Wysel Gwerder’s Erinnerungen an Polo Hofer

Text: feldwaldwiesenblogger

„Tschou zämä, es isch schön gsy!“ – So lautete die selber verfasste Todesanzeige von Polo Hofer. Als der Berner Oberländer am 22. Juli starb, war mir sofort klar, dass ich ihn und sein Lebenswerk auch in meinem Blog thematisieren möchte.

Polo Hofer, mit bürgerlichem Namen Urs Alfred Hofer, wurde am 16. März 1945 in Interlaken geboren. Polo war sein Pfadfindername und begleitete ihn ein Leben lang. Nach der obligatorischen Schulzeit erlernte er den Beruf eines Handlitographen. „New Orleans Function“ von Louis Armstrong war die erste Platte in jungen Jahren und Harry Belafonte im Kursaal Interlaken (1955) das erste Konzert.
Stationen von Polo als Trommler und Sänger: The Jetmen (1962 – 1967), Polo’s Pop Tales (1968/69), Rumpelstilz (1971 – 1978), Polo’s SchmetterDing (1978 – 1982), Polo Hofer und die SchmetterBand (1984 – 2002). Ab 2002 folgten The Alpinistos, Polo und Band sowie weitere musikalische Projekte.
Hofer war nicht nur Musiker. Seine Tätigkeiten wie Dichter, Schauspieler, Kolumnist, Maler, Moderator, Produzent, Referent und Lifestyle Consultant lesen sich äusserst vielseitig.

Mir ist bewusst, dass ich Polo und seinem Erbe nicht gerecht werde, wenn ich nur Fakten aus dem Internet zusammentrage und daraus einen Beitrag schustere. Denn zu diesem Zweck empfehle ich Lektüre von Samuel Mumenthaler, einem Berner Jurist, Autor und Musiker. Er gilt als Chronist der Schweizer Musikszene der Gegenwart und kennt Polo bestens. „Polo: eine Oral History“ oder „50 Jahre Berner Rock“ (mit Vorwort von Polo Hofer) sind beispielsweise zwei Veröffentlichungen von Mumenthaler.

Mein Ansinnen ging dahin, dass ich mit einem grossen Polo Hofer-Fan ein Gespräch über seine Erinnerungen an den Mundartrock-Sänger führen wollte. Und: Ich musste nicht lange suchen. Denn in meiner Umgebung kenne ich keinen grösseren Fan und Kenner als Wysel Gwerder. Ich fragte den 51-jährigen Muotathaler an, und dieser willigte sofort ein. Ein Gespräch über seine Erinnerungen an Polo Hofer fand kürzlich bei Wysel zuhause statt, inmitten seiner Erinnerungsstücke.


Wysel Gwerder mit Erinnerungsstücken und Musik von Polo Hofer
Foto: feldwaldwiesenblogger

Welches ist deine erste Erinnerung an Polo Hofer?
Wysel Gwerder: Das war Mitte der 1970iger Jahre. Ich erinnere mich an einen Bericht über Rumpelstilz in der Jugendzeitschrift Pop/Rocky. 1976 habe ich Rumpelstilz anlässlich der FERA im Schweizer Fernsehen gesehen. Sie spielten den Song „Kiosk“. Später habe ich sie immer wieder im Radio DRS gehört.


Rumpelstilz mit „Kiosk“ an der FERA 1976
Quelle: YouTube

Welches war dein erstes Konzert von Polo, welches dein letztes? Wie viele waren es?
Wysel: Das erste Konzert war Mitte der 1980iger Jahre im Stadtkeller in Luzern, und zwar Polo mit der SchmetterBand. Das letzte Konzert war im Sommer 2015 in der Mühle Hunziken in Rubigen.
Ich besuchte insgesamt etwa 60 Konzerte von Hofer. Von Polo’s SchmetterDing habe ich ein Konzert miterlebt. Polo mit der SchmetterBand habe ich etwa 30 Mal live gesehen, mit Rumpelstilz und mit The Alpinistos je fünfmal. Zudem war ich an etwa 20 Konzerten von Polo und Band, welches seine letzte Besetzung war. Ein paar Mal sah ich Polo live bei anderweitigen Projekten.

