Interview mit dem Schlussgangfilmer Jakob Niederberger

Diese Woche möchte ich einen für Schwingfestbesucher bestens bekannten Mann, den Schlussgangfilmer, ein wenig näher vorstellen. Der bärtige und bei schönem Wetter oft einen Strohhut tragende Mann heisst Jakob Niederberger und wohnt auf einem kleinen Hof in Kastanienbaum LU. Bis Ende dieses Jahres betreibt er dort eine Gemüsegärtnerei. Am Montag dieser Woche besuchte ich Kobi, wie er auf dem Schwingplatz gerufen wird, und führte mit ihm ein Interview.
Der Schlussgangfilmer ist 55-jährig, verheiratet und hat vier erwachsene Kinder. Seine Leidenschaft, das Filmen, entdeckte er irgendwann für den Schwingsport. Zu Beginn filmte Kobi noch von der Tribüne aus. Inzwischen ist er längst der Schlussgangfilmer und beliefert via seiner eigenen Homepage Montag für Montag die Schwingfans mit einem oder manchmal mehreren Schlussgängen vom vorherigen Sonntag. Während der Woche folgen zudem weitere interessante Gänge als Video.

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Schlussgangfilmer Jakob Niederberger
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Seit wann bist du „der Schlussgangfilmer“?
Offiziell seit 2009. Ich filmte zwar schon vorher, durfte aber noch nicht auf den Schwingplatz und filmte von der Tribüne aus. Der Ausschlag waren zwei entscheidende Begegnungen. Die erste Situation ergab sich nach einem gestellten Schlussgang zwischen Jürg Käser und Daniel Odermatt. Dabei wurde Käser ein 8.75 geschrieben und so der Sieg entrissen. Beim Gespräch hinterher sagte ich ihm, dass ich alles gefilmt und auf Band habe. Die zweite Begebenheit war bei einer „Schwinger-Metzgete“ in Schwarzenberg LU, wo auch Matthias Sempach, Kilian Wenger und Daniel Bösch anwesend waren. Ich sass dort mit den Verantwortlichen der Schwingerzeitung SCHLUSSGANG zusammen. Beim Gespräch sagte ich ihnen, dass auf ihrer Homepage der Schlussgang fehlt. So kam ich kurze Zeit später in die „Schlussgang-Filmerei“ rein.

Wie kamst du auf die Idee, an Schwingfesten Schlussgänge zu filmen?
Ich war schon immer ein Fan der Filmerei. Als unsere erste Tochter zur Welt kam, kaufte ich eine Videokamera. Später nahm ich die Kamera mit an die Schwingfeste, und begann von der Tribüne aus zu filmen. Dies fand guten Anklang bei meinen Kollegen. Zum ersten Mal filmte ich 2004 beim Eidgenössischen in Luzern.
Der erste, der sporadisch mal an Schwingfesten Schlussgänge filmte, war Alois Omlin. Omlin ist eigentlich Fotograf, konnte mit seiner Kamera aber auch filmen. Da das nicht regelmässig praktiziert wurde, fand ich, dass einfach etwas fehlt, und wollte das auch machen.
Am Anfang habe ich gefilmt und fotografiert. Als ich auf den Schwingplatz durfte, habe ich nur noch gefilmt. Zu Beginn machte ich die Filme für den SCHLUSSGANG. Später stellte ich sie dann auf meine eigene Homepage.
Übrigens: Der Schlussgangfilmer hat von der Namensgebung her nichts mit der Zeitung SCHLUSSGANG zu tun. Ein ehemaliger Fourier bei uns in der Feuerwehr erklärte mich zum „Schlussgangfilmer“: Der Mann, welcher den Schlussgang eines Schwingfestes filmt.

Hast du selber mal geschwungen? Wie sieht dein Bezug zum Schwingsport aus?
In jungen Jahren schwang ich als Jungschwinger während sechs Jahren beim Schwingklub Luzern und Umgebung. Fussball wurde mir von zuhause aus nicht gestattet, Schwingen hingegen durfte ich. Mit 16 Jahren verletzte ich mich aber schwer am rechten Knie (Kreuzbandriss und kaputter Meniskus). Dannzumal bedeutete dies das Karriereende. Der Unfall ereignete sich bei einem Training in Vevey VD, beim ortsansässigen Schwingklub. Ich machte dort die Lehre als Kellner.

Dein Beruf ist Gemüsegärtner. Lässt sich das gut mit deinem grossen Hobby, Filmen an Schwingfesten, verbinden?
Jein. Das war schon schwierig. Die Schwingfeste finden ja am Sonntag statt und am Montagmorgen nahm ich mir frei, um die Filme zu schneiden. Da ich bis vor kurzem Angestellte in meinem Betrieb hatte und meine Familie mir half, funktionierte das. Es wurde mir aber irgendwann zu viel. Nun steht eine berufliche Veränderung an. Auf den eigenen Stand am Markt in Luzern möchte ich nicht verzichten. Was ich in Zukunft machen werde, wird sich in nächster Zeit weisen.

Filmbeispiel 1: Der Schlussgang am ISAF 2016


Video-Quelle: schlussgangfilmer.com

Deine Akzeptanz bei Schwingern und Schwingfestorganisatoren ist sehr gut. Konntest du zu Beginn filmen, wie es dir gerade beliebte? Wie sieht das jetzt aus?
Ich war zu Beginn neben dem Schweizer Fernsehen der einzige. Eine Akkreditierung war schon zu Beginn meiner „Filmer-Karriere“ notwendig. Beim Eidgenössischen in Burgdorf durfte ich leider nicht auf dem Platz filmen. Das warf damals ziemlich hohe Wellen. Ich habe inzwischen vom Eidgenössischen Schwingerverband (ESV) die Erlaubnis, bei allen Schwingfesten zu filmen. Das ist für mich eine sehr grosse Anerkennung meiner bisherigen Arbeit, und ich schätze es sehr. So etwas ist nicht selbstverständlich. Ich habe eine einzige Auflage: Ich darf die Filme nach einem Schwingfest gleichen Tags nicht vor Mitternacht ins Internet stellen.

Am ESAF 2013 in Burgdorf durftest du meines Wissens wegen SRF auf dem Schwingplatz nur fotografieren. Wie sieht das beim Eidgenössischen in Estavayer aus, wo das SRF ja auch wieder überträgt?
Wie bei der vorherigen Frage erklärt, darf ich nun bei jedem Schwingfest auf dem Platz filmen. Auch beim Eidgenössischen in Estavayer-le-Lac.

Wieviel Zeit pro Woche investierst du für dein Hobby? Was gehört neben dem Filmen an Schwingfesten noch dazu?
Ich investiere während der Schwing-Saison dafür zwei ganze Tage. Einerseits den Sonntag, an welchem ich filme. Andererseits den Montag, wo ich die Filme schneide. Als Erstes fertige ich immer den Schlussgang an. Dann die sechs Gänge des Siegers, wenn sie denn alle auf Band sind. Manchmal fertige ich noch Videos von einzelnen speziellen Gängen an. Weiter gehört auch das Beschriften des Materials dazu.
Die weitere Bearbeitung des vielen vorhandenen Filmmaterials ist „Winterarbeit“, und möchte ich in Zukunft vermehrt in die Hand nehmen.

