Wie funktioniert eine Schwinger-Trainingsgruppe? – Nachgefragt bei Eveline Steinemann

Die momentan wettkampffreie Zeit nutzen die Schwinger für Training und Aufbau. Zeit für mich, auch bei diesem Aspekt ein Blick hinter die Kulissen zu werfen. Wie allgemein bekannt ist, gibt es auch im Schwingsport verschiedene Trainingsgruppen. Wie aber funktioniert so eine Trainingsgruppe, und wie wird sie betreut?

Ich erfuhr kürzlich, dass Eveline Steinemann eine Trainingsgruppe mit Berner Schwingern betreut. Eveline Steinemann? Der Name sagt wohl nicht allen Schwingerfreunden etwas. Sie hat aber sehr wohl schwingerische Wurzeln. Ist doch Christian Dick, der Berner Eidgenosse mit 101 gewonnenen Kränzen, ihr Bruder.

Wissbegierig und interessiert an allen Dingen, die mit dem Schwingsport zu tun haben, tippte ich zehn Fragen in meine PC-Tastatur. Für einmal machte ich ein schriftliches Interview. Die Antworten stellte mir Eveline per Email zu.

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Eveline Steinemann
Bildquelle: Eveline Steinemann

Wer ist alles bei deiner Schwinger-Trainingsgruppe dabei?
Stefan Marti, Fabian Winiger, Marcel Kobel, Dominik Roth, Patrick Kohli und Adrian Zbinden.

Wann und wie entstand diese Trainingsgruppe?
Die Trainingsgruppe entstand 2011, damals noch mit meinem Bruder Christian Dick. Das Ziel der Gruppe war, ergänzend zum Schwingklub und den Klubtrainings, bessere und häufigere Trainingsmöglichkeiten zu schaffen sowie die Trainings effizienter zu gestalten.

Du machst für diese sechs Schwinger Trainingsberatung und Coaching. Wie sieht das konkret aus?
Für Diagnostik, Training und Ernährung ist mein Mann Matthias zuständig. Er erstellt anhand der aktuellen Diagnostik die Trainingspläne (Kraft/Ausdauer). Ich bin für die Organisation, das Sportmanagement und das Coaching zuständig. So plane ich die Trainings, reserviere die Infrastruktur und frage externe Kursleiter an. Im mentalen Bereich erarbeiten wir die Zielsetzung und definieren die Massnahmen für die Umsetzung. Im Management erstelle ich die Dossiers sowie Verträge und unterstütze die Schwinger hinsichtlich Einhaltung der Vorschriften des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV).

Betreust du deine Schützlinge in der Gruppe oder individuell?
Sowohl als auch. In den Gruppentrainings übernehmen die Schwinger den grössten Teil selbst. Das heisst, sie gestalten das Einlaufen und das Schwingen. Neben den regelmässigen Gruppentrainings betreut Matthias die Schwinger individuell im Kraftraum. Die Häufigkeit der begleiteten Trainings variiert, und richtet sich nach den Wünschen der Schwinger. Mit der wachsenden Erfahrung im Training kann hier die Frequenz angepasst werden. Die Qualität der Trainings soll mit dieser Massnahme hoch bleiben, und allfällige Defizite im Prozess oder in der Regeneration sollen frühzeitig erkannt und Massnahmen eingeleitet werden. Im mentalen Bereich arbeite ich gleich. Das Ziel ist, den Schwingern mentale Stärke zu vermitteln, so dass sie an den Schwingfesten gute Leistungen abrufen können.

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Die komplette Trainingsgruppe: Adrian Zbinden, Dominik Roth, Marcel Kobel, Patrick Kohli, Fabian Winiger und Stefan Marti (von links)
Bildquelle: Eveline Steinemann

Wie viel Zeit wendest du für diese Tätigkeiten auf? Wann machst du das?
Pro Woche wende ich vier bis acht Stunden für die Trainingsgruppe auf. Im Moment findet wöchentlich ein Gruppentraining statt. Im Januar steht das erste, und im April das zweite Trainingslager auf dem Programm. Da alle Schwinger zu 100 Prozent arbeiten, finden die Trainings entweder am Wochenende oder am Abend statt.

Wie hast du seinerzeit deinen Bruder Christian gecoacht und begleitet?
Zu Beginn seiner Karriere begleitete ich meinen Bruder „nur“ als Schwester. Bedingt durch die Krankheit und den frühen Tod unserer Schwester im Jahr 1999 standen wir uns nahe. Der Gewinn des ersten Eidgenössischen Kranzes 2001 unter schwierigen Bedingungen war für uns beide ein sehr spezielles und schönes Erlebnis. Die gemeinsamen Gespräche waren schon damals sehr wichtig.

