„Die Muotathaler Volksmusik – von urchig bis konzertant“ – Teil 2 des Werdeganges für den Muotathaler „Zirk“

Am 30. März schaltete ich den Blogbeitrag „Die Veröffentlichung des neuen Schwyzer Heftes „Innerschwyzer Volksmusik“ erfolgt am 17. April“ online. Darin berichtete ich, dass ich für die Juli-Ausgabe des „Muotathaler Zirkes“ einen Beitrag über das Schwyzer Heft und das von mir verfasste Muotathaler-Kapitel schreiben darf. Im ersten Teil des „Werdeganges“ widmete ich mich der Vorgeschichte dieses Projektes, und berichtete über die ersten Interviews. Weiter über die viele Kleinarbeit, die dahinter steckt und einige ganz wichtige Bezugsquelle: balbuluz.blogspot.ch, den Blog von Lukas Stammler.

Im Teil 2 stellte ich eine Zusammenfassung des Textes zusammen und zitiere darin Auszüge des Muotathaler Teiles. Die volksmusikalische Reise führt uns dabei von den ersten Musikinstrumenten und die Ursprünge der instrumentalen Volksmusik im Muotatal bis zu der Ländlermusik in der heutigen Zeit.

bild innerschwyzer volksmusik
„Innerschwyzer Volksmusik“ ist nun erhältlich
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Erste Musikinstrumente und die Ursprünge der instrumentalen Volksmusik im Muotatal
In diversen Kapiteln versuchte ich unserer instrumentalen Volksmusik auf die Spur zu kommen. Dazu schrieb ich: „Wie unsere Vorfahren zur Volksmusik kamen, ist leider nicht überliefert. Allerdings entwickelte sich in dem abgeschiedenen Tal schon früh eine grosse Vielfalt an Melodien. Diese konnten sich durch das in der Bevölkerung ausgeprägte Festhalten am Überlieferten bis in die heutige Zeit halten.“ Bei archäologischen Grabungen sind in der Gemeinde Illgau Reste von Maultrommeln (Trümpi) zum Vorschein gekommen. Sie werden ins 12. bis 14. Jahrhundert datiert. Während Alphörner für das Muotatal bis heute untypisch blieben, lässt sicher der Büchel bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen.
Bevor das Schwyzerörgeli die Volksmusik „eroberte“, wurden die überlieferten Melodien mit Streichinstrumenten (vor allem Geige, Bassgeige und Zither), mit Blasinstrumenten (Klarinette und Trompete) sowie mit Muulörgeli und Trümpi gespielt. Dabei wurde und wird im Muotathal sehr vielseitig musiziert. Nebst den bereits erwähnten Instrumenten werden das Klavier, Schwegelpfeife und Flöte, sowie Büchel und Chlefeli in unserer Volksmusik eingesetzt. Einige der genannten Instrumente werden heutzutage leider nur noch ganz selten gespielt.

Musikanten im Restaurant Schäfli
Musikanten im Restaurant „Schäfli“ um 1920
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger, aus dem Schwyzer Heft „Innerschwyzer Volksmusik“

Die ersten Schwyzerörgeli im Muotatal
Um die Jahrhundertwende kamen die ersten Schwyzerörgeli ins Tal. Zu den Pionieren in unserer Gegend werden Alois Suter (Dr Lisäbethler), Melchior Anton Langenegger (Dr Egg-Basch) und Franz Betschart (Dr Liäneler) gezählt. Um 1920 kam auch im Muotatal die chromatische Handorgel auf. Zu den ganz wichtigen frühen Schwyzerörgeli- und Handorgel-Spielern zählt man Leo Schelbert (Tönis), Franz Schmidig senior (Lunnis), Anton Betschart (Jakä), Fredy Zwimpfer, Josef Ehrler (Schinäler), Zeno Rickenbacher (Zenäli), Adolf Schelbert (Rösslis), Georg-Anton Langenegger (Egg-Baschä), Emil Schelbert (Jörätönuls), Bernhardin Schmidig (Lunnis), Willy Suter (Stützlers), Paul Betschart (Zinglä Gändler), Josef Ablondi (Blundis) und Stefan Suter (Stützlers).

