Estavayer2016: Abschluss der Vorschauen-Serie – Interview mit Michael Nydegger

Als Abschluss meiner mehrteiligen Vorschauen-Serie über das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest, mit Fokus auf den Südwestschweizerischen Schwingerverband, stattete ich vorletztes Wochenende dem Team Romandie einen Besuch beim Trainingslager in Leukerbad VS ab. Das Trainingslager fand vom Freitag, 12. August bis Sonntag, 14. August statt.

Die Südwestschweizer Schwinger, welche für das Eidgenössische selektioniert wurden, trafen sich am Freitag im wunderschön gelegenen Walliser Kurort. Auf dem Programm standen ein gemeinsamer Thermalbad-Besuch und ein Nachtessen. Des Weiteren wurde der Ablauf am Eidgenössischen besprochen und die Schwinger erhielten dazu letzte Informationen. Am Samstagvormittag erfolgte ein Schwingtraining, am Nachmittag ging’s auf den Gemmipass hoch. Als Teambildung absolvierten die Südwestschweizer Schwinger eine Wanderung. Als Abschluss des Trainingslagers besuchten die selektionierten Athleten am Sonntag das Regionalschwingfest Leukerbad. Das Teilnehmerfeld von 30 Schwingern wurde mit Berner Oberländern aus den Schwingklubs Reichenbach und Interlaken komplettiert. Der Brünisrieder Steven Moser gewann vor 500 Zuschauern den Rangschwinget. Auf dem Schwinger-Blog finden sich dazu einige Fotos und weitere Randnotizen.

Am Rande dieses Trainingslagers sprach ich mit Michael Nydegger, dem zurzeit einzigen noch aktiven Südwestschweizer Eidgenossen. Mit dem Freiburger habe ich im Juli 2015 meine Vorschauen-Serie gestartet, mit ihm werde ich sie nun auch beenden. Zur Erinnerung: Michael verpasste wegen zwei Verletzungen einen Teil der Saison 2014 und das ganze letzte Jahr.
Am 22. Mai gab der Sennenschwinger beim Neuenburger Kantonalen in Couvet nach gut zwei Jahren sein Kranzfest-Comeback. Er belegte dabei den hervorragenden zweiten Rang. Eine Woche später doppelte der Sportstudent in Eysins beim Waadtländer Kantonalen nach und ergatterte sich im Rang 5a den zweiten Saisonkranz. Dabei blieb es leider. Michael konnte in der Folge durch verschiedene kleine Blessuren meist nicht mehr teilnehmen oder musste aufgegeben. Einmal verpasste er den Kranz (Rigi-Schwinget).

Apropos Sportstudent: Michael läuft es beim Studium in Freiburg sehr gut. Das erste Jahr hat er erfolgreich über die Runden gebracht und alle Prüfungen bestanden. Mitte September beginnt für den sechsfachen Kranzfestsieger das zweite Studienjahr mit dem dritten Semester.

michael nydegger beim gespräch
Michael Nydegger, zuhause in Oberschrot FR
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Wie geht es dir? Sind deine während der Saison erlittenen Blessuren wieder verheilt?
Danke, mir geht’s tipptopp. Die angesprochenen Blessuren sind mittlerweile ausgeheilt. Nach zwei wettkampflosen Jahren musste sich mein Körper erst wieder an die Belastungen gewöhnen. Für Estavayer2016 bin ich zuversichtlich. Während den Tagen vor dem Anlass wird der letzte Schliff mit kurzen intensiven Belastungen verpasst, um die Explosivität hoch zu halten. Das Ziel ist zudem, erholt und frisch ans Eidgenössische zu fahren.

Du hast dir diese Saison beim Waadtländer und beim Neuenburger Kantonalen bisher zwei Kränze erkämpft. Bist du mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden?
Die Unterbrüche aufgrund der Verletzungen in den Jahren 2014 und 2015 musste ich akzeptieren. Mit dem Start meines Comebacks war ich sehr zufrieden. Anschliessend kamen leider kleinere Blessuren hinzu.

Hast du den Fokus dieser Saison vor allem auf das Eidgenössische ausgerichtet?
Der Höhepunkt ist ganz klar Ende Saison und die ganze Planung wurde darauf ausgerichtet. Der Fokus liegt aber immer auf dem nächst folgenden Schwingfest.

Du wirst im Oktober 31 Jahre jung, und erlebtest in deiner Schwingerkarriere bisher einige Höhen und Tiefen. Was oder wie motivierst du dich jeweils aufs Neue?
Ich weiss es selber nicht so genau. Es wird die Freude am Schwingen, am Trainieren und einen neuen Aufbau anpacken sein. Weiter natürlich die Freude an guten Resultaten bei einem Schwinget.
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo die Karriere zu Ende ist. Solange der Spass vorhanden ist, schwinge ich. Weitere Gedanken zum Karriere-Ende mache ich mir momentan nicht. Jetzt gilt der Fokus aufs Eidgenössische.

Ist der Kranzgewinn in Estavayer-le-Lac für dich ein realistisches Szenario?
Ja, ganz sicher. Wenn mir ein guter Start gelingt und ich in einen Lauf komme, ist vieles möglich. Zudem ist das ESAF bei uns in der Westschweiz. Ich setze alles daran, so gut wie möglich zu schwingen. Physisch bin ich parat.
Wenn ein Eidgenosse den Kranz nicht als realistisches Ziel sieht, hat er eigentlich schon verloren.

