Nachgefragt bei Martin Grab, dem Schlussgangverlierer vom Zuger Kantonalen

Für einmal widme ich mich nicht dem glücklichen Sieger vom Zuger Kantonalen, Christian Schuler. Denn dies tat schon in aller Ausführlichkeit die Presse, Lokalradios und das Fernsehen. Zudem befasse ich mich mit Christian wieder bei meiner Serie „Christian Schuler’s Weg nach Estavayer“, beim dritten Teil während der laufenden Kranzfestsaison. In meinem heutigen Beitrag lasse ich Martin Grab, den Verlierer vom Schlussgang in Hünenberg See zu Wort kommen.


Der Schlussgang vom Zuger Kantonalen
Quelle: schlussgangfilmer.com

Wie man unschwer erkennen kann, gewann Schuler in der dritten Minute mit innerem Haken. Grab musste sich geschlagen geben und trat den Heimweg als fünfter der Schlussrangliste an. Der Rothenthurmer qualifizierte sich mit folgendem Notenblatt für den Schlussgang: Sieg beim Anschwingen gegen Franz Föhn. Im zweiten Gang musste der Muotathaler Guido Gwerder kapitulieren. Der dritte Gang gegen Reto Nötzli endete gestellt. Rainer Betschart hiess der Gegner im vierten Gang, welcher ebenfalls unter die Verlierer gereiht wurde. Die Schlussgang-Teilnahme sicherte sich der nun 119-fache Kranzgewinner mit einem Sieg gegen Christian Bieri.

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Martin Grab im Zweikampf mit seinem Klubkameraden Christian Schuler
Bildquelle: Rolf Eicher

Zuerst das positive: Herzliche Gratulation zum ersten Saisonkranz! Was ging dir nach dem verlorenen Schlussgang in Hünenberg See durch den Kopf?
Im ersten Moment war natürlich eine Enttäuschung da. Wenn man es bei diesem grossen Teilnehmerfeld in den Schlussgang schafft und die Chance auf den Sieg nicht packt, ist man hinterher schon enttäuscht.

Was genau passierte im Schlussgang? Wie beurteilst du den rückblickend?
Der Schlussgang lief so ab wie erwartet. Christian geht zu Beginn des Ganges jeweils immer sehr forsch ans Werk. Meine Taktik war es, möglichst lange mit ihm zu schwingen. Ich sah meine Chancen in der zweiten Ganghälfte. Als ich mit linkem Gammen angriff, konterte Schuler mit innerem Haken. Ich hätte eigentlich wissen müssen, dass das nicht funktioniert. Christian war am Sonntag wirklich ein schwerer Gegner.

Würdest du heute mit einer anderen Taktik den Schlussgang in Angriff nehmen?
Wie bei der vorherigen Frage angesprochen, war die Taktik schon richtig. Aber mit diesem Schwung darf ich nicht angreifen. Ich habe meine gewählte Taktik dabei nicht konsequent umgesetzt.

Worin meinst du, lagen die Stärken von Christian Schuler im Schlussgang?
Er legte in Hünenberg See einen sehr souveränen Auftritt an den Tag, in jedem Gang. Christian wusste genau, dass er mit mir sehr gut schwingen kann. Die guten Trainings gegen mich gaben ihm sehr viel Selbstvertrauen.

Was für ein Fazit ziehst du insgesamt für das erste Kranzfest der Saison?
Ich konnte eine sehr gute Leistung zeigen, und erreichte bei einem Teilnehmerfeld von etwa 180 Schwingern den Schlussgang. An zwei oder drei Punkten muss ich noch arbeiten, vor allem dass ich bei jedem Gang energisch den Sieg suche. Bei drei Gängen konnte ich eine konsequente Schwingweise anwenden und gewann jeweils beim ersten Zug. Bei zwei Kämpfen habe ich den Sieg nicht konsequent genug gesucht. Einer davon ist der gestellte Gang gegen Reto Nötzli.

Rechnetest du am Sonntagmorgen mit einer Schlussgangqualifikation?
Das ist eine schwierige Frage. Ich war nun bei den drei bisher bestrittenen Festen im Schlussgang. Am Sonntagmorgen habe ich nicht an einer Schlussgangqualifikation rumstudiert. Ich dachte wohl, dass es möglich sein könnte. Das primäre Ziel war, in jedem Gang eine gute Leistung zu bringen.

Hast du mit einem guten Gefühl am Sonntag geschwungen? Bist du zufrieden mit der langen Saisonvorbereitung?
Das gute Gefühl war bei beiden Vorbereitungsfesten da, vor allem beim Rapperswiler Verbandschwingfest in Wagen SG. Ich konnte nun dieses gute Gefühl mitnehmen an‘s Zuger Kantonale.
Bei der Vorbereitung lief ein grosser Teil gut ab. In den letzten Wochen musste ich zu meinen Adduktoren schauen. Die Probleme damit behindern mich aber nicht beim Schwingen. Am Sonntag überstreckte ich beim vierten Gang einen Arm und verspüre nun Schmerzen am Ellenbogen. Ich muss nun schauen, dass ich mich gut erhole und die kleinen Blessuren wegbringe. Damit ich weiterhin gut trainieren kann.

Bereiteten dir die garstigen Wetterbedingungen keine Mühe?
Nein, absolut nicht. Ich hatte das Gefühl, es war schon schlimmer. Ich hatte auch keine Mühe beim Greifen, was man hinterher von einigen Schwingern hörte. Wir Schwinger hatten auch gute Möglichkeiten, während dem Tag an die Wärme zu gehen.

Wie hast du dich auf dieses nass-kalte Wetter eingestellt? Wie hieltest du dich und deinen Körper warm?
Ich hatte mich vorgängig gut darauf eingestellt. Dabei gibt es nichts zu jammern. Die Zäheren kommen bei diesen Bedingungen obenauf. Eine positive Einstellung hilft denen, die nicht mit den äusseren Bedingungen hadern. Zudem sorgte der Organisator bestens dafür, dass wir uns in warmen Räumlichkeiten aufhalten konnten.

Wie geht es nun weiter? Welche Feste stehen bei dir als nächstes an?
Das nächste Kranzfest ist das Schwyzer Kantonale am 8. Mai in Schindellegi SZ. Dann folgt einen guten Monat später, am 12. Juni, der Stoos-Schwinget. Eventuell schiebe ich dazwischen einen Rangschwinget ein.

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Martin Grab voll des Sägemehls
Bildquelle: Rolf Eicher

Ich bedanke mich bei Martin Grab für seine ausführlichen Auskünfte gestern Montag. Für den weiteren Saisonverlauf wünsche ihm alles Gute und vor allem beste Gesundheit.

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Christian Schuler’s Weg nach Estavayer: Rückblick auf die Frühjahrsfeste und Vorschau auf die Kranzfeste (Teil 2)

Am 26. Februar startete ich eine vierteilige Serie mit Christian Schuler: Christian Schuler’s Weg nach Estavayer: Einblick ins Wintertraining (Teil 1). Dabei gewährte mir der erfolgreiche Sennenschwinger Einblick in sein hartes Wintertraining. Gut zwei Monate später, kurz vor Beginn der Kranzfeste, kontaktierte ich Christian Schuler wieder, und hielt mit ihm Rückblick auf die Frühjahrsfeste. Aber auch Vorschau, denn der Marketing-Fachmann bestreitet morgen Sonntag als Titelverteidiger das Zuger Kantonale in Hünenberg See.
Als Vorbereitung bestritt er zwei Vorbereitungsfeste, nämlich das Hallenschwinget Sarnen und den Frühjahrsschwinget in Pfäffikon SZ. In Sarnen belegte der dreifache Eidgenosse den sehr guten Rang 2a. Christian lief es in Pfäffikon SZ noch besser und er feierte mit fünf gewonnenen und einem gestellten Gang seinen ersten Saisonsieg.

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Christian Schuler nach seinem überzeugenden Sieg in Pfäffikon SZ
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Bist du fit und beschwerdefrei?
Ja, ich habe keine Beschwerden. Mir geht es sehr gut.

Was für eine Bilanz ziehst du nach den beiden Vorbereitungsfesten?
Ich ziehe eine positive Bilanz. Einige Sachen waren zwar noch nicht perfekt. Ich konnte bei den beiden Festen schon gegen sehr gute Gegner schwingen. Die Resultate besagen aber nicht allzu viel für die bevorstehenden Kranzfeste.

