Besuch bei Fabian Staudenmann, einem der grössten Berner Talente

Text: feldwaldwiesenblogger

Fabian Staudenmann ist eines der grössten Schwing-Talente der Berner. Der 18-Jährige wohnt in der Gemeinde Guggisberg, welches im Berner Mittelland und quasi im Herzen des Naturpark Gantrisch liegt. Ich traf Fabian kürzlich zum Gespräch, in einem schönen Berner Bauernhaus gleich beim Dorfeingang, dem Zuhause der Familie Staudenmann. Fabian erklärte am Anfang, dass Staudenmann ein typisches Guggisberger Geschlecht sei. Der sechsfache Kranzschwinger ist der älteste Sohn von Alfred und Angela, die beiden jüngeren Geschwister heissen Julian und Dominique. Fabian hat väterlicherseits und mütterlicherseits Schwingergene mit auf den Weg bekommen. Sein Vater und dessen Bruder, Fabian’s Götti, haben eine Zeit lang geschwungen, ebenso ein Onkel von seiner Mutter.


Fabian Staudenmann vor seinem Elternhaus
Bild: feldwaldwiesenblogger

47 Zweige gewonnen
Fabian wurde am 15. April 2000 geboren. Als Zehnjähriger nahm er nach dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (Frauenfeld) am inzwischen obligaten Schwinger-Schnuppertag teil. Fabian gefiel es im Sägemehl ziemlich gut und so nahm er im darauffolgenden Winter das Schwingtraining auf. Die ersten Jungschwingertage bestritt der Jüngling 2011 und gewann insgesamt 47 Zweige, davon vier Doppelzweige (drei Berner Teilverbands- und ein ENST-Doppelzweig, 2015 in Aarburg). Hinzu kamen neun Festsiege.
Nach der obligaten Schulzeit begann der 190 Zentimeter grosse Teenager bei der Firma Gilgen Door Systems AG in Schwarzenburg eine Ausbildung zum Automatiker. Fabian befindet sich derzeit im dritten von vier Lehrjahren und besucht nebenbei den Vorbereitungskurs für die Berufsmatura. Seine Hobbys neben dem Schwingsport sind eher auf den Winter ausgerichtet. Nämlich Langlauf, welcher der Polysportive mit seinem Grossvater betreibt. Zudem fährt Fabian Ski, gehört dem Skiclub Riffenmatt an und absolvierte anfangs Jahr einen J+S-Kurs.

2017 erster Kranzgewinn
Fabian ist Mitglied vom Schwingklub Schwarzenburg, welcher zum Mittelländischen Gauverband gehört. Martin Rolli ist Technischer Leiter und Trainingspartner beim Schwingklub Schwarzenburg. Weiter gehören der Eidgenosse Hansruedi Lauper sowie die Kranzschwinger Stefan Marti, Adrian Thomet und Lorenz Berger diesem Klub an.
Der erste Kranzgewinn gelang Fabian am 28. Mai 2017 beim Seeländischen Schwingfest in Meinisberg. Es folgte der Kranz beim Oberaargauischen und beim Mittelländischen, was ihm einen Startplatz beim traditionellen Brünig-Schwinget bescherte. Prompt gewann das Riesentalent den sehr begehrten Bergkranz, welchen Fabian denn auch als einen seiner bisher grössten Erfolge bezeichnet. Bei diesem Fest auf der Wasserscheide zwischen der Innerschweiz und dem Bernbiet bezwang der damals 17-Jährige mit Tobias Krähenbühl gar einen Eidgenossen. Die vier Saisonkränze bedeuteten für den jungen Berner die Qualifikation für den Unspunnen-Schwinget. Am Fest selber resultierte mit zwei gewonnenen, drei verlorenen und einem gestellten Gang Rang 15b. Man hat das Gefühl, dass der Automatiker-Lehrling praktisch schon wie ein Routinier schwingt. Er meint, dass diese Entwicklung schon bei den Jungschwingern begann. Beim zweiten Schwingfest holte Fabian nämlich bereits den ersten Zweig und hatte das Gefühl, dass es sehr gut läuft. In der Folge war das aber nicht mehr der Fall, auch weil er sich verletzte. Die Motivation war zudem irgendwie abhandengekommen. Nach dem Kantonalen Jungschwingertag 2013 in Niederscherli war Fabian so enttäuscht, dass er sich vor die Wahl stellte: Entweder höre ich auf oder trainiere mehr. Darauf investierte der Teenager deutlich mehr ins Training. Und siehe da, die Resultate fingen wieder an zu stimmen und es lief immer besser. Jetzt bei den Aktiven versucht sich Fabian nicht unter Druck zu setzen und sagt sich, dass er in diesem jungen Alter nichts zu verlieren hat. Er nimmt Gang um Gang, versucht diese möglichst zu gewinnen und nicht zu viele Gedanken drum herum zu machen.

