Historisches vom Schwingsport: Was vor 100 Jahren in der Schwingerzeitung stand

Das vergangene Jahr wird in der Geschichte der schweizerischen Nationalspiele unzweifelhaft nicht zu den sogenannten „glänzenden Entwicklungsperioden“ zählen können; wenigstens nicht für solche, die es sich gewohnt sind, Institutionen nach deren Mitglieder – oder jährlichen Festzahl zu bewerten.

Obiger Schachtelsatz stammt nicht etwa aus der kürzlich erschienenen Schwingerzeitung. Sondern aus dem Editorial jener Ausgabe vom 31. Januar 1916 (!). Das ist nun fast auf den Tag genau 100 Jahre her. Ganz korrekt hiess das Blatt damals „Eidgenössische Schwinger- und Hornusser-Zeitung“. Als Ergänzung fügten die Macher unter das Titelbild den hehren Zusatz: „Zeitschrift zur Hebung und Verbreitung der nationalen Spiele“.

Wie am 14. Dezember in einem Blogbeitrag angekündigt, „Besuch im Archiv des Eidgenössischen Schwingerverbandes“, war ich vor einer Woche erneut für ein paar Stunden im besagten ESV-Archiv. Dabei stellte ich Recherchen in alten Schwingerzeitungen an. Die Zeit verging im Nu, und ich konnte einiges an Material sammeln. Meine Absicht ist es, in nächster Zeit in loser Reihe Beiträge aus und über alte Schwingerzeitungen aufzuschalten. Zudem bedanke ich mich beim Archivar Albrecht Siegenthaler, der mir den Zutritt zu dem „historischen Keller“ ermöglichte.

„Die Schwingerzeitung“, wie sie meist salopp genannt wird, war 1916 das „Offizielle Organ des eidgenössischen Schwingerverbandes und dessen Teilverbänden, sowie des eidgenössischen Hornusserverbandes“. 1925 stiess dann auch der eidgenössische Jodlerverband hinzu. Fortan wurden ihnen auch ein paar Seiten eingeräumt.
Man beachte auch den Abonnementspreis von drei Franken – wohl verstanden: jährlich. Die Zeitung erschien monatlich zweimal und war mindestens acht Seiten stark.

Die Redaktion der Schwingerchronik betreute 1916 René Spörri (Zürich). Deshalb nehme ich an, dass das Vorwort in der besagten Ausgabe vom 31. Januar 1916 von ihm verfasst wurde. Denn es wurde leider kein Autor dazu vermerkt. Nachfolgend gebe ich den Editorial-Text, welcher eingangs begann, unverändert zum Nachlesen wider.

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Bildquelle: ESV-Archiv/feldwaldwiesenblogger

Nichtsdestoweniger möchten wir persönlich dieses „stille“ Jahr als eines der für den Eidgenössischen Schwingerverband bedeutungsvollsten und lehrreichsten bezeichnen; bedeutungsvoll, weil es vor allem ein Prüfungsjahr im wahrsten Sinne des Wortes gewesen ist, und lehrreich, weil es Überraschungen gebracht hat, an die wir in normalen Zeiten nicht gedacht hätten, die uns jetzt aber Gelegenheit zu nützlicher künftiger Vorsorge in die Hand geben.

Ein Prüfungsjahr, das spricht die grosse Bedeutung der Kriegsepoche 1915 für uns am besten aus. In den Zeiten der Prüfung und der Not, da erst treten die wahren menschlichen Eigenschaften zum Vorschein und nehmen ihre verdiente Gestalt, sei es der Liebe und Treue, sei es aber auch der Herzlosigkeit und Schwachheit, an. Da erst zeigt es sich, ob einst dem Vaterland und hohen Grundsätzen abgelegte Versprechungen wirklich etwas wert sind, oder ob sie sich nur als die lügenhaften Produkte eines hochtönenden, äusserlichen Strebertums enthüllen. Zum Unglück sind wir eigentlich erst und einzig dazu befähigt, unsere wie die Eigenschaften Fremder auf ihren Festigkeitsgrad hin zu prüfen, respektive kennen zu lernen, – eine Tatsache, die wir zu Zeiten des Erfolges nie vollständig aus den Augen verlieren sollten, wenn die jähen, unglücklichen Wechselfälle des Lebens in uns gewappnete und ihrer Sache bewusste Menschen treffen müssen.