Welche Erkenntnisse nimmst du aus der Vorbereitung mit in die Kranzfestsaison?
Erkenntnisse entnimmt man gewöhnlich nach einer vergangenen Saison und plant dementsprechend die neue. Ich konnte im Winter gut trainieren, und habe zwei oder drei Dinge im Gegensatz zu anderen Jahren angepasst. Das Rad kann dabei niemand neu erfinden. Oberste Priorität hatte während dem Winter das Schwingtraining. Die beiden Feste sind gut gelaufen. Ich fahre nun weiter wie bisher.

Wie lief der Saisonstart im Vergleich mit anderen Jahren?
Im üblichen Rahmen. Ich konnte auch schon in den letzten Jahren Schwingfeste bei der Saisonvorbereitung gewinnen.

Woran arbeitest und trainierst du zurzeit am intensivsten?
Der wichtigste Bestandteil ist das Schwingen, und dass ich mich dabei technisch und taktisch weiterentwickle. Körperlich besteht Schwingen aus einem Mix von Kraft, Kondition, Beweglichkeit, Koordination und Schnelligkeit. An diesen Elementen arbeite ich intensiv.

Bist du zuversichtlich auf das morgen Sonntag stattfindende Zuger Kantonale? Liegt die Titelverteidigung drin?
Ich konnte das Zuger Kantonale die letzten drei Jahre gewinnen. Eine Titelverteidigung ist theoretisch möglich. Ich bin zudem fit und „zwäg“, wie andere Jahre auch. Wenn ich mein Potential abrufen kann, ist vieles möglich. Ich freue mich auf das erste Kranzfest der Saison. Es ist zudem eine weitere Standortbestimmung hinsichtlich Estavayer.

Welche Kranzfeste wirst du nach dem Zuger Kantonalen bestreiten?
Das sind das Baselstädtische am 5. Mai, das Schwyzer Kantonale am 8. Mai und das Luzerner Kantonale am 29. Mai.

Hast du dir Zielvorgaben gesteckt, zum Beispiel hinsichtlich Anzahl Kränze und Spitzenklassierungen?
Resultatmässig habe ich mir keine Ziele gesetzt. Ich möchte mit Freude schwingen und dabei mein Bestes geben. Ich versuche in jedem Gang mein möglichstes herauszuholen. Zudem will ich mir keinen Druck machen. Ich nehme es, wie es kommt und mache mir nicht zu grosse Gedanken.

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Christian Schuler bei sich zuhause
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Es fällt auf, dass die Schwinger vom Schwingklub Einsiedeln mit bereits vier Saisonsiegen und weiteren Spitzenklassierungen hervorragend in die Saison gestartet sind. Hast du eine Erklärung dafür, respektive hast du das so erwartet?
Erwarten kann man so etwas nicht. Martin Grab konnte während dem ganzen Winter gut trainieren. Er hat bei den beiden Siegen in Ibach SZ und in Wagen SG bewiesen, dass er immer noch super drauf ist und zu den Besten gehört. Adrian Steinauer hat sehr intensiv gearbeitet, was sich auch an den sehr guten Resultaten bemerkbar machte. Es herrscht ein gutes Klima beim Schwingklub Einsiedeln. Weil wir gemeinsam hart trainieren, spornen wir uns dadurch gegenseitig an. Das gibt auch den nötigen „Pfupf“ an den Schwingfesten. Es macht Freude, wenn man bei einem Schwingklub trainieren kann, wo es so gut läuft.

Wie viele Kränze liegen diese Saison für euren Schwingklub drin?
Das ist eine schwierige Frage. Es liegen einige Kränze drin. Wenn alle gesund bleiben, ist es möglich, dass wir an unserem Klubrekord kratzen. Dieser liegt irgendwo bei 25 Kränzen. Ich hoffe, dass es zudem Neukranzer geben wird. Zwei oder drei Nachwuchsleute haben sich etabliert, und sind bereit für den ersten Kranz.

Wie viele Schwinger vom Schwingklub Einsiedeln werden sich für Estavayer qualifizieren?
Beim letzten Eidgenössischen traten wir zu neunt an. Es wäre genial, wenn wir für Estavayer wieder diese Zahl erreichen könnten. Ich rechne mit sechs bis sieben Schwingern. Wenn alles optimal läuft, dürften es sogar mehr sein. Bei einigen Athleten ist es ein realistisches Ziel, bei anderen muss alles zusammenstimmen, um die Qualifikation fürs Eidgenössische zu schaffen.

Ich bedanke mich bei Christian Schuler für die Auskünfte, und dass er uns bereits zum zweiten Mal in der noch jungen Saison Einblick gewährte. Der 10-fache Kranzfestsieger ist bereit für die bevorstehende Kranzfestsaison. Aber nicht nur er: Der Schwingklub Einsiedeln und seine Spitzenleute dürfen erhobenen Hauptes an den bevorstehenden Festen antreten. Ohne ein grosser Prophet sein zu müssen, darf man jetzt schon behaupten, dass man vom Rothenthurmer und seinen Kollegen noch einige Male lesen und hören wird. Ich wünsche ihnen viel Erfolg und natürlich beste Gesundheit.
Teil 3 folgt während der laufenden Kranzfestsaison. Dabei werde ich mit Christian zusammen eine Zwischenbilanz ziehen.

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„Das hier oben ist meine Welt“ – Interview mit dem neuen Wetterschmöcker Roman Ulrich

Wie der Bote der Urschweiz am 9. April berichtete, sind die Muotathaler Wetterschmöcker wieder komplett. Die Lücke für den letztes Jahr verstorbenen Karl „Steinbockjäger“ Reichmuth konnte mit dem Muotathaler Roman Ulrich geschlossen werden. Roman ist 44jährig und von Beruf Landwirt. Er wohnt auf dem Bergli im oberen Bisisthal und bewirtschaftet dort auf rund 1100 Metern über Meer einen Bauernbetrieb. Die Hobbys des neuen Wetterschmöckers sind nebst dem Wetter die Musik. Genauer gesagt die Ländlermusik, von welcher der Bisisthaler jede Woche einmal eine Dosis braucht. Zu diesem Zweck fährt er an Feste mit Volksmusik. Im Winter ziehen ihn die urchigen Klänge in das Restaurant Fluhhof im Ried-Muotathal SZ oder nach Seedorf UR, wo jeweils am Mittwochabend Ländlermusik zu hören ist. Roman schwingt dabei auch gerne das Tanzbein.

Da der Bergbauer kürzlich zum Wetterschmöcker gewählt wurde und am Freitag, 29. April in Illgau SZ seine Feuertaufe erleben wird, fuhr ich mit einem Chratten voll Fragen ins „Bergli“ hoch. Am 29. April findet nämlich die Frühlingsversammlung der Wetterschmöcker in der Mehrzweckhalle Ilge in Illgau statt.
Roman traf ich dabei beim Melken der Kühe und dem Tränken der Kälber an. Dies hinderte ihn aber keineswegs, Rede und Antwort zu den verschiedenen Fragen zu stehen.

roman beim melken
Roman Ulrich beim Melken
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Wie lief das Wahlprozedere eigentlich ab?
Anfangs März fand im Restaurant Sigristenhaus in Illgau SZ ein sogenanntes „Casting“ statt. Wir waren insgesamt drei Kandidaten. Anwesend waren zudem die fünf Wetterpropheten, der Präsident Josef Bürgler und der Aktuar Thomas Horat. Diese Herren haben uns ausgefragt, und wir gaben ihnen über dies und das Auskunft. Später wurde ich bei einer Vorstandssitzung in einer geheimen Abstimmung gewählt.

Was waren deine Beweggründe, dich als neuen Wetterschmöcker zu bewerben?
Ich habe mich dafür nicht beworben. Ich wurde von Martin „Muser“ Holdener letzten Herbst, eine Woche vor der Herbstversammlung der Wetterschmöcker, angefragt, ob ich Interesse hätte. Ich habe ihm damals nicht gleich zugesagt. Ende November gab ich dann meine Zusage.

Was waren die Gründe für die Zusage?
Es ist etwas, das zu mir passt. Sie brauchen jemanden, welcher am Wetter interessiert ist und reden kann. Ich denke, ich werde in dieses Gremium reinpassen. Zudem bin ich nicht nur als Landwirt, sondern bei all meinen Jobs, welchen ich nachgehe, sehr wetterabhängig.

Wie haben dich die anderen fünf Wetterschmöcker als Jüngsten in ihrem erlauchten Kreis aufgenommen?
Seit dem „Casting“ habe ich nicht mehr alle Wetterschmöcker zusammen angetroffen. Kürzlich begegnete ich dem „Muser“, Karl „Naturmensch“ Hediger und dem Präsidenten Josef Bürgler. Ich denke, es wird „gigä“.