2018: Bereits zwei Saisonkränze
Beim Mittelländischen und Emmentalischen kamen kürzlich die Kränze fünf und sechs hinzu. Bei beiden Gaufesten gelangen dem sympathischen Sennenschwinger je drei Siege und drei Gestellte. Was auch auffällt, ist das Notenblatt vom Jahresschwinget Thun. Dort teilte Fabian die Punkte mit keinen geringeren als mit Schwingerkönig Kilian Wenger, Unspunnen-Finalist Curdin Orlik und Kilian von Weissenfluh. Angesprochen auf diese Tatsache erklärt der 103 Kilogramm schwere Athlet: «Ich könnte nicht mal behaupten, dass ich eine sehr gute Verteidigung habe und schwinge nicht unbedingt auf einen «Gestellten». Was ich jeweils versuche, ist nicht ins offene Messer zu laufen. Wenn ich meine Chance sehe, versuche ich diese zu nutzen. Ich darf von mir behaupten, dass ich ziemlich wendig und beweglich bin. Dies ist sicher ein Vorteil, wenn ich mit Spitzenschwingern zusammengreife.»
Ist ein Vergleich mit Samuel Giger, dem Ostschweizer Riesentalent angebracht? Der Berner Mittelländer sagt dazu: «Ich denke, das ist ein wenig hoch gegriffen. Sämi Giger war schon sehr früh fertig entwickelt und ist ein riesiges Talent. Ich denke, dass ich noch Luft nach oben habe und hoffe, noch ein paar Kilos zulegen zu können. Mein Technischer Leiter hat mir gesagt, dass man gewöhnlich mit 25 Jahren auf dem Zenit steht. Bei Sämi habe ich das Gefühl, dass er diesen schon mit 20 Jahren erreicht hat. Natürlich kann er während den nächsten 15 Jahren auch auf diesem bleiben. Gegen Sämi habe ich übrigens noch nie geschwungen, auch nicht als Jungschwinger.»
An den Schwingfesten wird Fabian von seinem Vater gecoacht. Die Familie ist praktisch bei allen Schwingfesten dabei und bedeutet für ihn eine grosse Unterstützung.


Dem 18-Jährigen werden jetzt schon so «Cracks» wie Christian Stucki zugeteilt (50. Hallenschwinget Thörigen)
Foto: Barbara Loosli

Gespräch mit Fabian:

Was sind deine bevorzugten Schwünge?
«Momentan ist es der Kurz-Lätz, mit dieser Kombination gewinne ich auch die meisten Gänge. Weiter benutze ich den Fussstich und den Kurz. Meine Bodenarbeit hat noch Ausbaupotenzial.»

Hast du im vergangenen Winter neue Schwünge ins Repertoire aufgenommen?
«Ja, habe ich. Sie funktionieren aber noch nicht perfekt. Den Links-Kurz habe ich viel geübt und habe dieses Jahr bereits zwei Gänge damit gewonnen. Den Übersprung versuche ich auch, muss dafür aber noch etwas Zeit investieren.»

