Vor dem Stoos-Schwinget: Gespräch mit dem Schwing-Experten Daniel von Euw

Am 12. Juni beginnt die Bergkranzfest-Saison. Traditionell wird diese mit dem Stoos-Schwinget eingeläutet. Die Hälfte der diesjährigen Kranzfeste ist mittlerweile Geschichte. Bisher fanden Kantonal- und Gaufeste statt. Diese waren allesamt spannend und lieferten viele (neue) Erkenntnisse. Die Wachtablösung der Jungen hat begonnen, mit Armon Orlik, Samuel Giger und Remo Käser reihten sich gleich drei „junge Wilde“ unter die Kranzfestsieger. Eine Erkenntnis war aber auch: Mit der älteren Garde wie beispielsweise mit den Schwingerkönigen Matthias Sempach, Kilian Wenger oder Nöldi Forrer ist nach wie vor zu rechnen. Auch sie gewannen je ein Kranzfest.

Zeit also, vor dem Klassiker auf dem Stoos mit einem ausgewiesenen Experten ein Gespräch zu führen. Daniel von Euw ist gleich aus mehreren Gründen dafür bestens prädestiniert. Erstens gewann er selber zweimal den Stoos-Schwinget, zweitens war der vierfache Eidgenosse von 1981 bis 2002 ein erfolgreicher Spitzenschwinger und drittens kennt der Ingenbohler als Kommentator auf Radio Central die Schwing-Szene natürlich hervorragend.
Am letzten Montag traf ich Daniel in seinem Büro in Schwyz. Der zweifache Familienvater ist Geschäftsführer bei der Oberallmeindkorporation (OAK) Schwyz. Der 11-fache Kranzfestsieger studierte an der ETH in Zürich Agronomie und schrieb zudem eine Doktorarbeit.

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Daniel von Euw in seinem Büro bei der OAK Schwyz
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Wie beurteilst du den bisherigen Verlauf der Kranzfest-Saison? Welche Schwinger sind dir dabei besonders aufgefallen?
Man spürt ganz klar, dass endlich die Ablösung kommt. Mich freuen die super Resultate der Nachwuchsleute. In der Nordostschweiz ist dies Armon Orlik, ein hervorragender Schwinger mit guten körperlichen Voraussetzungen. Weiter Samuel Giger, welcher als 18-Jähriger körperlich schon ziemlich auf der Höhe ist und schon mehrmals gestandene Schwinger besiegen konnte. Im Bernbiet ist es Remo Käser, welcher dieses Jahr den Durchbruch an die Spitze schaffte. In der Nordwestschweiz erwähne ich Nick Alpiger. Dieser verfügt über gute Voraussetzungen. Genau wie die grosse Zukunftshoffnung Michael Bächli, letztjähriger Brünig-Kranzer, welcher sich später leider verletzte. In der Innerschweiz erfreuen wir uns am starken Joel Wicki und an Pirmin Reichmuth, welcher erst von einer längeren Verletzungspause zurückgekehrt ist.
Ich hoffe, dass diese Ablösung in dem Sinne so weitergeht. Es tut sicher gut, wenn die Jungen je länger je mehr den Arrivierten ein Bein stellen können.

Mich überrascht aber auch Nöldi Forrer, der explosiv schwingt, rangeht und konditionell sowie körperlich parat ist. Da ist aber auch ein Dani Bösch, der keine grossen Fortschritte mehr gemacht hat, aber unglaublich gute körperliche Voraussetzungen mitbringen würde. Jetzt wo gute junge Nachwuchsleute kommen, ist er plötzlich im Hintertreffen.

Der erste Kranzfest-Auftritt von Matthias Sempach seit seiner Verletzungspause beeindruckte mich. Er war dabei extrem fokussiert. Wenn er so weiter macht, ist er für den Königstitel wieder ein sehr wichtiger Kandidat.
Ebenfalls sehr gute Feste bestritt Christian Schuler, welcher bisher sehr konstant war und dabei zeigte, was er alles kann. Es beweist mir, dass er bereit ist. Die Leistung von Philipp Laimbacher am Ob- und Nidwaldner Kantonalen war super. Man muss bei ihm einfach hoffen, dass sein Knie hält. Er ist körperlich parat und voll durchtrainiert. Auch Andi Ulrich ist gut drauf. Er kann technisch praktisch jedem ein Bein stellen. Seine Leistung im Schlussgang des Schwyzer Kantonalen war einfach gewaltig. Ich hoffe auch, dass Mike Müllestein noch mehr an die letztjährige Saison anknüpfen kann. Im Frühling sah es sehr gut aus, als er innerhalb von zwei Tagen gleich zwei Rangschwingfeste gewann. Im Kanton Schwyz haben wir einige junge Schwinger wie beispielsweise Ralf Schelbert, die nachdrücken.

