Interview mit dem Schlussgangfilmer Jakob Niederberger

Diese Woche möchte ich einen für Schwingfestbesucher bestens bekannten Mann, den Schlussgangfilmer, ein wenig näher vorstellen. Der bärtige und bei schönem Wetter oft einen Strohhut tragende Mann heisst Jakob Niederberger und wohnt auf einem kleinen Hof in Kastanienbaum LU. Bis Ende dieses Jahres betreibt er dort eine Gemüsegärtnerei. Am Montag dieser Woche besuchte ich Kobi, wie er auf dem Schwingplatz gerufen wird, und führte mit ihm ein Interview.
Der Schlussgangfilmer ist 55-jährig, verheiratet und hat vier erwachsene Kinder. Seine Leidenschaft, das Filmen, entdeckte er irgendwann für den Schwingsport. Zu Beginn filmte Kobi noch von der Tribüne aus. Inzwischen ist er längst der Schlussgangfilmer und beliefert via seiner eigenen Homepage Montag für Montag die Schwingfans mit einem oder manchmal mehreren Schlussgängen vom vorherigen Sonntag. Während der Woche folgen zudem weitere interessante Gänge als Video.

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Schlussgangfilmer Jakob Niederberger
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Seit wann bist du „der Schlussgangfilmer“?
Offiziell seit 2009. Ich filmte zwar schon vorher, durfte aber noch nicht auf den Schwingplatz und filmte von der Tribüne aus. Der Ausschlag waren zwei entscheidende Begegnungen. Die erste Situation ergab sich nach einem gestellten Schlussgang zwischen Jürg Käser und Daniel Odermatt. Dabei wurde Käser ein 8.75 geschrieben und so der Sieg entrissen. Beim Gespräch hinterher sagte ich ihm, dass ich alles gefilmt und auf Band habe. Die zweite Begebenheit war bei einer „Schwinger-Metzgete“ in Schwarzenberg LU, wo auch Matthias Sempach, Kilian Wenger und Daniel Bösch anwesend waren. Ich sass dort mit den Verantwortlichen der Schwingerzeitung SCHLUSSGANG zusammen. Beim Gespräch sagte ich ihnen, dass auf ihrer Homepage der Schlussgang fehlt. So kam ich kurze Zeit später in die „Schlussgang-Filmerei“ rein.

Wie kamst du auf die Idee, an Schwingfesten Schlussgänge zu filmen?
Ich war schon immer ein Fan der Filmerei. Als unsere erste Tochter zur Welt kam, kaufte ich eine Videokamera. Später nahm ich die Kamera mit an die Schwingfeste, und begann von der Tribüne aus zu filmen. Dies fand guten Anklang bei meinen Kollegen. Zum ersten Mal filmte ich 2004 beim Eidgenössischen in Luzern.
Der erste, der sporadisch mal an Schwingfesten Schlussgänge filmte, war Alois Omlin. Omlin ist eigentlich Fotograf, konnte mit seiner Kamera aber auch filmen. Da das nicht regelmässig praktiziert wurde, fand ich, dass einfach etwas fehlt, und wollte das auch machen.
Am Anfang habe ich gefilmt und fotografiert. Als ich auf den Schwingplatz durfte, habe ich nur noch gefilmt. Zu Beginn machte ich die Filme für den SCHLUSSGANG. Später stellte ich sie dann auf meine eigene Homepage.
Übrigens: Der Schlussgangfilmer hat von der Namensgebung her nichts mit der Zeitung SCHLUSSGANG zu tun. Ein ehemaliger Fourier bei uns in der Feuerwehr erklärte mich zum „Schlussgangfilmer“: Der Mann, welcher den Schlussgang eines Schwingfestes filmt.

Hast du selber mal geschwungen? Wie sieht dein Bezug zum Schwingsport aus?
In jungen Jahren schwang ich als Jungschwinger während sechs Jahren beim Schwingklub Luzern und Umgebung. Fussball wurde mir von zuhause aus nicht gestattet, Schwingen hingegen durfte ich. Mit 16 Jahren verletzte ich mich aber schwer am rechten Knie (Kreuzbandriss und kaputter Meniskus). Dannzumal bedeutete dies das Karriereende. Der Unfall ereignete sich bei einem Training in Vevey VD, beim ortsansässigen Schwingklub. Ich machte dort die Lehre als Kellner.

Dein Beruf ist Gemüsegärtner. Lässt sich das gut mit deinem grossen Hobby, Filmen an Schwingfesten, verbinden?
Jein. Das war schon schwierig. Die Schwingfeste finden ja am Sonntag statt und am Montagmorgen nahm ich mir frei, um die Filme zu schneiden. Da ich bis vor kurzem Angestellte in meinem Betrieb hatte und meine Familie mir half, funktionierte das. Es wurde mir aber irgendwann zu viel. Nun steht eine berufliche Veränderung an. Auf den eigenen Stand am Markt in Luzern möchte ich nicht verzichten. Was ich in Zukunft machen werde, wird sich in nächster Zeit weisen.

