„Kann ich den Joker gebrauchen?“ – Interview mit Blaise Decrauzat, Teil 1

Im Rahmen meiner Vorschau auf das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Estavayer führte ich anfangs August ein Interview mit Blaise Decrauzat. Blaise ist der Präsident des Südwestschweizerischen Schwingerverbandes. Mein Glück war, dass der schwingbegeisterte Romand aus Echallens VD zweisprachig ist, und sehr gut deutsch spricht.

Vorweg eine Kuriosität: Man würde ja meinen, dass zum Südwestschweizer Verband theoretisch, wegen dem „Süd“ im Namen, der Kanton Tessin auch dazugehören sollte. Aber das Tessin war laut Blaise nie ein Teil des Südwestschweizer Verbandes. Der kleine Tessiner Verband gehört zum Innerschweizerischen Schwingerverband. „Das ist schlicht und einfach auch ein geografisches Problem. Über die Strasse durch den Gotthard sind die Tessiner mit der Innerschweiz verbunden“, ergänzte der SWS-Präsident.
Zum Südwestschweizerischen Schwingerverband gehören die Freiburger, die Waadtländer, die Neuenburger, Walliser und Genfer. Eigentlich auch die Jurassier, wenn sie denn Schwinger und einen Klub hätten.

Da das interessante Interview gut eine Stunde dauerte, hatte ich hinterher so viel Material beisammen, dass ich mich für zwei Blogbeiträge entschied. Heute folgt also Teil 1 des Gespräches, welches im Hotel Murten in Murten stattfand.

Blaise Decrauzat
Blaise Decrauzat
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Wie lange bist Du schon im Amt als SWS-Verbandspräsident?
Seit 2005, im SWS-Vorstand bin ich seit 1999. Mein Vorgänger als Präsident war der Walliser Jean-Charles Roten.

Wie schätzt Du die laufende Saison für die Südwestschweizer Schwinger ein?
Diese Saison haben wir uns einige Ziele gesetzt. Gemäss dem Technischem Leiter Ruedi Schläfli und dem Vorstand ist es bisher relativ gut gelaufen. Wir machten einen Kranz am Schwarzsee, zwei am Weissenstein-Schwinget und einer am Innerschweizerischen. Am NOS haben wir einen Kranz nur knapp verpasst.
Jetzt bleibt noch das Schwägalp-Schwinget, da wird es schwieriger. Wir gehen jedoch mit guten Hoffnungen dorthin, dass wir uns einen Kranz ergattern können.

Bemerkung: Das Interview fand am Samstag, 8. August statt, also eine gute Woche vor dem Schwägalp-Schwinget. Auf der Schwägalp verpassten zwei Südwestschweizer Schwinger, nämlich Benjamin Gapany und Steven Moser, den Kranz nur um einen Viertelpunkt.

Wir sind zudem in der Vorbereitung für Estavayer und haben ein junges Team, welches nun zusammenwachsen muss. Wir sind überzeugt, dass es für Estavayer gut laufen wird.

Welche SWSV-Schwinger könnten Deiner Meinung nach den Eidgenössischen Kranz am ESAF machen?
Kann ich den Joker gebrauchen?, meinte Blaise lachend als Einleitung zur Antwort. So wie es aussieht, vielleicht Michael Nydegger, wenn er wieder beschwerdefrei antreten kann. Weitere Kandidaten wären Benjamin Gapany, Pascal Piemontesi, Michael Matthey und vielleicht noch Marc Gottofrey sowie Steven Moser. Eventuell auch Samuel Dind. Er muss einen guten Tag haben und mehr investieren, als er momentan macht. Aber ich denke, mit den genannten Namen decken wir das Spektrum gut ab.

