„Ich bin mir eigentlich sicher, dass ich im Frühling wieder wettkampfmässig im Sägemehl stehen werde“ – Interview mit Schwingerkönig Matthias Glarner

Text: feldwaldwiesenblogger / Fotos: matthiasglarner.ch

Die diesjährige Schwingsaison ist zwar seit gut einer Woche vorbei, abgesehen von zwei Hallenschwingfesten im Dezember. Das hindert mich aber keineswegs daran, lebendige Geschichten rund um unseren Nationalsport zu schreiben. Die allermeisten Schwinger machen derzeit eine wohlverdiente Pause, bevor sie im November ins Wintertraining steigen.
Aber, wie sagt man doch so schön: Nach der Saison ist vor der Saison. Jetzt gilt es, Bilanz zu ziehen. Oder bei Schwingern nachzufragen, wie es ihnen geht. Wo sie stehen und wie ihre Vorbereitungen auf die 2018er-Saison laufen.

Mit etwas Stolz darf ich heute ein Interview mit dem amtierenden Schwingerkönig Matthias Glarner online stellen. Wir erinnern uns nur zu gut: Viel ist in letzter Zeit rund um „Mätthel“ passiert. 2016 wurde der Berner Oberländer verdient Schwingerkönig. Auf ihn prasselten viele Termine herein. 2017 lief es auf den Schwingplätzen nicht unbedingt so, wie es sich Matthias vorstellte. Und dann kam dieser schicksalshafte Unfall: Der Schwingerkönig stürzte von einer Gondel und hatte Glück im Unglück. Die Verletzungen waren glücklicherweise nicht lebensgefährlich. Dennoch: Die Saison war für den athletischen Meiringer vorbei. Statt Training stand Reha auf dem Programm. Mittlerweile ist es etwas ruhiger um Matthias geworden.

Bereits im Sommer fragte ich Matthias an, ob er mir irgendwann ein Interview gewähren würde. Denn: Seit meinem Schwingprojekt mit fünf Schwingern im Jahr 2014 kenne ich ihn persönlich. Er war damals der Berner Vertreter und gewährte mir regelmässig Einblick in seinen Trainingsalltag und die laufende Saison.
Der Personalbetreuer bei den Bergbahnen Meiringen Hasliberg erklärte, dass er im Herbst mehr Zeit hätte und ich ihm dann meine Fragen schicken dürfe. Gesagt – getan. Wie es die Art eines Schwingers ist, halten diese stets ihr Wort. So landeten die schriftlichen Antworten von „Mätthel“ vor zwei Tagen in meinem elektronischen Briefkasten.


Matthias Glarner als frischgebackener Schwingerkönig mit dem Siegermuni von Estavayer

Wie geht es dir derzeit? Verläuft der Heilungsprozess planmässig?
Matthias Glarner: Es geht mir gut und der Heilungsprozess verläuft sehr positiv. Es liegt aber noch viel Arbeit vor mir.

Wie sieht es trainingsmässig aus: Was kannst du machen, was noch nicht? Wann trainierst du wieder im Schwingkeller?
Glarner: Momentan befinde ich mich in Magglingen im WK und absolviere so meine Reha. Täglich stehen Physiotherapie und Trainings auf dem Programm. Es sind sehr intensive Tage, welche mich aber vorwärts bringen. Im Schwingkeller bin ich bei positivem Heilungsverlauf frühestens im November.

Was meinst du, bist du bereits im kommenden Frühling wieder bereit, Schwingfeste zu bestreiten?
Glarner: Ich bin mir eigentlich sicher, dass ich im Frühling wieder wettkampfmässig im Sägemehl stehen werde.

Wenn ich mich recht entsinne, sah man von dir auf die 2016er-Saison hin vermehrt neue Schwünge wie den Kreuzgriff oder den Übersprung. Verrätst du mir, ob du im kommenden Winter auch an neuen Schwüngen arbeiten wirst?
Glarner: An den Schwüngen arbeitet man eigentlich das ganze Jahr hindurch und im Winter speziell intensiv. Betreffend neuen Schwüngen werde ich schauen müssen wie sich das Training im Sägemehl anfühlt, und deshalb Schritt für Schritt machen.