Rees Gwerder, Bisisthaler und Hüritaler Musikanten
Einer der wichtigsten und bedeutensten Schwyzerörgler war Rees Gwerder (Eigälers). Er wurde 1911 in Muotathal geboren. Schon als fünf-Jähriger begann er, die ersten Stücke auf dem Schwyzerörgeli seines Vaters zu spielen. Als 15-Jähriger verfügte er bereits über einen Stock von 100 Melodien. Kurz bevor Rees in die Rekrutenschule einruckte, kaufte er sich zum damals hohen Preis von 430 Franken die erste Eichhorn-Schwyzerorgel. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zog Rees Gwerder von Muotathal nach Arth.
Einer der wohl bekanntesten Bisistaler Musikanten der alten Zeit war Paul Suter (Fruttlers), welcher öfters mit Rees Gwerder zusammenspielte. Weitere Bisisthaler Musikanten sind Theres Ulrich-Betschart (Wildä, Schwyzer Zither), ab der Windegg die beiden Brüder Oswald und Franz Föhn (Föhnä, Handorgel). Ebenfalls ab der Windegg stammte Alois Schmidig, ein bekannter und äusserst talentierter Klavierspieler. Griti Ulrich-Gwerder und ihr Mann Paul Ulrich gründeten Mitte der 1970er-Jahre die „Husmusig Famile Ulrich“. Sehr bekannt war ebenfalls das „Echo vom Pfannenstock“ vom Schwarzenbach im Bisistal.
Das Hürital war früher lange Zeit eine Musikantenhochburg: Anton Betschart (Jakä), Rees Gwerder (Eigälers), Josef Imhof (Predägers), Franz Anton Suter (Gross Schnäpf) und nicht zuletzt die Famile von „Gigers“ (Betschart) wohnten dort.

Die ersten Ländlerkapellen und der Muotathaler Ländlermusik-Stil
Die 1960 gegründete „Kapelle Zwimpfer-Suter“ war gewissermassen die erste Ländlerkapelle im Muotatal. Ihr folgte 1962 die „Tanzkapelle“ Suter-Föhn“. Später kamen mit „Schmidig-Gisler“, „Schmidig-Valotti“, das „Echo vom Klingenstock“ und der „Kapelle Kari Suter“ weitere Ländlerkapellen hinzu.
Den Muotathaler Stil als solches gibt es nicht, er ist ein Teil des Innerschweizer Stils. Trotzdem kann die Art des Musizierens unserer Vorfahren als sehr lebhaft bezeichnet werden. Sie kombinierten oft alte Tänze mit eigenen „Teili“ oder ersetzten sie und schon entstand gewissermassen fast ein neues Stück. Statt komponiert ist früher vielfach kombiniert worden. Das ist heutzutage ein wenig anders. Da viele Tänze geschrieben und auf Tonträger verewigt sind, kann dies zu Kritik führen, wenn ein Stück nicht so gespielt wird, wie es sich der Komponist erdacht hat.

kapelle zwimpfer-suter
Kapelle „Zwimpfer-Suter“
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger, aus dem Schwyzer Heft „Innerschwyzer Volksmusik“

Komponisten und Kompositionen
Die bekanntesten Muotataler Komponisten sind Leo Schelbert (Tönis), Franz Schmidig senior (Lunnis), Fredy Zwimpfer, Josef Heinzer (Schründler) und Anton Betschart (Jakä). Sie schrieben Kompositionen, welche überlebt haben. Franz Schmidig junior (Lunnis) und Kari Suter (Länzä) zählen zur jüngeren Generation der Muotathaler Komponisten. Beide sind heute noch aktiv.
Die bekannteste Muotathaler Komposition ist auch eine sogenannte „Kombination“. Xaver Schmidig (Lunniwisels), von Beruf Küfer, war Klarinettist und spielte seinerzeit in der Feldmusik eine Melodie, deren Ursprung ein Bayrischer Fanfarenmarsch war. Man nannte dieses Tänzli in der Folge „ds Chüäfers Tanz“ oder später „dr Chüäfer“, bis Fredy Zwimpfer daraus „dr urchig Muotithaler“ machte und mit ihm grosse Erfolge feiern durfte.

