Besuch bei Michael Nydegger in Oberschrot: „Wichtig ist, dass man in jeder Situation zwei oder drei Schwünge beherrscht.“ (Teil 2)

Beim ersten Teil erfuhren wir, dass Michael Nydegger wieder fit ist. Seine beiden Verletzungen, welche ihn einen Teil der Saison 2014 und das ganze letzte Jahr am Schwingen hinderten, sind nun auskuriert. Der Sennenschwinger ist seit vergangenem September wieder im Training und steigerte seither sukzessive seine Trainingsintensität. Wann er das erste Schwingfest bestreiten wird, ist noch nicht ganz sicher. Michael hegt aber die Absicht, vor dem Beginn der Kranzfestsaison einige Frühlingsschwingfeste zu bestreiten. Der Freiburger geht seinen Weg. Nicht nur beim Training. Er hat letzten Herbst ein Zweitstudium begonnen und konnte im vergangenen November die Zusammenarbeit mit einer Kommunikationsagentur verkünden.

michael nydegger beim gespräch
Michael Nydegger beim Gespräch
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Laut einer Medienmitteilung vom 13. November 2015 besteht neuerdings eine Zusammenarbeit mit der Agentur „by the way communications AG“. Sie übernimmt für dich sämtliche Kommunikationsaktivitäten und kümmert sich um die Sponsorensuche, damit du dich voll und ganz auf das Schwingen konzentrieren kannst. Wie verlief die Zusammenarbeit bisher?
Sehr gut. Gian Simmen ist mein direkter Ansprechpartner. Die Agentur hat mir eine Homepage erstellt, und auf Facebook eine Seite eingerichtet. Es steckt nämlich ein ziemlicher Zeitaufwand dahinter.
Sie sind zudem auf Sponsorensuche für mich. So kann ich mich aufs Schwingen konzentrieren. Es ist natürlich nicht einfach, an Sponsoren zu gelangen. Denn ich bin nicht Schwingerkönig und war zu lange weg vom Schwinggeschehen. Es ist aber auch nicht mein primäres Ziel, viele Sponsoren zu haben. Es gab letztes Jahr Anfragen diesbezüglich. Da ich wieder die Schulbank drücke, hilft es mir finanziell schon ein wenig. Ich interessiere mich zu wenig für diese Sachen, und mir fehlt auch die notwendige Kompetenz für Vertragsabschlüsse. Deshalb bin ich froh um die Agentur, die sich darum kümmert.

„Groupe E“ und „Micarna“ sind meine grössten Sponsoren. Ich bestritt für sie auch schon einige Termine. Für Groupe E warf ich mal an einem Fribourg-Gottéron-Match den Puck ein.
Micarna ist interessant, da sie ein Team mit mehreren Athleten unterstützen. Dazu gehören auch der Bobfahrer Beat Hefti oder die Triathletin Nicola Spirig. So gibt es ab und zu Athletentreffen. Bei diesen kam es schon zu interessanten Diskussionen. Vielfach erlebten sie mit Verletzungen und dem anschliessenden Zurückkämpfen das gleiche wie ich.

Dank der Kommunikations-Agentur kannst du dich zudem „vollumfänglich auf das Training und dein Zweitstudium der Sportwissenschaften an der Universität Freiburg konzentrieren“. Wie läuft’s beim Studium? Gehst du noch einer anderen Beschäftigung nach?
Beim Studium, welches ein Vollzeitstudium ist, läuft es sehr gut. Im Februar sind Semesterprüfungen. Mich interessiert der Sport im Allgemeinen sehr. Im Sport-Studium kann ich noch mehr dahinter schauen, wie der Trainingsaufbau funktioniert und was mit dem Körper physisch sowie psychisch passiert. Das ist sehr spannend.

Um mein Studium zu finanzieren, arbeite ich zudem als Maschineningenieur, meinem ursprünglichen Beruf, in einem kleinen Teilzeitpensum. Während dem Studium komme ich nicht umhin, auch von meinem Ersparten der letzten Jahre zu leben. Ich begann im Herbst 2015 mit dem Zweitstudium. Dieses dauert bis zum Herbst 2018.

In welche Richtung geht dein Sportwissenschafts-Studium?
In Freiburg gibt es zwei Richtungen. Sportlehrer ist die eine Richtung, die andere Option geht in Richtung Forschung und Leistung. Ich mache das zweite. Das Studium ist zweisprachig, deutsch und französisch. Mein Ziel ist es, mein Erststudium (Maschinenbauingenieur) mit dem Zweitstudium verbinden zu können. Ich interessiere mich für die Biomechanik im Körper. Vielleicht arbeite ich einmal in einem Forschungslabor.

Ich bin nach wie vor mit dem Maschinenbau verbunden, und mache diese Tätigkeit auch gerne. Ich arbeitete bei einem Unternehmen, wo wir viele Sonderkonstruktionen für Baumaschinen im Hydraulikbereich gemacht haben.

