Keep the valley loud

Ein Jodelklub, vier Chöre, zehn Volksmusik-Formationen, zwei Country-, sieben Rock- und zwei Metal-Bands: Es wird viel Musik gemacht im Muotatal. Erstaunlich, denn im Muotatal leben nur 3500 Menschen auf einer Fläche fast so gross wie der Kanton Zug.

Text und Fotos: Christof Hirtler

Medien und Werbung zementieren das Image des Muotatals als abgeschiedenes, wildromantisches Bergtal, bewohnt von starrköpfigen und eigenbrötlerischen Hinterwäldlern. Wer aber die Klangwelten des Muotatals erkundet, findet zu den Wurzeln der Schweizer Volksmusik und begegnet vielen weltoffenen und innovativen Musikerinnen und Musikern verschiedenster Stilrichtungen.

Muotataler Groove
Die sperrige-urchige Tanzmusik und die archaischen Jüüzli des Muotatals sind schweizweit einzigartig. Das Muotatal ist eine riesige musikalische Schatztruhe: Die Stücke der Schwyzerörgeler Rees Gwerder, Anton Betschart, Georg-Anton Langenegger, des Akkordeonisten Franz Schmidig sen. oder des Geigers Josef Imhof (z‘ Predigers Joseb) sind von einem unwiderstehlichen Groove und inspirieren. Die Musik des Geigers Josef Imhof war ausschlaggebend für die Gründung von „Ambäck“, das Trio um die Schwyzerörgeli-Ikone Markus Flückiger. Ambäck heisst übrigens im Muotataler Dialekt Spaltklotz.

Um das musikalische Erbe des Muotatals kümmert sich seit 2009 der Verein Giigäbank. Mit seinen Sammlungen von Noten und Tonträgern spielt der Verein zusammen mit der Musikschule Muotatal-Illgau eine wichtige Rolle bei der Erhaltung und Förderung des volkstümlichen Kulturguts. Jährlich organisiert der Verein Giigäbank am letzten Sonntag des Jahres den Muotataler Ländlersunntig.


Natur pur am Muotathaler Ländlersunntig (Silvester 2017)

Muotathaler Ländlersunntig
31. Dezember 2017: Im Restaurant Alpenblick, Vereinslokal der örtlichen Feuerwehr, gibt es wie angekündigt, grünen Salat, Schweinssteak an Kräuterbutter, Pommes und Coupe Dänemark. Dann sind die Teller abgeräumt, es spielt das Handorgelduo Remo Gwerder-Franz Schmidig, das Publikum geniesst die Musik bei einem Glas Roten oder einem Kaffee Schnaps.

An einem der langen Tisch sitzt Koni Schelbert, feldwaldwiesenblogger und Musiker: „Die Toleranz unter den einzelnen Stilrichtungen ist recht gross, die Musiker respektieren sich gegenseitig. Es gibt neben den vielen Ländlermusikformationen auch eine lebendige Metal-Szene. Auch Thrash-Metaller besuchen ab und zu eine Ländler-Stubete. Andere, wie Bernhard Betschart von ‚Natur pur’ switchen zwischen Volksmusik, Country und Rock.“

Tanzen verboten
1886 begann Alois Eichhorn in Schwyz mit dem Bau der ersten Schwyzerörgeli. Alois Suter (Lisäbethler), Bauer auf der Unteren Meienen und Kirchensakristan, Melchior Anton Langenegger (Egg-Basch), Bauer, und Franz Betschart (Liänäler), Fuhrhalter, waren die ersten Schwyzerörgelispieler im abgeschiedenen Muotatal. Das Spielen haben sie sich selber beigebracht.
Die gesungenen oder mit dem Büchel vorgetragenen alten Melodien und Jüüzli wurden auf das neue Instrument adaptiert. Die Musik klang roh, mit Ecken und Kanten und abrupten Taktwechseln. Gespielt wurde aus dem Stehgreif, nach Gehör und ohne Noten.