Hast du schon eine Ahnung, was dich als neuen Wetterschmöcker alles erwarten wird?
Ich habe das in groben Zügen mitbekommen. Das Wichtigste ist, dass ich die Sommerprognosen bis am Freitag, 22. April geschrieben und abgegeben habe. Weiter, was die Kommunikation unter den Propheten betrifft und dass die Leute gerne mit uns Wetterschmöckern über das Wetter reden möchten. Dann muss ich sicher viele Vorträge halten. Es gehören auch Medientermine dazu, bei welchen man den Medienschaffenden mit Worten und nicht mit dem Stock begegnen sollte (Roman lacht).

Welchen Übernamen wirst du als Wetterschmöcker bekommen?
Am kommenden Freitag, also eine Woche vor der Frühlingsversammlung, treffen wir uns zu einer Vorstandssitzung. Dort werden wir dieses Thema ansprechen. Denn es ist vorgesehen, dass ich, wie die anderen Wetterpropheten, auch einen Übernamen erhalten soll. Am 29. April wird man ihn in Illgau erfahren.

Hast du als Bergbauer und Bergbewohner einen besonders feinfühligen Draht zum Wetter?
Besonders feinfühlig vielleicht nicht grad. Ich interessierte mich schon immer für das Wetter. Ich meine, jeder, der draussen arbeitet, hat Interesse am Wetter. Auch die Sportler. Eigentlich kann man sagen, dass praktisch jeden das Wetter interessiert. Schon die Kindergärtler haben ein Auge auf’s Wetter, wenn es zum Beispiel regnet und sie in den Kindergarten müssen. Sicher, das Wetter interessiert nicht jeden im gleichen Masse. Als Bergbauer vom oberen Bisisthal muss ich vor allem die Schneefallgrenze im Auge behalten.

Wie wirst du deine Wetterprognosen künftig erstellen? Wirst du, wie deine anderen fünf Kollegen, auch irgendeine spezielle Methode entwickeln?
Bis jetzt habe ich mir da noch keine Gedanken gemacht, und habe auch nichts Spezielles im Kopf. Ich schaue dabei auf den Winter. So wie der war, wird vielleicht auch der Sommer. Einige Bauernregeln werde ich sicher auch zu Rate ziehen. Zudem gehört sicher auch etwas Bauchgefühl dazu. Ein älterer Herr vom Kanton Nidwalden schickte mir kürzlich ein dickes Buch mit Bauernregeln. Dieses Werk stammt aus dem Jahr 1973. Ich habe darin bereits ein paar Seiten gelesen.

Du bist Bergbauer auf dem „Bergli“ im oberen Bisisthal. Wie viele Tiere zählen zu deinem Betrieb?
Zu meinem Betrieb gehören 27 Stück Vieh. Das sind neun Kühe, sieben Rinder und elf Mastkälber. Zudem sieben Ziegen und acht Gitzi. Im Jahr 2004 wurde mein Vater 65-jährig und ich übernahm den Bauernbetrieb. 2007 baute ich den neuen Stall.

roman vor dem stall
Der neue Wetterschmöcker vor seinem Stall im „Bergli“
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Kannst du eigentlich als Bergbauer existieren?
Existieren kann man mit wenig. Es kommt immer darauf an, wie viel du ausgibst. Sehr viele Landwirte gehen noch einer zusätzlichen Tätigkeit nach. Denn die Milchproduzenten erhalten einen sehr schlechten Milchpreis. Mit der Kalbermast hat man es ein bisschen besser.

Gehst du noch einer anderen Tätigkeit nach?
Ja. Ich arbeite auf eigene Rechnung für die Genossame Muotathal, die Oberallmeindkorporation Schwyz, die Muota-/Starzlen-Wehrigenossenschaft und für Private. Zu meinen Tätigkeiten gehören Zäune erstellen, Unkraut und Stauden entfernen und Naturmauern instand stellen. Weiter verrichte ich auch Arbeiten an Häusern, wie zum Beispiel dem Erstellen einer neuen Fassade.
Im Frühling, Herbst und Winter gehe ich diesen Tätigkeiten nach. Im Sommer weniger, da habe ich genug Arbeit auf meinem Bauernbetrieb.

Wie war das Echo seit deiner Ernennung? Waren schon viele Leute zu Besuch bei dir?
Journalisten vom Bote der Urschweiz, Tele 1 und Tele 24 haben mich schon besucht. Die Leute wissen es und sprechen mich beim Ausgang natürlich darauf an. Denn sie mussten relativ lange auf einen neuen Wetterschmöcker warten. Einige meinten schon vor meiner Wahl: Ich soll doch Wetterprohet werden, da ich gut reden kann.
Ich denke, ich bin schon der Richtige. Sie wollten ja auch einen Muotathaler. Jetzt ist es sogar ein Bisisthaler, einer von nur noch 74 Bewohnern. Vor 30 Jahren waren wir hier oben noch mehr als 100 Einwohner.

Wird deine Agenda in Zukunft ein paar Termine mehr enthalten?
Ja, definitiv. Ich schätze, dass ich nach der Versammlung ziemlich gefragt sein werde, am Tag und am Abend. Für mich wäre es praktischer am Abend, vor allem im Sommer während der Heu-Saison. Zu den zusätzlichen Terminen werden Vorträge gehören. Vielleicht kommt auch mal eine grössere TV-Station oder eine andere Zeitung zu Besuch.

Was dürfen die Leute von dir an deiner ersten Wetterschmöcker-Versammlung erwarten?
Ich werde etwas über mein bisheriges Leben erzählen. Wie ich zum Wetterschmöcker wurde, und meine Prognose vortragen. Ich versuche dies möglichst kurzweilig und witzig zu gestalten. Dass die Leute eine gute Meinung von mir bekommen.

Weisst du schon, welche Witze du in Illgau zum Besten geben wirst?
Nein, welche Witze ich erzählen werde, weiss ich noch nicht. Zwei oder drei harmlose Witze habe ich im Kopf, welche man bringen könnte. Man muss ja nicht gleich mit den „Gröbsten“ beginnen.

Bist du schon ein wenig nervös auf die bevorstehende Feuertaufe?
Nein, nicht speziell. Ich rede ja sonst auch, und getraue mich im Ausgang mit jedem zu unterhalten.

Hast du die Prognosen für den Sommer schon erstellt? Verrätst du schon ein paar Details?
Zweimal Nein (Roman lacht). Es ist wie es ist, man erledigt die Dinge im letzten Moment. Ich werde aber nächstens an einem Abend meine Prognose niederschreiben. Der „Muser“ hat mich vor rund drei Wochen genau instruiert, wie man das macht. Was in der Prognose stehen soll, respektive wie die Punkteverteilung der Jury aussieht.
Übrigens: Die Leute haben es gerne, wenn die Wetterpropheten schöneres statt schlechteres Wetter prophezeien…

Was für einen Sommer wünscht du dir?
Natürlich einen schönen Sommer! Das wünscht sich wohl jeder. Ausser das EBS (Elektrizitätswerk des Bezirkes Schwyz), welches gerne viel Wasser hätte. Für mich heisst ein schöner Sommer, dass neben warmem Wetter auch genügend Regen fällt. Richtiges Wachswetter. Schön wären für uns Bauern mindestens drei schöne Tage hintereinander.

Roman wollte aus verständlichen Gründen seine Wetterprognosen noch nicht verraten. Nur so viel liess er verlauten: „Dieses Jahr ist ein bisschen besser als der langjährige Schnitt. Heisst, dass alles eine Woche früher als üblich ist.“ Und: „Der Monsun folgt dem höchsten Sonnenstand“ fügte der 44-Jährige noch schmunzelnd hinzu. Darauf angesprochen, was er damit meint, erklärte der Bisisthaler: „In gut einem Monat regnet es in Schwyz vorne eher als hier oben. Weil es im Talkessel wärmer ist, ist die Luft mit mehr Wasser gesättigt.“

Man spürt, dass der Bergbauer sich mit dem Wetter und der Natur auskennt. Er wird als neuer Wetterschmöcker definitiv kein Neuland betreten. Höchstens eine neue Plattform: Die Bühne, wo er künftig seine Wetterprognosen vortragen darf. Roman wohnt und arbeitet zudem gerne im Bisisthal. Lachend sagte er zum Abschied: „Das hier oben ist meine Welt.“

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Schwingklub Muotathal: Saisonvorschau mit René Schelbert

Am 6. April war ich zu Besuch im Schwingkeller vom Schwingklub Muotathal (SKM). Von 18.30 Uhr bis 20.00 Uhr war Training der Jungschwinger. Von 20.00 Uhr bis 22.00 Uhr trainierten die Aktiven. Gut zwei Wochen vor dem Start in die Kranzfestsaison wollte ich von René Schelbert (SKM-Präsident) wissen, wie es um die Muotathaler Schwinger steht. René leitete erst zusammen mit dem Aktiven Stefan Heinzer das Training der 16 anwesenden Jungschwinger, bevor er mir Auskunft gab.

