Nachgefragt bei Tobias Siegenthaler, einem der beiden Schlussgang-Teilnehmer beim Lueg-Schwinget

Text: feldwaldwiesenblogger

Wieder einmal widme ich mich nicht dem glücklichen Sieger eines Schwingfestes. Denn dies tun in der Regel in aller Ausführlichkeit die Presse, Lokalradios oder das Fernsehen. Heute lasse ich Tobias Siegenthaler, den Schlussgang-Verlierer vom Lueg-Schwinget zu Wort kommen. Es ist nämlich mein Bestreben, auch weniger bekannte Schwinger, welche tolle Leistungen zeigen, zu porträtieren. Gemäss dem Motto: Die Schwinger-Schweiz besteht nicht nur aus Stucki, Wicki, Orlik und Co.

Der 72. Lueg-Schwinget
Der angesprochene Lueg-Schwinget fand oberhalb von Burgdorf BE, unterhalb des Landgasthofes und Seminarhotel Lueg, in Kaltacker statt. Der Organisator (Schwingklub Burgdorf) wurde am letzten Sonntag zwar nicht mit „Kaiser-Wetter“ beschenkt. Dennoch vermeldeten sie: Bei leichter Bewölkung fand der 72. Luegschwinget statt. In Kaltacker zählte man 63 Schwinger und 600 Zuschauer.
Auf der SCHLUSSGANG-Homepage wurden im Vorfeld folgende Spitzenschwinger gemeldet: Käser Remo, Schenk Patrick, Burkhalter Stefan, Schneider Domenic, Aeschbacher Matthias, Staudenmann Fabian, Steiner Michael und Schneider Mario. Ein Blick auf die Rangliste zeigt, dass alle genannten Athleten antraten. Gekämpft wurde mit unterschiedlichem Erfolg, und Remo Käser musste den Wettkampf bereits nach dem ersten Gang verletzungsbedingt aufgeben.

Wer ist Tobias Siegenthaler?
Bekanntlich gewann der Emmentaler Matthias Aeschbacher das Schwingfest und bodigte im Schlussgang Tobias Siegenthaler nach neun Sekunden mit innerem Haken und überdrehen am Boden. Tobias trat den Heimweg schliesslich auf Rang 4a an. Der Sennenschwinger qualifizierte sich mit vier Siegen und einem gestellten Gang für den Schlussgang. Das Meisterstück gelang dem Gauverbands-Kranzer im fünften Gang mit dem Sieg über den Eidgenossen Patrick Schenk.
Wer aber ist Tobias Siegenthaler? Der am 2. März 1990 geborene Berner wohnt in Biglen im Emmental, ist ledig und nicht mit Matthias Siegenthaler verwandt. Der 27-Jährige weist mit seiner Grösse (190 Zentimeter) und seinem Gewicht (120 Kilogramm) Idealmasse für den Schwingsport auf. Tobias ist gelernter Elektriker und arbeitet als Servicetechniker für Haushaltsapparate. Nebst dem Schwingen gibt er als Hobbys den Sport allgemein an. Zudem besucht der Emmentaler gerne Fussballspiele der Berner Young Boys und ist auch bei Eishockeyspielen der SCL Tigers anzutreffen.
Tobias Siegenthaler ist Mitglied beim Schwingklub Burgdorf und hat bisher drei Kränze gewonnen. Seine bevorzugten Schwünge sind Brienzer, Fussstich und Kopfgriff. Als schwingerisches Vorbild benennt der Schlussgang-Teilnehmer beim Lueg-Schwinget Schwingerkönig Matthias Sempach.


Tobias Siegenthaler nach dem Kranzgewinn beim Oberaargauischen in Niederbipp
Foto: Facebook-Seite von Tobias Siegenthaler

Herzliche Gratulation zum Erreichen des Schlussganges! Was ging dir nach dem verlorenen Schlussgang in Kaltacker durch den Kopf?
„Eine grosse Enttäuschung. Ich habe in Kaltacker gut geschwungen und rechnete nicht unbedingt mit dem Sieg. Mein Ziel war, Matthias Aeschbacher möglichst lange Paroli zu bieten und ich wollte den Zuschauern etwas zeigen. Ich verlor dann leider beim ersten Zug gegen ihn. Matthias gewann mit seinem Paradeschwung, dem inneren Haken.“

Würdest du heute mit einer anderen Taktik den Schlussgang in Angriff nehmen?
„Ich würde den Kampf viel defensiver beginnen. Es ist aber schwierig zu sagen, welche Taktik man gegen ihn anwenden soll. Da Matthias konditionell sehr gut beieinander ist, kann ich ihm damit nicht beikommen. Ich würde auf Konter und Fehler von ihm warten.“

Mit dem Sieg im fünften Gang über den Eidgenossen Patrick Schenk hast du dir den Einzug in den Schlussgang geebnet. Ist Patrick der erste Eidgenosse, den du bezwungen hast? Wie hast du ihn besiegt?
„Ja, mit Patrick Schenk habe ich den ersten Eidgenossen bezwungen. Ich gewann gegen ihn im ersten Zug. Während Patrick an den Platzrand zog, konnte ich ihn mit einem Kopfgriff überraschen. Dabei sprang ich ihn an und konnte ihn überrennen.“

