Was darf man von den Berner Schwingern 2017 erwarten? – Experten-Meinung zu Beginn der neuen Saison

Text: Manfred Schneider und feldwaldwiesenblogger / Foto: Manfred Schneider

Die Ersten werden die Letzten sein, oder anders gesagt: Heute folgt mit dem Bernisch Kantonalen Schwingerverband (BKSV) bereits die letzte Experten-Meinung zu Beginn der neuen Saison. Für diesen Part konnte ich den Berner Manfred Schneider gewinnen. Das eidgenössische Ehrenmitglied war bis 2016 Eidgenössischer Technischer Leiter Jungschwingen, und kennt das Schwinggeschehen im Bernbiet ausgezeichnet.

Über den stärksten Verband viele Worte zu verlieren ist fast wie Wasser in die Aare zu tragen. Mit drei noch aktiven Schwingerkönigen in ihren Reihen sind die Berner derzeit einfach das Mass der Dinge. Weiter verfügen sie, angeführt von Remo Käser, über etliche talentierte junge Schwinger. Diese sind ebenfalls jederzeit zu einem Kranzfestsieg fähig. Die Berner weisen eine breite Spitze, aber auch ein breites Feld mit starken Mittelschwingern auf.

Aber: Die Arrivierten um Glarner, Sempach, Stucki und Co. sind mittlerweile über 30 Jahre. Sind diese nicht mehr aktiv, vermuten einige Schwingerfreunde, dass der Abstand zu den anderen Teilverbänden wieder kleiner werden könnte. Trotzdem: Dank dem starken Nachwuchs müssen sich auch die Mutzen keine Sorgen über ihre Zukunft machen.

Einstweilen blicken wir aber auf die nun beginnende Saison. Diese wurde im Bernbiet mit den Hallenschwingfesten Kirchberg (Sieger: Remo Käser), Büren an der Aare (Sieger: Florian Gnägi), Oberdiessbach (Sieger: Fritz Ramseier) und Thun (Sieger: Bernhard Kämpf) lanciert.

Manfred Schneider erhielt von mir den gleichen Fragenkatalog zugestellt wie die vier anderen Teilverbands-Experten. Bei den zehn Fragen erklärte mir der Berner schriftlich seine Sichtweise zu Beginn der neuen Saison.


Manfred Schneider, Berner Experte

Hast du mitbekommen, welche Schwinger bereits schon in einer ausgezeichneten Form sind?
Da die Schwinger ihr Jahresprogramm meistens selbst machen, weiss jeder genau, was er machen muss, um seine Ziele zu erreichen. Sei es, um sich für einen Eidgenössischen Anlass zu qualifizieren, oder bei den Saison-Höhenpunkten parat zu sein.
So wie sich der Neu-Eidgenosse Remo Käser am Hallenschwinget in Kirchberg präsentiert hat, befindet er sich schon in einer guten Form. Dies verwundert mich aber nicht, profitierte Remo doch von den guten Trainings in der Sportler-RS in Magglingen BE.

Welche Schwinger werden 2017 für Furore sorgen? Könnte es gar Überraschungen geben?
Es werden die gleichen vorne sein wie 2016. Von denen, die dereinst das Zepter übernehmen werden, sehe ich noch keinen, der dies 2017 schon ändern könnte. Ich lasse mich aber gerne überraschen.

Welche Schwinger könnten den Sprung nach vorne schaffen?
Ich denke, es hätte ein paar Berner Schwinger, für welche es möglich ist. Aber dann muss man überzeugt sein, es zu wollen und auch bereit sein, während der Schwingsaison auf einiges zu verzichten.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?
Wenn ich die Resultate vom letzten Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag (ENST 2015) in Aarburg anschaue, stelle ich fest, dass die Berner gute Nachwuchsschwinger haben. Jetzt gilt es, diese Schwinger in die Trainings der Aktiven zu integrieren. Damit sie profitieren können und sehen, was es noch braucht um Spitzenschwinger zu werden. Und zwar nicht nur im Bernbiet, sondern schweizweit.
Der BKSV hat nun angefangen, mehr für den Nachwuchs zu tun. Es ist sicher angebracht, denn sonst könnte man nach 2019 wieder in ein Loch fallen.

Welche Arrivierten werden nach wie vor den Ton angeben?
Die Könige Matthias Glarner, Matthias Sempach und Kilian Wenger. Weiter Bernhard Kämpf, Christian Stucki, Florian Gnägi und Remo Käser.

