„Das hier oben ist meine Welt“ – Interview mit dem neuen Wetterschmöcker Roman Ulrich

Wie der Bote der Urschweiz am 9. April berichtete, sind die Muotathaler Wetterschmöcker wieder komplett. Die Lücke für den letztes Jahr verstorbenen Karl „Steinbockjäger“ Reichmuth konnte mit dem Muotathaler Roman Ulrich geschlossen werden. Roman ist 44jährig und von Beruf Landwirt. Er wohnt auf dem Bergli im oberen Bisisthal und bewirtschaftet dort auf rund 1100 Metern über Meer einen Bauernbetrieb. Die Hobbys des neuen Wetterschmöckers sind nebst dem Wetter die Musik. Genauer gesagt die Ländlermusik, von welcher der Bisisthaler jede Woche einmal eine Dosis braucht. Zu diesem Zweck fährt er an Feste mit Volksmusik. Im Winter ziehen ihn die urchigen Klänge in das Restaurant Fluhhof im Ried-Muotathal SZ oder nach Seedorf UR, wo jeweils am Mittwochabend Ländlermusik zu hören ist. Roman schwingt dabei auch gerne das Tanzbein.

Da der Bergbauer kürzlich zum Wetterschmöcker gewählt wurde und am Freitag, 29. April in Illgau SZ seine Feuertaufe erleben wird, fuhr ich mit einem Chratten voll Fragen ins „Bergli“ hoch. Am 29. April findet nämlich die Frühlingsversammlung der Wetterschmöcker in der Mehrzweckhalle Ilge in Illgau statt.
Roman traf ich dabei beim Melken der Kühe und dem Tränken der Kälber an. Dies hinderte ihn aber keineswegs, Rede und Antwort zu den verschiedenen Fragen zu stehen.

roman beim melken
Roman Ulrich beim Melken
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Wie lief das Wahlprozedere eigentlich ab?
Anfangs März fand im Restaurant Sigristenhaus in Illgau SZ ein sogenanntes „Casting“ statt. Wir waren insgesamt drei Kandidaten. Anwesend waren zudem die fünf Wetterpropheten, der Präsident Josef Bürgler und der Aktuar Thomas Horat. Diese Herren haben uns ausgefragt, und wir gaben ihnen über dies und das Auskunft. Später wurde ich bei einer Vorstandssitzung in einer geheimen Abstimmung gewählt.

Was waren deine Beweggründe, dich als neuen Wetterschmöcker zu bewerben?
Ich habe mich dafür nicht beworben. Ich wurde von Martin „Muser“ Holdener letzten Herbst, eine Woche vor der Herbstversammlung der Wetterschmöcker, angefragt, ob ich Interesse hätte. Ich habe ihm damals nicht gleich zugesagt. Ende November gab ich dann meine Zusage.

Was waren die Gründe für die Zusage?
Es ist etwas, das zu mir passt. Sie brauchen jemanden, welcher am Wetter interessiert ist und reden kann. Ich denke, ich werde in dieses Gremium reinpassen. Zudem bin ich nicht nur als Landwirt, sondern bei all meinen Jobs, welchen ich nachgehe, sehr wetterabhängig.

Wie haben dich die anderen fünf Wetterschmöcker als Jüngsten in ihrem erlauchten Kreis aufgenommen?
Seit dem „Casting“ habe ich nicht mehr alle Wetterschmöcker zusammen angetroffen. Kürzlich begegnete ich dem „Muser“, Karl „Naturmensch“ Hediger und dem Präsidenten Josef Bürgler. Ich denke, es wird „gigä“.

Hast du schon eine Ahnung, was dich als neuen Wetterschmöcker alles erwarten wird?
Ich habe das in groben Zügen mitbekommen. Das Wichtigste ist, dass ich die Sommerprognosen bis am Freitag, 22. April geschrieben und abgegeben habe. Weiter, was die Kommunikation unter den Propheten betrifft und dass die Leute gerne mit uns Wetterschmöckern über das Wetter reden möchten. Dann muss ich sicher viele Vorträge halten. Es gehören auch Medientermine dazu, bei welchen man den Medienschaffenden mit Worten und nicht mit dem Stock begegnen sollte (Roman lacht).