Wichtige Muotathaler Volksmusikanten von heute und aktuell aktive Formationen
Zu den heute wichtigsten Volksmusikanten zählt man die Handorgelspieler Franz Schmidig junior (Lunnis), Robert Suter (Nüschälis), Franz Föhn (Föhnä), Friedel Herger, Roman Schmidig, Urs Zehnder, den Klarinettisten Kari Suter (Länzä) und den Muulörgler Werner Schelbert (Seppälers). Diese Musikanten spielen ihre teilweise selber komponierten Tänze mit viel Können sowie einer sauberen Spielweise und hauchen auch den alten Kompositionen neues Leben ein.
Zu den aktiven Formationen gehören das seit rund fünf Jahrzehnten bestehende „Schwyzerörgeli-Duo Schelbert-Marty“. Weiter „ds’Jakä Buäbä“, die „Familienkapelle Schmidig“ vom Ried-Muotathal, die „Kapelle Domini Steiner“, das „Schwyzerörgeli-Duo Echo vom Schattenhalb“, das „Handorgel-Duo Schmidig-Zehnder, „d’Sunnämusig“, das „Handorgel-Duo Bürgler Herger“, das „Ländlertrio Ablondi-Gwerder“, das „Handorgel-Duo Franz Schmidig (junior)-Robert Suter“, das „Handorgel-Duo Suter Föhn“, das „Handorgel-Duo Patrick Suter-Urs Zehnder“, das „Handorgel-Duo Markus Betschart-Robert Suter“, und das „Schwyzerörgeli-Duo Büchel-Stammler“.
Das „Schwyzerörgeli-Duo Echo vom Hüribachtobel“ ist eine Jungformation und spielt hauptsächlich urtümliche Tänzli.

zweimal zwei generationen
Zwei mal zwei Generationen und vier mal Franz
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger, aus dem Schwyzer Heft „Innerschwyzer Volksmusik“

Wichtige Anlässe von früher und heute
Die Anlässe haben sich verändert, ebenso das Tanzen und die Tanzbräuche. Wegen den wenigen bewilligungspflichtigen Tanztagen fanden früher sogenannte „Schloffätänz“ im privaten Bereich statt. Tanzveranstaltungen in den Wirtshäusern hatten später eine ganz bestimmte Ordnung einzuhalten. Bis gegen Ende der 1940er-Jahre war das Tanzschenkerwesen mit dem „Räschtlitanz“ üblich. In den 1970er-Jahren gab es eine Lockerung mit zusätzlichen Tanztagen und ab anfangs der 1980er-Jahre wurden die „Schloffätänz“ hinfällig als die offiziellen Tanztage ganz wegfielen.
Von 1969 bis 1976 führte Fredy Zwimpfer jährlich ein Ländlertreffen im Restaurant „Sternen“ durch, bei welchen Formationen aus der ganzen Schweiz auftraten. Von 1976 bis 1979 fanden im Restaurant „Sonne“ vier Muotataler Ländlertreffen statt. Daran nahmen ausschliesslich einheimische Volksmusikanten teil. Im Jahre 2007 wurde zum Gedenken an die sieben bekanntesten Muotathaler Komponisten Leo Schelbert, Anton Betschart, Fredy Zwimpfer, Franz Schmidig senior, Cäcilia Schmidig-Schmidig, Josef Heinzer und Kari Suter beim Restaurant „Sonne“ die Muotathaler Musikanten-Stubete durchgeführt.
2008 wurde vom Verein „Giigäbank“ der „Muotitaler Ländlersunnig“ ins Leben gerufen. Der Grossanlass findet jeweils am letzten Sonntag im Jahr in verschiedenen Gaststätten statt. Die beiden Viehmärkte, die Hinterthaler Chilbi und der Bisisthaler Schafmärcht sind bis heute für die Volksmusik wichtig geblieben. Weiter erklingt von November bis Mai jeden Samstagabend im Restaurant „Fluhhof“ Ländlermusik, zudem ist dort am dritten Sonntag im Monat „Stubätä“ angesagt. Regelmässige volkstümliche Anlässe gibt es auch im Restaurant „Alpenrösli“. Über die Sommermonate ist im Alprestaurant „Roggäloch“ jeden Sonntagnachmittag Ländlermusik zu hören. Schliesslich gibt es auch im Restaurant „Sternen“ einige volkstümliche Anlässe und „Stubätä“.
Der Verein „Giigäbank“ führt zudem regelmässig Anlässe unter dem Motto „Luschtig tönts vom Giigäbank“ durch. Dabei wird einheimischen Komponisten und Musikanten gedacht.