Seit wann bist du Gemüsegärtner und betreibst einen Hof?
Nach der Kellner-Lehre ging ich für anderthalb Jahre nach London, um dort zu arbeiten und Englisch zu lernen. Als ich zurückkam, wusste ich: Das ist nicht mein Ding. So meldete ich mich für die Hotelfachschule in Genf an, welche ich zwischen 1983 und 1984 während einem Jahr absolvierte. Anschliessend kam ich durch Beziehungen zu einem Job als Vizedirektor im Hotel Sport in Klosters GR, wo ich meine jetzige Frau Priska kennenlernte. Ich war dort für den Service und die Gästebetreuung zuständig. Etwas später ergab sich zuhause die Situation, die Gemüsegärtnerei zu übernehmen. Da mir klar war, dass ich auf Dauer nicht im Hotelgewerbe arbeiten möchte, machte ich 1987/1988 in Wädenswil die Ausbildung zum Gemüsegärtner. Ich arbeitete darauf im Betrieb meines Vaters und übernahm 1992 mit meiner Frau zusammen den Gärtnereibetrieb in Pacht. Wie bereits erwähnt, gebe ich den Betrieb bis Ende Jahr auf und strebe eine berufliche Umorientierung an.

Filmbeispiel 2: Alle sechs Gänge des NOS-Siegers Armon Orlik am NOS 2016


Video-Quelle: schlussgangfilmer.com

So wie ich das sehe, brauchst und liebst du die Natur. Bei deinem Beruf und deinem Hobby bist du meist draussen und der Witterung ausgesetzt. Zufall oder gewollt?
Ich kenne nichts anderes, ich bin so aufgewachsen. Denn ich half schon als Kind bei der Gemüsegärtnerei meiner Eltern mit. Zudem führte mein Vater damals noch einen gepachteten Bauernhof. So gab es für uns immer etwas zu tun. An schulfreien Tagen und in den Ferien mussten wir mitanpacken. Die Landwirtschaft und das Schwingen passen sowieso zusammen.

Machst du die Schwingerfilme nur für dich und deine Homepage „schlussgangfilmer.com“, oder arbeitest du auch für andere?
In erster Linie mache ich die Filme für meine Homepage. Zu Beginn, wie oben angesprochen, hatte ich eine Zusammenarbeit mit dem SCHLUSSGANG. Später kam eine Zusammenarbeit mit schwingenonline.ch zustande. Dies beruhte auf einer vertraglichen Vereinbarung, und ich musste vor allem bei Schwingfesten im Bernbiet filmen. Ich wollte nach einiger Zeit aber wieder selber auslesen, wo ich filmen möchte. So lösten wir diese Vereinbarung wieder auf.
Vor kurzem ging ich eine Zusammenarbeit mit Gody Waser vom sportalbum.ch ein. Diese Internet-Plattform ist in erster Linie ein Archiv. Darauf gibt es auch ein Online-Schwingeralbum für einzelne Schwinger, zu denen Videos von mir gestellt werden. Rolf Gasser, der Geschäftsstellen-Leiter des ESV, und der Innerschweizerische Schwingerverband stehen hinter diesem Projekt.
Waser bekam von Gasser alte Schwingerfilme, welche Christian Mutzner zu Zeiten von Karl Meli filmte. Gody digitalisierte diese und avancierte so mit sportalbum.ch ein Stück weit zum Film-Archiv des ESV.

Welches war bisher dein verrücktestes Erlebnis als „Schlussgangfilmer“?
Der Weissenstein-Schwinget von 2011, wo nach zwei Gängen abgebrochen werden musste. Die Witterung mit sehr kräftigem Wind und intensivem Regen liess eine Weiterführung nicht mehr zu. Ich packte mich auf dem Schwingplatz ein so gut ich konnte, um mich vor der Unbill des Wetters zu schützen. Es herrschte ein regelrechter Sturm. Dem OK und dem Einteilungskampfgericht blieb nichts mehr anderes übrig, als den Berg-Schwinget abzubrechen. Das war mein bisher verrücktestes Erlebnis als Schlussgangfilmer.

Bereitest du dich speziell aufs Eidgenössische vor? Eventuell mit zusätzlichen Helfern?
Zusätzliche Helfer werde ich keine haben. Ich möchte in Estavayer die Spitzengänge nicht filmen, denn die wird ja schon das Schweizer Fernsehen live übertragen. Den Schlussgang filme ich selbstverständlich.
Was mich beim ESAF in Burgdorf ein wenig störte, war die Tatsache, dass gewisse Schwinger Neu-Eidgenossen wurden und keine Bilder davon im Fernsehen zu sehen waren. Ich kenne die Schwinger relativ gut. Deshalb möchte ich solche filmen, die sonst kaum gezeigt werden. Ich weiss, das ist ein grosses Ziel.
Vor dem Grossanlass mache ich mir eine Liste mit allen Schwingern. Zu Beginn des Festes möchte ich nur Gänge von den ganz jungen Schwingern filmen, damit die sich auch mal an einem Eidgenössischen sehen.
Seit der BLICK bei den Schwingfesten Filme produziert, filme ich eher wieder die jungen Schwinger. Denn auf blick.ch sind vor allem die „Cracks“ zu sehen. Ein Beispiel ist der junge Kilian Wenger: Ich filmte ihn damals als 17-jährigen Schwinger von der Tribüne aus, als er 2007 auf dem Brünig Philipp Laimbacher bezwang. Ich möchte es wieder vermehrt so handhaben, wie zu Beginn meiner Filmerei an Schwingfesten. Die Jungen haben auch das Recht, gezeigt zu werden.

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Kobi, wie man ihn an Schwingfesten kennt und sieht
Bildquelle: schlussgangfilmer.com

Zum Schluss des Interviews erklärte mir Kobi: „Vor Schwingfesten bereite ich mich jeweils immer gut vor. Bei Kantonalen versuche ich beispielsweise möglichst junge einheimische Schwinger zu filmen.“ Wie jeder Schwingerfreund festellen konnte, filmen das Schweizer Fernsehen und der BLICK dieses Jahr regelmässig an Schwingfesten. Und wie der „Schlussgangfilmer“ mir im Gespräch sagte, halten die beiden grossen Medien vor allem die grossen „Cracks“ auf ihren bewegten Bildern fest. Statt sich gegenseitig zu kopieren, trat der gelernte Gemüsebauer die Flucht nach vorne an. Er filmt wieder vermehrt Gänge von jungen und hungrigen Schwinger, welche dereinst an der Spitze mitmischen werden. Ich finde das eine tolle Sache und erkenne mich ein Stück weit auch darin. Denn ich möchte auch nicht die Geschichten der grossen Medien nachbeten. Stattdessen versuche ich wie Kobi diejenigen zu entdecken, über welche kaum berichtet wird.
Ich bedanke mich bei Jakob Niederberger für das sehr interessante Gespräch. Dabei lernte ich einen schwingbegeisterten, humorvollen aber auch sensiblen Menschen kennen, welchen ich bei Schwingfesten meist nur von der Ferne mit der Kamera sehe.