Bereiten sich der SWS-Verband und seine Schwinger speziell auf das ESAF vor?
Dieses Jahr trafen wir uns bisher viermal. Beim ersten Mal haben wir den Schwingern alles erklärt: Was – Wie – Wo. Die Schwinger sind aber selber verantwortlich für ihre Vorbereitung. Wir vom Verband bilden das Dach, die Schwinger müssen aber zum Beispiel selber Kraft-Training machen. Es läuft soweit gut.
Wir sehen uns nächsten Monat wieder. Erst treffe ich mich mit dem TK-Chef, dann mit dem Vorstand und später mit den Schwingern. Wir bereiten das Programm für das nächste Jahr vor. Geplant sind für 2016 mehr als vier Zusammenzüge, nämlich einer pro Monat. Dazu halten wir vermutlich zwei Trainingslager ab. Das erste im März und das zweite im August, vor dem Eidgenössischen.
Erst kürzlich führten wir ein Trainingslager in Leukerbad VS durch, welches drei Tage dauerte.

Gibt es auch einen Austausch mit anderen Teilverbänden? Gemeinsame Trainings?
Die besten Schwinger besuchen Trainings ausserhalb unseres Teilverbandes bei anderen Schwingklubs. Michael Matthey zum Beispiel wohnt in Nyon VD, und fährt einmal pro Woche nach Kirchberg BE ans Training.

Spürt man schon die Vorfreude auf das ESAF in der Romandie?
Ja, man spürt die Vorfreude. Wir haben viele Anfragen, wie es läuft und wie der Stand der Dinge ist. Diejenigen Leute, welche mit dem Schwingen zu tun haben, sind interessiert, nicht nur im Freiburgerland, sondern in der ganzen Westschweiz.

Welches sind Deine momentanen Favoriten für den Königstitel in Estavayer?
Blaise lacht. Das ist eine gute Frage. Meines Erachtens gibt es zwei Ebenen. Es gibt einerseits die bestandene Garde mit Sempach und Wenger, welche wieder gute Chancen haben. Andererseits existiert eine neue Garde mit Joel Wicki, Remo Käser und Samuel Giger. Ich spüre, dass die Jungen nachdrücken.
Wicki kenne ich persönlich seit dem Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag (ENST) 2012 in Hasle-Entlebuch. Er ist zwar nicht der Grösste, aber ich denke, er könnte etwas reissen. Aber es ist schwierig, eine Prognose zu machen.

Welches sind Deine wichtigsten Tätigkeiten als SWS-Verbandspräsident? Welche Dinge beschäftigen Dich momentan am meisten?
Natürlich den Verband führen. Ich bin viel mit dem TK-Chef unterwegs und bei den Schwingfesten dabei. Zudem betreue ich die Schwinger vom Hintergrund aus. Ich sitze auch im Zentralvorstand (ZV) des ESV, dort bin ich verantwortlich für die Übersetzung.
Weiter gehören zu meinen Tätigkeiten Geld und Sponsoren reinholen, das ist auch wichtig. Es ist so, dass heutzutage fast niemand mehr etwas gratis macht, ausser wir vom Vorstand.
Ich bin etwa 100 bis 150 Tage im Jahr unterwegs für die Schwingerei, und tue dies aus Freude am Schwingsport.

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Team Romandie am ESAF 2013 in Burgdorf
Bildquelle: schwingenonline.ch

Was beschäftigt dich momentan am meisten in deinem Amt?
Die Vorbereitung auf das ESAF in Estavayer. Einerseits sitze ich im Kern-OK. Wir sind bedacht, ein schönes Fest zu organisieren. Andererseits betreue ich vom Verband her unsere Schwinger für Estavayer. Wir wollen dabei zeigen, dass in der Westschweiz die Schwingerei lebt.
Die Zukunft ist wichtig, die haben wir in letzter Zeit leider etwas vernachlässigt. Als Pellet und Zbinden aufgehört haben, gerieten wir in ein Loch. Das haben wir jedoch sehen kommen. Wir versuchen diese Lücke aber mit unserem wirklich zahlreichen Nachwuchs aufzufüllen.

