Was darf man von den Südwestschweizer Schwingern 2017 erwarten? – Experten-Meinung vor Beginn der neuen Saison

Text und Foto: feldwaldwiesenblogger

Michael Nydegger, der zurzeit einzige aktive Südwestschweizer Eidgenosse, wurde 2007 beim ESAF in Aarau zum Eidgenossen gekürt. Er weiss noch nicht, ob er 2017 Schwingfeste bestreiten wird. Gemäss seinen Angaben macht der Freiburger derzeit einen Aufbau mit Kraft- und Konditionstraining. Im Schwingkeller war Michael aber immer noch nicht. „So möchte ich nicht abtreten, weiss aber momentan nicht, wie es schwingerisch weitergehen wird“, schliesst der sechsfache Kranzfestsieger dieses Thema ab.

Nichtsdestotrotz steht mir Michael als Südwestschweizer Schwingexperte zur Verfügung. Der Fragenkatalog ist derselbe wie beim Experten-Beitrag über die Nordostschweizer. Einzig die Frage „Werden die Neueidgenossen überzeugen?“ wurde aus bekanntem Grund weggelassen.

Die Südwestschweizer Schwinger haben es im Vergleich mit den anderen Teilverbänden aus der Deutschschweiz nicht einfach. An vielen Orten in der Romandie hat der Schwingsport keinen grossen Stellenwert. Dementsprechend schwierig ist es, eine schlagkräftige Truppe auf die Beine zu stellen. Nicht ganz überraschend haben deshalb die Südwestschweizer beim Heim-Eidgenössischen den so wichtigen Kranz verfehlt. Diese Tatsache ist leider auch eine Hypothek.

An der im Januar abgehaltenen Delegiertenversammlung wählte das Südwestschweizer Schwingerparlament mit Jimmy Erard einen neuen Präsidenten und mit Christian Schmutz einen neuen Technischen Leiter. Die beiden Vorgänger Blaise Decrauzat (Präsident) und Ruedi Schläfli (Technischer Leiter) haben gute Arbeit geleistet. Nun gilt es, die vorgespurte Arbeit weiterzuführen, und den Abstand zu den Deutschschweizern weiter zu verringern.

Am 21. Februar stellte mir Michael seine Sicht der Dinge vor dem Beginn der neuen Saison dar.


Michael Nydegger, Südwestschweizer Experte

Hast du mitbekommen, welche Schwinger bereits schon in einer ausgezeichneten Form sind?
Direkt mitbekommen habe ich es nicht, da ich nicht aktiv dabei bin. In meinem Schwingklub Sense wird gut trainiert. Stellvertretend erwähne ich Steven Moser und Rolf Kropf, welche während dem Winter gut gearbeitet haben. Von anderen Clubs sind es beispielsweise Marc Guisolan oder Benjamin Gapany, welche ein gutes Aufbautraining absolvierten und bereits gut in Form sind. Von mir aus gesehen sollte die ausgezeichnete Form aber erst auf die Saisonhöhepunkte hin angepeilt werden.
Ich hoffe, dass Estavayer2016 auch positive Spuren hinterlassen hat. Und die Motivation trotzdem vorhanden ist, Gas zu geben.

Welche Schwinger werden 2017 für Furore sorgen? Könnte es gar Überraschungen geben?
Ich denke, für Furore werden in erster Linie Benjamin Gapany und Steven Moser sorgen. Steven kämpfte beim Eidgenössischen bis zuletzt um den Kranz. Wichtig ist, dass er auch mit besser dotierten Schwingern trainieren kann. Gapany ist ein wenig schwerfällig, da er viel ins Krafttraining investiert hat. Benjamin sollte wieder mehr auf das Schwingtraining setzen, dann wird er wieder zu einem heissen Kandidaten.
Eine Überraschung könnte Vincent Roche sein, mein Favorit. Wenn er körperlich und schwingtechnisch weiter zulegt, könnte er einen Exploit landen. Er bringt ein gutes Gefühl fürs Schwingen mit. Michael Dousse, einer von unserem Club, ist ein grosses Talent. Leider hatte er schon einige Verletzungen zu beklagen. Michael absolviert derzeit die Eidgenössische Hochschule für Sport in Magglingen BE und trainiert in Aarberg BE. Der junge Schwinger könnte durchaus für eine Überraschung gut sein.

Welche Schwinger könnten den Sprung nach vorne schaffen?
Der bereits erwähnte Michael Dousse gehört sicher dazu. Wichtig ist, dass diese Schwinger sich zuerst in der Südwestschweiz behaupten können, und dort auch Schlussgänge erreichen. So können sie auch mit Schwingern von anderen Teilverbänden mithalten. Es gilt, sich mit kleinen Schritten vorwärts zu arbeiten, um die grossen Ziele zu erreichen.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?
Nach dem Eidgenössischen hat man versucht, die Euphorie mitzunehmen. Dazu wurden verschiedene Kurse angeboten. Wie das in Zahlen konkret aussieht, weiss ich nicht. Das ESAF hat aber sicher Spuren hinterlassen. Wichtig ist, dass die jungen Athleten die Übergangszeit von den Jungschwingern zu den Aktiven gut überstehen und nicht abspringen. Es sollte mehr dafür getan werden, damit sie bleiben. Man muss viel Zeit in die Jungschwinger investieren und ein gutes Team aufbauen. Die Begleitung dieser Athleten zu Kranzschwingern, und später bis hin zu Eidgenossen ist sehr wichtig.