Filmbeispiel 1: Der Schlussgang am ISAF 2016


Video-Quelle: schlussgangfilmer.com

Deine Akzeptanz bei Schwingern und Schwingfestorganisatoren ist sehr gut. Konntest du zu Beginn filmen, wie es dir gerade beliebte? Wie sieht das jetzt aus?
Ich war zu Beginn neben dem Schweizer Fernsehen der einzige. Eine Akkreditierung war schon zu Beginn meiner „Filmer-Karriere“ notwendig. Beim Eidgenössischen in Burgdorf durfte ich leider nicht auf dem Platz filmen. Das warf damals ziemlich hohe Wellen. Ich habe inzwischen vom Eidgenössischen Schwingerverband (ESV) die Erlaubnis, bei allen Schwingfesten zu filmen. Das ist für mich eine sehr grosse Anerkennung meiner bisherigen Arbeit, und ich schätze es sehr. So etwas ist nicht selbstverständlich. Ich habe eine einzige Auflage: Ich darf die Filme nach einem Schwingfest gleichen Tags nicht vor Mitternacht ins Internet stellen.

Am ESAF 2013 in Burgdorf durftest du meines Wissens wegen SRF auf dem Schwingplatz nur fotografieren. Wie sieht das beim Eidgenössischen in Estavayer aus, wo das SRF ja auch wieder überträgt?
Wie bei der vorherigen Frage erklärt, darf ich nun bei jedem Schwingfest auf dem Platz filmen. Auch beim Eidgenössischen in Estavayer-le-Lac.

Wieviel Zeit pro Woche investierst du für dein Hobby? Was gehört neben dem Filmen an Schwingfesten noch dazu?
Ich investiere während der Schwing-Saison dafür zwei ganze Tage. Einerseits den Sonntag, an welchem ich filme. Andererseits den Montag, wo ich die Filme schneide. Als Erstes fertige ich immer den Schlussgang an. Dann die sechs Gänge des Siegers, wenn sie denn alle auf Band sind. Manchmal fertige ich noch Videos von einzelnen speziellen Gängen an. Weiter gehört auch das Beschriften des Materials dazu.
Die weitere Bearbeitung des vielen vorhandenen Filmmaterials ist „Winterarbeit“, und möchte ich in Zukunft vermehrt in die Hand nehmen.

Seit wann bist du Gemüsegärtner und betreibst einen Hof?
Nach der Kellner-Lehre ging ich für anderthalb Jahre nach London, um dort zu arbeiten und Englisch zu lernen. Als ich zurückkam, wusste ich: Das ist nicht mein Ding. So meldete ich mich für die Hotelfachschule in Genf an, welche ich zwischen 1983 und 1984 während einem Jahr absolvierte. Anschliessend kam ich durch Beziehungen zu einem Job als Vizedirektor im Hotel Sport in Klosters GR, wo ich meine jetzige Frau Priska kennenlernte. Ich war dort für den Service und die Gästebetreuung zuständig. Etwas später ergab sich zuhause die Situation, die Gemüsegärtnerei zu übernehmen. Da mir klar war, dass ich auf Dauer nicht im Hotelgewerbe arbeiten möchte, machte ich 1987/1988 in Wädenswil die Ausbildung zum Gemüsegärtner. Ich arbeitete darauf im Betrieb meines Vaters und übernahm 1992 mit meiner Frau zusammen den Gärtnereibetrieb in Pacht. Wie bereits erwähnt, gebe ich den Betrieb bis Ende Jahr auf und strebe eine berufliche Umorientierung an.

Filmbeispiel 2: Alle sechs Gänge des NOS-Siegers Armon Orlik am NOS 2016


Video-Quelle: schlussgangfilmer.com

So wie ich das sehe, brauchst und liebst du die Natur. Bei deinem Beruf und deinem Hobby bist du meist draussen und der Witterung ausgesetzt. Zufall oder gewollt?
Ich kenne nichts anderes, ich bin so aufgewachsen. Denn ich half schon als Kind bei der Gemüsegärtnerei meiner Eltern mit. Zudem führte mein Vater damals noch einen gepachteten Bauernhof. So gab es für uns immer etwas zu tun. An schulfreien Tagen und in den Ferien mussten wir mitanpacken. Die Landwirtschaft und das Schwingen passen sowieso zusammen.

