Schwingsport im Tessin: Hat das Schwingen in der Sonnenstube eine Zukunft? (Teil 2)

In einer losen Serie berichte ich über den Schwingsport im Tessin. 2012 wurde der Kantonale Schwingerverband von zwei Elternteilen von Jungschwingern und Edi Ritter gegründet. Am 22. September traf ich mich mit Edi, dem Präsidenten und Technischen Leiter im Centro Sportivo in Tenero. Beim Gespräch war auch der junge Aktive Lorenzo Mignola anwesend.

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Edi Ritter und Lorenzo Mignola vor der kleinen aber feinen Trainingslokalität im Centro Sportivo
Bildquelle: feldwaldwiesenblogger

Wird der Schwingsport in der Bevölkerung wahrgenommen?
Der Schwingsport ist im Tessin nicht verankert. Er wird aber seit dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest ESAF 2010 in Frauenfeld wahrgenommen. Edi erklärt: „Damals fragte mich das Tessiner Fernsehen, ob sie mich als Fachexperten für die TV-Übertragung engagieren können. Bis dahin zeigten sie jeweils nur den Schlussgang eines Eidgenössischen. Ich sagte zu. Vom ESAF in Frauenfeld wurde dann der ganze Samstag- und der ganze Sonntagnachmittag übertragen. Nach diesem Anlass erwachte im Tessin das Interesse am Schwingsport und man wusste nun, dass auch hier geschwungen wird. Das Ganze wurde aber mit einer gewissen Skepsis und Vorsicht registriert.“

Hat der Schwingsport im Tessin eine Zukunft?
Edi, das eidgenössische Ehrenmitglied, meint dazu: „Ja. Mit Leuten wie Lorenzo Mignola, Loris Di Pietro und den anderen hat er eine Zukunft. Weil wir eine kleine Gruppe sind, und ich darauf schaue, dass die Kleinen wie die Grossen einander kennen, zueinander stehen und einander helfen. Ich will auch, dass wir gemeinsam zu den Anlässen reisen, und sie die Gelegenheit haben, miteinander zu reden und weiter zu kommen. Wenn einer einmal wegen Unfall oder Verletzung einige Zeit das Training nicht besuchen kann, ist es immer ein freudiges Ereignis, wenn er wieder kommt. Sie schauen zu einander, was mir sehr wichtig ist. Ich will keine Einzelkämpfer und möchte, dass sie Freude am Sport haben. Es wird kein Leistungsdruck ausgeübt und sie müssen niemandem etwas beweisen. Momentan zählen bei mir Zweige und Kränze noch nicht. Wir sind froh und stolz, wenn ein Schwinger einen Zweig oder Doppelzweig macht. Aber ich führe keine Rangliste darüber. Bei uns darf jeder schwingen, ob er talentiert ist oder nicht.“

Bekommen die Tessiner Schwinger Unterstützung aus der Deutschschweiz?
„Wenn ich möchte, würden wir Unterstützung bekommen, vor allem finanziell“, beginnt Edi zu erzählen. Aber er will nicht, dass der Schwingsport im Tessin so quasi subventioniert wird. „Wir müssen uns das selber erarbeiten. Nur wenn wir das selber schaffen, können wir auch dahinter stehen und stolz darauf sein. Wenn wir alles annehmen würden, wäre die Wertschätzung nicht so, wie wenn wir es selber machen würden.
Technische Unterstützung benötigen wir keine, da ich diese selber reinbringe. Und wie man einen Verband zu führen hat, weiss ich mittlerweile auch.“

Wer half Edi Ritter 2009, den Tessinern den Schwingsport zu zeigen?
Der ehemalige Schwinger und Ringer erläutert: „Die nächsten sind für uns die Urner, respektive die Erstfelder. Der ehemalige Präsident vom Schwingklub Erstfeld, Robi Indergand, war zu der Zeit Urner Kantonalpräsident, als ich Präsident vom Basellandschaftlichen Kantonalverband war. Solche Kontakte bestehen gewöhnlich ein Leben lang. Als ich 2009 angefragt wurde den Tessinern den Schwingsport im Centro Sportivo zu zeigen, war mein erster Gedanke: Sägemehl und Schwinghosen müssen zuerst zur Verfügung stehen. Weiter nahm ich das Telefon zur Hand, und rief Robi Indergand an. Ich erklärte ihm die Situation und fragte, ob er nicht mit etwa sechs Schwingern kommen könnte. Die Erstfelder Kollegen kamen darauf 2009, 2010 und 2011 ins Centro Sportivo und halfen mit, das Schwingen im Südkanton zu demonstrieren. Sogar der Urner Eidgenosse Andi Imhof war dabei. Uns ging es am Anfang nicht darum, einen Verband oder Klub zu gründen. Wir wollten den Leuten im Tessin einfach den Schwingsport zeigen. Ich bin nämlich nicht mit der Absicht ins Tessin gezogen, um hier etwas aufzuziehen.“

Welche Schwierigkeiten und Probleme bereiten dem Tessiner Kantonalen Schwingerverband Sorgen?
„Ein Problem bereitet uns im Winter die Trainigslokalität“, beginnt Edi. Und weiter: „Uns steht auf dem Gelände des Centro Sportivo ein kleiner Raum zur Verfügung. Um meine Philosophie mit 12 bis 14 Schwingern weiter zu verfolgen, überkreuzen wir beim Wintertraining die Trainingsstunden. Wir beginnen um 18 Uhr und schwingen mit den Kleinen bis 19 Uhr. Die Grossen starten mit dem Training um 19 Uhr, welches um 21 Uhr endet. Die grösseren Schwinger kommen aber schon vorher und helfen den Kleinen. Ich will, dass sie sich auch im Winter sehen und Kontakt miteinander pflegen. Das funktioniert bestens. Bedingt durch die kleine Räumlichkeit haben wir das so gelöst. Hätte ich einen grösseren Trainingsraum zur Verfügung, würde ich mit den Kleinen von 18 bis etwa 20 Uhr voll durch trainieren. Im Sommer sieht das anders aus. Wir haben einen grossen Sägemehlplatz auf dem Gelände und trainieren auf diesem.
Da ich kürzlich ein scharfes Email geschrieben habe, wird man nun wohl einen Weg suchen, um uns entgegenzukommen. Die Verantwortlichen hier haben nämlich auch mitbekommen, dass wir vor einem Grossanlass wie dem Eidgenössischen von verschiedenen Radio- oder TV-Stationen mehr interviewt wurden als all die Fussballer. Die Burschen sind fast halbe Medienstars geworden. Von unserer Seite her fördern wir das aber nicht.“

In den Tessiner Printmedien werden ihre Schwinger aber immer noch relativ stiefmütterlich behandelt. Sie haben niemanden, der über sie schreibt. Das sieht bei den Print-Medien aus der Deutschschweiz anders aus: Der SCHLUSSGANG, Blick oder andere Zeitungen interessieren sich für sie und berichten darüber. Laut Edi wahrscheinlich auch deswegen, weil die Tessiner Schwinger in gewisser Weise Exoten sind. Vergleichbar mit den Jamaikanern im Bob-Sport.

feldwaldwiesenblogger

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