Das vergangene Jahr ist also deshalb für uns bedeutungsvoll gewesen, weil es gezeigt hat, was wir wirklich sind und in Zukunft sein werden.

Was wir sind. Woran hängt das im Grunde genommen einzig ab? Wir glauben nicht besser antworten zu können: von der richtigen Erkenntnis unserer hohen vaterländischen Mission. Darin liegt alles. Alle Herzen, dem gleichen Ziel zugewendet, fühlen gemeinsam, das heisst sie bürgen für die in allen Unternehmungen so wichtige Einheit der Handlung. Ist aber das erwähnte Ziel zudem ein hohes und edles, so verschliesst es sich dem unheilvollen Einfluss jeglicher egoistischer Gewinn- und Ehrfurcht, und der Weg zu seiner Erreichung steht frei. So allein besitzt eine Sache Leben und ihre Entwicklung wird mit Riesenschritten vorwärts eilen.

Schauen wir zu, ob wir im vergangenen Jahre bewiesen haben, dass uns die richtige Auffassung unserer Aufgabe innewohnt. Wir glauben, diese Frage getrost bejahen zu dürfen.

Gewiss haben wir nicht viele Anlässe, keine grossen Feste und verhältnismässig wenige Kurse und Übungen veranstaltet. Daran haben jedenfalls die gegenwärtigen schlechten, gedrückten Zeiten und nicht zuletzt der ewige Militärdienst viel beigetragen. Wenn aber anderseits wirklich etwas veranstaltet worden ist, so haben, zur Ehre der meisten Schwingerfreunde sei’s gesagt, alle Beteiligte, sowohl Organisatoren wie Aktive und Zuschauer, ihren Mann im Dienste der „grossen Sache“ wacker gestellt, wobei wir nur an die prächtige Durchführung der grossen Feste von Rüti, Möriken, Wabern etc. Anspielung machen, an denen notabene keine Preise und nur sehr wenige Kränze zur Verteilung gelangten. Man beliebe dabei nie zu vergessen, unter welch‘ schwierigen moralischen wie materiellen Bedingungen wir überhaupt existieren. Denken wir an die Gegensätze, die zwischen unseren und den Idealen der grossen Alltagsmenge bestehen, um zu erfassen, dass es einer gewissen Charakterstärke jedes einzelnen von uns bedarf, unsere Ideale innerhalb des ganzen Volkes offen vertreten zu wagen. Wie steht zudem unsere Arbeitsweise in himmelweitem Unterschiede zu derjenigen anderer Institutionen. Wo anderorts eine beinahe militärische Instruktionsweise Trumpf zu werden beginnt, stehen wir im Zeichen völliger Freiwilligkeit und jeglicher Zwangsausschliessung. Um schliesslich noch die finanzielle Seite zu berühren, heben wir hervor, dass wir keine staatlichen Subventionen beziehen (übrigens auch nie zu beziehen wünschen, weil das dem Ruin des idealen Wertes unserer Bestrebungen gleichkäme) und dass wir, mit Anspielung auf unser Zeitungsunternehmen, nie zu der Forderung von Zwangsabkommen von Seiten unserer Mitglieder gelangen werden.

Dies alles in allem ergibt denn doch die unzweideutige Erkenntnis, dass es nichts sagen will, ob einer Vereinigung so und so viele Tausend Mitglieder mehr oder weniger angehörten; sondern dass die Hauptsache die ist, was die ihr wirklich angehörenden Mitglieder für ein Geist beseelt und unter welchen Bedingungen dieser Geist nach aussen hin vertreten werden muss.
Um nur ein Beispiel anzuführen, ist es einleuchtend, dass professionelle Verbände Hunderttausende von Mitgliedern besitzen können, ohne einen geringsten idealen Wert in sich zu enthalten.

