„Das grosse Ziel ist der Kranz in Estavayer“ – Gespräch mit dem Westschweizer Spitzenschwinger Benjamin Gapany

Vor einer Woche war ich wieder zu Besuch in der Westschweiz. Im Restoroute La Gruyère traf ich mich anlässlich meiner Vorschau auf das Eidgenössische in weniger als einem Jahr mit Benjamin Gapany und Blaise Decrauzat zum Interview für den November-Beitrag. Blaise Decrauzat, der Präsident des Südwestschweizerischen Schwingerverbandes, erklärte sich bereit, als Dolmetscher zu amten.

Benjamin Gapany war dieses Jahr der beste Südwestschweizer Schwinger. In der Endabrechnung belegte der Sennenschwinger bei der SCHLUSSGANG-Jahreswertung Rang 31 mit 13 Punkten. Dies war für den 20-Jährigen die bisher beste Saison als Aktiver. Daraus resultierten sechs gewonnene Kränze (unter anderem der Bergkranz beim Weissenstein-Schwinget), der Sieg beim Waadtländer Kantonalen und fünf gewonnene Rangschwingfeste.
Der Palmarès des Freiburgers zieren bisher elf Kränze, darunter zwei Bergfestkränze. Weiter ein Kranzfestsieg und insgesamt acht gewonnene Rangschwingfeste.

Die körperlichen Masse des Romand können sich sehen lassen: 189 Zentimeter Körpergrösse und 115 Kilogramm Körpergewicht. Benjamin ist gelernter Landwirt und arbeitet zurzeit in einem 60 Prozent-Pensum in einem Landwirtschaftsbetrieb. Daneben widmet sich der Landwirt dem intensiven Training. Sein Wohnort ist Marsens FR, eine Gemeinde im Bezirk Greyerz. Benjamin, welcher schon in Marsens geboren wurde, nennt nebst dem Schwingen das Skifahren, Velo fahren, Schwimmen und das Wandern in den Bergen als seine Hobbys.

Benjamin schwingt seit er acht Jahre alt ist. Freunde seiner Eltern meinten damals, dass er damit beginnen soll. Denn er war schon mit acht Jahren ziemlich gross und kräftig. Schwingen ist seine grosse Leidenschaft. Er liebt diesen Sport und es ist das, was er am liebsten macht. Seine zweite Leidenschaft gilt der Viehzucht.

Benjamin Gapany_Bild für Beitrag
Benjamin Gapany
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Was für eine Saisonbilanz ziehst du für dich?
Insgesamt bin ich mit meiner Saison zufrieden. Bei zwei oder drei Festen lief es nicht nach Wunsch. Meine Ziele, welche ich mir im Training und in der Vorbereitung steckte, habe ich erreicht.

Hast du mit den Vorbereitungen und dem Training für die Saison 2016 schon begonnen?
Am 1. November habe ich mit dem Fitness-, Kraft- und dem Konditionstraining gestartet. Mit dem Schwingtraining begann ich um den 5. November. Nun wird das Training stetig gesteigert, und das Maximum sollte im kommenden Februar erreicht sein. Anschliessend wird die Trainingsintensität wieder etwas runtergefahren, damit ich zu Beginn der Saison fit und spritzig bin.

Was meinst du, liegt der Kranzgewinn am Eidgenössischen drin?
Der liegt schon drin, es muss aber alles zusammenstimmen. Dabei muss die Vorbereitung gut laufen, und es dürfen keine Verletzungen oder gravierende Blessuren hinzukommen. Zudem muss ich in Estavayer am Samstag und am Sonntag in Topform sein, damit alles rund läuft.

Bereitest du dich wegen dem Eidgenössischen speziell auf die neue Saison vor?
Ich habe mein Umfeld optimiert und gewisse Dinge geändert. Dazu gehören ein Betreuer und auch ein Ernährungsberater. Beim Schwingtraining ändere ich nichts und fahre so weiter wie bisher.

Was denkst du ganz allgemein über den Stand des Schwingens in der Westschweiz?
Vor einigen Jahren erlebten wir einen Tiefpunkt. Wir haben aber viele junge Schwinger und erleben zurzeit einen Generationenwechsel. Ich denke, dass wir mit den Jungen und dem nun erreichten Niveau eine aufstrebende Tendenz haben. Es liegt aber noch viel Arbeit vor uns.

Welche bekannten Kranzschwinger schwingen sonst noch bei deinem Schwingklub La Gruyère? Habt ihr viele Jungschwinger im Klub?
Wir sind 20 Aktive, darunter sieben Kranzschwinger. Neben mir sind dies Simon Brodard, Guillaume Remy, Johann Borcard, Jeanpierre Cottier, David Barras, André Barras. Von unserem Schwingklub stammen zudem die ehemaligen Spitzenschwinger und Eidgenossen Gabriel Yerly, Rolf Wehren und Nicolas Guillet. Unser Klub zählt 35 bis 40 Jungschwinger.