Es freut mich, wenn die älteren und arrivierten Schwinger immer noch mithalten können. Sie sollen aber gefordert werden. Der Start in die Saison war genial und das macht den weiteren Saisonverlauf dadurch extrem spannend. Die Situation ist offen. Wenn die genannten Schwinger gesund bleiben, gehören sie in Estavayer zu den Topfavoriten auf den Königstitel.

Wie beurteilst du die Stärkenverhältnisse der einzelnen Teilverbände?
Auch wenn die Berner unter anderem mit Christian Stucki, Matthias Sempach oder Kilian Wenger bisher gewichtige verletzungsbedingte Absenz verzeichneten, haben sie dennoch die breiteste Spitze. Nichtsdestotrotz haben die Innerschweizer einige arrivierte Schwinger, welche ergänzt mit Joel Wicki und Pirmin Reichmuth, den Bernern ein Bein stellen können. Auf dem dritten Platz folgen die Ostschweizer, bei welchen Armon Orlik und Samuel Giger die Arrivierten fordern. Es zeigte auch, wie ein Nöldi Forrer darauf reagiert hat. Auch ein Dani Bösch kann jeden gewinnen, wenn’s ihm läuft. Man erinnere sich nur an seinen Sieg beim letztjährigen Schwägalp-Schwinget. Die Nordostschweizer haben aber hinter ihrer Spitze schon noch ein paar Aufgaben zu lösen.
Nordwestschweiz: Wenn bei Christoph Bieri das Selbstvertrauen stimmt und sein Rücken in Ordnung ist, kann er gegen die besten mithalten. Ein Bruno Gisler darf man zwar nicht abschreiben, aber ganz nach vorne wird es ihm nicht mehr reichen. Gespannt bin ich, wie sich Nick Alpiger oder Michael Bächli entwickeln. Die Nordwestschweizer haben noch weitere Nachwuchshoffnungen, welche aber noch Lehrgeld bezahlen müssen.
Mehr Sorgen macht mir der Südwestschweizerische Teilverband. Sie versuchen zwar alles und ich hoffe für sie, dass sie in Estavayer einen Kranz machen können. Es wird aber schwierig. Einige ihrer Schwinger wie beispielweise Pascal Piemontesi oder Benjamin Gapany bringen sehr gute körperliche Voraussetzungen mit. Ich denke, es fehlt bei ihnen nicht an der Kraft sondern an der Technik. In meinen Augen sollten sie mehr Zeit im Schwingkeller statt im Kraftraum verbringen.
Besonders spannend wird es, wenn die Teilverbände in nächster Zeit aufeinander treffen.

Wann hast du den Stoos-Schwinget gewonnen? Wie viele Kränze hast du dir auf dem Stoos insgesamt erkämpft?
1992 und 1994 konnte ich den Stoos-Schwinget jeweils gewinnen. Insgesamt erkämpfte ich mir neun Stoos-Kränze. Wenn ich gesund fertig schwingen konnte, habe ich stets eine gute Rangierung erreicht. Es war mein Heimfest und deshalb für mich auch speziell schön vor dem eigenen Publikum antreten zu können.

daniel von euw_stoos-sieger 1994
Daniel von Euw am Stoos-Schwinget 1994, welchen er gewann
Bildquelle: sportalbum.ch

Wer zählt für dich am kommenden Sonntag auf dem Stoos zu den Favoriten?
Von den Voraussetzungen her werden die Innerschweizer die Favoritenrolle tragen. Allen voran die Schwyzer Christian Schuler, Philipp Laimbacher und Andi Ulrich. Gut anstehen würde ein Stoos-Sieg natürlich Andi. Er war schon ein paar Mal nahe dran, konnte bisher aber noch nie gewinnen.
Weiter aus Urner Sicht Andi Imhof, welcher bei Bergfesten bisher noch keine grossen Stricke verriss. Die Ausnahme bleibt der Rigi-Sieg von 2014. Von den Ob- und Nidwaldnern gilt es Benji von Ah zu beachten. Er ist in meinen Augen wegen Verletzungen zwar nicht mehr ganz dort, wo ich ihn mal gesehen habe. Marcel Mathis ist eine Wundertüte. Wenn’s ihm läuft, kann er vorne mitschwingen. Bei den Luzernern bin ich gespannt auf Sven Schurtenberger und Philipp Gloggner, welche durchaus an der Spitze mitzuhalten vermögen.
Bei den Nordwestschweizern dürfen wir auf den Auftritt von Nick Alpiger gespannt sein. Bei den anderen wird das primäre Ziel der Kranzgewinn sein.

Könnte es Andreas Ulrich zum ersten Stoos-Sieg reichen?
Auf alle Fälle. Er hat bisher bewiesen, dass er „zwäg“ ist, und durchaus reüssieren kann. Das Publikum würde ihm den Sieg sicher sehr gönnen.