Ich war aber auch motiviert, noch etwas anderes zu studieren, und um meinen Horizont zu erweitern. Sport kann man sowieso gut mit anderen Sachen verbinden. Sei es, wenn man Richtung Forschung oder Biomedizin geht, oder wenn man als Trainer, Lehrer oder Sportmanager arbeiten möchte. Sport ist einfach ein grosses und spannendes Gebiet.

Kantonales Schwingfest in Romont:  Michael Nydegger (hinten) besiegt im Schlussgang seinen Kontrahenden Rolf Kropf. Foto: FN / Aldo Ellena, Romont, 26.05.2013
Michael Nydegger (hinten) überschlägt im Schlussgang des Freiburger Kantonalen vom Mai 2013 seinen Gegner Rolf Kropf
Bildquelle: freiburger-nachrichten.ch

Was meinst du, woran müssen du und deine Südwestschweizer Schwinger-Kollegen noch am meisten arbeiten?
Viele Schwinger investieren einiges an Zeit während dem Winter für den physischen Aufbau im Kraftraum. Das ist gut, und ein notwendiges Muss, wenn man vorne dabei sein will. Aber wir sind nicht Bodybuilder oder dergleichen. Deshalb ist es meine Meinung, dass man im Frühjahr ziemlich schnell das Krafttraining reduzieren und zu einer Trainingseinheit zusammenfassen sollte. Um das, was man sich antrainiert hat, zu erhalten. Die dadurch gewonnene Zeit sollte für das Training im Schwingkeller investiert werden.

Was denkst du über den Schwingstil von heute?
Wenn ich den heutigen Schwingstil mit den 1980iger-Jahren vergleiche (zu den Zeiten von Ernst Schläpfer und Harry Knüsel), kann ich nicht sagen, dass sich dieser positiv oder negativ verändert hat. Aber dannzumal hat man mehr verschiedene Schwünge gesehen. Schläpfer beherrschte beispielsweise den Brienzer vorwärts und rückwärts, machte Hüfter links und rechts, beherrschte die Bodenarbeit und schwang in den Griffen. Er hat in jeder Situation geschwungen. Das sieht man heutzutage nicht mehr überall. Es gibt Schwinger, die schwingen in den Griffen, andere gehen in die Flanke raus und wieder andere fühlen sich sicherer am Boden. Ich habe den Eindruck, dass die Schwinger vom Physischen her athletischer wurden. Aber nicht mehr so vielfältig schwingen, wie noch vor 20 oder 30 Jahren.
Deshalb meine ich, sollte man als Basis einen Kraftaufbau machen und physisch parat sein. Dann ist es aber wichtig, viel im Schwingkeller zu schwingen. Vielseitigkeit reinbringen und in jeder Situation schwingen, den Kampf suchen, um zu gewinnen.

Ein Paradebeispiel von heute ist Andreas Ulrich. Er ist kein Riese, schwingerisch gesehen sogar etwas unter dem Durchschnitt. Aber: Andreas schwingt sehr vielseitig. Er schwingt in jeder Situation, und das macht ihn auch stark. Deshalb habe ich das Gefühl, dass ein guter Schwinger körperlich parat ist und viel Zeit ins Schwingen investiert.

Wie viele Schwünge sollte ein Schwinger beherrschen?
Ich glaube nicht, dass man da von einer Anzahl Schwüngen reden sollte. Im Kampf macht man auch Bewegungen oder Angriffe, die nicht unbedingt Schwünge sind, wie man sie lernt. Wichtig ist, dass man in jeder Situation zwei oder drei Schwünge beherrscht.

Welches sind deine bevorzugten Schwünge?
Ich probiere ein wenig wegzukommen, von diesem „bevorzugten“. Wenn man bevorzugte Schwünge hat, dann heisst das, dass man diese gerne anwendet. Als ich den eidgenössischen Kranz in Aarau machte (2007), gewann ich keinen einzigen Gang mit Kurz. Praktisch alle Siege errang ich mit Hüfter. Ausser einen, welchen ich am Boden mit Bodenarbeit gewann.

Etwas später schwang ich mehr in den Griffen. In den letzten Jahren habe ich viel Kurz gezogen und praktizierte auch den inneren Haken. Ich kreide mir das ein wenig an, und versuche nun vielseitiger zu schwingen. Den Kurz beherrsche ich, den habe ich lange geübt. Aber ich möchte auch andere Schwünge in den Griffen anwenden.
Als Jungschwinger lernt man die verschiedenen Schwünge, und diese sind im Hinterkopf irgendwo gespeichert. Es geht darum, diese abzurufen und auch anzuwenden.