Ein Blick auf die Resultate vor deiner Verletzung zeigen, dass du als neuer Schwingerkönig einen schweren Stand hattest. Wieso lief es harziger als in anderen Jahren?
Glarner: Mich selber haben die Resultate nicht beunruhigt. Es ist in der Tat eine völlig neue Situation, an welche ich mich noch anpassen muss. Zudem war der Formaufbau auf die zweite Saisonhälfte geplant gewesen.


Matthias Glarner nach dem Gewinn des 100. Kranzes

Als Schwingerkönig triffst du noch mehr auf extrem defensiv eingestellte Gegner. Wirst du im Wintertraining gezielt daraufhin trainieren?
Glarner: Die defensive Schwingweise meiner Gegner hat zugenommen und das erfordert definitiv Anpassungen. Diesen Umstand habe ich nicht so extrem erwartet. Und ja, daran werde ich arbeiten müssen. Ich bin aber überzeugt, dass ich in Zug als noch besserer Schwinger antreten werde.

Wie verkraftet man eigentlich so einen grossen Rummel als Schwingerkönig?
Glarner: Mit meinen bald 32 Lebensjahren fallen einem gewisse Entscheidungen einfacher und Nein zu sagen ist nicht mehr so schwierig wie vielleicht vor zehn Jahren. Zudem weiss ich ziemlich genau, was ich will und was nicht. Es ist aber so, dass der ganze Rummel um den König nebst den überwiegend positiven Erfahrungen sehr viel Energie kostet. Wenn man sich dies aber bewusst ist, fällt es einem leichter, damit klar zu kommen.

Du warst beim Unspunnen-Schwinget zum Zuschauen gezwungen. Wie hast du den Saisonhöhepunkt emotional erlebt?
Glarner: Es war definitiv alles andere als einfach. Vor allem, weil der Unspunnen-Schwinget ein absoluter Höhepunkt in einer Schwingerlaufbahn darstellt. Ich nehme diese neue Erfahrung aber mit auf meinen Weg und hoffe, dass ich beim nächsten Eidgenössischen Anlass selber wieder topfit im Sägemehl stehen kann.

Man darf sicher behaupten, dass einige Berner Topcracks wie du, Matthias Sempach oder Christian Stucki im Karriere-Herbst angelangt sind. Welche jungen Berner Schwinger haben das Zeug dazu, euch einst abzulösen?
Glarner: Das ist definitiv so. Die Breite, welche wir Berner die letzten zehn Jahre hatten und bis Zug sicher noch haben werden, ist eindrücklich. Es wird vor allem darauf ankommen, wer nach Zug noch weiter schwingt und ob es einige Rücktritte geben wird. Nachfolger gibt es diverse. Ich denke da vor allem an einen Remo Käser oder an einen Kilian von Weissenfluh.

Zum Schluss: Welcher Schwinger hat dich 2017 nebst dem Unspunnen-Sieger Christian Stucki am meisten beeindruckt? Warum?
Glarner: Sehr beeindruckt haben mich die Leistungen von Curdin Orlik und Joel Wicki am Unspunnen-Schwinget. Diese beiden haben den Höhepunkt geprägt. Weiter ist vor allem sehr spannend zu beobachten, wie die ganz junge Generation von Schwingern nachstösst und technisch sehr vielseitig schwingt. Dieser Umstand verspricht einiges für die Zukunft des Schwingsports.

Mätthel, herzlichen Dank für deine Zeit und die interessanten Antworten! Ich wünsche dir auf deinem Weg zurück alles Gute, viel Kraft und Ausdauer. Wir sehen uns 2018 auf den Schwingplätzen!

feldwaldwiesenblogger

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