Welchen Übernamen wirst du als Wetterschmöcker bekommen?
Am kommenden Freitag, also eine Woche vor der Frühlingsversammlung, treffen wir uns zu einer Vorstandssitzung. Dort werden wir dieses Thema ansprechen. Denn es ist vorgesehen, dass ich, wie die anderen Wetterpropheten, auch einen Übernamen erhalten soll. Am 29. April wird man ihn in Illgau erfahren.

Hast du als Bergbauer und Bergbewohner einen besonders feinfühligen Draht zum Wetter?
Besonders feinfühlig vielleicht nicht grad. Ich interessierte mich schon immer für das Wetter. Ich meine, jeder, der draussen arbeitet, hat Interesse am Wetter. Auch die Sportler. Eigentlich kann man sagen, dass praktisch jeden das Wetter interessiert. Schon die Kindergärtler haben ein Auge auf’s Wetter, wenn es zum Beispiel regnet und sie in den Kindergarten müssen. Sicher, das Wetter interessiert nicht jeden im gleichen Masse. Als Bergbauer vom oberen Bisisthal muss ich vor allem die Schneefallgrenze im Auge behalten.

Wie wirst du deine Wetterprognosen künftig erstellen? Wirst du, wie deine anderen fünf Kollegen, auch irgendeine spezielle Methode entwickeln?
Bis jetzt habe ich mir da noch keine Gedanken gemacht, und habe auch nichts Spezielles im Kopf. Ich schaue dabei auf den Winter. So wie der war, wird vielleicht auch der Sommer. Einige Bauernregeln werde ich sicher auch zu Rate ziehen. Zudem gehört sicher auch etwas Bauchgefühl dazu. Ein älterer Herr vom Kanton Nidwalden schickte mir kürzlich ein dickes Buch mit Bauernregeln. Dieses Werk stammt aus dem Jahr 1973. Ich habe darin bereits ein paar Seiten gelesen.

Du bist Bergbauer auf dem „Bergli“ im oberen Bisisthal. Wie viele Tiere zählen zu deinem Betrieb?
Zu meinem Betrieb gehören 27 Stück Vieh. Das sind neun Kühe, sieben Rinder und elf Mastkälber. Zudem sieben Ziegen und acht Gitzi. Im Jahr 2004 wurde mein Vater 65-jährig und ich übernahm den Bauernbetrieb. 2007 baute ich den neuen Stall.

roman vor dem stall
Der neue Wetterschmöcker vor seinem Stall im „Bergli“
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Kannst du eigentlich als Bergbauer existieren?
Existieren kann man mit wenig. Es kommt immer darauf an, wie viel du ausgibst. Sehr viele Landwirte gehen noch einer zusätzlichen Tätigkeit nach. Denn die Milchproduzenten erhalten einen sehr schlechten Milchpreis. Mit der Kalbermast hat man es ein bisschen besser.

Gehst du noch einer anderen Tätigkeit nach?
Ja. Ich arbeite auf eigene Rechnung für die Genossame Muotathal, die Oberallmeindkorporation Schwyz, die Muota-/Starzlen-Wehrigenossenschaft und für Private. Zu meinen Tätigkeiten gehören Zäune erstellen, Unkraut und Stauden entfernen und Naturmauern instand stellen. Weiter verrichte ich auch Arbeiten an Häusern, wie zum Beispiel dem Erstellen einer neuen Fassade.
Im Frühling, Herbst und Winter gehe ich diesen Tätigkeiten nach. Im Sommer weniger, da habe ich genug Arbeit auf meinem Bauernbetrieb.