Übrigens: Der Greyerzbezirk (District de la Gruyère), oder volkstümlich auch Greyerzerland genannt, weist um die 50‘000 Einwohner auf. Dazu gehören 25 Gemeinden, Bulle ist der Hauptort.

Wie viele Zweige und Siege hast du als Jungschwinger errungen?
Ich erschwang mir als Jungschwinger etwa 70 Zweige, und durfte bei 15 bis 20 Schwingfesten als Sieger vom Platz gehen.

Was war dein grösster Erfolg als Jungschwinger?
Meine grössten Erfolge waren 2009 der Sieg am Südwestschweizer Jungschwingertag und 2012 der Gewinn des Doppelzweiges beim Eigenössischen Nachwuchsschwingertag in Hasle-Entlebuch LU. Ich war von unserem Verband der einzige Jungschwinger, welcher beim Jahrgang 1995 den Doppelzweig holte. Sieger in unserer Kategorie war damals der Berner Philipp Roth.

Welches war als Aktiver bisher dein grösster Erfolg?
Mein erster Bergkranz auf dem Schwarzsee letztes Jahr. Ich war damals erst 19-jährig und wies ein schönes Notenblatt auf. Dabei bekam ich es mit drei Eidgenossen zu tun. Im fünften Gang konnte ich mit Thomas Sempach sogar einen bezwingen.

Benjamin Gapany’s fünfter Gang am Schwarzsee-Schwinget 2014:


Quelle: YouTube, Schlussgangfilmer Jakob Niederberger

Wie sieht deine Trainingswoche aus?
Meine Trainingswoche während der Vorbereitung sieht folgendermassen aus:
Montag: Konditionstraining
Dienstag: Kraft- und Schwingtraining
Mittwoch: Konditions- und Schwingtraining
Donnerstag: Schwingtraining
Freitag: Kraft- und Judotraining
Samstag und Sonntag: Abwechslungsweise Konditions- und Krafttraining.
Momentan beträgt der Trainingsaufwand 15 bis 20 Stunden pro Woche. Dieser Aufwand wird auf etwa 25 Stunden pro Woche erhöht, und dann bis zu Beginn der Saison auf etwa 15 Stunden zurückgefahren.

Die Trainingswoche während der Wettkampfzeit sieht ähnlich aus. Mit den Unterschieden, dass ich beim Konditions- und Krafttraining den Schwerpunkt auf Explosivität und Spritzigkeit lege. Zudem trainiere ich während der Schwingsaison etwas weniger als momentan in der Vorbereitung.

Welche Schwinger sind deine Vorbilder?
Die athletischen Schwinger wie Matthias Sempach, Kilian Wenger oder Matthias Siegenthaler sind meine Vorbilder.

Wie sehen deine Saisonziele für 2016 aus?
Die Ziele sehen ähnlich aus wie für diese Saison. Das heisst: Rangschwingfeste gewinnen, an den Kranzfesten den Kranzgewinn anstreben, sowie ein oder zwei Kranzfestsiege. Weiter visiere ich den Bergkranz auf dem Schwarzsee an. Das grosse Ziel ist der Kranz in Estavayer.

Hast du die Saisonplanung für 2016 schon gemacht?
Die Trainingsplanung bis März ist gemacht. Mit meinem Betreuer schaue ich die Zeit danach noch an, auch wann und wo ich Schwingfeste bestreiten werde. In meiner Agenda eingetragen sind bereits die fünf Kantonalen in unserem Gebiet und unser Teilverbandsfest. Das Genfer Kantonale wird 2016 übrigens auch durchgeführt. Wir dürfen in unserem Teilverbandsgebiet an jedem Kantonalen starten.
Geplant sind neben dem Bergfest auf Schwarzsee auch der Rigi- und der Brünig-Schwinget. Zudem ist auch ein Gast-Einsatz an einem Teilverbandsfest vorgesehen und eventuell ein Start am Basel Städtischen Schwingertag. Die Technische Kommission entscheidet im Dezember oder Januar, welche Schwinger wo starten können.
Zudem denke ich, dass ich wieder beim Frühjahrsschwinget in Ibach SZ an den Start gehen werde.

Was für Gefühle oder Gedanken löst das Eidgenössische in Estavayer bei dir aus?
Ich denke immer und überall daran: Beim Essen, beim Arbeiten, beim Training und beim Schlafen gehen. Nervös bin ich noch nicht, aber ich spüre, dass der Druck und die Erwartung langsam kommen. Speziell ist, dass das Eidgenössische bei uns, in unserem Kanton stattfindet. Es ist mein erstes Eidgenössisches, da ich mich vor dem ESAF Burgdorf verletzt habe.