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„Jeder Gegner hat einen Rücken, und auf diesen kann er auch gebracht werden.“ – Gespräch mit Ruedi Schläfli, dem TK-Chef der Südwestschweizer

Der Juli-Beitrag meiner Vorschauenserie im Hinblick auf das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Estavayer-le-Lac steht an. Ich fuhr deshalb diese Woche nach Posieux FR. Auf einem schönen Bauernhof traf ich dort Ruedi Schläfli, den TK-Chef des Südwestschweizerischen Schwingerverbandes (SWSV), zum Gespräch. Ruedi bewohnt zusammen mit seiner Familie, der Familie seine Bruders Fredy und seinen Eltern Ernest und Elisabeth Schläfli den schönen Betrieb. Die Familie Schläfli ist seit 1929 Pächter dieser Liegenschaft. Damals zog Ruedi’s Urgrossvater dahin und schloss mit der Burgergemeinde Freiburg einen Pachtvertrag ab.
Die Schläflis bewirtschaften 85 Hektar Land und betreiben Viehzucht und Ackerbau. Ruedi hält zudem zusammen mit seiner Frau Nadine Bienen und vertreibt auf dem Hof Imkerei-Produkte.

Rückblick: Am 9. Januar traf ich den TK-Chef der Südwestschweizer bereits schon einmal zum Gespräch. Im Blogbeitrag vom 17. Januar schrieb ich: „Ruedi traf ich am 9. Januar beim dritten Trainingszusammenzug der Südwestschweizer Schwinger im Hinblick auf Estavayer2016 an. Das gemeinsame Training, bei welchem etwa 40 Schwinger anwesend waren, fand in Oron-la-Ville VD statt.“ Das Gespräch veröffentlichte ich in zwei Teilen: Interview mit Ruedi Schläfli, dem TK-Chef der Südwestschweizer Schwinger: „Wir werden Kränze in Estavayer-le-Lac machen“ (Teil 1) und Interview mit Ruedi Schläfli, dem TK-Chef der Südwestschweizer Schwinger: „Wenn kein Druck da ist, sind auch keine Ziele mehr vorhanden.“ (Teil 2).

Inzwischen sind mehr als sechs Monate vergangen und 35 von 39 Kranzfesten sind bereits Geschichte. Zeit also, 34 Tage (Stand vom 23. Juli) vor dem ESAF nachzufragen, wie es um die Schwinger des organisierenden Verbandes steht. Wie jeder Schwingsportfan weiss, schnitten die Südwestschweizer Sägemehl-Sportler beim letzten Eidgenössischen äusserst bescheiden ab und mussten ohne Kranz heimreisen.
In meiner Vorschauen-Serie habe ich in den letzten Monaten mehrmals in Erfahrung bringen können, dass sich die Verantwortlichen und die Sportler hinsichtlich Estavayer2016 einen grossen Ruck gaben und viel dafür unternahmen. Das Ziel des kleinsten der fünf Verbände ist ganz klar: Einer, zwei oder gar mehrere Eidgenössische Kränze am eigenen Eidgenössischen zu gewinnen.

Einen Tag bevor ich in die Romandie fuhr, las ich in der SCHLUSSGANG-Zeitung vom 19. Juli folgendes: „Ein deutlicher Aufwärtstrend ist endlich bei den Südwestschweizern erkennbar. Vor allem Benjamin Gapany hat bei Vergleichen mit anderen Teilverbänden gezeigt, dass der gesteigerte Trainingsaufwand allmählich Früchte trägt.“
Das klingt positiv und lässt die Verantwortlichen und Sportler fünf Wochen vor dem Grossanlass optimistisch nach Estavayer reisen. Ruedi Schläfli ist und bleibt ein grosser Optimist, erst recht nach den jüngsten Ergebnissen, welche einen Aufwärtstrend erkennen lassen.

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Ruedi Schläfli, TK-Chef des Südwestschweizerischen Schwingerverbandes
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Wie steht‘s um den Formstand der Südwestschweizer Schwinger?
Der sieht eigentlich gut aus, wir sind zufrieden. Es gibt einige Verletzungen zu beklagen. Wir sind aber im Fahrplan hinsichtlich Estavayer, und der gesetzten Ziele. Die Schwinger, von denen wir Resultate erwarten, sind in Form. Man erkennt, dass die Formkurve ansteigend ist.

Wie sieht es bei den Verletzten aus?
Steve Duplan (Kreuzbandriss) und William Häni (Diskushernie) fallen für Estavayer2016 definitiv aus. Steven Moser kehrt wieder zurück und startet in einer Woche beim Brünig-Schwinget. Victor Cardinaux hat diese Woche wieder das Training aufgenommen. Michael Matthey sollte bis zum Eidgenössischen wieder fit sein. Michael Nydegger griff bereits auf der Rigi wieder ins Wettkampfgeschehen ein.

Seit meinem Interview mit dir sind etwas mehr als sechs Monate vergangen. Damals warst du hinsichtlich Estavayer2016 sehr positiv gestimmt. Du sagtest: „Wir werden Kränze in Estavayer-le-Lac machen“. Bist du immer noch so optimistisch?
Ja, ich habe nichts daran geändert. Bei den Schwingfesten, welche wir ausserhalb der Romandie bestritten (vor allem beim ISAF in Einsiedeln und beim Rigi-Schwinget) haben wir gesehen, dass das Potenzial für Kränze vorhanden ist. Wenn unsere Schwinger in Form sind, können sie nun mithalten. Ich bin deshalb überzeugt, dass wir in Estavayer Kränze machen werden.

Beim Schwarzsee-Schwinget und beim Innerschweizerischen hat der SWSV je einen Kranz gewonnen. Stimmen dich diese beiden Kranzgewinne zufrieden, oder wäre gar mehr drin gelegen? Hat sich der SWSV noch andere Kränze auf „Deutschschweizer Boden“ geholt?
Steven Moser gewann beim Mittelländischen Gauverbandsfest den Kranz und Lario Kramer beim Seeländischen. Das sieht bisher genau gleich aus wie letztes Jahr, als wir auch zu vier Kranzgewinnen auf Deutschschweizer Boden kamen. Auf der Rigi haben wir den Kranz leider nur ganz knapp verpasst: Benjamin Gapany fehlte in der Endabrechnung ein Viertel Punkt.
Auch auf der Rigi konnte man sehen, dass wir mithalten können. Dies vor allem am Morgen. Am Nachmittag hatten wir einen Einbruch, mit dem WARUM befassen wir uns immer noch.
Ganz vorne können wir vorläufig noch nicht mitmischen. Aber mit dem starken Mittelfeld schaffen wir es inzwischen, mitzuhalten.