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René Schelbert (links oben) leitet das Training der Jungschwinger
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

René, bist du zuversichtlich auf die bevorstehende Kranzfestsaison? Wagst du eine Prognose hinsichtlich der Anzahl Kränze für den SKM?
Ich bin zuversichtlich. Die Resultate bei den Frühjahrsschwingfesten stimmen mich positiv. Eine Prognose hinsichtlich Anzahl der Kränze ist schwierig. Aber es wäre schön, wenn wir die Zehner-Marke diese Saison knacken könnten. Dazu muss aber alles optimal laufen. Es stehen dieses Jahr harte Kranzfeste an, da es ums Eidgenössische geht. Aber es ist machbar. Es kommt auch darauf an, wie viele Kränze Ralf Schelbert macht.

Die Schwinger vom SKM sind, wie du erwähntest, bisher bei den Frühlingsfesten positiv aufgefallen. Einige Schwinger lieferten hervorragende Resultate ab. Wurde im Winter gut und intensiv trainiert?
Ja, es wurde gut und intensiv trainiert. So wie man sich das wünscht. Es ist auch optimal, da wir eine Gruppe haben, welche praktisch alle im gleichen Alter sind.
Anfangs Dezember wurde wieder mit dem Schwingtraining gestartet, vorerst einmal pro Woche. Nach Dreikönigen besuchten die Athleten zwei Schwingtrainings. Seither standen zudem sechs Kantonaltrainings und sechs Trainingszusammenzüge des Innerschweizerischen Schwingerverbandes (ISV) auf dem Programm. Die Kantonaltrainings dürfen alle Schwinger besuchen, die ISV-Trainings nur die Kranzschwinger. Diese Trainings wurden von unseren Schwingern rege besucht, was mich sehr freute.

Gab es Neuerungen oder Änderungen im Training?
Nein, es wurde im gleichen Rahmen trainiert wie bisher.

Wie sah ein Wochen-Training eines Aktiven während der Wintermonate aus? Wie sieht so ein Training nun während der Saison aus?
Wintermonate: Am Montag Krafttraining, Dienstag Turnen mit der Aktivriege vom KTV Muotathal, am Mittwoch und Freitag je ein Schwingtraining. Am Samstag stand nochmals ein Krafttraining auf dem Programm.
Während der Saison: Die Aktiven bestreiten drei bis vier Trainings, je nachdem ob am Wochenende ein Kranzfest bevorsteht. Das sind zwei Schwingtrainings, Turnen mit der Aktivriege und ein Krafttraining. Die Erholung ist dabei auch wichtig.

Gab es nebst den SKM-Trainern auch andere Trainer, welche Trainings leiteten?
Die beiden ehemaligen Spitzenschwinger Heinz Suter und Roland Gwerder waren nebst unseren derzeitigen Trainern dann und wann beim Wintertraining dabei.

Wurde auch ein Schwingkurs durchgeführt?
Im vergangenen Winter fand kein Schwingkurs statt.

Wie steht’s um den Gesundheits- und Fitness-Stand? Sind alle Aktive fit?
Die kleineren Blessuren, welche Ralf Schelbert, Guido Gwerder und Theo Blaser zu Beginn der Frühjahrsfeste an einer Teilnahme hinderten, sind inzwischen alle ausgeheilt. Zurzeit sind alle Aktiven fit und gesund.

Wie viele Aktive vom Schwingklub Muotathal wird man 2016 an Schwingfesten sehen? Wie viele Jungschwinger sind bereit für die Saison?
Das sind etwa 12 bis 15 Aktive und etwa 20 Jungschwinger.

aktive beim training
Intensives Training der Aktiven
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Wie beurteilst du eure Zahlen der Aktiven und Jungschwinger: Abnehmend, stagnierend oder zunehmend?
Die Zahlen sind am Stagnieren, eigentlich mehr oder weniger gleich. Zum Jungschwingen kann man folgendes sagen: Wir gingen diese Saison in die Offensive und versuchten etwas Neues. Dabei schrieben wir alle Erst- bis Sechstklässler von Muotathal, Ried und Illgau mit einem persönlichen Brief und einem Flyer an. In diesem Schreiben wurde auf den Trainingsbeginn hingewiesen. Wir schrieben dazu, dass es sich um Schnuppertrainings handelt. Der Erfolg war mässig, eine Zeitlang kamen ein paar zusätzliche Schüler ins Training. Der Grund für diese Aktion sind die Vorstandssitzungen des Schwyzer Kantonalen Schwingerverbandes. Dem Präsidenten Ivan Besmer liegt das Jungschwingerwesen sehr am Herzen und ist deshalb jeweils ein Traktandum. Dabei muss sich jeder Schwingklub rechtfertigen, was er für den Nachwuchs tut. Wir probieren nun etwas. Verlieren tun wir dabei nicht viel. Aber eben, genug Jungschwinger kann man eigentlich nie haben.
Für den Schwingklub Muotathal ist die Situation ein wenig anders, als für die anderen Schwingklubs vom Kanton. Bei uns sind die Distanzen relativ kurz, das Trainingslokal gleich inmitten der Gemeinde Muotathal. Zudem finden jährlich zwei Schwingfeste statt (Rangschwinget und der Jungschwingertag). Aus diesem Grund haben wir im Vergleich mit der Bevölkerungszahl mehr Jungschwinger als beispielsweise die Ausserschwyz.

An welchen Kranzfesten werden die Aktiven vom SKM antreten?
Sie werden beim Schwyzer und Zuger Kantonalen antreten. Drei Schwinger dürfen ans Urner Kantonale und sechs ans Emmentalische Gaufest in Summiswald reisen. Weiter können etwa neun Akteure beim Innerschweizerischen in Einsiedeln dabei sein. Zudem dürfen etwa je zwei Aktive bei den Bergkranzfesten auf dem Stoos, auf der Rigi und dem Brünig mittun. Eventuell kann einer unserer Schwinger auf dem Weissenstein schwingen.

Was braucht es für eine Selektion für das Eidgenössische in Estavayer-le-Lac?
Nach dem Innerschweizerischen werden 75 ISV-Athleten definitiv selektioniert. Fünf Plätze werden für noch nicht selektionierte Schwinger, die eventuell auf dem Rigi oder Brünig zuschlagen, offen gelassen. Weitere fünf Plätze will man für hoffnungsvolle Nachwuchsschwinger reservieren.

Was meinst du, wie viele Schwinger vom SKM werden sich für das ESAF qualifizieren?
Mein Wunsch wären fünf Schwinger. Wenn es gut läuft, ist dies durchaus realistisch und machbar.

Welche Feste sind die Höhepunkte der Aktiven und der Jungschwinger im Jahr 2016?
Nebst einer möglichen Teilnahme am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest stellen für unsere Aktiven die Bergfeste und das Emmentalische in Summiswald die Höhepunkte dar. Für die Jungschwinger sind dies der Muotathaler Nachwuchsschwingertag und der Schwyzer Kantonale Nachwuchsschwingertag.
Ein weiterer Höhepunkt für die Jungschwinger wäre auch das Innerschweizerische für die Nachwuchsschwinger, an welchem die Jahrgänge 1998, 1999 und 2000 teilnehmen dürften. Bei diesen drei Jahrgängen haben wir leider ein Loch. Wir haben von dieser Alterskategorie lediglich zwei Nachwuchsschwinger mit Jahrgang 1999. Es sieht leider im ganzen Kanton Schwyz so aus. Vor allem bei den Jahrgängen 1998, 2000 und 2001 fehlen die Nachwuchsleute.

