Frauenschwingen: Nachgefragt bei Sonia Kälin

Heute widmen wir uns dem Frauenschwingen. Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich noch nie an einem Schwinget der Damen war. Dieses Versäumnis möchte ich aber in nächster Zeit nachholen.
Beim Thema Frauenschwinget geht es mir ein bisschen ähnlich wie beim Frauenfussball. Klingt irgendwie exotisch, und scheint eine Art „Wildern“ in einer absoluten Männerbastion zu sein. Aber: Beide Sportarten erlebten in letzter Zeit eine merkliche Akzeptanz. Völlig zu Recht. Wie der Frauenfussball hat auch das Frauenschwingen seinen Platz gefunden.

Ein Blick auf die Homepage des Eidgenössischen Frauenschwingverbandes (EFSV) gewährt uns einen Einblick in die Geschichte: „1980 fand in Aeschi bei Spiez das erste Frauenschwingfest statt. Mit über 10’000 Besuchern und mehr als 80 Schwingerinnen, die ihr Können zeigten, war das natürlich schon eine kleine Sensation. 1992 wurde von Jakob Roggenmoser am selben Ort der Eidgenössische Frauen-Schwingverband (EFSV) gegründet. Der EFSV zählt mittlerweile etwa 130 aktive Schwingerinnen, rund die Hälfte davon Mädchen.“

Anders als bei den Männern küren die Frauen jährlich eine Schwingerkönigin. Diese wird nicht nur an einem Fest ermittelt, sondern bei den sieben Kranzfesten, welche dieses Jahr stattfinden. Dabei zählen die fünf besten Resultate für das Endergebnis. Das heisst, es gibt zwei Streichresultate. Das letzte Schwingfest der Saison heisst deshalb „Eidgenössisches“, weil an jenem Fest die Königin gekürt wird. Manchmal fällt die Entscheidung aber auch schon an den vorherigen Festen. Dieses Jahr ist das Eidgenössische am 4. Oktober in Gränichen AG.

Eine der prominentesten Vertreterinnen des Frauenschwingens ist Sonia Kälin aus Egg bei Einsiedeln. Die Sek-Lehrerin wurde 2012 Schwingerkönigin und hat gute Chancen, dieses Jahr erneut diesen Titel zu gewinnen.
Um ihre Leidenschaft, das Schwingen, besser verstehen zu können, befragte ich die sportliche junge Frau zum Frauenschwingen.

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Bildquelle: Sonia Kälin (Fotografin: Christa Bossard)

Wie und wann kamst du zum Schwingsport?
„Durch meine Familie. Mein Vater war schon Schwinger und die Brüder meiner Mutter ebenfalls. Wir verfolgten jeweils jeden Sonntag das Schwinggeschehen meines Vaters und meiner Onkel am Radio. Als dann mein kleiner Bruder das Training besuchte, gingen zwei Schwestern und ich einfach mit.“

Was bedeutet für dich Schwingen?
„Das Schwingen ist für mich sehr wichtig, momentan sogar sozusagen mein Lebensmittelpunkt. Es gibt mir einen guten Ausgleich zum kopflastigen Beruf und ich komme bei diesem Sport immer auch an meine körperlichen Grenzen. Ausserdem ist es eine Lebensschule. Man lernt zu gewinnen und zu verlieren, und vor allem, nach jeder Niederlage wieder aufzustehen und vorwärts zu schauen.“

Was denkst du, ist das Frauenschwingen heutzutage besser akzeptiert als noch vor ein paar Jahren?
„Ich hoffe es zumindest. Nein, im Ernst, ich habe den Eindruck, dass diesbezüglich einiges gegangen ist. Jeannette Burri-Arnold hat den Weg geebnet, ich konnte in den letzten Jahren daran weiter arbeiten. Ich persönlich habe auch einen guten Draht zu verschiedenen Schwingern, ich glaube, bei ihnen bin ich akzeptiert.“

Was wurde für eine bessere Akzeptanz des Frauenschwingens bisher unternommen?
„Wir versuchen auf dem Schwingplatz wirklich auch technisch zu schwingen und guten Sport zu zeigen. Wir bereiten uns seriös vor, trainieren hart. Das Bild der sich auf dem Platz herumstossenden Mannsweiber hat sich komplett geändert. Die meisten Schwingerinnen sind athletisch und dynamisch.
Ich habe auch schon einige Präsentationen über das Schwingen gehalten und konnte so meine Leidenschaft an interessierte Zuhörer weiter geben.“

Hast du das Gefühl, dass ihr Frauenschwinger von den Aktiven bei den Männern immer noch ein wenig belächelt werdet?
„Es kommt ganz darauf an, bei wem man da nachfragt. Wer das Frauenschwingen wirklich schon gesehen hat, wird wohl nichts negatives mehr sagen. Wir haben immer auch wieder Spitzenschwinger als Zuschauer bei uns. Dies freut uns natürlich riesig. Ausserdem finde ich, sollte es doch um den Sport Schwingen gehen, und nicht darum, ob ihn jetzt eine Frau oder ein Mann ausführt.“