Folgefrage an Blaise Decrauzat: Versucht ihr vom Verband her den Druck von den Schwingern vor dem Eidgenössischen etwas zu nehmen?
Für die jungen Schwinger ist das etwas Spezielles und Neues. Sie weisen nicht so eine Erfahrung wie Hanspeter Pellet auf, welcher an mehreren Eidgenössischen am Start war. Es ist eine Erwartung vorhanden, auch vonseiten des Verbandes. Wir versuchen daher alles, und haben auch einen Staff mit Trainer, Physiotherapeut und Arzt gebildet. Wir sehen die Schwinger nun monatlich bei einem Verbands-Zusammenzug. Dabei probieren wir sie aufzubauen und ihnen verschiedene Sachen mit auf den Weg zu geben.
Aber das Beste was die Schwinger machen können, ist zusätzlich einen Betreuer zu engagieren. Wir können nicht jeden Schwinger einzeln betreuen. Es haben übrigens schon mehrere Athleten einen eigenen Betreuer.

Was meinst du, wird das ESAF einen Boom in der Westschweiz auslösen? Oder hat er das im Vorfeld bereits schon getan?
Ob es einen Schwing-Boom auslösen wird, ist nicht unbedingt gesagt, aber gut möglich. Positiv ist, dass vom Schwingen in der Westschweiz gesprochen wird. Dass die Leute hier den Schwingsport kennen lernen. Denn dieser ist bei uns nicht so bekannt wie bei euch in der Deutschschweiz. So wird der Schwingsport auch bei uns populärer. Davon muss man nun profitieren. Denn bis zum nächsten Eidgenössischen bei uns vergehen wieder 15 Jahre.

Hat Estavayer2016 bei deinem Schwingklub schon etwas ausgelöst? Ist es ein grosses Thema für deinen Schwingklub?
Die Schwinger sind wegen dem bevorstehenden Eidgenössischen sehr motiviert. Wir hatten anfangs Jahr in unserem Klub, welcher 2014 den 90. Geburtstag feiern konnte, einen Präsidentenwechsel. Es gab auch organisatorische Anpassungen. Der neue, erst 30-jährige Präsident, brachte frischen Wind in den Klub und schuf ein ideales Umfeld. Weiter betreut uns neuerdings ein Konditionstrainer, welcher mich auch separat trainiert. Im kommenden Januar bestreiten wir zusammen mit den Schwingern vom Mythenverband ein Trainingsweekend. Dadurch sind wir noch motivierter.

Der Klub erlebte in den letzten Jahren auch seine Krisenzeiten, und die erfolgreichen Schwinger fehlten nach den Abgängen eines Gabriel Yerly. Das hat sich aber mit der jungen Schwingergeneration erfreulicherweise wieder geändert.

Welche Schwinger sind deiner Meinung nach die grössten Anwärter auf den Königstitel in Estavayer?
Ich denke, das sind Christian Stucki und Matthias Sempach. Aber auch Benji von Ah stufe ich als Königsanwärter ein. Die Jungen sehe ich als Neukranzer, aber noch nicht als Anwärter auf den Königstitel.

Was wünscht du dir für die Saison 2016?
Ich wünsche mir gute Gesundheit, keine Verletzungen, keine Blessuren, und dass nächstes Jahr alles gut läuft.

benjamin_gapany_schlussgang waadtländisches 2015
Benjamin Gapany bei seinem Kranzfestsieg am diesjährigen Waadtländer Kantonalen in Aigle VD
Bildquelle: schlussgang.ch

Die Chancen für Benjamin Gapany stehen gut, den angestrebten Kranzgewinn in Estavayer zu realisieren. Der junge Schwinger tut alles dafür und ist äusserst motiviert.
Eine weitere wichtige Komponente sind sicher auch seine Trainingsbesuche bei den Berner Schwingern. Aus vielen Puzzleteilen zusammen ergibt sich ein Gesamtbild. Man spürt, dass in der Westschweiz ein neuer und frischer Wind im Schwingsport weht. Es wäre ihnen, allen voran Benjamin, zu gönnen, dass sie auch bald wieder die Früchte des Erfolges ernten dürfen.

Ich bedanke mich bei Benjamin Gapany für das offene und aufschlussreiche Gespräch. Mein Dank geht aber auch an den umsichtigen „Dolmetscher“ Blaise Decrauzat, welcher unermüdlich für den Schwingsport in der Westschweiz unterwegs ist.

feldwaldwiesenblogger

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