Betrachtet man den Verlauf des Baselstädtischen Schwingertages genauer, kann man davon ausgehen, dass die starken Innerschweizer die Nordwestschweizer im Griff haben werden, oder?
Für die Nordwestschweizer wird es relativ hart werden, da mit Mario Thürig und Bruno Gisler (Teilnahme am Sonntag beim Südwestschweizerischen) sowie Christoph Bieri (verzichtet auf einen Start, um sich für kommende Anlässe zu schonen) ihre Leistungsträger fehlen. Ich denke, die Innerschweizer werden die Nordwestschweizer in Schach halten können.

Hat der Stoos-Schwinget für dich auch heute noch einen besonderen Stellenwert?
Ja sicher. Für mich ist es das Fest, welches mein Klub, der Schwingerverband am Mythen, organisiert. Ich durchlief alle möglichen Chargen, angefangen vom Täfeli-Buäb, dann als aktiver Schwinger. Ich erlebte dabei beides, vom Sieg bis zu verletzungsbedingter Aufgabe. Weiter amtete ich als Vizepräsident im Organisationskomitee. Dadurch hat der Stoos-Schwinget für mich einen besonderen Stellenwert. Es ist zudem ein traditionelles Bergfest in unserer Region. Da gehe ich natürlich immer noch sehr gerne hin: Heutzutage als Radio-Kommentator.

Stichwort Radio-Kommentator: Seit wann bist du eigentlich Schwingfest-Kommentator bei Radio Central?
Das hat mit einer schweren Verletzung angefangen, welche meine aktive Karriere beendete. Beim Schwyzer Kantonalen 2002 in Muotathal gewann ich wohl das Fest, verletzte mich aber leider im Schlussgang am Knie. Ich war im selben Jahr mit Krücken beim Stoos-Schwinget anwesend und schaute neben der Pressetribüne zu. Vor dem Schlussgang kam Alfons Spirig auf mich zu und fragte, ob ich mit ihm den Schlussgang am Radio kommentieren möchte. Ich sagte zu, denn so konnte ich sitzen und hatte meine Ruhe.
Ich kommentierte 2002 noch das eine oder andere Fest am Radio. Meine Absicht war aber, nochmals ins Sägemehl zurückzukehren. Diese Hoffnung zerschlug sich aber. 2004 gab ich den definitiven Rücktritt. Seither kommentiere ich regelmässig für Radio Central.

Wie viele Schwingfeste kommentierst du diese Saison für Radio Central? Auch beim Eidgenössischen?
Dieses Jahr sind 12 Schwingfeste geplant. Auch beim Eidgenössischen sind wir von Radio Central während zwei Tagen voll dran.

Wie bereitest du dich jeweils auf den Einsatz als Kommentator vor?
Ich bereite mich nicht speziell darauf vor. Als Kommentator bin ich fürs technische zuständig. Da ich regelmässig an die Schwingfeste gehe, kenne ich die Schwinger. Ich verfolge die Resultate und habe viele vergangene Gänge noch im Kopf, vor allem wichtige Begegnungen zwischen Spitzenschwingern. Im Internet findet man zudem auf den entsprechenden Seiten viele Informationen zu den einzelnen Schwingern.
Beim Schwingfest nehme ich ein Blatt Papier und notiere für mich die Favoriten in einer logischen Reihenfolge. Auf die Rückseite schreibe ich die Gäste auf, ebenfalls in einer „Favoriten“-Reihenfolge. Dazu schreibe ich die Resultate, Gegner und mit einem Stichwort wie der Gang gewonnen oder verloren ging.
Alfons Spirig erzählt vom Drumherum und für den schwingerischen Verlauf gibt er mir das Wort.

dani von euw als kommentator (quelle feldwaldwiesenblog)Daniel von Euw als Radiokommentator
Bildquelle: feldwaldwiesenblog.ch

Ich bedanke mich bei Daniel von Euw für seine Zeit und die interessanten und ausführlichen Antworten. Nicht nur der 81-fache Kranzgewinner freut sich auf den Stoos-Schwinget. Auch ich fiebere dem Anlass entgegen und bin gespannt, was am Sonntag auf dem Schwyzer Hausberg abgeht. Bergkranzfeste haben immer seine eigenen Gesetze, Überraschungen sind nicht ausgeschlossen. Dennoch steht am Ende des Tages mit grosser Wahrscheinlichkeit einer der Favoriten zu Oberst. Denn bei diesen Festen trennt sich bekanntlich die Spreu vom Weizen: Jeder Gang wird hart und es gibt keine Schonung. Eine Ausgangslage für einen absoluten Top-Schwinger.

feldwaldwiesenblogger

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