Das sind für uns sehr ermutigende Erfahrungsgrundsätze und daran sollten wir festhalten – ohne dafür im geringsten etwas unserer kritischen, immer beobachtenden und verbessernden Fähigkeiten zu verlieren. Wir meinen nur, dass es von Zeit zu Zeit nötig ist, statt immer vom kritisierenden Standpunkte aus zu beurteilen, auch die schönen und uns vereinigenden Züge ans Licht zu führen, damit wir uns untereinander freuen lernen über die hohen Ziele, die wir zu erreichen uns bestreben, und über unsere bodenständigen, heimeligen, lieben vaterländischen Spiele.

Eine solche Freude an uns allen soll dem kommenden Jahre 1916 eine Gewähr für unseren unerschütterlichen Willen, unseren nationalen Spielen zum Schutze des Heimatlandes allgemeine Achtung und Verbreitung zu verschaffen, bieten. Vielleicht werden dann die nächsten Zeiten nicht weniger ruhig und unansehnlich wie das vergangene Jahr verfliessen, aber die innere Festigkeit des Baues, dem wir unsere Liebe und Arbeit weihen, wird dafür umso grösser, schöner und beständiger sein.

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Bildquelle: ESV-Archiv/feldwaldwiesenblogger

Obige Zeilen klingen teilweise umständlich und kompliziert. Der genaue Sinn einiger Textstellen ergab sich bei mir erst nach mehrmaligem Durchlesen. Wie man unschwer feststellen kann, hat sich in den letzten 100 Jahren die deutsche Sprache ziemlich gewandelt. Schrieb man damals scheinbar ellenlange und verschachtelte Sätze, so liegt heutzutage die Würze in der Kürze. Zudem umschrieb man damals das Gemeinte mit unzähligen Adjektiven und Anhängseln – ja, selbst die Zeilen in der Schwingerzeitung klangen ein wenig nach grosser Literatur.

Nichtsdestotrotz erkennt man aber auch: 1916 war die Schweiz umgeben vom Ersten Weltkrieg (1914 – 1918). Die Stimmung getrübt, wie man an den Worten des Autors anmerkt. Aber dennoch voll Zuversicht und mit guten Absichten, aus Freude an „unseren bodenständigen, heimeligen, lieben vaterländischen Spielen“. Es ging damals schon um Ideale und Freiwilligkeit, auch wenn die Zeiten nicht die besten waren. Deshalb habe ich nachfolgend zum besseren Zeit-Verständnis aus Wikipedia die wichtigsten geschichtlichen Eckdaten von Januar 1916 zusammengetragen.

1. Januar: In der deutschen Kolonie Kamerun wird Jaunde von französischen und britischen Truppen besetzt.

5. Januar: Nach dem siegreichen Serbienfeldzug der Mittelmächte und der Österreichisch-Ungarischen Besetzung Serbiens beginnt der österreichisch-ungarische Feldzug in Montenegro unter Stephan Sarkotić von Lovćen.

9. Januar: Die letzten britischen Truppen müssen die türkische Halbinsel Gallipoli räumen. Der britische Versuch, die Dardanellen zu erobern, ist gescheitert.

13. Januar: Österreichische Truppen erreichen die montenegrinische Hauptstadt Cetinje. König Nikola setzt sich ins italienische Exil ab.

23. Januar: Die Österreicher besetzen Skutari.

25. Januar: Das mit Serbien verbündete Montenegro muss kapitulieren und unterzeichnet einen Waffenstillstand. Bei dem Feldzug hat das Land rund 40 % seiner Armee und über 10 % seiner Gesamtbevölkerung verloren.

29. Januar: Das Militärluftschiff LZ 79 wirft im Ersten Weltkrieg über Paris Bomben ab. Auf der Rückfahrt erhält der Zeppelin einen Treffer im Heck und muss im deutsch besetzten Belgien notlanden.

feldwaldwiesenblogger

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