle.
Was wir dabei alles erfuhren bin ich zurzeit am Niederschreiben. In Bälde werde ich auch Fakten aus dem Gespräch mit Griti hier veröffentlichen.

feldwaldwiesenblogger