Die Ländlermusik in der heutigen Zeit
Die Ländlermusik hat heute im Muotatal sicher nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher. Angesichts des Überangebots an allen möglichen Aktivitäten spielt sie eher eine untergeordnete Rolle. Dennoch gibt es junge Leute, vor allem aus bäuerlichen Kreisen, welche nach wie vor an der Volksmusik interessiert sind. Sie führen heute ihre eigenen Feste durch. Als Beispiel kann das „Tännfäscht“ aufgeführt werden, organisiert von der Landjugend Muotathal-Illgau.
Es ist ein Glücksfall, dass Einheimische von der Wichtigkeit des musikalischen Kulturguts überzeugt sind und sich für dessen Erhaltung stark machen. Mit diesem Grundgedanken ist im Jahr 2009 der Verein „Giigäbank“ zur Förderung der Volkskultur in den Gemeinden Muotathal und Illgau gegründet worden.
Die Zukunft der Muotathaler Volksmusik steht auf gesunden Beinen. Der Verein „Giigäbank“ sammelt und bewahrt das Ländlermusik-Gut. Die 1990 gegründete Musikschule Muotathal-Illgau, an welcher unter anderem Schwyzerörgeli, Handorgel, Klarinette und Schwyzer Zither erlernt werden kann, fördert dieses Gut. Und die zahlreichen Musikanten spielen die Ländlermusik.
Das Schwyzer Heft „Innerschwyzer Volksmusik“ ist bei der Kantonalen Kulturförderung (Tel. 041 819 20 88 oder Mail pius.ruhstaller@sz.ch) und im Buchhandel zum Preis von Fr. 25.- erhältlich.

jungformation
Jungformation: „Echo vom Hüribachtobel“ mit Willi und Silvan Betschart
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger, aus dem Schwyzer Heft „Innerschwyzer Volksmusik“

Mit diesen beiden Teilen versuche ich in einem zweiseitigen Beitrag im Muotathaler Zirk, „Innerschwyzer Volksmusik“ den Lesern näher zu bringen. Den Fokus richte ich dabei klar auf die Muotathaler Volksmusik. Wer weiss, vielleicht werden diese Zeilen den einen oder anderen Interessenten zu einem Kauf animieren.
Übrigens: Pius Ruhstaller teilte mir am 13. Mai mit, dass die erste Auflage von „Innerschwyzer Volksmusik“ mit 900 Exemplaren bereits ausverkauft sei. So wie es aber aussieht, soll es eine zweite Auflage geben. Aus meiner Sicht wäre dies nur wünschenswert, scheint doch das Interesse nach diesem Zeitdokument über unsere Volksmusik riesig zu sein.

feldwaldwiesenblogger

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