Habt ihr Südwestschweizer Schwinger auch den Eindruck, dass es nun aufwärts geht, und sich dies in guten Ergebnissen (auch ausserhalb eures Teilverbandes) niederschlagen wird?
Wie ich mitbekommen habe, gibt es einige Schwinger, die mehr trainieren und mehr Zeit in den Schwingsport investieren. Die werden auch eher belohnt mit einem guten Ergebnis. Schwingen ist nach wie vor ein Amateursport, und viele machen es einfach aus purer Freude. Du wirst nie den ganzen Verband dazu bringen, so zu trainieren wie die Motiviertesten. Wie sich das entwickeln wird, und wie steil die Erfolgskurve sein wird, wird man dann an den Schwingfesten und den Resultaten sehen.
Man muss stets zuversichtlich sein und positiv denken. Ich bin überzeugt, dass der Südwestschweizer Verband in den letzten Jahren stärker wurde. Aber man darf nicht auf dem ausruhen, was man bisher erreicht hat. Wir sind noch auf dem unteren Teil der Erfolgstreppe. Da gibt es noch viel mehr zu erreichen. Ein Bergkranz ist schön, aber das ist noch kein Sieg an einem Bergkranzfest.

Was alles gibt es bis zum Eidgenössischen in Estavayer-le-Lac noch zu tun?
Wichtig ist jetzt einfach, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Den Weg gehen, den man eingeschlagen hat. Vor allem auch den Weg gehen, von dem man überzeugt ist. Sich nicht von links oder rechts dreinreden zu lassen. Weiter gibt es nichts anderes, als Schwingen und Schwingfeste zu bestreiten. Das ganze analysieren, wo gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten?

Wenn Estavayer vielleicht nicht den Erfolg bringen sollte, den sich viele erwünschen, ist dies erst als ein Meilenstein zum vorwärts kommen zu betrachten. Man darf sich jetzt nicht nur auf Estavayer fokussieren. In drei Jahren gibt es wieder ein Eidgenössisches. Aber Estavayer2016 ist natürlich etwas Schönes, und wir werden Gas geben. Es ist für uns Freiburger ein Heimfest, und so etwas werden wir Aktiven nie mehr erleben.

Was meinst du, von welchen Südwestschweizer Schwingern wird man diese Saison am meisten lesen?
Es werden sicher auch wieder diejenigen Schwinger sein, von welchen wir schon letzte Saison gesprochen haben. Es werden auch immer wieder mal Junge nachkommen, welche ihre ersten Kränze gewinnen werden.

Ist Benjamin Gapany der neue Leader beim Südwestschweizer Verband?
Wenn man den Leader auf den Schwinger mit den grössten Erfolgen reduziert, dann ist er klar der Leader. Aber ein Leader ist nicht nur der Schwinger mit den grössten Erfolgen. Ein Verband ist nur stark, wenn alle Schwinger mithelfen zu ziehen. Man spricht auch gerne von einem Zugpferd. Ich bin aber nicht der Meinung, dass es nur um ein Zugpferd geht. Es gibt mehrere davon, und schlussendlich sind alle ein Stück weit Zugpferde, um weiterzukommen. Das ist vergleichbar mit einem Sechser-Pferdegespann. Da ist nicht nur das vorderste Pferd ein Zugpferd. Wenn nur das vorderste ziehen würde, würde der Wagen nicht so schnell vorwärts kommen. Alle sechs Pferde müssen ziehen, damit es vorwärts geht. Beim Schwingen ist es gleich: Alle Schwinger müssen am gleichen Strang ziehen, und jeder muss ein Teil der Leader-Rolle übernehmen. Wir werden nur gemeinsam besser und stärker.

Wichtig ist auch, dass man den anderen den Erfolg gönnt. Es muss zudem eine Konkurrenz geben, auch innerhalb eines Verbandes. So kann man sich gegenseitig motivieren, noch besser zu werden. Wir gehen als Verband an ein auswärtiges Fest. Dort ist es wichtig, dass wir zusammen hingehen und auch Freude zeigen, wenn der andere den Kranz macht, ich selber aber vielleicht den Kranz nicht gewinne. Auch dies macht meines Erachtens den Leader aus.

Was wünscht du dir für 2016?
Ich wünsche mir, dass Estavayer2016 ein erfolgreiches Schwingfest wird. Und dass unser Verband dort ihre Ziele erreichen kann, welche sie sich gesteckt haben.

michael nydegger als glücklicher siegerMichael Nydegger als glücklicher Sieger
Bildquelle: schlussgang.ch

Zum Abschluss des zweiteiligen Beitrages bedanke ich mich bei Michael für das aufschlussreiche Gespräch und die interessanten Aussagen. Beim Interview habe ich gespürt, dass der Freiburger aus Oberschrot seinen Weg gefunden hat, sei es sportlich oder beruflich. Für diesen wünsche ich ihm alles Gute, viel Erfolg und vor allem gute Gesundheit.

feldwaldwiesenblogger

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