Haben die Zuschauerzahlen bei den Frauen-Schwinget auch zugenommen?
„Je nach Region haben wir viele Zuschauer, bis zu 1‘000 in Unteriberg SZ oder dann halt etwa 200 bis 300 Festbesucher. Es ist schade, finden nicht mehr Leute den Weg zu uns. Denn wir haben wirklich auch etwas zu bieten an unseren Schwingfesten.“

Spürt ihr den allgemeinen Schwingsport-Boom auch beim Frauenschwinget?
„Ich persönlich spüre ihn vor allem mit Medienanfragen, welche ich als Königin bekomme. An den Festen selber fehlt der Aufschwung sowohl zuschauer- als auch athletenmässig. Eigentlich sollten wir doch doppelt so viele Schwingerinnen haben…“

In welcher Region hat es am meisten Frauen oder Meitli, die schwingen?
„Momentan ist unser Club, der neu ‚Frauenschwingclub der Urschweiz‘ heisst, wohl der grösste. Es wäre toll, würde es auch dementsprechend mehr Schwingfeste in der Zentralschweiz geben. Dies wäre auch für Clubsponsoren spannender. Momentan sind wir übrigens noch auf der Suche nach Firmen, die sich eine Kooperation mit uns vorstellen könnten.“

Wie viel Zeit pro Woche investierst du fürs Schwingen? Welche Trainingseinheiten absolvierst du?
„Momentan besuche ich zwei bis drei Schwingtrainings. Ich trainiere manchmal auch noch mit den Ringern Kondition und Kraft. Im Herbst/Winter habe ich einige Mattentrainings pro Woche und gehe auch in den Kraftraum.
Es sind durchschnittlich etwa acht bis zehn Stunden wöchentlich.“

Welches sind deine bevorzugten Schwünge?
„Scheinbar sind meine Hakenschwünge gefürchtet. Doch seit dieser Saison versuche ich, auch mit dem Kurz erfolgreich zu sein.“

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Bildquelle: Sonia Kälin (Fotografin: Christa Bossard)

Sind deine Vorbilder Schwingerinnen oder Schwinger?
„Das ist ganz klar Martin Grab. Ich finde es bemerkenswert, welche Leistung er noch immer bringt, und das mit Familie, Hof und eigenem Geschäft. Da muss wohl auch noch eine starke Frau dahinter stehen! Martin ist auch als Mensch toll, er ist eine Art Vaterfigur für uns im Training und motiviert die Schwinger hervorragend. Er war es auch, welcher mich im Jahr 2012 mit einem guten Gespräch und einem ‚Riesenklapf‘ auf die Schulter so stark beruhigen konnte, dass ich auf dem Stoos meine Bestleistung abrufen konnte und Königin wurde.“

Wie lange würdest du gegen einen Philipp Laimbacher im Sägemehlring bestehen?
„Hmmmm, also wenn ich drei Sekunden stehen könnte, wäre das schon sehr lange. Gegen einen Schwinger haben wir Frauen einfach keine Chance.“

Hast du dich eigentlich auch schon mit Schwingern wie dem eben erwähnten Philipp Laimbacher gemessen?
„Nein, mit Philipp habe ich soweit ich mich erinnern kann noch gar nie zusammen gegriffen. Wäre aber mal was…
Manchmal mache ich als Scherz einen Gang mit Christian Schuler. Aber eben, würde er richtig schwingen, hätte ich wohl beim Greifen schon unzählige Wirbel und Rippen gebrochen. Diese Kraft der Männer ist einfach unglaublich.“

Wie viele Schwingfeste bestreitest du pro Jahr?
Ich mache immer alle Schwingfeste, die es für uns Frauen gibt. Weil wir eine Jahresmeisterschaft haben, sind wir ja auch fast dazu gezwungen…“

Vorstellbar oder Utopie: Ein Schwingfest wo Frauen und Männer gemeinsam teilnehmen (natürlich nur untereinander schwingend)?
„Für mich wäre das ein Traum. Ich denke, es könnten beide Seiten voneinander profitieren. Auch dem Zuschauer würde etwas Neues geboten werden. In der Westschweiz sind solche Aktionen übrigens manchmal möglich. Das finde ich extrem toll.“

So wie man liest, könntest du dieses Jahr zum zweiten Mal Schwingerkönigin werden. Wie beurteilst du deine Chancen dazu?
„Die Chancen sind intakt, aber abgerechnet wird erst am 4. Oktober. Bis dahin ist es noch ein steiler Weg. Aber diesen werde ich Schritt für Schritt gehen. Wichtig ist, dass ich gesund bleibe.“