René, herzlichen Dank für deine Zeit und die wie immer interessanten und wohl überlegten Aussagen. Ich wünsche den Aktiven und den Jungschwingern vom Schwingklub Muotathal eine unfallfreie und erfolgreiche Saison. Weiter, dass René’s Kranzprognose und sein Wunsch hinsichtlich Teilnehmerzahl fürs Eidgenössische in Erfüllung gehen.
Ich appelliere aber auch an das schwingbegeisterte Publikum, bei der Rekrutierung von Jungschwingern so weit als möglich behilflich zu sein. Die Zuschauerzahlen an den grossen Schwingfesten werden wohl auch dieses Jahr boomen. Bei gewissen Jungschwinger-Jahrgängen ist aber, wie von René vernommen, alles andere als ein Boom feststellbar.

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Interview mit dem zweifachen Schwingerkönig Ernst Schläpfer

Da ich betreffs Vorschau auf das ESAF2016 in Estavayer-le-Lac meinen Fokus auf die Südwestschweiz richte, interessieren mich auch die ehemaligen Eidgenössischen Schwing- und Älplerfeste in diesem Verbandsgebiet. Im April-Beitrag widme ich mich deshalb einem der Schlussgang-Akteure vom Eidgenössischen 1986 in Sion VS.

plakat sion 1986 (quelle sportalbum.ch)
Bildquelle: sportalbum.ch

Ende August sind es genau 30 Jahre her, dass Ernst Schläpfer und Harry Knüsel dort den Schlussgang bestritten. Deshalb reiste ich am 18. März nach Schaffhausen und traf mich im Berufsbildungszentrum des Kantons Schaffhausen (BBZ) mit dem zweifachen Schwingerkönig Ernst Schläpfer. Schläpfer, der 1980 in St. Gallen und 1983 in Langenthal den Titel eines Schwingerkönigs gewinnen konnte, ist Rektor der Schaffhauser Bildungsstätte.

Beim gut 90-minütigen Gespräch sprach ich Ernst Schläpfer auf das Eidgenössische 1986 in Sion an, was sich in seinen Augen in den letzten 30 Jahren im Schwingsport veränderte und welchen Bezug er heute zum Schwingen hat. Weiter wollte ich vom gebürtigen Wolfhaldener (Appenzeller) wissen, welchen Rat er einem erfolgreichen Jungschwinger mit auf den Weg geben würde und ob der Schwingsport den Balance-Akt zwischen Tradition und Moderne geschafft hat. Zudem interessierte mich Schläpfer’s Meinung zum Boom im Schwingsport ist und wer 2016 Schwingerkönig wird.

Schläpfer, einer der erfolgreichsten Schwinger aller Zeiten, ist immer noch der einzige, der alle Teilverbandsfeste mindestens einmal gewinnen konnte. Zudem war er der erste amtierende Schwingerkönig, welcher 1984 den Kilchberg-Schwinget ein Jahr nach dem Königstitel gewinnen konnte.

Ernst Schläpfer
Ernst Schläpfer in seinem Büro im BBZ
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Was für Gedanken oder Gefühle gehen dir durch den Kopf, wenn du an den 23./24. August 1986 zurückdenkst?
Es war wahrscheinlich gut, dass ich verloren habe. Sonst wäre ich vermutlich zurückgetreten, und hätte nicht mehr ein erfolgreiches und schönes 1987 erleben dürfen. Auf Grund der Saison, und der Vorkommnisse, die dort passiert sind, wäre es für mich ziemlich klar gewesen, nach dem erneuten Gewinn des Königstitels zurückzutreten.

Was mir in Erinnerung blieb, war die Enttäuschung beim siebten Gang. Leo Betschart wollte immer einmal Schwingerkönig werden. Und dann kommt er mit einer absolut unsportlichen Haltung in diesen siebten Gang rein. Leo sagte mir gerade ins Gesicht: „Ich werde nicht Schwingerkönig, aber du wirst es auch nicht mehr.“ Und schwang dann auch dementsprechend. Das war für mich nicht nachvollziehbar. Ich war einer, der den Erfolg nie überbewertet hat. Aber wenn ich eine Chance auf den Schlussgang sah, versuchte ich diese zu packen.
Was mir auch in Erinnerung blieb, war das garstige Wetter an den zwei Tagen. Je älter ich wurde, umso mehr Mühe bekundete ich bei Regen zu schwingen. Bis am Freitag war wunderschönes Wetter, am Montag übrigens auch wieder…

Was sagst du über deinen Schlussgang-Gegner vom Eidgenössischen 1986?
Ich finde den Harry einen ganz tollen Typ, und mochte ihm den Sieg auch gönnen. Ein Jahr vorher schwangen wir beide beim Allweg-Schwinget. Hinterher sassen wir mit ein paar Schwingern zusammen, und ich fand damals schon, dass er ein lässiger Mensch ist. Ich kann relativ gut zwischen sportlichem Gegner und Person trennen, und fand ihn immer sympathisch. Er hatte seine Chance und nahm sie wahr.

Wie sah deine Trainings-Vorbereitung auf das Eidgenössische in Sion aus?
Ich habe ganz seriös trainiert und gelebt. Ich absolvierte meine wöchentlichen drei Schwingtrainings. Als Student machte ich Kraft- und Intervall-Training. Insgesamt waren das regelmässig etwa sieben bis zehn Trainings pro Woche. Als Student war das nicht so eine Riesensache. Nebenbei habe ich an meiner Dissertation gearbeitet.

Was hat sich in deinen Augen während den letzten 30 Jahren im Schwingsport am meisten verändert?
Am meisten verändert hat sich, dass sich sehr viele Leute ums Schwingen kümmern und dreinreden. Solche, die es lieber sein lassen sollten, weil sie weder den Sport noch die Atmosphäre begriffen haben. Wir waren früher mit Stolz Schwinger. Heute werden die „Athleten“ für den nächsten Gang ausgerufen. Das sagt mir schon alles. Alle wollen sie nun Athleten sein. Sie machen Kraft- und Konditionstraining, und sitzen nicht mehr nach dem Training oder einem Schwingfest zusammen. Sie alle, zumindest die Spitze, werden von einem Konditionstrainer bis hin zu einem Mentaltrainer und möglichst noch von einem Werbeberater begleitet. Und die jungen Schwinger springen dem nach. Es ist nicht mehr der Freizeitsport, wie er entstanden ist. Nicht mehr das Vergnügen, was eben ein „Schwingfest“ ausmachte.
Ich hatte das schon während meiner Aktivzeit ein wenig erlebt. Ich denke, ich habe normal und anständig trainiert. Dann gab es Leute, die mir als 30-jährigem sagen wollten, wie man richtig Krafttraining macht. Ich sagte denen: Ich mache so weiter, wie ich es bis anhin gemacht habe.
Es gibt heute Schwinger, die wurden von ihrem Trainer und ihrem Manager kaputt gemacht. Anstatt, dass sie eine schwingerische Entwicklung gemacht haben, blieben sie stehen. Es muss aber letztendlich jeder wissen, wem er sich anvertraut.

Der Schwingsport ist nicht mehr gleich wie früher. Er kam in eine moderne Zeit hinein. Heute kommen etwa 50‘000 Zuschauer in eine Arena. Aber bereits schon am Eidgenössischen 1983 in Langenthal kamen etwa 40‘000 Zuschauer. Daneben gab es aber praktisch nichts. Alle, die hingingen, kamen wegen dem Schwingen, und nicht wegen dem Fest.
Technisch sind die Schwinger im ganz grossen Mittelmass heute schwächer geworden. Beim heutigen Zeitgeist, wo alles möglichst rasch ablaufen muss, wird die Nachwuchsarbeit immer schwieriger. Schwingen ist nämlich eine ganz schwere Sportart und braucht zum Erlernen sehr viel Disziplin.
Die Klubtreue und die Kameradschaft, wie wir sie kannten, gibt es heute nur noch in einem geringen Mass. Zudem sind die Verbände ein wenig abgedriftet, machen zentrale Trainings und nehmen die Schwinger aus den Klubs raus. Was in meinen Augen wenig bringt. Zwischendurch ein Traingslager ist sicher wertvoll. Aber wenn die Besten wöchentlich miteinander trainieren, macht dies den Verband nur schwach.

Wenn du nochmals am Anfang deiner Schwinger-Karriere stehen würdest, was würdest du anders machen?
Erstens ist das eine völlig hypothetische und surreale Frage, und zweitens wüsste ich es beim besten Willen nicht. Als 60-Jähriger muss man sich nämlich nicht mehr fragen, was man mit 25 Jahren falsch gemacht hat.
Ich habe beim Schwingsport alles erreicht, was man erreichen kann. Ich habe alle Teilverbandsfeste gewonnen, alle damals möglichen Bergfeste und wurde zweimal Schwingerkönig. So viel habe ich sicher nicht falsch gemacht.