Wie sieht die schwingerische Bilanz des SWSV für 2016 bisher aus?
Wir konnten uns gegenüber 2015 steigern und sind zudem voll im Plan der anfangs Saison gesetzten Ziele. Bei Festen in der Romandie mit Gästen aus der Deutschweiz, wie beispielweise beim Neuenburger und Walliser Kantonalen, konnten wir uns die Tagessiege sichern. Diese wären noch vor zwei Jahren an die Gäste gegangen. Beim Südwestschweizerischen in Aigle mit starken Gästen hatten wir noch etwas Mühe (Sieger Christian Stucki). Aber wir hatten mit Steven Moser immerhin einen eigenen Schwinger im Schlussgang, was die letzten Jahre nicht der Fall war. Zudem schafften wir es, den einen oder anderen Gast zurückzubinden, was vorher selten genug möglich war. Man kann einen eindeutigen Aufwärtstrend erkennen. Unsere Schwinger trainieren nun anders und besser und die Resultate kommen jetzt auch. Die meisten Athleten sind noch sehr jung und im Aufbau.
Was wir gegenüber den anderen Teilverbänden halt nicht haben, sind Zugpferde. Unsere Schwinger mussten nach den Rücktritten von so prominenten Schwingern wie Hanspeter Pellet oder Stefan Zbinden praktisch bei null beginnen. Ich zolle deshalb an meine Schwinger ein Kompliment, weil sie das selber schafften.

Was hat dich 2016 besonders gefreut?
Der grosse Willen und Ehrgeiz meiner Schwinger, etwas zu erreichen. Weiter auch, dass gegenüber letztem Jahr eine Steigerung zu erkennen ist.

Wo siehst du noch die grössten Probleme?
Die Tatsache, dass unsere Schwinger noch zu wenig an ihre Möglichkeiten glauben. Die letzten Wochen vor dem Eidgenössischen möchten wir uns diesem Problem annehmen, und den Schwingern weismachen, dass sie nichts zu verlieren haben. Denn: Jeder Gegner hat einen Rücken, und auf diesen kann er auch gebracht werden. Das vergessen unsere Schwinger manchmal. Ich habe in letzter Zeit viel mit unseren Athleten gesprochen. Diese merkten selber, dass in gewissen Gängen noch mehr möglich gewesen wäre. Sie waren manchmal blockiert. Das ist mittlerweile der einzige Punkt, welcher ein Problem darstellt.

auf einem schönen bauernhofDie Familie Schläfli bewohnt einen wunderschönen Hof in Posieux FR
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Was muss das Team Südwestschweiz bis Estavayer noch machen?
Vom heutigen Zeitpunkt her gesehen kann man nicht mehr allzu viel machen. Ich sage stets: Entweder bist du konditionell parat oder eben nicht. Was man jetzt noch tun kann, ist genügend Erholung reinbringen, und den Rhythmus etwas senken. Die letzten zwei Monate waren nämlich sehr intensiv. Im mentalen Bereich können wir uns auch noch verbessern.
Die Schwinger haben ihre Trainingspläne so erstellt, dass sie beim Eidgenössischen in einer sehr guten Form sein sollten. Die Basis für eine Saison legt man nicht im Juli, sondern im Winter.

Bei welchen Bereichen können deine Schwinger mit den Deutschweizern mithalten? Bei welchen sind sie unterlegen?
Physisch und technisch können unsere Schwinger nun durchaus mit den Deutschweizer Mittelschwingern mithalten. Unsere Schwinger legten nämlich nach dem ESAF in Burgdorf durchschnittlich um etwa zehn Kilogramm an Körpergewicht zu. Dort waren wir körperlich eindeutig unterlegen.
Mental sind sie immer noch etwas unterlegen. Ein Beispiel: Johann Borcard stellte beim Innerschweizerischen im fünften Gang mit dem Eidgenossen Bruno Nötzli und erhielt für den sechsten Gang Martin Grab zugeteilt. Nach mehreren starken Gegnern in Einsiedeln rechnete Johann nicht mehr mit einem Eidgenossen. Diese Einteilung brachte ihn richtiggehend aus dem Konzept, sah sich schon den Gang verlieren, was leider dann auch geschah. Eine Auswirkung der mentalen Schwäche ist auch der manchmal etwas fehlende Ehrgeiz auf dem Schwingplatz: Dass ein Gegner bekämpft wird, bis er auf dem Rücken ist.

Spürst du bei den Schwingern eine gewisse Nervosität hinsichtlich Estavayer2016? Wie begegnet ihr dem?
Logischerweise ist eine Nervosität vorhanden. Das ist aber vollkommen normal. Ein Eidgenössisches praktisch vor der eigenen Haustür hebt natürlich die Anspannung. Das ist aber vorläufig noch eine positive Nervosität. Ich glaube nicht, dass sich die Nervosität beim ESAF in eine Blockade umwandelt. Einige unserer Schwinger waren schon mal an einem Eidgenössischen und wissen, dass das nicht vergleichbar ist mit einem anderen Schwingfest. Wir werden mit ihnen eine Woche vorher auf den Platz gehen, um so den Stress ein wenig abzubauen.
Dazu gehören auch Gespräche mit den Athleten, um ihnen Mut zu machen. Ich habe meinen Schwingern kürzlich bei einem Team-Training in Oron-la-Ville gesagt, dass wir als einheitliches Team antreten müssen. Das macht es für die Sportler nämlich einfacher, wenn sie spüren, dass ein Team hinter ihnen steht.

Täuscht mich mein Eindruck, oder haben gewisse Schwinger diese Saison schon wegen kleinen Blessuren auf einen Wettkampf verzichtet oder aufgegeben? Damit sie am Tag X in Estavayer fit sind?
Das ist eine ganz gute Frage. Das nervt mich, wenn ein Schwinger an einem Schwingfest nach zwei verlorenen oder gestellten Gängen den Bettel hinwirft. Das hasse ich richtiggehend. Du musst bereit sein, auch an einem normalen Kranzfest über die Enttäuschung und die Schmerzen zu gehen, damit du am Tag X dafür auch bereit bist. Natürlich meine ich nicht gravierende Verletzungen, das ist ja klar. Diese Beobachtung kann man aber nicht nur bei den Südwestschweizer Schwingern machen.
Ich ziehe meinen Hut vor Martin Grab: Der Rothenthurmer zog beim Berner Kantonalen einen rabenschwarzen Tag ein. Er blieb aber bis zum Schluss auf dem Schwingplatz und zeigte viel Charakter und Wille.
Ich sage meinen Schwingern: Wegen kleinen Blessuren geben wir nicht auf. Die Devise heisst durchbeissen und weitermachen.