Wie gross ist das Potential des Team Romandie nach der langen Vorbereitung? Wie viele Kränze liegen in deinen Augen beim ESAF drin?
Das Potenzial dazu ist vorhanden. Ich weiss aber nicht genau, wie es um die anderen steht und will mich nicht auf die Äste hinauswagen. Um den Kranz zu gewinnen, braucht es auch Gesundheit und Glück. Weiter ist es von vielen Details abhängig und Nuancen können entscheiden. Von null bis zwei oder drei Kränze ist alles möglich. Wie gesagt, ich mache lieber keine Prognose.

team romandie
Das Team Romandie bestritt als Abschluss des Trainingslagers das Regionalschwingfest Leukerbad
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

In welchen Bereichen hat sich euer Team in den vergangenen drei Jahren nach dem ESAF Burgdorf massiv verbessert?
Es wurden junge Schwinger, wie beispielsweise Benjamin Gapany, gefördert. Er gehört anhand der Saisonresultate sicher zu den Kranzanwärtern.
Der Verband hat mit einem guten und kompetenten Betreuerteam grosse Arbeit geleistet, um die Jungen an die Spitze in der Romandie zu führen. Klar, schlussendlich liegt es an jedem einzelnen Schwinger, die Motivation aufzubringen, um an die absolute Spitze in der Schweiz zu gelangen.

In welchen Belangen liegt nach wie vor Verbesserungspotenzial drin?
Das ist schwierig zu sagen. In fast allen Belangen ist Verbesserungspotenzial vorhanden, am meisten nach wie vor im Schwingen selber. Dieses Manko kann mit Schulschwingen und dem Arbeiten an der Technik ausgemerzt werden.
Die Leistungsdichte ist bei uns zwischen guten und sehr guten Schwingern zu gering. Es ist daher auch schwierig, schwingerische Fortschritte zu erzielen.

Was meinst du rückblickend zu eurer Vorbereitung?
Die Vorbereitung ging nach dem ESAF2013 in Burgdorf los. Da ich in den letzten beiden Jahre wegen Verletzungen viele Trainings verpasst habe, kann ich nicht viel dazu sagen. Es ist natürlich schwierig, in drei Jahren von Null auf Hundert zu kommen. Das würde mehr Zeit in Anspruch nehmen. Ich hoffe, dass sie ihr bestmögliches probiert haben.

Was wünschst du dir am meisten für das Eidgenössische?
Dass die grosse Arbeit und die viele Zeit, welche der Verband und die Schwinger investierten, belohnt wird. Natürlich hoffe ich auch auf schönes Wetter, und dass es ein schönes Fest wird.

Wie siehst du die Zukunft für das Schwingen in der Romandie?
Wie bereits erwähnt, muss mehr Arbeit in den schwingerischen Bereich gesteckt werden. Ich persönlich sehe dort das grösste Manko.
Der Boom wird wohl erst nach Estavayer2016 ausbrechen. Obwohl jetzt schon viel in den Medien berichtet wird. Die Welle wird aber erst anrollen, wenn der neue Schwingerkönig bekannt ist. Dann muss man parat sein. Damit man die interessierten jungen Leute, die zweifellos ins Schwingtraining kommen werden, soweit motivieren kann, dass sie auch bleiben.

Wie siehst du deine eigene schwingerische Zukunft nach dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest?
Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht und keine Energie dafür verschwendet. Jetzt gilt der Fokus dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest. Nachher werde ich sicher darüber nachdenken, wie vermutlich alle anderen Schwinger auch.

schwingfest leukerbad
Kann eine Kulisse an einem Schwingfest schöner als in Leukerbad sein?
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Der 44-fache Kranzgewinner unternimmt in meinen Augen wirklich alles, um in Estavayer-le-Lac so gut wie möglich zu schwingen. Ein Wunsch geht für Michael sicher in Erfüllung: Das Wetter wird sich von seiner besten Seite zeigen. Ob’s für den Kranzgewinn reicht, wird sich nach dem achten Gang zeigen. Ich möchte es ihm und den Südwestschweizer Schwingern von Herzen gönnen, dass auch dieser Wunsch in Erfüllung geht. So ein Erfolgserlebnis wäre für den kleinsten der fünf Teilverbände und den Schwingsport in der Romandie immens wichtig.

Ich durfte den Südwestschweizerischen Schwingerverband nun während mehr als einem Jahr begleiten. In vielen Gesprächen und Beobachtungen konnte ich mir ein Bild über die schwingerische Situation in der Romandie machen. Des Weiteren griff ich auch Themas rund um das Eidgenössische in Estavayer auf. Dabei fielen mir drei Dinge auf: Erstens, ich wurde überall sehr freundlich aufgenommen. Dafür möchte ich mich bei allen Gesprächspartnern herzlich bedanken. Als zweiten Punkt erwähne ich die lateinische Mentalität. Diese steckt an und lässt einem gewisse Dinge einfach etwas relaxter sehen. Der Schwingsport wird trotz „lockerer Einstellung“, und damit komme ich zu drittens: Ernsthaft und mit viel Enthusiasmus betrieben.

Ich darf nach meiner Vorschauen-Serie ehrlich gestehen: Ein Stück weit wird mein Innerschweizer Herz beim ESAF auch für die Romands schlagen. Wie Michael Nydegger bin ich Realist, aber auch Optimist. In den vergangenen Jahren wurde viel Herzblut in das Projekt „Estavayer2016“ investiert. Grosse Fortschritte wurden erzielt, Talente an die Spitze geführt und viele können nun mit Mittelschwingern aus der Deutschschweiz mithalten. Ob dies zum angestrebten eidgenössischen Eichenlaub führt, ist schwierig zu sagen. Ich glaube aber, wie die Verantwortlichen rund um den TK-Chef der Südwestschweizer, daran. Und schliesse mit den Worten von Ruedi Schläfli: „Wir werden Kränze in Estavayer-le-Lac machen“!

feldwaldwiesenblogger

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