Wie sieht dein Trainingsprogramm momentan aus?
«Vor den Kranzschwingfesten bestritt ich wöchentlich fünf Trainings. Entweder sind dies drei Schwingtrainings und zwei Kraft- und Konditionseinheiten, oder zwei Schwingtrainings und drei Kraft- und Konditionseinheiten. In der Woche vor einem Schwingfest reduziere ich mein Pensum, trainiere dreimal und mache am Samstag ein lockeres Aufwärmtraining. Während der Schwingfestsaison muss man selber spüren, wie man sich fühlt und dementsprechend das Trainingsprogramm anpassen.
Am Dienstag ist gewöhnlich Verbandstraining mit den Mittelländischen Schwingern in Bern und am Donnerstag trainiere ich mit dem Schwingklub Schwarzenburg. Im Kanton Bern wurde neu ein Novizen-Kader gegründet, zu welchem ich auch gehöre. Vor der Schwingfestsaison trainierten wir alle zwei Wochen am Freitag in Bern.
Das Konditions- und Krafttraining absolviere ich bei Stefan Riesen, dem Mann meiner Gotte. Riesen war früher Duathlet und Triathlet.»

Kürzlich hast du mit Kilian von Weissenfluh, einem anderen grossen Berner Talent, beim Emmentalischen gestellt. Was unterscheidet euch beide schwingtechnisch gesehen?
«Kilian, vier Jahre älter als ich, ist ein sehr angriffiger, nicht unbedingt bequemer Schwinger und schwierig zu besiegen. Mit seinem Hochschwung ist er ziemlich gefährlich. Beim Emmentalischen war es mehr oder weniger ein gegenseitiges Neutralisieren. Der Berner Oberländer besass tendenziell mehr Chancen, ich konnte aber dagegenhalten. Beim Jahresschwinget Thun lief es ähnlich ab. Beim ersten Zug bezwang er mich fast mit Hochschwung. Wir sind beide eher als Angriffsschwinger einzustufen. Seine Schwingweise unterscheidet sich aber schon von meiner. Ich schwinge am liebsten in den Griffen, Kilian hingegen lässt gerne die Griffe los und geht in die Flanke.»

Beim Brünig-Schwinget 2017 konntest du mit dem Kranzgewinn deinen bisher grössten Erfolg feiern. Schildere doch nochmals diesen Schwinget aus deiner Sicht?
«Der Tag verlief für mich super. Am Morgen an der Kasse haben sie meinen Namen erst gar nicht richtig verstanden. Vor dem Wettkampf war ich nervös. Der erste Gang verlief nicht so gut und endete gestellt. Den zweiten Gang konnte ich gewinnen, den dritten gegen den Eidgenossen Tobias Krähenbühl mit der Kombination Kurz/Fussstich ebenfalls. Niklaus Zenger empfahl mir vor diesem Gang, abzuwarten. Meine Chance werde schon kommen. Ich liess Krähenbühl dann erst ziehen, und auf einmal kam meine Chance. Das war ein schöner Moment! Im vierten Gang bezwang ich mit etwas Glück Marcel Bieri. Der Zuger setzte zu einem Schlungg an, welchen ich abfing. Im fünften Gang wurde mir Andi Ulrich zugeteilt. Ich ging ziemlich motiviert in den Gang, verlor aber leider gegen den Gersauer. Vor dem sechsten Gang war mir bewusst, dass es um den Kranz ging und war sehr nervös. Der Kampf gegen den Muotathaler Guido Gwerder ging kurz vor Ende leider verloren. Hinterher hatte ich das Gefühl, dass ich gute Chancen auf einen Sieg gehabt hätte und war entsprechend enttäuscht. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es trotzdem für den Kranz gereicht hat. Ich ging zum Wald hoch und sass dort einen Moment für mich und liess das ganze setzen. Wenn mir am Morgen jemand gesagt hätte, dass ich heute um den Kranz schwinge, hätte ich ihn als Träumer bezeichnet. Der Kranzgewinn war eine wunderbare Geschichte! Richtig realisiert habe ich dies aber erst nach ein paar Tagen.»


Das grosse Talent schwang als Jungschwinger schon obenaus
Bild: Barbara Loosli

Wie verlief der Unspunnen-Schwinget?
«Der Einmarsch mit dem Berner Team war sehr eindrücklich. Den ersten Gang gegen Ursin Battaglia konnte ich gewinnen. Ich wusste, dass Battaglia sehr wendig ist und konnte ihn am Boden bezwingen. Das war schon ein toller Augenblick, auch der gespendete Applaus. Bei den Niederlagen gegen die beiden Eidgenossen Domenic Schneider und Roger Rychen musste ich mir zugestehen, dass das Niveau beim Unspunnen-Schwinget schon höher ist als bei einem Gauverbandsfest. Für mich war es ein schönes Schwingfest und ich konnte viele Erfahrungen mit nach Hause nehmen.»