Erzähle über deine Konzerterinnerungen an Polo!
Wysel: Da sind viele Erinnerungen vorhanden. Meistens war ich mit Kollegen aus dem Muotathal feuchtfröhlich unterwegs. Nicht selten hat uns Polo erblickt und die Delegation aus dem Muotatal speziell begrüsst. Am meisten habe ich Hofer im Stadtkeller live erlebt, nämlich etwa 20 Mal. Man stelle sich vor, der Entertainer spielte dort sage und schreibe 178 Konzerte.
1987 feierte das Mythencenter in Schwyz das 15 Jahr-Jubiläum. Es wurde ein Zelt aufgestellt und Polo trat dort auf. 1988 spielte der Berner Mundartrocker im Casino Schwyz. Bei diesem Konzert herrschte ein dichtes Gedränge und es wurde gehopst und getanzt. Irgendwann gaben zirka zehn Quadratmeter Boden vor der Bühne nach, und wir standen einen halben Meter tiefer… Das hätte schlimm enden können! Nach einem kurzen Unterbruch wurde das Konzert weitergeführt. Dies war unter anderem ein Grund für den Bau des Mythenforums.


Beim Konzert im Casino Schwyz 1988


Wysel (ganz rechts) traf nach dem Konzert im Casino Schwyz Polo
Fotos: Wysel Gwerder

Einmal fuhr ich an ein Konzert nach Biel an die EXPO 02. Ich hatte fünf Tickets und fragte sicher 15 Personen. Aber niemand hatte Zeit mitzukommen. So ging’s halt alleine an die Arteplage nach Biel und ich sah Polo live mit den Rumpelstilz, welche extra für die EXPO 02 ein einmaliges Reunion-Konzert spielten. Das Vorprogramm bestritten übrigens Patent Ochsner, welche live auch immer toll sind. Übrigens: Vor Ort gingen meine vier restlichen Tickets weg wie warme „Weggli“.


Rumpelstilz an der EXPO 02 (Konzertplakat)
Foto: feldwaldwiesenblogger

Für welches Polo Hofer-Konzert bist du am weitesten gereist?
Wysel: Das waren zwei Mittelmeer-Kreuzfahren mit der Rock & Blues-Cruise (2013 und 2016), wo Polo auftrat und zugleich als Musical Director amtete. 2013 waren auch die dustyboots mit von der Partie. Die Roadmusic-Band aus dem Muotatal wurde von Polo eingeladen.


Polo Hofer und Alex Gwerder von dustyboots (Rock & Blues-Cruise 2013)
Foto: Wysel Gwerder

Da Polo Mundartrock spielte, trat er natürlich meist nur in der Deutschschweiz auf. Einmal gingen wir zu Dritt nach Mürren zum Allmendhubel an ein Openair-Konzert von Rumpelstilz. Dies war in den 1990iger-Jahren. Als wir zu später Stunde nach Konzertende mit der Mürren-Stechelberg-Bahn hinunterwollten, war leider bereits Betriebsschluss. So mussten wir zu Fuss durch den Waldweg bis nach Lauterbrunnen. Der Fussmarsch dauerte gut zweieinhalb Stunden und danach fuhren wir noch ins heimische Muotathal zurück.


Openair-Konzert auf dem Allmendhubel in Mürren (in den 1990iger-Jahren)
Foto: Wysel Gwerder fotografierte das Konzertfoto im Restaurant Allmendhubel

Hat Polo auch mal im Muotatal gespielt?
Wysel: Ja, hat er. Er spielte anno 1988 auf der Muotathaler Alp Ober Gschwänd (Bödmeren-Gebiet). Ich habe dieses Konzert leider verpasst, da ich zu jener Zeit auf einer USA-Reise war. Auf Ober Gschwänd feierten einige Männer von der Familie Schuler aus Küssnacht zusammen mit ein paar Kollegen ihren 25. Geburtstag. An diesem Anlass entstand die legendäre „Geissbock-Story“, welche Polo anschliessend an etlichen Konzerten erzählte. Bei dieser Geschichte wurde dem Berner Rocker am frühen Morgen ein Geissbock in sein Zelt geschoben. Aber hört selber, wie Polo bei einem Konzert in der Mühle Hunziken (März 2015) die Begebenheit in allen Details erzählt:


Teil 1 der Geissbock-Story


Teil 2 der Geissbock-Story
Videos: Wysel Gwerder

Deine Lieblings-Alben und Lieblings-Songs von Polo?
Wysel: Einerseits ist das die LP von Rumpelstilz „Live im Atlantis, Basel“ (veröffentlicht 1977), welche inzwischen vergriffen ist. Dazu kann ich nur sagen: Eine Kultband in Höchstform. Andererseits erwähne ich die CD „Polo Hofer singt Bob Dylan 1981 – 2011“ (veröffentlicht 2011). Aus Rohdiamanten (was Dylan-Songs meistens sind) schuf Polo mit der Schweizer Musikelite Perlen.
Am stärksten fand ich Polo sowieso immer, wenn er die feinen Töne anschlug. In den Balladen „Rosemarie und i“, „Im letsche Tram“, „Di gfallene Ängel“, „Stilli Wasser“ und „Wen mys letsche Stündli schlat“ spüren wir das Herz und die Seele dieses Mannes.


Polo Hofer mit „Stilli Wasser“ (30.10.2015)
Quelle: YouTube

Was ist für dich der Reiz oder das Spezielle an Polo’s Musik?
Wysel: Er gab seinen Songs ein Lebensgefühl und vermittelte eine Sprache, die man verstand. Seine Musik begleitete mich durch die Jugend. Die Texte sind stets mit Deutungen und Fingerzeigen, und sagen mit wenigen Worten viel aus.


Quelle: songtexte.com


Quelle: songtexte.com

Polo ist der Begründer und der Vater des Berner Rock, seine Songs sind heute teilweise Volksgut. Alle, die nach ihm gekommen sind, hat er nachhaltig geprägt. Hofer hat wie kein anderer vor ihm die Mundart und die Rockmusik zusammengeführt. Polo hat Generationen in allen Sprachregionen der Schweiz gezeigt, wie viel Kraft und Poesie in der Berner Mundart steckt.

Bist du Polo auch persönlich begegnet?
Wysel: Da gab es einige Begegnungen und hie und da einen Schwatz. Polo hatte ein grosses Allgemeinwissen über fremde Länder und Kulturen. Als die Schweizer Fussballnationalmannschaft einmal in Irland spielte, traf ich ihn in Dublin in der Hotelbar an. Er war auch am Spiel, und wir unterhielten uns darüber. Meistens diskutierten wir aber über Musik, wo er über ein unglaubliches Wissen verfügte. Speziell über die amerikanische Südstaaten-Szene.


Wysel mit Polo bei der Rock & Blues-Cruise 2013
Foto: Wysel Gwerder

Wer war Polo?
Wysel: Polo war der geborene Entertainer, auf der Bühne war er zuhause. Auf dieser übte er gerne eine Hofnarren-Funktion aus. Der Berner war ein Geschichten- und Anekdotenerzähler, war schlagfertig und ein philosophischer Sprücheklopfer. Nachfolgend drei wunderbare Beispiele:

„Als ich klein war, sagte man mir, jeder könne Politiker werden.
Jetzt fange ich an, es zu glauben.“

„Lieber eine freie Marktwirtschaft als eine geschlossene Beiz.“

„Ich trinke erst wieder Milch, wenn die Kühe Trauben fressen.“

Privates gab er nur den Wenigsten preis. Polo war ein Nachtmensch, die besten Ideen kamen ihm stets um Mitternacht bei einem Glas Wein und einem Joint.

Was bleibt von Polo?
Wysel: Das sind in erster Linie sicher seine Musik mit mehr als dreissig veröffentlichten Alben, sowie seine fast dreitausend Live-Konzerte. Weiter fünfzig Jahre Chilbi und Party, welche halt nicht spurlos an ihm vorbeigingen. In Erinnerung werden auch seine Bilder bleiben, welche teilweise öffentlich sind. Zum Beispiel das Cover des ersten KROKUS-Albums. Der Berner bleibt einer breiten Bevölkerung als „Polo National“ in Erinnerung, da er öfters zu verschiedenen aktuellen Themen seine Meinung kundtat.


Polo enthüllte im Mai 2017 eine lebensgrosse Holzstatue seiner Person
Foto: blick.ch

Ich bedanke mich bei Wysel für die wirklich sehr interessanten Informationen, Ausführungen, Anekdoten, Bilder und Videos. Polo’s Erinnerungen bleiben uns dank Fans wie dem Muotathaler erhalten, und in seinem Erbe, der Musik lebt er sowieso weiter. Als Anlehnung an Polo’s Todesanzeige sagte Wysel am Ende des längeren Gespräches: „Tschou Polo, äs isch schön gsi!“

feldwaldwiesenblogger

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