Das grösste Problem, welches mich derzeit beschäftigt, ist die Presse reinzuholen. Das würde nämlich auch einiges bringen. Die Freiburger Zeitungen wie die Freiburger Nachrichten, La Liberté oder La Gruyère haben regelmässig Artikel übers Schwingen drin. Im Kanton Freiburg lebt das Schwingen. Aber anderswo in der Romandie leider nicht so. Samuel Dind’s Sieg am Walliser Kantonalen fand keine Erwähnung in einer Neuenburger Zeitung. Dind ist ein Waadtländer, wohnt und schwingt für Neuenburg.
Genau gleich beim Westschweizer Fernsehen: Wir haben schon zweimal probiert, das Télévision Suisse Romand (TSR) an Bord zu holen. Wir haben gewusst, dass das Deutschweizer Fernsehen (SRF) an den Schwarzsee-Schwinget kommt, und versuchten, vom TSR auch jemand dorthin zu bekommen. Leider wurde nichts daraus. Das gleiche an unserem Teilverbandsfest in Genf, welches etwa 300 Meter vom TSR-Gebäude entfernt stattgefunden hat. Niemand vom TSR kam, das SRF aber war dort.
Ich sage nicht, dass ich jeden Sonntagabend fünf Minuten Schwingen am TV sehen will. Aber wenigstens könnten sie die Resultate von den Kantonalen Schwingfesten, vom Schwarzsee-Bergfest oder vom Teilverbandsfest erwähnen. Und auch ein paar Bilder zeigen, vor allem vom Schwarzsee. Denn dieses Bergfest ist immer gut besucht, und beim Teilverbandsfest haben wir immer acht gute Gäste.
Pikantes Detail: Vom Brünigschwinget zeigte das TSR Bilder. Beim diesjährigen Brünigschwinget waren jedoch keine Südwestschweizer dabei…
Aber am meisten nervt mich Genf. 300 Meter vom TSR-Studio weg, und niemand kam! Ich habe ihnen sogar noch eine Email geschrieben, und darin erwähnt, dass das SRF dort sein wird.
Als Randbemerkung: Das Südwestschweizerische fand sogar in der Tagesschau von SRF Erwähnung. In der Romandie hingegen nicht…

Das Westschweizer Fernsehen TSR ist vor zwei Jahren gekommen, als in Estavayer das Kantonale war. Dort waren sie live am Mittag dabei. Die TV-Leute stellten sich das als Hauptprobe für ESAF2016 vor. Aber ein Kantonales ist nicht das gleiche wie ein Eidgenössisches. Wenigstens sind sie gekommen, und es wurden Bilder im TV gezeigt.

Wie sieht es um den Nachwuchs in Eurem Verband aus? Welches sind Eure grössten Nachwuchshoffnungen?
Wir haben einige gute Nachwuchsschwinger: Steve Duplan, Benjamin Gapany, Victor Cardinaux und Cedric Derron sind unsere grössten Nachwuchshoffnungen. Duplan hat dieses Jahr fünf Kränze gemacht. Gapany erkämpfte sich sechs, und hat zusätzlich das Waadtländer Kantonale gewonnen. Cardinaux war diese Saison leider auch verletzt, machte aber immerhin zwei Kränze.
Von den Jungen, welche nun Ende August am ENST in Aarburg starten, werden sicher auch zwei, drei nachrücken. Der Jahrgang 1999 ist ein relativ starker Jahrgang. Wir erwarten ein paar Zweige beim Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag. Wir waren übrigens vor drei Jahren am ENST im Entlebuch ziemlich erfolgreich.
Beim Nachwuchs arbeiten wir gut. Das Problem ist immer der Sprung zwischen dem Jungschwinger zum Aktivschwinger. Da warten die bekannten Schwierigkeiten wie das „besondere“ Alter, eine Freundin, Ausgang und so weiter. Das ist sicher überall so, wir sind davon aber noch mehr betroffen.
Bei Steve Duplan, welcher in Ollon wohnt, erkennt man erfreulicherweise, dass er den Fokus aufs Schwingen richtet. Beim Waadtländischen und beim Neuenburger Kantonalen Schwingfest stand er dieses Jahr sogar im Schlussgang, am Neuenburger sogar gegen Christian Stucki.

