„Ich glaube nicht, dass Christian Stucki Schwingerkönig wird“: Sieben Fragen an Jakob Heer zur Ende gegangenen Kranzfest-Saison

Die Kranzfest-Saison 2015 mit 37 Anlässen ist vorbei. Viel toller Schwingsport wurde geboten, neue Kranzfestsieger konnten gefeiert werden. Einige junge „Wilde“ drangen an die Spitze und sorgten teilweise für viel Spektakel. Die Saison war im Bezug auf die SCHLUSSGANG-Wertung (Offizielle Jahrespunkteliste des Eidgenössischen Schwingerverbandes) spannend wie schon lange nicht mehr. Dies wohl auch deshalb, weil Schwingerkönig Matthias Sempach leider schon im Frühling verletzungshalber ausfiel.
Für mich bleiben sehr viele positive Erinnerungen an schöne Momente, leider aber auch ein paar strittige Szenen. Zeit, um mit einem ausgewiesenen Experten die Saison Revue passieren zu lassen. Jakob Heer, Stellvertretender Redaktionsleiter vom SCHLUSSGANG, erklärte sich bereit, mir auf sieben Fragen zu antworten.

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Jakob Heer
Bildquelle: Facebook

Wie beurteilst du ganz persönlich die zu Ende gegangene Kranzfest-Saison?
Jakob Heer: Es war eine spannende Saison mit vielen neuen Kranzfestsiegern. An der Spitze dominierten nochmals die bewährten Namen, doch einige Talente machen mächtig Druck. Beängstigend für mich ist die Tatsache, dass auf nationaler Ebene der Graben hinter den zwei führenden Verbänden Bern und Innerschweiz immer grösser wird. Auch wenn es am 30. August in Aarburg nicht um Kränze ging, dieser Anlass war für mich einer der beeindruckendsten der gesamten Saison 2015. Toll, was der Nachwuchs für offensiven Sport bot.

Was hältst du von der Behauptung: „Die Berner waren diese Saison nicht mehr ganz so unwiderstehlich wie auch schon.“?
Jakob Heer: Dem kann ich beipflichten, dies unterstreicht etwa die Tatsache, dass am Morgen des Schwarzsee-Schwingets kaum jemand auf einen Innerschweizer Sieg getippt hätte. Einerseits liegt dies daran, dass die Berner in der zurückliegenden Saison am härtesten von der Verletzungshexe heimgesucht wurden. Man muss aber auch in Betracht ziehen, dass fast alle Berner, die derzeit die nationale Spitze dominieren, Jahrgang 1985 oder 1986 haben. Sie sind oder werden nächstens 30 Jahre alt. Für Estavayer könnte die Berner Rechnung noch aufgehen, ab 2017 könnte es national wieder spannender werden.

Christian Stucki war für mich der Schwinger des Jahres 2015. Was meinst du, wird der Seeländer Hüne an der 4. Nacht des Schwingsports tatsächlich zum Schwinger des Jahres gewählt?
Jakob Heer: Ich denke schon, er ist auch absolut die richtige Wahl. Der Seeländer hat als einziger Athlet nebst Daniel Bösch vier Kranzfeste gewonnen. Im Direktvergleich gegen Bösch resultierten ein Sieg und ein Unentschieden zugunsten des Berners. Dass nicht alle Athleten gleich viele Kranzfeste bestreiten dürfen ist wieder ein anderes Thema.

Welche Schwinger überraschten dich dieses Jahr besonders? Warum?
Jakob Heer: Wer im Alter von 18 Jahren wie Joel Wicki ein Bergfest gewinnt (Schwarzsee) und an einem zweiten im Schlussgang steht (Stoos) kommt zwangsläufig in Frage. Beim ihm sind es seine unglaublich explosiv gezogenen Kurzzüge, mit denen er für jeden Gegner eine Gefahr darstellt, die mir imponierten. Von der Schwingart her sind mir Nick Alpiger, Remo Käser und Armon Orlik ins Auge gestochen – sie sind technisch bereits sehr weit. Michael Bächli überzeugte mich auf dem Brünig mit einer Superleistung. Bei Samuel Giger freut mich, dass er nach seiner Schulteroperation wieder beschwerdefrei schwingen kann. Ebenfalls ist mir Sven Schurtenberger heuer positiv aufgefallen. Der Luzerner ist ein nur schwer bezwingbarer Gegner, der auch in Estavayer für Furore sorgen könnte.