Machst du die Schwingerfilme nur für dich und deine Homepage „schlussgangfilmer.com“, oder arbeitest du auch für andere?
In erster Linie mache ich die Filme für meine Homepage. Zu Beginn, wie oben angesprochen, hatte ich eine Zusammenarbeit mit dem SCHLUSSGANG. Später kam eine Zusammenarbeit mit schwingenonline.ch zustande. Dies beruhte auf einer vertraglichen Vereinbarung, und ich musste vor allem bei Schwingfesten im Bernbiet filmen. Ich wollte nach einiger Zeit aber wieder selber auslesen, wo ich filmen möchte. So lösten wir diese Vereinbarung wieder auf.
Vor kurzem ging ich eine Zusammenarbeit mit Gody Waser vom sportalbum.ch ein. Diese Internet-Plattform ist in erster Linie ein Archiv. Darauf gibt es auch ein Online-Schwingeralbum für einzelne Schwinger, zu denen Videos von mir gestellt werden. Rolf Gasser, der Geschäftsstellen-Leiter des ESV, und der Innerschweizerische Schwingerverband stehen hinter diesem Projekt.
Waser bekam von Gasser alte Schwingerfilme, welche Christian Mutzner zu Zeiten von Karl Meli filmte. Gody digitalisierte diese und avancierte so mit sportalbum.ch ein Stück weit zum Film-Archiv des ESV.

Welches war bisher dein verrücktestes Erlebnis als „Schlussgangfilmer“?
Der Weissenstein-Schwinget von 2011, wo nach zwei Gängen abgebrochen werden musste. Die Witterung mit sehr kräftigem Wind und intensivem Regen liess eine Weiterführung nicht mehr zu. Ich packte mich auf dem Schwingplatz ein so gut ich konnte, um mich vor der Unbill des Wetters zu schützen. Es herrschte ein regelrechter Sturm. Dem OK und dem Einteilungskampfgericht blieb nichts mehr anderes übrig, als den Berg-Schwinget abzubrechen. Das war mein bisher verrücktestes Erlebnis als Schlussgangfilmer.

Bereitest du dich speziell aufs Eidgenössische vor? Eventuell mit zusätzlichen Helfern?
Zusätzliche Helfer werde ich keine haben. Ich möchte in Estavayer die Spitzengänge nicht filmen, denn die wird ja schon das Schweizer Fernsehen live übertragen. Den Schlussgang filme ich selbstverständlich.
Was mich beim ESAF in Burgdorf ein wenig störte, war die Tatsache, dass gewisse Schwinger Neu-Eidgenossen wurden und keine Bilder davon im Fernsehen zu sehen waren. Ich kenne die Schwinger relativ gut. Deshalb möchte ich solche filmen, die sonst kaum gezeigt werden. Ich weiss, das ist ein grosses Ziel.
Vor dem Grossanlass mache ich mir eine Liste mit allen Schwingern. Zu Beginn des Festes möchte ich nur Gänge von den ganz jungen Schwingern filmen, damit die sich auch mal an einem Eidgenössischen sehen.
Seit der BLICK bei den Schwingfesten Filme produziert, filme ich eher wieder die jungen Schwinger. Denn auf blick.ch sind vor allem die „Cracks“ zu sehen. Ein Beispiel ist der junge Kilian Wenger: Ich filmte ihn damals als 17-jährigen Schwinger von der Tribüne aus, als er 2007 auf dem Brünig Philipp Laimbacher bezwang. Ich möchte es wieder vermehrt so handhaben, wie zu Beginn meiner Filmerei an Schwingfesten. Die Jungen haben auch das Recht, gezeigt zu werden.

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Kobi, wie man ihn an Schwingfesten kennt und sieht
Bildquelle: schlussgangfilmer.com

Zum Schluss des Interviews erklärte mir Kobi: „Vor Schwingfesten bereite ich mich jeweils immer gut vor. Bei Kantonalen versuche ich beispielsweise möglichst junge einheimische Schwinger zu filmen.“ Wie jeder Schwingerfreund festellen konnte, filmen das Schweizer Fernsehen und der BLICK dieses Jahr regelmässig an Schwingfesten. Und wie der „Schlussgangfilmer“ mir im Gespräch sagte, halten die beiden grossen Medien vor allem die grossen „Cracks“ auf ihren bewegten Bildern fest. Statt sich gegenseitig zu kopieren, trat der gelernte Gemüsebauer die Flucht nach vorne an. Er filmt wieder vermehrt Gänge von jungen und hungrigen Schwinger, welche dereinst an der Spitze mitmischen werden. Ich finde das eine tolle Sache und erkenne mich ein Stück weit auch darin. Denn ich möchte auch nicht die Geschichten der grossen Medien nachbeten. Stattdessen versuche ich wie Kobi diejenigen zu entdecken, über welche kaum berichtet wird.
Ich bedanke mich bei Jakob Niederberger für das sehr interessante Gespräch. Dabei lernte ich einen schwingbegeisterten, humorvollen aber auch sensiblen Menschen kennen, welchen ich bei Schwingfesten meist nur von der Ferne mit der Kamera sehe.

feldwaldwiesenblogger

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