Schlussgang in Sion
Ernst Schläpfer und Harry Knüsel treten in Sion (1986) zum Schlussgang an
Bildquelle: isv.ch

Welchen Bezug hast du heute zum Schwingsport?
Ich leite Trainings und gebe das Wissen, insbesondere das technische, gerne weiter. Dies habe ich früher schon immer mit Freude gemacht.
Für mich war Schwingen immer eine Lebensschule, bei welcher man mit Niederlagen oder Erfolgen umzugehen lernt. Diese Philosophie gebe ich gerne an die Jungen weiter.
Einmal pro Woche trainiere ich an einem Abend erst die Jungschwinger, anschliessend die Aktiven vom Schwingerverband Schaffhausen. Die Verbandsleitung hat mich schon früher angefragt, und seit ich wieder mehr Zeit habe, mache ich das. Ich mache es gerne, und es herrscht eine gute Atmosphäre. Es ist zwar nicht eine grosse Gruppe, aber sie harmoniert und die Schwinger haben Plausch daran. Letztes Jahr gewannen drei junge Schwinger den ersten Kranz.
Weiter besuche ich auch Schwingfeste. Und wenn mich jemand fragt, gebe ich auch mal einen Kurs.

Welchen Rat würdest du heute einem erfolgreichen Jungschwinger mit auf den Weg geben?
Als erstes würde ich ihm mit auf den Weg geben, dass man dem Sport und dem Schwingen wieder gebührend Platz im Leben gibt. Gebührend heisst, das man Jugendsünden machen darf, bis man 30- oder 35-jährig ist. Der Körper gibt dir etwas vor, und du sollst das geniessen. Du sollst daran Freude haben, und du lernst dabei, dich zu disziplinieren. Es gibt eine Struktur in dein Leben und du lernst dich auch durchzubeissen.
Beim Spitzensport ist höchstens 30 Prozent Talent, der Rest ist Arbeit, Wille und natürlich auch Glück im richtigen Moment.
Ich glaube, das sehen heute viele Junge nicht im gleichen Masse. Sie sind fasziniert von der Presse und den Leuten, die um sie herum schleichen. Die ihnen sagen, wie gut sie sind und was sie noch machen müssen. Dabei werden sie nur verwirrt. Sie müssen aber wissen, dass nach 15 oder 20 Jahren Schwingsport das Leben noch um viele Jahre weitergeht.

Der Schwingsport hat heutzutage quasi ein Balance-Akt zwischen Tradition und Moderne eingeschlagen. Was meinst du, ist das gelungen?
Nein, sie haben den Balance-Akt aus meiner Sicht nicht geschafft. Wenn man das Schwingen auf dauernd hätte positionieren wollen, hätte man dies anders tun müssen. Dabei müsste man mehr auf die Tradition setzen. Aber das sind strategische Gedanken, die man macht, und da habe ich klar eine andere Meinung als viele andere heute. Dass dies nicht gelungen ist, sieht man auch an der Anzahl der Jungschwinger. Man müsste nämlich möglichst viele Junge für diesen Sport begeistern. Alles andere zählt nicht, und ufert nur aus.
Ein Beispiel: Ein Vorteil des Schwingsportes ist, dass an einem Eidgenössischen gleich neben gleich sitzt. Der Herr Bundesrat sitzt neben einem Bauer, und beide reden miteinander. Heute errichten sie aber einen VIP-Bereich. Und alles das, was den Schwingsport stark gemacht hat, wird nun nach und nach aufgegeben. Das kann nicht die Zukunft dieses Sports sein.
Klar, es ist eine Gratwanderung. Aber ich glaube, der Verband ist nun auf eine Seite gefallen, wo es schwierig wird, wieder hinauf zu kommen. Aber vielleicht täusche ich mich ja. Ich glaube auch, dass Estavayer nicht ausverkauft sein wird.

Wieso boomt der Schwingsport?
Der Schwingsport hat geboomt, und zwar bis 2010. Der junge Kilian Wenger war am Eidgenössischen in Frauenfeld natürlich ein Glücksfall, wo er persönlich Jörg Abderhalden ablösen konnte. Jetzt geht es wieder bergab.

Wenn man die Zuschauerzahlen herannimmt, erkennt man noch einen Boom. Vielleicht noch ein paar Jahre. Aber: Du kannst ein Schwingfest nicht durchführen ohne eine grosse Zahl Aktiver und Jungschwinger. Es nützt nichts, wenn ein paar Leute mehr zuschauen kommen. Letztendlich retten sie nicht die Zukunft des Schwingsports.
Es kann nicht sein, dass der ESV sich damit brüstet, dass sie mehr Mitglieder haben. Das sind nämlich Passivmitglieder. Dass sie weniger Jungschwinger haben, erzählen sie gar nicht in der Öffentlichkeit. Das müsste eigentlich den Verantwortlichen Sorgen bereiten. Und wenn das Schwingen boomt, müsste man junge Leute dafür begeistern können, wie im Fussball. Bei anderen Sportarten wie dem Skifahren oder dem Handball sind die Aktivmitgliederbestände und die Junioren massiv zurückgegangen, bis sie nur noch halb so viele Mitglieder hatten. Beim Schwingsport sind wir nicht weit davon entfernt. Seit den Höchstständen sind heute mindestens 2000 lizenzierte Schwinger weniger vorhanden. Und das geht noch weiter zurück.

Ein gutes Beispiel ist auch der Schwägalp-Schwinget: Es sind immer mehr Zuschauer zu beobachten, aber die Qualität der Schwinger ist massiv eingebrochen. Die Qualitätseinbusse ist vor allem bei den einheimischen Schwingern zu beobachten. So gewannen die NOS-Schwinger 2015 gerade mal drei von 16 Kränzen. Irgendwann beginnt sich das zu rächen. Über Jahre versuchte der NOS, aber auch der ESV, nur zu verwalten. Sie tun es jetzt noch, und unternehmen nichts aktiv dagegen.
Wir sehen das auch beim Schaffhauser Schwingklub, ein starker Klub mit den ehemaligen Spitzenschwingern Thomi, Bürgler oder Leuba. Heute muss man froh sein, wenn 12 Aktive zum Training kommen. Bei einem kantonalen Schwingfest kommen vielleicht noch 18 einheimische Schwinger, wo früher mal 40 antraten. Die Zuschauer kann man noch mit Spitzenschwingern von einem anderen Kantonalverband, wie beispielsweise dem St. Galler Daniel Bösch, anlocken. Fehlen diese aber irgendwann auch an anderen Orten, werden die Zuschauerzahlen automatisch zurückgehen. Der Reiz für die Jungen wird dadurch immer kleiner.

Gibt es auch ab und zu Treffen mit anderen Schwingerkönigen?
Ich liess mich dazu überreden, mit drei anderen Schwingerkönigen 2013 in Burgdorf beim Umzug mitzumachen. Am diesjährigen Dreikönigstag spielte ich zusammen mit Nöldi Forrer und Kilian Wenger in der SRF-Quizshow „Top Secret“. Wir konnten dabei den gewonnenen Geldbetrag für einen guten Zweck spenden.
Es gibt ab und zu Einladungen für uns Schwingerkönige, zum Beispiel für ein Essen oder ein Ski-Weekend. Ich gehe eigentlich nie. Das war eine schöne Zeit gewesen als Schwingerkönig und ist für mich nun Vergangenheit.

Wirst du auf der Strasse immer noch als Schwingerkönig erkannt, und auch gelegentlich darauf angesprochen?
Ja, das kommt vor. Es gibt nicht so viele Schwingerkönige, und so kennen einem die Leute schon noch in der Szene. Dazu zwei Anekdoten:
Kürzlich war ich geschäftlich in einem Spital. Der Portier beim Empfang meinte, als ich meinen Namen nannte: „Wenn ich Schwingerhosen getragen hätte, hätte er mich als Berner dann schon erkannt!“
Kürzlich hat mich ein Bub in einem Trainingslager gefragt, ob ich immer noch schwinge. Ich entgegnete ihm ganz leise: „Ich bin 60 Jahre alt, und schwinge sicher nicht mehr. Was meinst denn du eigentlich?“

Wem traust du 2016 den Königstitel zu?
Zutrauen tue ich ihn einigen. Keine Ahnung, wie Matthias Sempach aus der Verletzung kommen wird. Aber Matthias ist einer der wenigen, die wirklich sehr gut schwingen können. Er schwingt vielseitig und ich traue ihm die Titelverteidigung ohne weiteres zu. Die Titelverteidigung ist nicht einfach. Denn der erste Titel ist einfacher, als der zweite. Der dritte wäre wahrscheinlich fast wieder einfacher als der zweite. Wenn man nicht einen findet, der stärker ist, dann wird es wieder Matthias. Was ich für den Schwingsport gut finden würde.
Übrigens, apropos stärker: Harry war in Sion nicht wirklich stärker gewesen als ich. Im zweiten Gang gewann ich gegen ihn. Am Schluss zog er die richtigen Lehren daraus, und ich nicht. So gesehen ist das in Ordnung.