Gäbe es Dinge in der Vorbereitung, die du rückblickend anders machen würdest?
Man hat vielleicht zu wenig früh mit dem begonnen, was wir jetzt praktizieren. Aber: Wir hatten auch die Leute nicht dafür. Du kannst die beste Infrastruktur und die besten Trainier zur Verfügung stellen. Schlussendlich haben es die Schwinger aber selber in der Hand. Mehrere Schwinger kamen nach dem ESAF Burgdorf und dem Kilchberg-Schwinget und sagten: Wir müssen mehr machen und Gas geben. Vorher mussten wir von der Verbandsseite her meist stossen und die Schwinger antreiben. Das war ein entscheidender Punkt.
Im Nachhinein kann man immer alles besser und anders machen. Aber man kann nicht etwas kritisieren, was man nicht versucht hat.

Wie sieht der weitere Fahrplan eures Teams bis Estavayer aus?
Wir hatten bis dahin viele Schwingfeste. Nun sind wir gerade in einer Ruhewoche. Ich sagte meinen Schwingern, dass sie eine Woche Ferien machen und runterfahren sollen. Am Dienstag, 26. Juli ist ein Kader-Training und am nächsten Wochenende folgt der Brünig-Schwinget, bei welchem wir mit zehn Schwingern antreten werden. Dann folgen wieder zehn Tage, wo es etwas ruhiger ist. Nebst den obligaten Klub- und Kantonaltrainings findet zwei Wochen vor Estavayer2016 vom 12. bis 14. August ein Trainingslager in Leukerbad VS statt. Im Trainingslager soll das Team nochmals zusammengeschweisst und der Teamgeist gefördert werden. Am Freitag und Samstag stehen Trainings auf dem Programm und am Sonntag ein Schwingfest, bei welchem nebst dem Südwestschweizer Team auch Berner und Walliser Schwinger antreten werden. So können wir ein Stück weit auch den Rhythmus an einem Eidgenössischen simulieren. Anschliessend wird dem Team noch der letzte Schliff verpasst.

Wann gebt ihr das definitive Team Südwestschweiz bekannt? Wie sehen die Selektionskriterien aus?
Am 4. August selektioniert die Technische Kommission und informiert am 5. August die Schwinger. Am 8. August halten wir eine Pressekonferenz ab und geben das Team Südwestschweiz bekannt. Wir machen es darum so spät, um den Selektionsdruck möglichst lange auf den Schwingern halten zu können. Wir dürfen 27 Schwinger und drei Ersatzschwinger selektionieren.
Unser Selektionsverfahren läuft über zwei Jahre und basiert vor allem auf den einzelnen Gängen bei den Kranzschwingfesten. Je nach Gegner, welchen sie gewinnen oder verlieren, bekommen die Schwinger Plus- oder Minus-Punkte. Ein Sieg gegen einen Schwingerkönig würde 200 Plus-Punkte bringen, ein gestellter Gang gegen einen Schwingerkönig 100 Punkte. Gewinnt ein Schwinger gegen einen Eidgenossen, erhält er dafür 50 Punkte. Ein Sieg gegen einen Teilverbandskranzer bringen 40 Punkte, ein Sieg gegen einen Kantonalkranzer 20 Punkte. Verliert der Schwinger gegen einen Nichtkranzer werden ihm dafür Minus-Punkte geschrieben. So kann man die Stärke eines Athleten ziemlich gut beurteilen. Natürlich fliessen auch die Rangierungen an den Schwingfesten und die gemachten Kränze mit in die Beurteilung. Massgebend sind aber die einzelnen Resultate auf dem Schwingplatz. Wenn es bei einem Schwinger knapp für die Selektionierung werden könnte, werden natürlich auch die Resultate von Rangschwingfesten herangezogen.
Zudem: Wir schauen nur auf die Resultate und haben keine garantierten Startplätze für die einzelnen Kantonalverbände. Ich möchte eine Mannschaft mit den 27 besten Schwingern beisammen haben und gebe dementsprechend einen Selektionsvorschlag an die Technische Kommission ab. Dann beraten wir zusammen diesen Vorschlag. Die Technische Kommission besteht aus den fünf Kantonal TK-Chef’s, dem Südwestschweizer Verbandspräsidenten und mir. Die definitive Entscheidung liegt bei dieser Kommission.

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Fredy, Ernest und Ruedi Schläfli
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Ruedi ergänzte abschliessend: „Da das Eidgenössische in der Romandie stattfindet, wollen es die Südwestschweizer Schwinger so gut wie möglich machen.“ Damit dies auch gelingt, haben der TK-Chef und sein Stab in der letzten Zeit hart gearbeitet und versucht das Südwestschweizer Team als Einheit mit einem guten Geist zu formen. Ein Aufwärtstrend ist wie schon erwähnt, deutlich bemerkbar. Man möchte es den Südwestschweizer Schwingern von Herzen gönnen, dass sie die Früchte in Form von Kränzen an ihrem Eidgenössischen einfahren können. Ruedi Schläfli: „Wir werden Kränze in Estavayer-le-Lac machen.“

Ich bedanke mich beim Landwirt und Imker, einem sehr sympathischen Zeitgenossen, für das äusserst lebhafte und interessante Gespräch. Dabei verströmte Ruedi draussen auf dem schönen Hof der Schläflis viel positiven Optimismus. Ich bin überzeugt, dass Ruedi’s Optimismus seine Schwinger schon längst infiziert hat.

Anschliessend wurde auch noch mit Bruder Fredy und vor allem mit Vater Ernest über die Schwingerei geplaudert. Ernest Schläfli, Jahrgang 1946, erfreut sich immer noch bester Gesundheit. Der Freiburger gewann zwischen 1967 und 1983 103 Kränze, darunter fünf Eidgenössische. Ernest verriet mir zum Schluss, dass er grosse Stücke auf die Jungspunde Armon Orlik und Samuel Giger hält.

feldwaldwiesenblogger

Den ersten Bergkranz auf der Rigi gewonnen: Nachgefragt bei Alex Schuler

Für einmal fragte ich bei einem anderen „Schuler“ nach: Alex Schuler, dem Cousin vom dreifachen Kranzfestsieger Christian. Alex gewann nämlich am letzten Sonntag verdient seinen ersten Bergkranz beim Rigi-Schwinget.

Bekanntlich räumten die Berner mit neun Eichenlaub-Exemplaren gehörig ab. Immerhin wehrte sich die „zweite Garde“ der Innerschweizer nach Kräften und holte sich schliesslich noch fünf Kränze. Dabei zeigten diese besonders im fünften Durchgang eine starke Leistung.

Man muss neidlos zugeben, dass die Mutzen derzeit einfach eine Macht sind. Man erinnert sich aber auch daran, dass es noch gar nicht so lange her ist, als es anders war. Zum Beispiel auf dem Brünig: Dort gab es während Jahren serienweise Siege von Innerschweizern (Eugen Hasler, Heinz Suter oder Martin Grab) und die Einteilung musste auch schon ab dem dritten Gang Direktbegegnungen ausrufen lassen. Wie am vergangenen Sonntag auf der Rigi.