Woran denkst du, musst du in nächster Zeit noch arbeiten?
«Ich denke, ich kann mich praktisch in allen Bereichen verbessern. Schwingtechnisch gesehen ist noch viel Potenzial vorhanden, besonders bei der Bodenarbeit. Weiter eine Situation richtig einschätzen und dementsprechend den Kampf führen. Dann möchte ich auch kraft- und konditionsmässig noch weiter zulegen.»

Welche Schwinger sind deine Vorbilder?
«Ein spezielles Vorbild habe ich nicht und hatte auch als Jungschwinger keines. Cool wäre es, den Fussstich zu beherrschen wie Bernhard Kämpf, so kurz ziehen wie Matthias Siegenthaler oder einen Brienzer ansetzen wie Matthias Sempach.»

Wenn deine Entwicklung so weiterläuft, stehst du beim Eidgenössischen in Zug oder in Pratteln im Schlussgang?
Fabian lacht. «Ob es so weiterläuft wie bisher, weiss ich natürlich nicht. Daher ist das schwierig zu beantworten. Aber: Viel mehr als trainieren kann ich nicht und gemäss dem Motto «drannä bliibä» weitermachen. Ich bin noch jung und nicht mit dem Vorsatz in diese Saison gestartet, um noch mehr Kränze zu ergattern wie letztes Jahr. Das kann und darf ich noch gar nicht erwarten. Ich nehme Gang um Gang und abgerechnet wird sowieso am Abend. Zum ganzen gehört auch das nötige Wettkampfglück und die Tagesform. Ich denke, ich habe noch genügend Zeit.»

Welche Ziele hast du dir anfangs Jahr gesetzt?
«Ich habe mir gesagt, wenn es nicht so gut läuft wie letztes Jahr, ist das nicht weiter schlimm. Wenn ich dabei Lehrgeld bezahlen muss, ist das sicher normal. Wenn man als Kranzschwinger antritt, hat man schon das Ziel, am Abend mit dem Kranz nach Hause zu fahren. Ich versuche das aber so gut es geht auszublenden. Mein Ziel ist in erster Linie, gut zu schwingen. Beim Bern-Jurassischen letztes Jahr, mein zweites Kranzschwingfest bei den Aktiven, verpasste ich mit einem guten Notenblatt den Kranz um einen Viertelpunkt. Ich war hinterher trotzdem zufrieden, denn ich hatte ein gutes Gefühl und schwang gut. Wenn es am Abend trotzdem zum Kranz reicht, ist es umso schöner.»

Deine Saisonhöhepunkte für 2018?
«Jedes Schwingfest ist für mich ein Höhepunkt. Aber hervorstechen tun sicher das Berner Kantonale und die Bergkranzfeste auf dem Stoos und am Schwarzsee, welche ich bestreiten darf. Der Stoos-Schwinget ist speziell, weil man an diesen Anlass als Berner nicht jedes Jahr reisen kann. Auf den Schwarzsee-Schwinget freue ich mich auch, denn ich wohne nicht weit davon entfernt. Überdies bin ich bei diesem Bergklassiker seit fast zehn Jahren als Zuschauer dabei.»


Fabian beim Gespräch im gemütlichen Wohnzimmer
Bild: feldwaldwiesenblogger

Fabian’s nächste Auftritte sind das Oberländische (27. Mai) und das Bern-Jurassische Gauverbandsfest (3. Juni). Ich bin überzeugt, dass das grosse Berner Talent sein bestes gibt und auch bei diesen Schwingfesten eine gute Figur machen wird. Ich bedanke mich für die Gastfreundschaft bei den «Staudenmann’s» und wünsche dem jungen Guggisberger viel Erfolg. In erster Linie aber beste Gesundheit und Freude bei der Ausübung unseres schönen Nationalsports!

feldwaldwiesenblogger

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