Mit dem Schwyzerörgeli konnte ein einziger Musiker zum Tanz aufspielen, zudem war es klein und einfach zu abgelegenen Bauernhäuser zu transportieren. Dort fanden die „Schloffätänz“ statt. Heimlich wurde die ganze Nacht gespielt, getanzt und gefeiert, zum Missfallen der Kirche und der Behörden, die in ihrem Kampf gegen Unsittlichkeit und Alkoholismus die Tanzanlässe nur während der Fasnacht, der Chilbi und an den Viehmärkten zuliessen. Wer sich nicht daran hielt, machte sich vor dem Gesetz strafbar und musste bis in die 1950er-Jahre während der Sonntagsmesse im Mittelgang „uusächnüüä“.

Dr Eigäler
Rees Gwerder (Eigäler), 1911 im Heimet „Schweizi“, zuhinterst im Muotatal geboren und aufgewachsen, besass ein unglaubliches Musikgehör. Als Fünfjähriger nahm er das Schwyzerörgeli seines Vaters und übte heimlich die ersten Stücke. „Äs hed äim scho käinä niä öp-pis zäigt“, sagte Rees Gwerder an einem Fernsehinterview von 10vor10 zu seinem 80zigsten Geburtstag. Bereits als 15-jähriger verfügte der Bauernsohn über ein Repertoire von 100 Melodien, hauptsächlich kurze, zweiteilige Tänze, sogenannte „Stümpäli“. Sein Leben lang spielte Rees Gwerder auf seinem Eichhornörgeli ausschliesslich alte Tänze, die er zum Teil neu kombinierte oder wie er sagte „zwägg gchlüngelet het“. Über 200 Stücke konnte Rees Gwerder aus dem Stehgreif ohne Noten spielen. Dies soll ausgereicht haben, um an der Riemenstalder-Chilbi stundenlang lang zum Tanz aufzuspielen.

Rees Gwerder nahm zahlreiche Tonträger auf. Tänzli, wie er sie von seinen Vorfahren gehört hatte. Dieses Inventar zählt heute zum kulturellen Erbe der Schweizer Volksmusik. „Nüümodischs“ lehnte Rees Gwerder jedoch stets ab, der wortkarge Musiker mit der Chrummä im Mund blieb konsequent beim Alten. Durch den Film „UR-Musig“ (1993) des Luzerner Musikethnologen Cyrill Schläpfer gelangte Gwerder zu internationalem Ruhm. 2011 schrieb der Luzerner Musikjournalist Pirmin Bossart in der Luzerner Zeitung: „Rees Gwerder hatte dieses ungeschminkt Authentische und Knorrige, das man in den Wysel-Gyr-Jahren der medial aufbereiteten Ländlermusik so nie zu Gehör bekommen hatte“. Schläpfers Klangreise zu „den querstehenden und musikalischen Grinden aus dem Muotatal“ gab der damals oft belächelten Schweizer Volksmusik ihren Stellenwert zurück. Die Gruppe „Pareglish“ (bareglisch ist ein Muotataler Dialektwort für brünstig, geil) um Dani Häusler und Markus Flückiger, die zuvor in Finnland oder im Balkan Inspiration suchten, entdeckte die Wurzeln der Schweizer Volksmusik vor ihrer Haustüre, lüftete kräftig durch und brachte die Schweizer Volksmusik aus der „nichthinterfragenden Traditionspflege“ in die Gegenwart.


Echo vom Schattenhalb am Ländlersunntig (Silvester 2017)

Schrägers und Gräders
Auch Cornel Schelbert (ds Schmieds Cornel), Örgeler des „Echo vom Schattenhalb“ spielt mit Daniel Schmidig (ds Hebamms Dänl) seit 22 Jahren in der Tradition ihrer Vorfahren Rees Gwerder oder Georg Anton Langenegger (Egg Basch). Das Schwyzerörgelispiel lernten die beiden ab Tonbandkassettli, oft Eigenaufnahmen bekannter Muotataler Musiker.