Wenn du den Titel anfangs Oktober gewinnen solltest, würdest du deine Karriere als Schwingerin anschliessend beenden?
„Nein, ich habe einige Sponsoringverträge, die auch im nächsten Jahr noch laufen. Ich kann mir ein Leben ohne Schwingen gar nicht vorstellen. Ich werde so lange schwingen, wie ich Spass daran habe und noch fit bin. Irgendwann werde ich dann wohl zu ruhigerem Sport übergehen müssen…“

Arbeitest du zu hundert Prozent als Sek-Lehrerin oder hast du noch eine andere „Brot-Tätigkeit“?
„Ich bin ‚nur‘ Lehrerin, und eben Sportlerin. Für viel mehr reicht die Zeit gar nicht. Auch mein Schwyzerörgeli macht momentan eine längere Pause.“

Wie reagieren deine Schüler auf dich, mit dem Wissen, dass du eine der besten Schwingerinnen des Landes bist?
„Zu Beginn sind sie jeweils sehr respektvoll, fast ein bisschen eingeschüchtert. Aber schon in der zweiten Schulwoche merken sie, dass ich einfach eine normale Frau bin, halt einfach ‚d‘Frau Chääli‘.“

Welche Sportarten machst du sonst noch gerne?
„Ich mache eigentlich alles gerne, was mit Bewegung zu tun hat. Joggen, biken, schwimmen, reiten etc. Ich liebe Bewegung, vor allem, wenn man dabei draussen sein kann.“

Könntest du dir vorstellen, nach deiner Karriere dein Können und Wissen an den schwingerischen Nachwuchs weiterzugeben?
„Ja, das kann ich mir vorstellen. Von September bis Januar trainierte ich den Mädchen-Nachwuchs in Einsiedeln. Das war cool, ein Mädel hat bereits einen Zweig gemacht.“

Wie ist es eigentlich um den schwingerischen Nachwuchs bei den Mädchen bestellt?
„Auch da hat es in meinen Augen noch immer viel zu wenig…
Aber wir arbeiten daran, dass es vorwärts geht. Beispielsweise biete ich an unserer Schule jeweils im Turnblock Ringen/Schwingen an.“

Hast du abschliessend einen Wunsch, eventuell gar an den Eidgenössischen (Männer-)Schwingerverband?
„Ich würde eine nähere (faire) Kooperation sehr begrüssen. Uns geht es ja ums gleiche, wir lieben das Schwingen, genau wie die Männer auch. Eine Zusammenarbeit wäre eine grosse Bereicherung für beide Seiten.“

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Bildquelle: Sonia Kälin (Fotografin: Christa Bossard)

Mit viel Interesse habe ich die Antworten von Sonia Kälin gelesen. Vielen herzlichen Dank, Sonia!
Mittlerweile kenne ich mich beim Schwingen recht gut aus. Aber nur dem Teil, welcher von den Männern bestritten wird. Eindeutig ein Manko, denn die Frauen stecken ebenso wie ihre männlichen Kollegen viel Herzblut, Zeit und Geduld in ihre gemeinsame Leidenschaft. Dass das Frauenschwingen lange Zeit nur ein Mauerblümchen-Dasein fristete, ist auch ein Stück weit der „Verdienst“ des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV), welche die Schwingerinnen lange Zeit einfach ignorierte.

Selbst die Medien schenkten ihnen in der Vergangenheit höchstens ein paar vertrocknete Zeilen. Das hat sich in den letzten Jahren eindeutig zum Guten gebessert. Selbst die Schwingerzeitung SCHLUSSGANG widmet sich neuerdings in etwa sieben Ausgaben pro Jahr auf jeweils einer Seite dem Frauenschwingen.

Dabei geht es nicht mehr um die Frage „Gleichberechtigung oder nicht?“ sondern viel mehr um Akzeptanz.
Man sollte auch niemals den Fehler begehen, und Frauen mit Männer vergleichen. Die Natur und der liebe Gott haben in Sachen Rohkraft die Männer einfach grosszügiger ausgestattet. Das ist nun mal Fakt und darf überhaupt keine Rolle spielen. Dafür bewegen sich die Frauen umso geschmeidiger und eleganter…

Was Frauen wie Sonia Kälin leisten ist Spitzensport, nebst einem Vollpensum als Lehrerin. Kälin ist nach der von ihr erwähnten Jeannette Burri-Arnold diejenige Schwingerin, welche das Frauenschwingen so richtig populär machte.
Ich würde meinen, dass die Schwingerinnen nicht nur unser aller Akzeptanz verdienen, sondern auch Respekt und Anerkennung für ihre Leistungen. Darum ein Vorschlag zur Güte: Jeder/jede (Männer-)Schwingfestbesucher(in) sollte sich unbedingt einmal pro Jahr ein Frauenschwinget in die Agenda eintragen!

feldwaldwiesenblogger

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