Werden die Neueidgenossen überzeugen?
In Estavayer wurde bei den Zweikämpfen von Patrick Schenk gegen Steven Moser und Philipp Roth gegen Nöldi Forrer wohl nicht erwartet, dass sie ihren letzten Gang gewinnen. Die beiden müssen nun aber an ihrer Schwingart arbeiten, damit sie den Kranz bestätigen können. Bei Damian Gehrig, Philipp Reusser und Adrian Schenkel denke ich, dass sie weiterhin nicht angenehme Gegner sein werden: Ob beim Schwingen oder für die Einteilung. Remo Käser wird sicher seinen Kranz bestätigen. Für alle gilt aber, sich für den Unspunnen-Schwinget zu qualifizieren.

Könnte die Unspunnen-Selektionierung für einige Schwinger zur „Nervenfalle“ werden?
Ich konnte mir bei Trainingsbesuchen selber ein Bild davon machen, dass mit dem Berner Kader bereits gut trainiert wird für den Unspunnen-Schwinget. Man hat da noch eine Rechnung offen. Ich sehe eigentlich kein Nervenflattern. Denn die 32 Berner, welche teilnehmen können, wissen wie es geht und was sie zu tun haben.

Wo siehst du Negativpunkte oder gar Handlungsbedarf beim Verband?
Auf ESV-Stufe stimmt mich sehr traurig, dass man das viertägige Eidgenössische Nachwuchstrainingslager nicht mehr durchführen will. Acht Nachwuchs-Trainingslager durfte ich leiten. Diese waren stets eine gute Vorlage für die qualifizierten Nachwuchsschwinger aus allen Teilverbänden. Die jungen Athleten konnten sich aus dem Gezeigten der Spitzenschwinger verbessern, oder sahen, warum ihre Kameraden besser sind. Aber auch die Kameradschaftliche Kommunikation unter den Nachwuchsschwingern aller Teilverbände war etwas vom schönsten, was ich in meiner Zeit als Eidgenössischer Technischer Leiter Jungschwingen (TLJ ESV) erleben durfte. Ich habe bis heute noch regen Kontakt mit vielen Nachwuchsschwingern aus allen Teilverbänden. Ich hoffe, beim ESV ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Weiter muss sich die Technische Kommission des Eidgenössischen Schwingerverbandes über die Einteilung Gedanken machen. Dieses Gerede und die harschen Kritiken, wie ich sie im Schwingerdorf in Estavayer erlebte, sollten in Zukunft nicht mehr passieren. Das habe ich noch nie erlebt. Ich wusste gar nicht mehr, wem ich nun eigentlich glauben soll.
Schon in meiner Amtszeit als TLJ ESV habe ich erklärt, dass es nicht sein kann, wenn ein Schwinger mit der Note 8.75 den Kranz auf sicher hat, und sein Gegner noch gewinnen muss. Oder: Dass man an Kranzfesten, nicht einmal mehr einen „Kranzer“ besiegen muss, um zum Kranz zu kommen.
Diskussionen wird es immer geben. Aber man kann etwas dafür tun, dass es keine allzu grossen Diskussionen gibt. Es gilt, fair einzuteilen. Dabei ist es auch wichtig, dass man die Schwinger kennt. Ich wünsche dem ESV aber weiterhin viel Glück bei ihrer Arbeit.

Gibt es bei den Gauverbänden und Schwingklubs sogenannte „Problemkinder“?
Nein, Probleme macht man sich meistens selber. Weil man nicht nach einer Lösung sucht, denn die gibt es immer. Sicher muss man im Berner Jura mehr Zeit investieren als im Oberland oder Emmental, um genug Schwinger im Keller zu haben. Gefordert sind aber auch das Mittelland und das Seeland, damit sie weiterhin über gute Schwinger verfügen. Das heisst: Im Berner Kantonalen Schwingerverband sind alle gefordert, damit man weiter von ihnen spricht.

Wie siehst du für 2017 das Stärkeverhältnis des Bernisch- Kantonalen Schwingerverbandes im Vergleich mit den anderen Teilverbänden?
Im Moment haben die Berner sicher noch die breiteste Spitze. Die Innerschweizer und die Nordostschweizer liegen etwa auf gleicher Höhe. Die Nordwestschweizer haben Fortschritte gemacht. Ich hoffe nun, dass bei den Südwestschweizern das Gleiche abläuft. Denn gute Schwinger wären auch dort vorhanden.

Manfred, besten Dank für deine Einschätzung betreffs der Berner Schwinger!

feldwaldwiesenblogger

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