Die schroffe Landschaft des Muotatals und die Arbeit als Bauern, prägt das Lebensgefühl und die Musik des „Echo vom Schattenhalb“. „Unsere Musik tönt manchmal fröhlich, aber oft traurig, wie das Leben“, sagt Cornel Schelbert. Schelbert und Schmidig spielen die Stücke auf Stöpselbass- und Halbwienerörgeli möglichst originalgetreu und mit ungewohnten Taktwechseln. „Will miär beed midänand gliich falsch spillid, tönts dä äbä gliich nüd lätz“. Schalk, Eigensinn und die Lust „anders zu tönen“ prägt die Musik der Schattenhälbler. Die alten Tänze kommen auch bei den Jungen gut an. Im „Bastards Place“, ehemals Restaurant Sonne, spielen neben Country-Rock- und Rock’n’Roll-Bands auch Ländlerformationen. „Ganz sicher gibt’s bei uns kein HipHop, Techno und solches Zeugs“, versichert Nik Betschart, der Betreiber des Lokals.

Natur pur
„Schrägers und Gräders“, so heisst die gemeinsame CD des Handörgeli-Duos „Echo vom Schattenhalb“ und der Juuzer-Gruppe „Natur pur“. „Das Juuzen ist eng mit dem Bärgbuurä-Läbä verbunden“, erklärt der Sänger, Gitarrist und Bassist Bernhard Betschart, aufgewachsen mit sechs Geschwistern auf dem stotzigen Heimet Zinglen im Muotatal. Nach der Schule half er den Eltern auf dem Betrieb, mit 25 Jahren absolvierte er eine Lehre als Strassenbauer.

Heute lebt Beny Betschart von der Musik. Er spielt mit „Black Creek“ Folk, Rock und Country, pflegt den Naturjuuz mit der Gruppe „Natur pur“ und gibt Jodel-Workshops. Er ist, wie viele Muotataler, ein Macher. „Das Juuzen tut uns Muotatalern gut. Beim Zusammentreiben der Rinder auf der Alp oder beim Locken des Viehs, da juuze ich gerne. Das ist unsere Form Gefühle auszudrücken – ohne Worte – das kommt von ganz tief.“ Die Jüüzli klingen darum nicht nur freudig, sondern oft auch melancholisch und „es gibt auch einige wilde, verdrehte“. Gejuzzt wird nach überlieferten, traditionelle Melodien. „Auffallend für das Ohr von Laien sind die ‚schräg’ klingenden Töne der Naturtonreihe. Dies ergibt beim mehrstimmigen Singen ungewohnte, für unsere Ohren dissonant klingende Intervalle.“

Der archaische Naturjodel des Muotatals ist in der Schweiz einzigartig. „Man weiss, dass die Natur den Juuz prägt, so tönt der Naturjodel im hügeligen Appenzell viel weicher, als im gebirgigen Toggenburg oder bei uns. Wir leben in einem engen Tal, mitten im Gebirge. So rau wie die Landschaft, so rau ist der Juuz, so rau ist auch die Intonation.“ Dies erforschte und belegte der Musiktethnologe Hugo Zemp mit seinen Feldforschungen, fünf Dokumentarfilmen und der Platte „Jüüzli – Jodel du Muotatal“ (1979). Die LP ist in der renommierten Serie „Le Chant Du Monde“ erschienen, die Musik aus aller Welt präsentierte.


Die Melodic-Trash-Metalband Infinitas live im Gaswerk (Seewen SZ), bei der Albumtaufe am 6. Mai 2017

Melodic-Thrash-Metal – Infinitas
Ein Stück Käse liegt am Boden einer Lawinengalerie. Beim Tunnelausgang steht ein Mann, ein braunes Badetuch über den Kopf geworfen. Ein zweiter Mann mit einem blauen Badtuch über dem Kopf nähert sich. Der mit dem braunen Tuch schreit ihn an: „Hesch du dr Chääs is Tunäll inätaa?“. „Näi, han i nüd“, antwortet der andere, mit Armen und Beinen um sich fuchtelnd. „Moll dä hesch.“ „Näi, han i nüd“ und so könnten sie sich unendlich um einen Chäs, resp. um Nichts streiten. Das absurd-schräge Youtube-Filmchen mit einer tüchtigen Prise Muotataler Humor geistert seit 2015 als Low-Budget-Trailer für das Muotataler Metal-Festival „Harvest“ im Netz.