Wie rekrutiert Ihr Eure Nachwuchsschwinger? Wie macht Ihr Werbung für das Schwingen in der Romandie?
Das Schwingen bedeutet bei uns nicht so viel, wie beispielsweise in der Innerschweiz. Aber wir versuchen einiges, und machen aktiv Werbung vom Verband aus fürs Schwingen in der Romandie. Wir führen auch den offiziellen ESV-Schnuppertag in unserem Verbandsgebiet durch. Zudem stellen im Kanton Freiburg und im Waadtland einige Schwingklubs bei Jugendfesten oder Märkten das Schwingen vor. Seit zwei Jahren führen wir ein Schwingfest beim Comptoir in Lausanne durch, ein grosser Anlass in der Westschweiz. Dieses Jahr wird dies sogar ein Grossanlass.
Wie vorhin schon erwähnt, probieren wir die Medien stärker einzubinden, was aber leider schwierig ist.

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Neuenburger Kantonal-Nachwuchsschwingertag in Le Landeron
Bildquelle: arls.ch

Der ESV ist Euch eine grosse Hilfe, oder?
Ja, der ESV unterstützt uns schon viel. Sie sehen die Probleme, welche wir in der Westschweiz haben. Dabei werden auch gemeinsame Projekte durchgeführt.

In welchen Westschweizer Kantonen hat es am meisten Schwinger?
Im Kanton Freiburg, dort sind mehr als die Hälfte aller Westschweizer Schwinger beheimatet. An zweiter Stelle folgt das Waadtland, dann Neuenburg und Wallis, welche etwa gleichauf liegen. Am wenigsten hat es im Kanton Genf. Im Kanton Jura gibt es keine Schwinger und keinen Klub.
Im Jura wollte ich schon immer mal ein Teilverbandsfest durchführen. Das ist aber nicht einfach, und momentan mit der Vorbereitung aufs Eidgenössische fehlt die Zeit. Mein Ziel ist es aber weiterhin, ein Teilverbandsfest im Kanton Jura durchzuführen. Das würde in dieser Region sicher gute Werbung für den Schwingsport bedeuten. Wenn wir ein Fest zum Beispiel in Saignelégier oder Pruntrut durchführen würden, kämen die Leute. Das ist auch abhängig von der Umgebung. Im Gegensatz dazu das Teilverbandsfest dieses Jahr in der Stadt Genf, welches keine grosse Werbung für das Schwingen war.

Zum Walliser Schwingerverband: Man könnte ja eigentlich meinen, dass gerade im Oberwallis, eine der urchigsten Gegenden der Schweiz, auch viele Schwinger beheimatet sein sollten. Das ist überhaupt nicht so.
Das Problem im Walliser Verband ist die Zweisprachigkeit des Kantons. Der Kanton Freiburg ist zwar auch zweisprachig, dort aber „lebt“ die Zweisprachigkeit, im Wallis leider nicht. Das Ober- und das Unterwallis sehen sich eher als Konkurrenten. Von dort her wäre es fast besser, wenn man zwei Verbände machen würde: Einen Oberwalliser und einen Unterwalliser Verband. Im Unterwallis finden sich einige aktive Schwinger. Im Oberwallis gibt es derzeit keine aktiven Schwinger, es hat aber zehn Jungschwinger in Leukerbad. Letztes Jahr wurde in Zermatt das Gornergrat-Schwinget durchgeführt. Dies hat bisher noch nicht viel gebracht. Die Idee des Walliser Verbandes ist es, einen Schwingkeller in Visp und in Siders aufzubauen, um den Schwingsport im Oberwallis zu fördern. Aber die Distanzen sind schon weit, beispielsweise von St. Niklausen bis Visp. Dort müssen die Eltern auf alle Fälle mitmachen, wenn ein Kind Jungschwinger ist. Übrigens: Nächstes Jahr wird das Walliser Kantonale in Visp stattfinden.

In Bälde folgt der zweite Teil des Interviews mit Blaise Decrauzat. Eine Bemerkung möchte ich am Schluss des ersten Beitrages aber auf alle Fälle loswerden: Wie ich beim Interview in Murten gespürt habe, gibt der Südwestschweizer Verband unter der Führung von Blaise sein Bestes!

feldwaldwiesenblogger

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