Heute widme ich mich einem jungen Schwyzer, welcher dieses Jahr schon einige Male auf sich aufmerksam machte. Alex Schuler‘s Kranzgewinn auf der Rigi kam für viele überraschend. Letztlich war es aber eine Fortsetzung einer jetzt schon starken Saison. Der 24-jährige Sennenschwinger hat mittlerweile 20 Kränze auf seinem Konto. Sechs Exemplare fügte er 2016 hinzu. Der in Rothenthurm wohnende Metzger ist mit einer feinen Technik ausgestattet und verfügt auch über eine solide Defensive. Mit dieser rang er auf der Rigi Kilian Wenger, dem Schwingerkönig von 2010, ein viel umjubeltes Remis ab.

Am Dienstagabend telefonierte ich mit Alex und hielt unter anderem Rückblick auf den Rigi-Schwinget. Ein Thema war aber auch das intensivierte Training und seine beiden Cousins und Trainingspartner beim Schwingklub Einsiedeln, Christian und Philipp Schuler.

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Alex Schuler, der frisch gebackene „Bergkranzer“
Bildquelle: Alex Schuler

Herzliche Gratulation zum Rigi-Kranz! Was für Gedanken gingen dir durch den Kopf, einer der fünf Innerschweizer gewesen zu sein, welcher den Bernern Paroli bieten konnte?
Ich verspürte eine riesige Freude! Dass es bei so einer starken Besetzung zum ersten Bergkranz reichte, war umso schöner.

Ab wann glaubtest du am vergangenen Sonntag an den Kranzgewinn?
Ich glaubte schon am Morgen daran, denn ich fuhr mit diesem Ziel auf die Rigi hoch. Der gestellte Gang gegen Kilian Wenger gab mir viel Auftrieb. Nach den Siegkreuzchen beim vierten und fünften Gang glaubte ich fest daran.

Warst du ob deinem Kranzgewinn überrascht?
Ich war eigentlich nicht überrascht, da ich bei einem Bergkranzfest schon manchmal nahe dran war. Am Sonntag ging einfach alles auf.

Du hast diese Saison bisher sechs Kränze gewonnen. Das ist die beste Saison deiner bisherigen Karriere. Hast du in deiner Vorbereitung auf diese Saison etwas Entscheidendes geändert?
Ich trainierte auf diese Saison hin im Winter mehr als in anderen Jahren. Ich habe zum ersten Mal nach einem Plan trainiert, und machte vor allem mehr Krafttraining. Zudem habe ich auch an mich geglaubt.

Welchen Kranzgewinn stufst du bisher am höchsten ein?
Den Rigi-Kranz stufe ich als den bisher höchsten Kranzgewinn ein. Beim Bergkranzfest auf der Rigi waren 90 gute Schwinger am Start und es gab demzufolge nur wenige Kränze. Erschwerend kam hinzu, dass die Berner beinahe mit Bestbesetzung anwesend waren.

Welchen deiner bisherigen Gänge wirst du wahrscheinlich dein Leben lang nie mehr vergessen?
Derjenige gegen Schwingerkönig Matthias Sempach beim Brünigschwinget 2014. Ich brachte Matthias an den Rand einer Niederlage und verlor erst kurz vor Gang-Ende gegen ihn.

Mit deinen körperlichen Massen (95 Kilogramm, 178 Zentimeter Grösse) gehörst du eher zu den kleineren und leichteren Schwingern. Hast du deine Schwingweise extra darauf abgestimmt?
Ja, eigentlich schon. Da ich körperlich unterlegen bin, versuchte ich mein technisches Talent im Schwingen umzusetzen. Ich denke, das ist mir bisher recht gut gelungen.

Der eidgenössische Kranz scheint dank den starken Leistungen im Bereich des Möglichen. Siehst du das auch so?
Ja, das sehe ich auch so. Es ist mein grosses Ziel und ich habe deshalb auch mein Training intensiviert. Wenn ich zwei super Tage einziehe und gesund bleibe, ist der Kranzgewinn in Estavayer durchaus machbar.

Mit Christian und Philipp Schuler hast du zwei starke Cousins und Trainingspartner beim Schwingklub Einsiedeln. Haben deine diesjährigen Erfolge auch mit ihnen zu tun? Wie konntest du von ihnen profitieren?
Von ihnen beiden konnte ich sehr viel profitieren. Sie sind zwei hervorragende Trainingspartner und gaben mir überdies viele gute Tipps. Sie sind ein wenig älter als ich und ich durfte mich bei Fragen immer an sie wenden. Ich habe viele schwingerische Sachen mit ihnen angeschaut.

Wie geht es weiter? Welche Schwingfeste wirst du als nächstes bestreiten?
Der nächste Wettkampf ist der Brünigschwinget. Dann folgt am Sonntag, 14. August, zwei Wochen vor Estavayer2016, der Einsiedler Schwinget. Und natürlich Ende August das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest.

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Alex Schuler im Gang gegen Christoph Löw beim Baselstädtischen (5. Mai)
Bildquelle: Alex Schuler

Ich bedanke mich bei Alex Schuler für das lockere und interessante Gespräch. Der Rothenthurmer hat mich beim Rigi-Schwinget überzeugt. Ich bin der Meinung, dass Alex in Estavayer-le-Lac gute Chancen hat, sein grosses Ziel zu erreichen. Der eidgenössische Kranz liegt dank den bisherigen Leistungen absolut im Bereich des Möglichen.

Was mich weiter freut, ist die Tatsache, dass körperlich etwas unterlegene Schwinger durchaus ihre Chancen auf Kranzgewinne haben. Klar, so Brocken wie beispielsweise Christian Stucki sind nur schon von ihren Voraussetzungen her im Vorteil. Alex Schuler verfügt nicht über solche Körpermasse und hat seine Schwingweise deshalb mit technischem Geschick verfeinert.

Mir fiel beim Gespräch mit Alex auf, dass der sechsfache Saisonkranzer über genügend Selbstvertrauen verfügt und weiss, was er will. Diese Voraussetzung, gepaart mit seinem Talent und der schwingerischen Umgebung im Schwingklub Einsiedeln, liessen ihn 2016 erfolgreich sein.

So richtig auf sich aufmerksam machte der versierte Schwinger dieses Jahr beim Baselstädtischen, als er vier Siege realisierte und letztendlich den hervorragenden Rang 5b mitsamt dem Kranz heimnehmen durfte.
Es spricht nichts dagegen, dass der Metzger auch bei seinen nächsten Einsätzen eine gute Falle machen wird.
Ich wünsche Alex für den weiteren Saisonverlauf alles Gute und beste Gesundheit, und dass sein grosses Ziel in Erfüllung geht!

feldwaldwiesenblogger

„In Estavayer haben wir zwei neue Tage und dann kann alles wieder anders aussehen“: Interview mit ISV-TK-Chef Thedy Waser

Nach dem Innerschweizerischen Schwing- und Älplerfest (ISAF) in Einsiedeln ist vor dem Rigi-Schwinget. Vieles konnte man nach dem schönen Anlass lesen, sehen und hören. Mich freute natürlich der souveräne Sieg von Christian Schuler und die drei gewonnen Muotathaler Kränze. Alles in allem war es ein toller, sportlich hochstehender und freudiger Anlass. Die Einsiedler scheuten keine Mühen und brachten trotz misslichen Wetterbedingungen in letzter Zeit ein tolles Fest über die Bühne. Die schön errichtete Arena war ein echter Augenschmaus.