Initiant und Organisator des Festivals war Pirmin (Piri) Betschart, Bandleader und Schlagzeuger der Muotataler Melodic-Thrash-Metal-Band „Infinitas“. In einem Stall hat er mit dem Gitarristen Selv Martone einen professionellen Proberaum samt Studio eingerichtet. „Einstiegsdroge zum Heavy Metal war AC/DC, wie im Muotatal allgemein üblich“, sagt Selv Martone verschmitzt. „Wir lieben das Erdige, das Echte, und feilen so lange an unseren Stücken, bis sie live so gut tönen, wie wir sie auf CD aufgenommen haben. Qualität ist uns wichtig – einfach flätt (völlig) ehrlich, ohne Tricks und Schumeleien.“ „Dazu braucht es eine typische Portion Muotataler Sturheit“, erklärt die Aargauer Sängerin Andrea Böll lachend. Sie muss es wissen, ist sie doch vor zwei Jahren wegen „Infinitas“ nach Goldau gezogen.

Das Intro auf der neuesten CD „CIVITAS INTERITUS“ ist im Muotataler Dialekt gesprochen, die Songtexte sind auf Englisch. Pirmin Betschart: „Wir wollten damit etwas von der Heimat einarbeiten, dä Wurzlä trüü bliibä, auch wenn es nicht alle verstehen.“ Jedes Jahr spielen Infinitas rund 10 Konzerte in Zürich, Basel oder Bern, wo die Metal-Szene sehr aktiv ist.

Metal wird im Tal weniger gehört als auch schon. Neben Rock und Country ist die Ländlermusik der Vorfahren bei den Jungen besonders beliebt. „Viil Musiker, wo urchägi Musig machid, hend üs gsäid, das was miär miächid, miächid miär huärä guät, aber äs gfiäl inä nüd. Das isch äs schöns Feedback“, freut sich Pirmin Betschart.

Keep the valley loud
Für viele Muotataler Männer ist der Klang der Glocken die schönste Musik. Jeweils am Abend des Dreikönigstags treffen sich die Triichler vor dem „Sternen“. Das neue Jahr wird eingeläutet und die Triichler machen mächtig Dampf: Zwei Stunden lang bewegt sich der Zug von mehr als 200 Männern im wiissä Hirthämmli durchs Dorf, im Takt ihre grossen Fahr- und Weid-Treicheln schwingend. Angeführt von fünf Geisslächlepfern mit Lorbeerkranz, dem Präsidenten mit einer Grotze und dem Vize mit einer hohen Holzbrennte, im Muotataler Dialekt heisst diese Tausä. Der Traditionsanlass ist nicht nur bei Bauern, Handwerkern und Angestellten beliebt, auch die Rocker sind dabei.

„Der Dreikönigstag ist die gefährlichste der zwölf Rauhnächte“, vermerkt das Handbuch des Deutschen Aberglaubens. „In den Lüften treiben Geister ihr Unwesen, die mit Peitschenknallen, Kettenrasseln und ähnlichem Getöse vertrieben wurden.“ Nachdem die Treichler vom Weiler Ried und von Muotathal sich regelmässig prügelten, treicheln die Riedter am Neujahrstag, die Muotathaler am Dreikönigstag. „Aber die Riedter kommen trotzdem jedes Jahr als Zuschauer ins Dorf“, bemerkt ein Muotathaler Treichler. Im Dorf ist Freinacht und das „Echo vom Schattenhalb“ spielt bis am frühen Morgen im „Sternen“-Saal.

feldwaldwiesenblogger

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