Saison-Bilanz der Nordostschweizer Schwinger – NOSV-Experte Jakob Heer gibt Auskunft

Text und Foto: feldwaldwiesenblogger

Die 2017er-Saison war eine spannende Angelegenheit. Viele Höhepunkte, packende Duelle aber auch Überraschungen wurden uns Schwingerfreunden von Frühling bis Herbst serviert. Nach dem Ende der Saison gilt es jeweils auch, Bilanz zu ziehen. Heute folgt bereits die fünfte und letzte Experteneinschätzung, nämlich diejenige für den Nordostschweizerischen Schwingerverband.

Jakob Heer, ein fundierter Kenner der Schwingerszene in der Nordostschweiz, gab hier am 23. Februar seine Einschätzungen für die diesjährige Saison ab. Er rechnete mit einer spannenden Saison und gab zu Protokoll, dass die Nordostschweizer sich vor keinem anderen Verband verstecken müssen. Jakob erklärte auch, dass Armon Orlik und Samuel Giger in der vergangenen Saison das Zepter übernommen haben, und das Geschehen in der Nordostschweiz in den nächsten Jahren prägen werden.

Die beiden Jungstars sind eine wahre Bereicherung und haben das Schwinggeschehen in diesem Jahr in unterschiedlicher Form mitgeprägt. Besonders in Erinnerung bleiben wird mir der Schlussgang beim Nordostschweizerischen in Davos. Ein Endkampf der Extraklasse! Trotzdem: Wie nahe Freud und Leid zusammenliegen, bekamen auch diese beiden Ausnahmeathleten zu spüren. So verletzten sich beide irgendwann während der Saison und mussten auf einige Ernstkämpfe verzichten. Beim Aargauer Kantonalen stockte wohl den meisten Schwingerfreunden der Atem, als Armon Orlik regungslos liegen blieb…

Aber: Nebst Orlik und Giger besteht die NOS-Mannschaft noch aus weiteren sehr guten Schwingern. Besonders erwähnenswert sind an dieser Stelle die Leistungen von Daniel Bösch beim Schwägalp-Schwinget oder diejenige von Martin Hersche beim Nordwestschweizerischen in Therwil BL.

Ich bedanke mich bei Jakob Heer, welcher mir die NOS-Bilanz schriftlich zukommen liess.


Jakob Heer, NOSV-Experte

Kurz zusammengefasst: Wie verlief aus deiner Sicht die Saison für die Nordostschweizer?
Jakob Heer: Es gelang, den Sieg auf der Schwägalp und beim Nordostschweizerischen in den eigenen Reihen zu behalten. Beim Unspunnen-Schwinget resultierten Spitzenplatzierungen, auch wenn nicht alle Zugpferde ihre Leistung abrufen konnten. Vier verschiedene Sieger an den sieben Kantonalen zeugen davon, dass der NOS-Verband in der Breite zugelegt hat. Hinter Samuel Giger und Armon Orlik haben sich andere Schwinger der Spitze genähert.

Welches waren die Highlights für den Nordostschweizerischen Schwingerverband?
Heer: Sicherlich der mannschaftlich gute Auftritt auf dem Brünig. Samuel Giger hatte ein Notenblatt, das einem Eidgenössischen entspricht. Am Unspunnen überzeugten nicht alle, jedoch Samir Leuppi und Domenic Schneider sehr. Und natürlich der Schlussgang beim NOS in Davos zwischen Samuel Giger und Armon Orlik. Ein offener Schlagabtausch und der Abschluss eines vollauf gelungenen Anlasses. Auch „Burkis“ 100. Kranzgewinn auf der Rigi gehörte zu den Highlights des Jahres.

Welche Schwinger sorgten besonders für Furore?
Heer: Martin Hersche am Nordwestschweizerischen mit einem überraschenden Sieg, nachdem er zuvor auf der Rigi noch untendurch musste. Domenic Schneider über die ganze Saison. Er hat seinen Eidgenössischen Kranzgewinn eindrücklich bestätigt. Samir Leuppi speziell mit seinem ersten Kranzfestsieg beim Zürcher Kantonalen in Weiach sowie beim Unspunnen-Schwinget. Aber auch Samuel Giger mit vier Kranzfestsiegen und Daniel Bösch mit den Erfolgen beim St. Galler und auf der Schwägalp.

Welche Schwinger haben überrascht?
Heer: Martin Hersche mit seinen Auftritten auf dem Brünig und beim Nordwestschweizerischen in Therwil BL, Domenic Schneider mit einem Spitzenplatz beim Berner Kantonalen. Dominik Oertig überzeugte speziell in der ersten Saisonhälfte. Er ist technisch sehr gut beschlagen. Auch Roger Rychen und Stefan Burkhalter sorgten für Glanzlichter.