Es gibt noch andere, die in Estavayer vorne mitmischen können. Zum Beispiel Andreas Ulrich. Ich glaube aber, dass er zu klein ist. Er würde dazu eine gehörige Portion Wettkampfglück benötigen. Bei den Jungen Joel Wicki. Er schwingt auf eine wahnsinnige Art und Weise und erinnert mich an Nöldi Forrer in jungen Jahren. Mit einem gewaltigen Zupf und gnadenlos durch. Das kann gut gehen, je nach Einteilung. Wenn es ein Ostschweizer machen täte, wäre es nur Sämi Giger. Niemand anders. Bei den anderen Verbänden sehe ich keinen.

Vermutlich wird irgendeiner von den Bernern Schwingerkönig. Christian Stucki ist sicher einer, Kilian Wenger kann man auch nicht ganz ausschliessen. Es würde mich letztendlich erstaunen, wenn es nicht ein Berner wäre. Ich hätte Freude, wenn es einer aus dem Trio Sempach, Wenger oder Stucki wäre. Man muss natürlich die Saison abwarten. Wenn Sempach gleich schwingt wie 2014, als er den Kilchberg-Schwinget gewann, ist er ganz sicher wieder haushoher Favorit. Es ist aber sehr schwierig zu sagen nach so einer langen Verletzungspause. Da kommt man meist ziemlich verunsichert zurück.

Ernst Schläpfer beim Training mit Jungschwingern
Ernst Schläpfer erteilt einen Kurs bei den Aargauern Jungschwingern
Bildquelle: schlussgang.ch

Ich bedanke mich bei Ernst Schläpfer für seine Zeit und die sehr interessanten sowie fundierten Überlegungen zum Schwingsport. Der schwingkundige Mann kennt diesen Sport und das Drumherum wie kein Zweiter. Es wäre schade, wenn die von Schläpfer angesprochenen Befürchtungen eintreffen würden. Man kann nur hoffen, dass die Verantwortlichen Sorge tragen zu unserem Nationalsport und die Zukunft wohl überlegt angehen.

feldwaldwiesenblogger

Sieben Fragen an Marcel Perren, den Schwing-Reporter vom BLICK

Dass mein Blogbeitrag „BLICK sichert sich „Online-Bewegtbildrechte“ an Schwingfesten – Was bedeutet dies zum Beispiel für den „Schlussgangfilmer“?“ in Schwingerkreisen ziemlich hohe Wellen schlagen würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Darin kritisierte ich unter anderem auch Marcel Perren, den zuständigen Schwing-Reporter vom BLICK. Dieser meldete sich telefonisch noch gleichentags bei mir. Natürlich war Perren ob meiner Zeilen nicht erfreut. Am Schluss unseres Gespräches einigten wir uns darauf, dass ich ihm sieben Fragen zustellen werde, und er seine Sicht der Dinge darstellen darf. Im Sinne der Fairness, wie beim Schwingsport üblich.
Nachfolgend die Antworten von Marcel Perren, welcher beim BLICK nebst dem Schwingen auch für den Skisport zuständig ist.

marcel perren
Marcel Perren, Schwing-Reporter beim BLICK
Bildquelle: blick.ch

Wie erklären Sie sich, dass zahlreiche Schwingfans Ihre Berichte über den Schwingsport nicht seriös und fair finden?
Ihr Schwingerblog auf Facebook hat knapp 1000 Freunde. Aufgrund dieser geringen Anzahl von Schwingerfreunden auf ihrem Portal werden Sie kaum seriös beurteilen können, ob ein grosser Teil der Fans meine Berichte seriös und fair findet, oder eben nicht.
Fakt ist: Ich persönlich habe in den letzten Jahren deutlich mehr positive als negative Feedbacks für meine Berichterstattung am Sägemehlring erhalten. Und nach den jüngsten Angriffen auf ihrem Blog hat mir nicht zuletzt Schwingerkönig Matthias Sempach per SMS versichert, dass die meisten Schwinger hinter mir stehen. Ein ähnliches Feedback habe ich von den Gebrüdern Laimbacher, Nöldi Forrer und Christoph Bieri erhalten.

Sie haben beispielsweise über Kilian Wenger und Daniel Bösch ziemlich harte und in vielen Augen unfaire BLICK-Beiträge geschrieben. Haben Sie im Sinne der Fairness vorher mit diesen beiden Schwingern darüber gesprochen?
Diese Frage stellt mir ausgerechnet ein „Journalist“, der in seinem Blog Dinge über mich behauptete, ohne dass er zuvor mit mir auch nur ein einziges Wort gesprochen hat…
Aber ich kann ihre Frage mit Ja beantworten. Bevor ich im Sommer 2012 die Geschichte mit der Schlagzeile „Kilian Wenger ist der schlechteste Schwingerkönig seit 15 Jahren“ abgedruckt habe, wurde der Artikel von Kilian und seinem Manager Beni Knecht gegengelesen. Die Statistik hat diese Schlagzeile ja auch untermauert, Kilian hatte zu diesem Zeitpunkt deutlich weniger Kranzfestsiege auf seinem Konto, als seine Vorgänger Jörg Abderhalden, Nöldi Forrer und Thomas Sutter in ihren ersten beiden Jahren als Kronenträger herausgeschwungen haben.
Zum Fall Bösch: Mir ist bewusst, dass er meine Berichterstattung als unfair taxiert. Nach seinem Sieg im letzten Sommer auf der Schwägalp hat er uns auch ein Interview verweigert. Das ist sein gutes Recht, unfair behandelt habe ich aber den Daniel nie. Aber Bösch ist böse auf mich, seit ich nach dem St. Galler-Kantonalen 2013 im BLICK die Tatsache thematisiert habe, dass mit dem Käsermeister Martin Kurmann ausgerechnet einer von Böschs damaligen Sponsoren Chef in der Einteilung war, und das dadurch ein latenter Interessenskonflikt da war. Natürlich hat Bösch auch keine Freude daran, dass ich in vielen von meinen Artikeln darauf hingewiesen habe, dass er abseits der Nordostschweiz seit seinem Unspunnen-Sieg 2011 keine grossen Stricke verreissen konnte. Aber auch dies entspricht ja der Wahrheit, Bösch hat seine 17 Kranzfestsiege ausschliesslich im NOS-Verband erkämpft. Ich möchte aber auch daran erinnern, dass ich Bösch nach dem von einigen Skandal-Urteilen geprägten letzten Nordwestschweizerischen im BLICK gemeinsam mit Philipp Laimbacher als moralischen Sieger gefeiert habe.

Haben Sie das Gefühl, dass die von Ihnen formulierten Kraftausdrücke wie beispielsweise dem „Atom-Kurz“ beim breiten Schwingerpublikum gut ankommen?
Es ist ja ganz klar, dass ich mit meinen Formulierungen, meiner Stimme und meinem äusseren Erscheinungsbild nicht jeden Geschmack treffen kann. Aber ich werde mich sicher von keinem Kritiker verbiegen lassen. Darum werde ich auch in Zukunft von einem „Atom-Kurz“ reden, wenn ein „Churz“ fast so viel Sägemehlstaub aufwirbelt wie eine Atombombe… Im Übrigen hat sich ja auch die Sprache der Schwinger der Zeit angepasst. So haben sich Mario und Guido Thürig beispielsweise auf ihrer Homepage nicht als „Gebrüder Thürig“ sondern als „Thürig-Brothers“ vorgestellt. Nach „Brothers“ sucht man im klassischen Duden der Eidgenossen wohl genauso vergeblich wie nach meinem Atom-Kurz, einverstanden?