Wie lange hast du deinen Bruder betreut?
Christian hatte an den Schwingfesten immer etwas mit seiner Nervosität zu kämpfen. Meine Ausbildung als Mentalcoach habe ich primär für mich absolviert. Als er 2007 am Schwarzsee den Kranz verpasste, sprachen wir über die Möglichkeit, dass ich das mentale Coaching bei ihm übernehme. Die Rollenklärung war dabei sehr wichtig. Wann agiere ich als Schwester und wann als Coach? Das musste definiert werden. Hilfreich war sicher, dass wir uns sehr gut kannten und vertrauten, und so zielorientiert arbeiten konnten. 2007 beim Eidgenössischen in Aarau trug diese gemeinsame Arbeit zum ersten Mal Früchte. 2010 übernahm zudem mein Mann die Betreuung im athletischen Bereich. Gemeinsam betreuten wir Christian bis zu seinem Karriereende 2014.

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Schwinger der Trainingsgruppe
Bildquelle: Eveline Steinemann

Wieso meintest du bei der Vorbereitung auf dieses Interview, dass deine Schwinger-Trainingsgruppe die meist belächelteste Gruppe sei?
Früher bin ich sicher in das eine oder andere Fettnäpfchen getreten und die Gepflogenheiten des Schwingens waren mir nicht von Anfang an bekannt. So war ich beispielsweise auch auf, statt neben dem Platz anzutreffen. Die intensive Betreuung für Christian war nicht für alle nachvollziehbar, und für manche sicher suspekt. Zudem kann ich mich sehr lautstark über allfällige Erfolge freuen.
Und: Dass eine Trainingsgruppe von einer Frau und einem Handballtrainier geleitet werden, ist sicher gewöhnungsbedürftig.

Von wem wirst du beim Coaching der Trainingsgruppe unterstützt?
Wie bereits erwähnt, werde ich in allen Bereichen von meinem Ehemann Matthias unterstützt. Er ist Leistungssporttrainer BTA Swiss Olympic und Handball-Trainer mit A-Lizenz, sowie Leistungs- und Ernährungsdiagnostiker. Er hat den Handballverein TV Solothurn erfolgreich in die NLB zurückgeführt. Gemeinsam betreuen wir Sportler aus den verschiedensten Sportarten wie Handball, Fussball, Karate, Snowboard, Radsport, Schiesssport usw.
Seit zwei Jahren arbeiten wir in diesem Bereich selbständig. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Wir standen vor der Entscheidung, die Aufgaben im Sport entweder drastisch zu reduzieren oder diese zu unserer Haupterwerbstätigkeit zu machen. Wir versuchen dabei immer die Leistungen den finanziellen Möglichkeiten unserer Sportler anzupassen. Viele Mandate machen wir nach wie vor zum Selbstkostentarif.

Wie kam es, dass du erst deinen Bruder, später auch andere Schwinger coachst?
Auf den Wunsch von Christian habe ich sein mentales Coaching 2007 übernommen. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass mit seinem Rücktritt auch mein Engagement im Schwingsport endet. Dank der Trainingsgruppe darf ich aber weiterhin noch einen Fuss im Schwingsport haben. Sicher hat hier auch die Entwicklung von Stefan Marti zum regelmässigen Kranzsammler geholfen. Vor der Zusammenarbeit mit Matthias und mir hatte Stefan bis 2012 gerade mal drei Kränze auf seinem Konto. Seit 2013 kamen insgesamt acht weitere Kränze hinzu.
Matthias und mir ist es sehr wichtig, dass wir Sportlern Möglichkeiten und Wege aufzeigen können. Wie sie Beruf und Sport unter einen Hut bringen, und das Training effizient gestalten können. Wir freuen uns, wenn ein gestecktes Ziel erreicht werden kann und eine sportliche Entwicklung stattfindet.

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Schwinger der Trainingsgruppe
Bildquelle: Eveline Steinemann

Wie allgemein bekannt ist, trainieren auch die Schwinger nach neuen Methoden und Erkenntnissen. Sie werden dabei vielfach auch von Fachleuten in den Bereichen Diagnostik, Training und Ernährung gecoacht. Wie wir nun erfuhren, gehören nebst dem Erstellen von Trainingsplänen auch die Organisation, das Sportmanagement und das Planen von Trainings dazu.
Ich bedanke mich bei Eveline für die sehr interessanten Ausführungen und wünsche ihr und ihrer Trainingsgruppe alles Gute und viel Erfolg!

feldwaldwiesenblogger

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