Wie war das Echo seit deiner Ernennung? Waren schon viele Leute zu Besuch bei dir?
Journalisten vom Bote der Urschweiz, Tele 1 und Tele 24 haben mich schon besucht. Die Leute wissen es und sprechen mich beim Ausgang natürlich darauf an. Denn sie mussten relativ lange auf einen neuen Wetterschmöcker warten. Einige meinten schon vor meiner Wahl: Ich soll doch Wetterprohet werden, da ich gut reden kann.
Ich denke, ich bin schon der Richtige. Sie wollten ja auch einen Muotathaler. Jetzt ist es sogar ein Bisisthaler, einer von nur noch 74 Bewohnern. Vor 30 Jahren waren wir hier oben noch mehr als 100 Einwohner.

Wird deine Agenda in Zukunft ein paar Termine mehr enthalten?
Ja, definitiv. Ich schätze, dass ich nach der Versammlung ziemlich gefragt sein werde, am Tag und am Abend. Für mich wäre es praktischer am Abend, vor allem im Sommer während der Heu-Saison. Zu den zusätzlichen Terminen werden Vorträge gehören. Vielleicht kommt auch mal eine grössere TV-Station oder eine andere Zeitung zu Besuch.

Was dürfen die Leute von dir an deiner ersten Wetterschmöcker-Versammlung erwarten?
Ich werde etwas über mein bisheriges Leben erzählen. Wie ich zum Wetterschmöcker wurde, und meine Prognose vortragen. Ich versuche dies möglichst kurzweilig und witzig zu gestalten. Dass die Leute eine gute Meinung von mir bekommen.

Weisst du schon, welche Witze du in Illgau zum Besten geben wirst?
Nein, welche Witze ich erzählen werde, weiss ich noch nicht. Zwei oder drei harmlose Witze habe ich im Kopf, welche man bringen könnte. Man muss ja nicht gleich mit den „Gröbsten“ beginnen.

Bist du schon ein wenig nervös auf die bevorstehende Feuertaufe?
Nein, nicht speziell. Ich rede ja sonst auch, und getraue mich im Ausgang mit jedem zu unterhalten.

Hast du die Prognosen für den Sommer schon erstellt? Verrätst du schon ein paar Details?
Zweimal Nein (Roman lacht). Es ist wie es ist, man erledigt die Dinge im letzten Moment. Ich werde aber nächstens an einem Abend meine Prognose niederschreiben. Der „Muser“ hat mich vor rund drei Wochen genau instruiert, wie man das macht. Was in der Prognose stehen soll, respektive wie die Punkteverteilung der Jury aussieht.
Übrigens: Die Leute haben es gerne, wenn die Wetterpropheten schöneres statt schlechteres Wetter prophezeien…

Was für einen Sommer wünscht du dir?
Natürlich einen schönen Sommer! Das wünscht sich wohl jeder. Ausser das EBS (Elektrizitätswerk des Bezirkes Schwyz), welches gerne viel Wasser hätte. Für mich heisst ein schöner Sommer, dass neben warmem Wetter auch genügend Regen fällt. Richtiges Wachswetter. Schön wären für uns Bauern mindestens drei schöne Tage hintereinander.

Roman wollte aus verständlichen Gründen seine Wetterprognosen noch nicht verraten. Nur so viel liess er verlauten: „Dieses Jahr ist ein bisschen besser als der langjährige Schnitt. Heisst, dass alles eine Woche früher als üblich ist.“ Und: „Der Monsun folgt dem höchsten Sonnenstand“ fügte der 44-Jährige noch schmunzelnd hinzu. Darauf angesprochen, was er damit meint, erklärte der Bisisthaler: „In gut einem Monat regnet es in Schwyz vorne eher als hier oben. Weil es im Talkessel wärmer ist, ist die Luft mit mehr Wasser gesättigt.“

Man spürt, dass der Bergbauer sich mit dem Wetter und der Natur auskennt. Er wird als neuer Wetterschmöcker definitiv kein Neuland betreten. Höchstens eine neue Plattform: Die Bühne, wo er künftig seine Wetterprognosen vortragen darf. Roman wohnt und arbeitet zudem gerne im Bisisthal. Lachend sagte er zum Abschied: „Das hier oben ist meine Welt.“

feldwaldwiesenblogger

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