Welche Arrivierten werden nach wie vor den Ton angeben?
Wenn es in Estavayer Neueidgenossen gegeben hätte, hätten diese den Ton angegeben. Ich denke, es wird so weiterlaufen wie die letzten beiden Jahre. Nebst Steven Moser und Benjamin Gapany werden Michael Matthey und Pascal Piemontesi ihre Resultate in der Südwestschweiz machen. Sie werden aber Schwierigkeiten haben, sich bei Schwingfesten in anderen Teilverbänden zu behaupten.
Ich hoffe, dass junge und unbekannte Schwinger nach vorne stossen und das ganze durchmischen.

Könnte die Unspunnen-Selektionierung für einige Schwinger zur „Nervenfalle“ werden?
Zuerst soll jetzt mal die Saison mit den Frühlingschwingfesten starten. Bei den Kranzschwingfesten sieht man dann, wo man steht. Jetzt ist noch nicht Zeit, an den Unspunnen-Schwinget zu denken. Wichtig ist ein solider Aufbau und gut in die Saison einzusteigen. Massgebend ist auch der Formschliff während der Saison.

Wo siehst du Negativpunkte oder gar Handlungsbedarf beim Verband?
Der bisherige Technische Leiter war leider der Schwachpunkt. Vom organisatorischen her betrachtet hat Ruedi Schläfli sehr gute Arbeit geleistet. Ebenso organisierte er wertvolle Trainingslager. Aber von den schwingerischen Kenntnissen her konnte er mit den Technischen Leitern aus den anderen Teilverbänden nicht mithalten. Christian Schmutz, der neue Technische Leiter, ist in dieser Hinsicht besser. Er kennt die Schwinger gut, kann sich durchsetzen und verfügt über einen starken Charakter. Gerade beim Schwarzsee-Schwinget ist es wichtig, dass sich ein Technischer Leiter durchsetzen kann. Weiter gilt zu bedenken, dass die Leistungsdichte in der Südwestschweiz nicht hervorragend ist. Fortschritte müssen erzielt werden. Christian muss nun das bestmögliche daraus machen, und die Jungen fördern. Sie sind die Hoffnungsträger für die nächsten Jahre.
Der Wechsel im Präsidium ist für die Schwinger vergleichsweise nicht so wichtig.

Gibt es bei den Kantonalverbänden und Schwingklubs sogenannte „Problemkinder“?
Der Kanton Freiburg hatte schon immer gute Schwinger, die mithalten konnten. Ich denke dabei an Ernest Schläfli (Unspunnen-Sieger 1976!), Gabriel Yerly, Hanspeter Pellet, Emmanuel Crausaz oder Stefan Zbinden. Sie waren alles exzellente Schwinger und eidgenössische Kranzschwinger, zu denen ich mich auch zählen darf. In Richtung Genf hat der Schwingsport nicht den gleichen Stellenwert wie bei uns in Freiburg, in der Innerschweiz oder im Bernbiet. „Problemkinder“ würde ich diese aber nicht nennen. Das Interesse ist dort halt viel geringer, und demzufolge schwierig, einen grossen Schwingklub aufzuziehen.
Im Wallis sieht es wieder besser aus. Man erinnere sich nur an das legendäre Walliser Schwinger- und Ringertrio Raphy, Etienne und Jimmy Martinetti. Sie waren Eidgenossen und haben zum Teil als olympische Ringer ein gutes Stück der Welt gesehen. Kürzlich wurde in Visp der Schwingklub Oberwallis gegründet, und ein Schwingkeller eingerichtet.

Wie siehst du für 2017 das Stärkeverhältnis der Südwestschweizer im Vergleich mit den anderen Teilverbänden?
Das ist schwierig zu sagen. In Estavayer gab es nicht wirklich einen Exploit. Es kommt nun darauf an, wie sich die Schwinger auf die neue Saison vorbereiten. Vier oder fünf Schwinger haben ein Riesenpotenzial. Wenn sie dieses abrufen können, könnte das Stärkeverhältnis auch ein wenig auf unsere Seite fallen. Diese Saison dürften sie vielleicht noch nicht ganz vorne mitschwingen. Aber in einem Jahr sieht das vielleicht ganz anders aus.
Und: Einige Schwinger sind gezwungen, im Kanton Bern zu trainieren, damit sie Fortschritte erzielen. Es ist noch nie ein Meister vom Himmel gefallen, das braucht einfach seine Zeit.

Michael, besten Dank für deine Einschätzung des Südwestschweizerischen Schwinggeschehens!

feldwaldwiesenblogger