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Jakob Heer am Schaffhauser Kantonalen 2014
Bildquelle: Facebook

Welche Schwinger könnten deiner Meinung nach 2016 für Furore sorgen?
Jakob Heer: Es dürften die gleichen sein, die vorher genannt wurden, die erneut die Szene aufmischen könnten. Natürlich ist die gesamte Szene auf die Rückkehr von Schwingerkönig Matthias Sempach gespannt. Er hat das Rüstzeug um wieder eine Rolle wie vor seiner Knöchelverletzung zu übernehmen. Ich freue mich auch auf die Rückkehr von Pirmin Reichmuth und Reto Nötzli. Der Eidgenössische Nachwuchsschwingertag in Aarburg hat gezeigt, dass noch einige Rohdiamanten vorhanden sind. So dürfte der Freiämter Lukas Döbeli in seiner ersten Aktivsaison nächstes Jahr in der Nordwestschweiz schon den einen oder anderen Überraschungscoup landen.

Trügt mich mein Gefühl, oder waren dieses Jahr tatsächlich mehr strittige Entscheidungen von Seiten der Kampfrichter getroffen worden, als in den vergangenen Jahren?
Jakob Heer: Dies kann ich nicht bestätigen. An jenen Anlässen, die ich besuchte, war dies jedenfalls nicht der Fall. Über Anlässe wo ich nicht selber anwesend war, das Ganze aber hochgespielt wurde, wie etwa auf dem Stoos, will ich mich nicht äussern. Vielmehr hat es in den Einteilungen einige fragwürdige Entscheidungen gegeben. Am Innerschweizerischen Teilverbandsfest darf von Glück gesprochen werden, dass am Ende Andi Imhof oben aus schwang. Auf dem Brünig hätte es im sechsten Gang die Paarung Bernhard Kämpf gegen Christian Schuler nicht geben dürfen. Am Nordwestschweizerischen war die Einteilung den Gästen nicht gut gesinnt.
Nur, man sollte Kampfrichter und Funktionäre deswegen nicht „Bschiss“ und „Willkür“ unterstellen. Schliesslich opfern sie wie die Aktiven einen ganzen Sonntag auf freiwilliger Basis. Die Grundidee, die Samuel Feller (Technischer Leiter ESV) hegt, dass diejenigen drei Kampfrichter die am Eidgenössischen 2016 gemeinsam für einen Platz zuständig sind, vorher an einem Anlass gemeinsam einen Tag lang einen Platz betreuen, finde ich den richtigen Ansatz.

Was meinst du, wird die Kranzfest-Saison 2016 spannender als diese werden? Vor allem wenn man bedenkt, dass am Saison-Ende das Eidgenössische wartet… Wagst du schon eine Prognose für den Königstitel?
Jakob Heer: Die zurückliegende war doch schon spannend? Wie bereits erwähnt werden die derzeit tonangebenden Berner nicht jünger. Dies verspricht, dass es in absehbarer Zeit wieder ausgeglichener werden „könnte“. Eine Prognose für Estavayer ist noch etwas gar früh, nur so viel: Ich glaube nicht, dass Christian Stucki Schwingerkönig wird.

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Christian Stucki’s Jubel am Berner Kantonalen nach dem Schlussgangsieg gegen Matthias Siegenthaler
Bildquelle: chrigustucki.ch

Ob Christian Stucki in gut einem Jahr genauso jubeln kann wie nach dem kürzlichen Sieg am Berner Kantonalen, wissen zurzeit nur die Schwingergötter. Ich werde mir Jakob Heer’s obige Aussage aber merken. Klar, eine Prognose heute schon zu stellen ist etwa gleich schwer, wie wenn ich jetzt schon den Fussball-Europameister von nächstem Sommer voraussagen müsste. Stucki ist aber so oder so ein ganz heisser Kandidat für Estavayer…
Ich bedanke mich beim Schwing-Experten Jakob Heer für das Beantworten meiner Fragen. Seine interessanten Antworten und Aussagen, beispielsweise zu Schwingern und Einteilungsentscheiden, rief bei mir die zurückliegende Kranzfestsaison noch mal richtig in Erinnerung.

feldwaldwiesenblogger

Ein Gedanke zu “„Ich glaube nicht, dass Christian Stucki Schwingerkönig wird“: Sieben Fragen an Jakob Heer zur Ende gegangenen Kranzfest-Saison

  1. W. Steiner schreibt:

    Na ja Herr Heer viel Respekt bei Ihrer Einschätzung, obwohl ich nicht Fan von C. Stucki bin im 2015 hat er klar den Ton angegeben und wenn er im 2016 gesund bleibt ist er bestimmt unter den 3 Königsaspiranten einzureihen. Ganz bestimmt wird die unverbrauchten Jungtalente wie Giger, Wicki ein Wort mitsprechen wollen. Bei Verletzten M. Sempach und Wenger wird sich erst zeigen wie sie anfangs Saison 2016 zurückkommen. Ebenso gibt es aus der 2. Reihe Königsanwärter wie P. Laimbacher und B. Gisler oder F. Gnägi

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