Folgender Satz stach mir am letzten Dienstag ins Auge: „Berner heimliche Sieger ohne grosse Beteiligung“. Diesen Titel fand ich in der SCHLUSSGANG-Zeitung. Im Text dazu wird eine zwiespältige Bilanz nach dem Innerschweizerischen und vom Innerschweizer Verband gezogen. Ich erschrak ein wenig ab diesem Titel und der Einschätzung, und fand, dass der SCHLUSSGANG zu Schwarz malt.

Da ich sowieso vorhatte mit Thedy Waser ein Interview zu führen und mit ihm auf das Innerschweizerische zurückzublicken, konfrontierte ich ihn auch mit der schwarzgefärbten Bilanz des SCHLUSSGANG’s.
Waser ist TK-Chef des Innerschweizerischen Schwingerverbandes und amtierte in Einsiedeln als Einteilungs-Chef.

ThedyWaser
Thedy Waser, TK-Chef der Innerschweizer
Bildquelle: esv.ch

Wann ist man mit der Einteilung zufrieden?
Wenn am Abend der Beste gewonnen hat. Und, wie nach dem Innerschweizerischen in Einsiedeln geschehen, das Verhältnis der Kränze auf die Kantone verteilt stimmt.

Das heisst also, dass du mit dem Festverlauf und mit der Einteilung vom ISAF zufrieden bist?
Ja, ich bin zufrieden mit dem Festverlauf. Auch innerhalb des Einteilungs-Teams herrschte ein gutes Klima.

Wie teilt man eigentlich fair ein?
In erster Linie schaut man auf die Punktzahl. Weiter zieht man die Stärke und die Klasse eines Schwingers in Betracht.

Was für Grundregeln beachtet man dabei?
Einerseits, dass es zu anderen Paarungen als an den vergangenen Schwingfesten kommt. Andererseits gilt das Hauptaugenmerk dem Athleten, seiner Stärke und Klasse.

Wie weit lässt sich ein Festverlauf mit der Einteilung steuern?
Der Verlauf eines Schwingfestes kann sich mit der Einteilung ziemlich steuern lassen. Bei einem guten Festverlauf verfügen der Gewinner und die nächst platzierten über ein gutes Notenblatt. Bei einem schlechten Festverlauf hat der Sieger ein schlechtes Notenblatt. Dies wäre natürlich nicht gut. Zudem: Wenn es dank der Einteilung zu schönen Gängen kommt, freut dies das Publikum und hebt die Stimmung.

Wart ihr euch in Einsiedeln bei der Einteilung relativ schnell einig?
Die fünf Kantonal-TK-Chefs und ich bildeten die Einteilung. Es ging relativ gut in Einsiedeln. Wir haben sowieso ein gutes Verhältnis untereinander.

Wie ist das mit den Gästen an einem Teilverbandsfest: Versucht man die als „Gäste“ zu behandeln oder lädt sie mit möglichst harten und zähen Gegnern?
Das Ziel ist es, die Gäste als Gegner aber auch als Gast fair zu behandeln. Sie werden dabei aber auch nicht speziell geschont.

Eine Überlegung von mir: Sollte man die Gäste-Regelung für Teilverbandsfeste nicht überdenken? Die spielen ja teilweise überhaupt keine Rolle… Wäre es zum Beispiel nicht interessanter, wenn anstatt je zwei Gäste pro Teilverband zehn Gäste eines einzelnen Teilverbandes eingeladen würden. Turnusgemäss kommt jedes Jahr ein anderer Teilverband dran.
Wir können jeweils auch nur zwei Schwinger schicken. Mit so einer Regelung dürfte es relativ schwierig werden, dass gute Schwinger den Kranz an einem anderen Teilverbandsfest gewinnen könnten. Ich sehe das eher weniger.

Bist du mit der Leistung der Innerschweizer am ISAF2016 zufrieden?
Zum Teil bin ich sehr zufrieden, vor allem mit den Jungen. Gewisse Kantonalverbände wie beispielsweise die Ob-/Nidwaldner konnten ihre Leistung, welche sie zweifellos drauf haben, nicht abrufen. Der eine oder andere Schwinger muss sich noch steigern und wird es sicher noch tun.

Der SCHLUSSGANG zieht in ihrer Zeitung vom 5. Juli nach dem Innerschweizerischen eine zwiespältige Bilanz und erklärt die Berner zu „den heimlichen Siegern ohne grosse Beteiligung“. Siehst du das hinsichtlich Eidgenössisches auch so?
Nein, absolut nicht. In Estavayer haben wir zwei neue Tage und dann kann alles wieder anders aussehen.

Haben die Innerschweizer bei dieser starken Berner Mannschaft überhaupt eine realistische Chance auf den Königstitel in Estavayer?
Das ist eine schwierige Frage. Wir verfügen über Schwinger, welche etwas dazu zu sagen haben. Wie es herauskommen wird, sehen wir dann.

Wer ist verantwortlich für die Selektionierung der 85 Innerschweizer? Wann werden diese bekanntgegeben?
Verantwortlich für die Selektionierung sind die fünf Kantonal-TK-Chefs und ich. Wir reichen einen Vorschlag zur Genehmigung an den ISV-Vorstand ein. Am letzten Mittwoch führten wir eine erste Vorselektion durch. Dabei wurden etwa 75 Prozent der Schwinger vorselektioniert. Diese Liste ist nur für den verbandsinternen Gebrauch und wir nicht publiziert.
Nach dem Brünig-Schwinget führen wir am 2. August die definitive Selektion durch. Diese Liste wird dann veröffentlicht. Unsere 85 selektionierten Schwinger müssen wir bis am 4. August dem Estavayer2016-OK melden.
Bei zwei und mehr Kränzen, welche dieses Jahr gewonnen wurden, ist ein Schwinger selektioniert. Folgende Kriterien sind massgebend: Die Anzahl Kränze, die Leistung an Kranzfesten, die Leistung an Rangschwingfesten und die Trainingsbesuche.

Innerschweizerisches
Innerschweizerisches Schwing- und Älplerfest in Einsiedeln
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Ich bedanke mich bei Thedy Waser für seine interessanten Antworten und klaren Aussagen, und bin froh, dass er für den Innerschweizerischen Schwingerverband auch nicht so schwarzsieht. Klar, die Berner verfügen über viele gute Spitzenschwinger und können an einem guten Tag das Schwinggeschehen diktieren. Wie unlängst beim Schwarzsee-Schwinget. Ob es morgen Sonntag auf der Rigi zu einer ähnlichen Machtdemonstration kommt wie anno 2013, wird sich zeigen. Die ISV-Mannschaft tritt aus verschiedenen Gründen nicht in Bestbesetzung an. Die Berner hingegen können mehr oder weniger aus dem Vollen schöpfen.