Welcher Nordostschweizer Schwinger war für dich der Schwinger des Jahres, welcher der Aufsteiger der Saison? Warum?
Heer: Schwinger des Jahres, wenn man das so benennen darf, ist Samuel Giger mit Siegen beim Glarner, Appenzeller, Schaffhauser und beim NOS. Er war 2017 der stärkste Nordostschweizer.
Shane Dändliker vom rechten Seeufer ist der Aufsteiger des Jahres. Er gewann nicht nur seinen längst fälligen ersten Kranz (beim St. Galler). Nach einem Ferienaufenthalt, der im wohl die Unspunnen-Teilnahme kostete, kehrte er im August stark auf die Schwingplätze zurück. Er könnte dem Zürcher Verband noch viel Freude bereiten und dem ganzen Kanton einen Schub verleihen.

Was lief in deinen Augen besonders gut für die Nordostschweizer?
Heer: Wie erwähnt der Brünig, wo sich die Nordostschweizer bis zuletzt erfolgreich den Bernern stellten. Leider erwischten die Innerschweizer einen schwachen Start, sonst wäre es um den Tagessieg womöglich noch zu einem spannenden Dreikampf gekommen.

Was lief weniger gut?
Heer: Zwei Kränze auf dem Stoos und drei auf der Rigi waren eine eher magere Ausbeute. Auch wenn auf dem Stoos Pech dabei war, dass 56,25 Punkte nicht zu Kranzehren reichten. Auch am Baselstädtischen wäre mehr als ein Kranz (Samir Leuppi) möglich gewesen. Unweigerlich kommt mir in diesem Zusammenhang auch das Aargauer Kantonalfest in Brugg in den Sinn. Beim Konter von Bruno Gisler gegen Armon Orlik, worauf der Schlussgangteilnehmer von Estavayer2016 für einige Momente regungslos liegenblieb, hatten wohl alle im Stadion ein mulmiges Gefühl. Vor allem mental machte dies dem Bündner in der Folge zu schaffen. Auf der Schwägalp und in Interlaken hat er aber angedeutet, dass er auf dem Weg zurück an die nationale Spitze ist.

Wie verlief der Saisonhöhepunkt, der Unspunnen-Schwinget für den Nordostschweizerischen Teilverband?
Heer: Ein Fest mit Höhen und Tiefen. Armon Orlik zeigte bis zum Ausstich eine gute Leistung, auch Daniel Bösch hatte einmal mehr ein starkes Notenblatt vorzuweisen. Domenic Schneider, Samir Leuppi, Michael Bless und Fabian Kindlimann gehören zu den Siegern von Unspunnen. Enttäuschend waren einige Mittelschwinger, von denen ich mir mehr erhoffte, die es nicht einmal in den Ausstich schafften. Frühzeitig musste der Verband alle vier Ersatzschwinger aufbieten. Dass die Nordostschweizer nicht die Breite wie die Berner und Innerschweizer besitzen, hat sich dabei wieder gezeigt.

Welche Auswirkungen hatte die Verletzungshexe für den Nordostschweizerischen Teilverband?
Heer: Martin Hersche befand sich in ausgezeichneter Form und fiel eine Woche vor dem Saisonhöhepunkt im dritten Gang auf der Schwägalp aus. Das ist ein hartes Verdikt für einen Sportler. Samuel Giger verletzte sich am Schaffhauser im Duell gegen Daniel Bösch, wollte sich aber noch bis zum Saisonhöhepunkt durchquälen. Letztlich war sein Verzicht auf den Unspunnen-Schwinget der richtige Entscheid.
Ob sie am Sonntagmorgen Christian Stucki hätten aufhalten können, ist eine andere Sache. Stucki hat sich den Sieg in Interlaken verdient, unabhängig vom riesigen Verletzungspech der Inner- und Nordostschweizer. Und auch bei den Bernern fehlten ja ein paar bekannte Namen.

Zum Schluss ein Blick über den Teilverband hinaus: Welcher Schwinger hat dich nebst dem Unspunnen-Sieger Christian Stucki diese Saison am meisten beeindruckt? Warum?
Heer: Marcel Bieri. Der Zuger gefällt mir mit seinem unbändigen Siegeswillen und Offensivdrang. Er erinnert mich ein wenig an Geni Hasler, der auch stets aus allen Lagen die Entscheidung suchte.

feldwaldwiesenblogger

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