Was für ein Fazit ziehst du insgesamt vom Lueg-Schwinget?
„Ein sehr positives Fazit. Im ersten Gang stellte ich mit René Berger, einem erfahrenen Berner Kantonalkranzer. Die Gänge zwei bis fünf konnte ich siegreich gestalten. Der Reihe nach gewann ich gegen einen Nichtkranzer, mit dem Kranzschwinger Marco Oettli gegen einen Gast und im vierten Gang bezwang ich wieder einen Nichtkranzer. Wie bereits erwähnt, konnte ich im fünften Gang gegen Patrick Schenk gewinnen. Mit diesem Sieg rechnete ich in keiner Weise. Der Schlussgang wurmt mich im Nachhinein, da ich nicht länger mit Matthias schwingen konnte. Ich habe mich den ganzen Tag gut gefühlt und meine Schwünge sind mir gut gelungen.“

Bestreitest du 2017 noch ein Schwingfest?
„Eventuell noch das Chemihütte-Schwinget in Aeschiried BE, ich weiss es aber noch nicht genau. Es kommt auf meine körperliche Verfassung an, wie ich mich fühle und ob ich noch Lust verspüre.“

Ich habe das Gefühl, dass du mit deinen Körpermassen beste Voraussetzungen für den Schwingsport mitbringst. Darum eine etwas kritische Frage: Warum hast du diese Saison nur den einen Kranz beim Oberaargauischen gewonnen?
„Die Saison lief für mich etwas durchzogen. Anfangs Saison habe ich mir drei Wirbel beim Hallenschwinget in Oberdiessbach BE blockiert. Später renkte ich mir beim Training den Daumen der rechten Hand aus. Bei der Anfahrt zum Oberländischen in Grindelwald hatte ich einen Autounfall, jemand fuhr mir hinten ins Auto. Nach dem ersten Gang habe ich mit Verdacht auf Schleudertrauma aufgegeben, da ich starke Kopfschmerzen hatte. Es stellte sich glücklicherweise heraus, dass ich kein Schleudertrauma erlitten habe. Beim Emmentalischen schwang ich gegen Curdin Orlik um den Kranz und beim Mittelländischen fehlte mir das Wettkampf-Glück.
Wegen Verletzungen und Trainingsrückstand schaute leider nicht mehr heraus. Dabei fehlten mir für den einen oder anderen Kranz auch die letzten Energiereserven. Die Gesundheit ist halt das Mass aller Dinge, ohne sie geht es einfach nicht. Da ich aus den genannten Gründen nicht mehr trainieren konnte, bin ich trotzdem zufrieden. Ich hätte gerne ein Bergfest bestritten, konnte mich aber leider nicht dafür qualifizieren.“

Wie geht es dir momentan?
„Zurzeit leide ich an keinen Blessuren und bin fit.“

Wann steigst du in die Saisonvorbereitung für 2018? Wie wird diese aussehen?
„Ende Oktober, anfangs November beginne ich die Saisonvorbereitung. Geplant sind zwei bis drei Schwingtrainings und ein bis zwei Krafttrainings pro Woche. Die ersten beiden Trainingsmonate widmen wir uns dem Schulschwingen. Ab Mitte/Ende Januar folgt dann wettkampfmässiges Schwingtraining. Den Schwerpunkt lege ich auf das Ausdauertraining und ich möchte mein Schwünge-Repertoire erweitern.“

Du hast deinen ersten Kranz 2008 beim Waadtländer Kantonalen gewonnen. Den zweiten allerdings erst acht Jahre später beim Emmentalischen in Sumiswald. Darf ich fragen, auf was diese „Durststrecke“ zurückzuführen ist?
„Ich habe verletzungsbedingt eine fünfjährige Pause eingelegt. Irgendwann nach dem Kranzgewinn beim Waadtländer Kantonalen verletzte ich mich beim Training am rechten Knie. Die Folge waren ein Meniskusschaden und ein Innenbandriss, was zwei Operationen zur Folge hatte. Wegen der Verletzung und den Operationen verliess mich ein wenig die Motivation. Diese fand ich allerdings wieder, da mir meine Kollegen gut zugeredet haben. Darauf besuchte ich als Zuschauer das Mittelländische Schwingfest in Richigen. Dabei packte es mich wieder so richtig. Im Sommer 2015 nahm ich wieder das Schwingtraining auf, und habe vor zwei Jahren beim Lueg-Schwinget mein Comeback gegeben.“

Wenn du eine ganze Saison verletzungsfrei sein solltest, was meinst du, was würde drin liegen?
„Das ist eine gute Frage. Eine völlig verletzungsfreie Saison habe ich eigentlich noch nie erlebt. Das Ziel wäre, regelmässig Kränze zu gewinnen und mit dem Gewinn des Berner Kantonalkranzes den Status des Teilverbandskranzers zu erreichen. Ein Fernziel ist zudem eine Teilnahme beim Eidgenössischen in Zug.“

feldwaldwiesenblogger

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