Man könnte sich nun fragen, woran es liegen mag, dass die Innerschweizer dezimiert auf die Rigi reisen. Dazu gehören sicher die Saisonplanung aber auch Verletzungen einiger Topathleten. Einige Schwinger haben die Rigi nun mal nicht im Programm und reisen stattdessen auf den Weissenstein, Brünig oder die Schwägalp. Spinnt man den Faden weiter, käme man gar zur Einsicht, dass die Innerschweizer 2016 vielleicht doch zu vielen Bergfesten zugelassen sind. So überlässt man die Rigi halt den Bernern und misst sich dann auf dem Brünig wieder mit vereinten Kräften…
Ich bin aber überzeugt, dass die antretenden Innerschweizer alles geben werden.

So oder so wird es nicht nur auf der Rigi oder auf dem Brünig zu einem Duell zwischen den Innerschweizern und den Bernern hinauslaufen. Auch beim Eidgenössischen in Estavayer werden sich diese beiden Verbände wohl auf höchstem Niveau duellieren. Die anderen drei Teilverbände, allen voran die Nordostschweizer, werden nicht über die Rolle der Spielverderber hinauskommen.

feldwaldwiesenblogger

Remo Käser auf dem Weg zum Königstitel?

Remo Kaeser jubelt nach seinem Sieg gegen Willy Graber im Schlussgang beim Mittellaendischen Schwingfest, am Sonntag, 8. Mai 2016, in Oberbalm. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Remo Käser ist derzeit in einer blendenden Verfassung
Bildquelle: srf.ch

In 55 Tagen findet das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest, kurz ESAF, in Estavayer-le-Lac statt. Von 39 Kranzfesten sind, Stand heute 2. Juli, deren 28 bereits Geschichte. Einen klaren Favoriten auf die Königskrone ist (noch) nicht auszumachen. Das war 2013 vor dem ESAF in Burgdorf anders. Matthias Sempach war der Überschwinger in jener Saison und eigentlich der klare Favorit. Er wurde seiner Rolle denn auch gerecht.

Sempach war zwar auch anno 2010 Favorit auf den Titel, stellte sich aber selber ein Bein und so konnte mit Kilian Wenger ein junger und hungriger „Giel“ den Schwing-Olymp erklimmen. Ich erkenne 2016 Parallelen zu 2010: Favoriten können einige aufgezählt werden. Aber kein klarer.
Die beiden Berner Schwingerkönige hatten diese Saison bereits ihre starken Momente, mussten aber wegen Blessuren oder gerade erst verheilten Verletzungen immer wieder „Federn lassen“.

Christian Stucki, der ewige Favorit auf den Thron, war der stärkste Schwinger der vergangenen Saison. Ihn plagte diese Saison aber während längerer Zeit eine hartnäckige Verletzung. Bei seiner Rückkehr beim Südwestschweizerischen Teilverbandsfest kam, sah und siegte er. Ob er bis zum Saisonhöhepunkt vollständig genesen sein wird, wird sich zeigen.

Überhaupt: Die Verletzungshexe zieht auch dieses Jahr wieder gnadenlos ihre Kreise. Kein Teilverband bleibt davon verschont. So verletzten sich einige Schwinger, welche zum erweiterten Favoritenkreis gezählt werden dürfen: Nebst dem erwähnten Christian Stucki muss man leider Matthias Sempach, Kilian Wenger, Matthias Siegenthaler, Philipp Laimbacher, Martin Grab, Pirmin Reichmuth, Benji von Ah aber auch Sämi Giger oder Nöldi Forrer erwähnen. Sie laborieren teilweise immer noch an Verletzungen und einige von ihnen können froh sein, wenn es für Estavayer reicht.

Ein Name fehlt oben bei der Verletzten- oder Angeschlagenen-Liste: Remo Käser. Und hier ziehe ich meine Parallelen zu 2010. Käser ist, wie Wenger, ein junger und hungriger Schwinger. Dieser konnte diese Saison bereits zwei Kranzfeste gewinnen und lieferte beim Basel Städtischen als Gast eine hervorragende Leistung ab.
Das erst 19-jährige Supertalent blieb während dem vergangenen Winter ohne Verletzung und konnte sein Programm ohne Abstriche durchziehen.

Wenn man zwar die SCHLUSSGANG-Wertung (die offizielle Jahrespunkteliste des Eidgenössischen Schwingerverbandes) zur Hand nimmt, liegt Armon Orlik klar mit 27 Punkten an der Spitze. Orlik gewann 2016 bisher vier Kranzfeste, allesamt auf „seinem“ NOS-Teilverbandsgebiet. Vor zwei Wochen wurde er beim Schwarzsee-Schwinget wieder auf den Boden der Realität geholt, und musste gar ohne Kranz die Heimreise antreten. Was dem Bündner fehlt, ist ein ebenso starkes Team im Rücken, auf welches Remo Käser zählen kann. Das ist in meinen Augen auch der Schlüssel zum Erfolg. Sollte der gelernte Spengler beim ESAF nämlich in einen Lauf geraten wie vor drei Jahren Matthias Sempach oder vor sechs Jahren Kilian Wenger, ist alles möglich. Die starke Berner Fraktion verrichtet nämlich wichtige „Aufräumarbeit“ – die Pflicht, und Käser könnte mit seiner Kür eigene Kreise ziehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt spricht ebenfalls für den in Alchenstorf wohnhaften Athleten: Sein Umfeld mit drei Schwingerkönigen. Mit Vater Adrian Käser hat er einen Schwingerkönig in der Familie, welcher ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. Schwingerkönig Silvio Rüfenacht ist Käser’s Onkel. So etwas ist ganz einfach ein unbezahlbarer Vorteil. Was ebenfalls zu seinen Gunsten spricht, ist sein prominenter Trainingspartner beim Schwingklub Kirchberg: Schwingerkönig Matthias Sempach.

Vieles deutet zurzeit daraufhin, dass Remo Käser der nächste Schwingerkönig werden könnte. Sein Schwingstil ist spektakulär, er ist stark im Stand und besitzt auch Qualitäten in der Bodenarbeit. Zudem ist Käser nervenstark und wirkt für sein junges Alter bereits schon sehr abgeklärt. Der Sennenschwinger mit den Gardemassen von 188 Zentimeter Grösse und 104 Kilogramm Gewicht ist unverbraucht und besitzt jetzt schon das Rüstzeug für den Schwinger-Olymp.
Ich vermute zudem, dass auch dieses Jahr kein Ü30iger Schwingerkönig wird. Somit würden für den diesjährigen Sieger vom Mittelländischen und Emmentalischen schon einige Mitfavoriten um die Königskrone wegfallen…

Vater und Sohn Käser
Zu Remo Käser’s Umfeld gehören drei Schwingerkönige: Einer davon ist Vater Adrian Käser
Bildquelle: schwingenonline.ch

feldwaldwiesenblogger