Steckt in Ihrem Rücken eine Redaktion, die Sie dazu treibt, reisserische Artikel über den Schwingsport zu schreiben?
Ich habe die Regeln des Boulevards nicht erfunden, der BLICK packt seit 1959 jeden Tag erfolgreich die grossen Buchstaben und die unmissverständlichen Schlagzeilen aus. Wir stimmen in der Stunde eines Triumphes die überschwänglichsten Loblieder an, nach Niederlagen wird ein Champion von uns aber bissiger und kritischer bewertet als von den anderen Medien. Wenn ein Shaqiri oder ein Janka komplett versagt haben, bringen wir das auch in aller Deutlichkeit so zu Papier. Warum sollten wir die Schwingerkönige Sempach, Forrer oder Wenger anders anpacken als einen Fussball-Nationalspieler oder einen Ski-Helden?
Top-Schwinger bezeichnen sich heute ja selber als Leistungssportler und verdienen ja auch gutes Geld.

Viele Klubs und in mindestens drei Teilverbänden sind Probleme betreffs der Jungschwinger-Zahlen zu beobachten. Von einem Boom kann da überhaupt nicht gesprochen werden, höchstens bei den grössten Schwingfesten. Wieso schreiben Sie trotzdem in Ihren Beiträgen, dass der Schwingsport so dermassen boomt?
Es ist definitiv so, dass der Schwingsport heute in der Stadt viel mehr Interesse geniesst. Aber dass sich der Boom auf der Zuschauertribüne nicht unbedingt positiv auf die Zahl der Aktiven auswirken muss, belegt ja auch der Alpine Skisport. Zu den Weltcuprennen nach Adelboden und Wengen pilgern heute auch viel mehr Zuschauer als in den 80iger und 90iger Jahren – trotzdem gibt es in der Schweiz weniger Skifahrer als damals. Das ist meiner Meinung nach auf ein gesellschaftliches Problem zurück zu führen. Früher gab es für Kinder bei der Gestaltung ihrer Freizeit kaum Alternativen zum Sport. Doch seit jeder Haushalt mit einem Computer und Internetanschluss bestückt ist, kann ein Kind auch aus dem Lehnstuhl heraus sehr viel Spass haben.

Seit wann Sind Sie beim BLICK zuständig für den Schwingsport, und wie kam es dazu?
Ich bin seit dem Unspunnen-Schwinget 2006 regelmässig als Schwingreporter im Einsatz. Im Winter berichte ich für den BLICK über den Ski-Weltcup der Männer. Weil ich in St. Stephan im Obersimmental in einer Bauern- und Jodlerfamilie aufgewachsen bin, habe ich schon als kleines Kind Schwingfeste besucht. Mein Vater hat im Sommer unterhalb vom Rellerli eine Alp bewirtschaftet, darum habe ich in den 80iger Jahren regelmässig den Rellerli-Schwinget besucht. Und als Harry Knüsel 1986 in Sion Schwingerkönig wurde, habe ich bittere Tränen vergossen. Grund: Mein Idol war Titelverteidiger Ernst Schläpfer. Heute steht mir Knüsel wesentlich näher als der Schläpfer…

Was genau beinhaltet der Deal des BLICKS mit dem ESV betreffs der „Online-Bewegtbildrechte“ an Schwingfesten?
Die Blick-Gruppe unterstützt den Eidgenössischen Schwingerverband und hat sich für einen stolzen Betrag die Rechte für die Online-Berichterstattung gesichert. Wir sind also keine Trittbrettfahrer mehr, sondern haben eine klare Vereinbarung. Mit einem Verband, der richtigerweise gegen den aufkommenden medialen Wildwuchs auf den Schwingplätzen ankämpfen will. Mit dem Schlussgangfilmer wird es ganz sicher ein geordnetes „Nebeneinander“ geben. Entsprechende Kontakte fanden bereits statt. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass Jakob bei einigen Bergfesten für uns filmen wird.

Ich bedanke mich bei Marcel Perren für seine Antworten. Das war ich ihm nach meinem Blogbeitrag vom 24. März als fairer Sportsmann einfach schuldig.

feldwaldwiesenblogger

Historisches vom Schwingsport: Der „Fall Knüsel“

Am vergangenen 8. Dezember, als ich zum ersten Mal das Archiv des Eidgenössischen Schwingerverbandes besuchte, fielen mir auch die verschiedenen „Fälle“ auf. Im Blogbeitrag vom 21. Dezember 2015, „Gespräch mit Albrecht Siegenthaler, dem Archivar des Eidgenössischen Schwingerverbandes“, schrieb ich dazu: „Weiter sind auch Dokumente unter „Streit- und Disziplinarfälle“ archiviert. Laut Siegenthaler waren einige Schwingerkönige mit solchen Fällen konfrontiert. In den Unterlagen sind beispielsweise der Fall der Gebrüder Roth, der Fall Vogt, der Fall Hunsperger, der Fall Schläpfer oder der Fall Knüsel abgelegt.“

Archivschachtel 122, Mappe 5-11
Als Innerschweizer stach mir gleich der „Fall Knüsel“ ins Auge. Dieser ist in der Archivschachtel 122, Mappe 5-11, gut dokumentiert abgelegt.

Ein Jahr nach Harry Knüsel‘s Schwingerkönig-Titel (Sion, 1986) wurde eine Schwingerreise in die USA angekündigt: „Mit den Schwingern in die USA“. Der Werbetext erschien auf dem Titelbild des „Gelben Heft“. Dabei handelte es sich um eine Leserreise.

Knüsel informierte sich beim Schwingerkönig von 1977, Noldi Ehrensberger, welcher auch mit von der Partie war, „über ein regelkonformes Vorgehen“. Ehrensberger wiederum sprach beim ESV-Obmann Otto Brändli vor. Wie mir Albrecht Siegenthaler anvertraute, war der damalige ESV-Obmann eine geachtete Persönlichkeit in Schwingerkreisen.
Eben dieser Brändli liess verlauten, dass Fotos von Noldi und Harry im Reiseprospekt „nicht statthaft“ seien. Er führte weiter aus: „Publikation in der Schwingerzeitung wird nicht bewilligt, weil es eine Werbung darstellt.“ Sonst schien soweit alles in Ordnung zu sein. Denn Otto Brändli gab seine Zusage für eine Veröffentlichung im „Gelben Heft“.

Es kam zu einem Fototermin. Harry Knüsel fragte dabei auf der Flugzeugtreppe: „Ist dieses Vorgehen gestattet?“ Und: „Muss mit keinen Schwierigkeiten gerechnet werden?“ – Niemand entgegnete.

Doch es kam anders. Der Zentralvorstand (ZV) des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV) befasste sich „pflichtgemäss“ mit der „Werbung für die kommende Schwingerreise“. Der ZV fällte einen Beschluss. Otto Brändli und seine Mannen trafen Massnahmen und waren der Meinung, dass es sich dabei um ein angemessenes „Urteil“ handelte.

Die Reise an und für sich war zu keinem Zeitpunkt ein Thema. Vielmehr ging es einzig und allein darum, dass mit Aktivschwingern keine Werbung betrieben werden dürfe. Auf der Titelseite des „Gelben Heftes“ wurde ein „werbeträchtiges“ Bild mit den beiden Schwingerkönigen Knüsel und Ehrensberger im Wettkampftenü veröffentlicht. Die beiden wurden an einer ausserordentlichen ZV-Sitzung angehört und gestanden ein, dass ihre Gutgläubigkeit missbraucht wurde. Sie standen zudem zu den begangenen „Fehlern“ und waren bereit angemessene Massnahmen zu tragen.

Die Massnahmen respektive Sanktionen betrafen laut diesem Schreiben nur Knüsel. Der bisher einzige Innerschweizer Schwingerkönig durfte im Jahr 1987 an keinem Schwingfest ausserhalb des Innerschweizerischen Verbandsgebietes teilnehmen. Weiter war es ihm auch untersagt, am Brünigschwinget teilzunehmen. Von dieser „Strafe“ oder Regelung, wie es der ESV nennt, war nur der Unspunnenschwinget ausgenommen. Heinrich Knüsel stand immerhin ein Rekursrecht zu.

Der amtierende Schwingerkönig rekurrierte aber nicht dagegen.
Apropos Unspunnenschwinget 1987: Knüsel hat damals beim ersten Gang, so quasi als Wiederholung des Schlussganges vom Eidgenössischen in Sion, Ernst Schläpfer grad nochmals besiegt. Vermutlich hatte der Innerschweizer wegen dieser „Werbe-Geschichte“ eine zünftige Wut im Bauch…

Ich bedanke mich bei Albrecht Siegenthaler für sein Entgegenkommen und seine unkomplizierte Art, welches mir Recherchen von Geschichtlichem übers Schwingen erlaubt.

feldwaldwiesenblogger