Nachgefragt bei Michael Wiget, dem grossen Berner Talent

Text: feldwaldwiesenblogger / Bilder: Michael Wiget

Den Namen Michael Wiget haben vor dieser Saison wohl nur wenige Schwingerfreunde gekannt. Seit diesem Frühling weiss man, dass hier ein grosses Berner Talent heranreift. Der junge Sennenschwinger hatte vor dieser Saison erst einen Kranz auf seinem Konto, welcher aus dem Jahr 2015 datiert ist (Seeländisches Schwingfest in Vinelz).
Nach diversen Verletzungen und einem Unterbruch von drei Jahren zeigte Michael am Worblentaler Hallenschwinget eine sensationelle Vorstellung. Er gewann diesen souverän und bodigte dabei die beiden Eidgenossen Thomas Sempach und Willy Graber. Kurz darauf landete der Rückkehrer am Frühjahrschwinget Ibach auf dem zweiten Schlussrang und schon wieder standen zwei besiegte Eidgenossen auf dem Notenblatt: Christian Schuler und Philipp Gloggner. Stoppen konnte ihn dort nur der spätere Sieger Mike Müllestein.
Danach wurde es etwas ruhiger um Michael. Die Knieverletzung von letztem Jahr machte sich wieder bemerkbar, und zwang ihn zu einer Pause. Der 20-Jährige konnte glücklicherweise aber bereits beim Heimfest, dem Mittelländischen Schwingfest von vergangenem Sonntag, wieder mittun. Und wie er das tat! Zur Halbzeit führte Michael die Rangliste alleine an und wurde schliesslich erst im Schlussgang von Bernhard Kämpf, einem anderen Rückkehrer, auf den Rücken gelegt.
So lag es auf der Hand, dass ich erneut einen Schlussgang-Verlierer zu Wort kommen lasse. Beim Gespräch mit Michael wollte ich unter anderem wissen, wie er den Schlussgang in Neuenegg erlebte, und was die Gründe für die derart starke Rückkehr auf die Schwingplätze sein könnten.


Michael gewann mit einer starken Leistung beim Mittelländischen Schwingfest seinen zweiten Kranz

Mittelländisches Schwingfest in Neuenegg
Sieger des Mittelländischen Schwingfestes wurde Bernhard Kämpf. Reto Zbinden, Pressechef des Mittelländischen Schwingerverbandes, schreibt dazu: «Selten war die Ausgangslage vor einem Schwingfest so offen wie vor dem diesjährigen Mittelländischen Schwingfest in Neuenegg. Durch die vielen verletzungsbedingten Absagen gestaltete sich die Situation äusserst spannend. Bei sommerlich warmem Wetter zeigten die 176 angetretenen Schwinger den 5’000 Zuschauern attraktiven Schwingsport.»
Im Schlussgang griffen beide Kontrahenten an. Nach fünf Minuten gelang dem Berner Oberländer Eidgenossen Bernhard Kämpf durch Abfangen eines Übersprungs und Nachdrücken am Boden die Entscheidung.
Zbinden schreibt weiter: «Das Fest verlief wie erwartet spannend und wurde durch einige Überraschungen in den ersten Gängen sogar noch offener als erwartet. Am Mittag lag der einheimische Michael Wiget als einziger Schwinger mit drei gewonnen Gängen gegen Patrick Waldner, Jan Wittwer und Jonas Lengacher in Führung. Der äusserst attraktive Gestellte im vierten Gang gegen Patrick Gobeli warf ihn etwas zurück. Mit einem Sieg im fünften Gang gegen John Grossen konnte er sich trotzdem für den Schlussgang qualifizieren.»

Michael sicherte sich seinen zweiten Kranz
Michael stand in Neuenegg zum ersten Mal überhaupt in einem Kranzfest-Schlussgang. Diesen erreichte er mit einer starken Leistung, die verdiente Belohnung war der zweite Kranz. «Schlussgang-Luft» konnte der Berner aber bereits am Worblentaler Hallenschwinget schnuppern. Trotz Niederlage gewann er diesen Schwinget souverän.
Michael’s Geburtsdatum ist der 4. November 1998. Der 20-Jährige wohnt in Wünnewil, ist ledig und weist mit seiner Grösse (196 Zentimeter) und seinem Gewicht (110 Kilogramm) Gardemasse für den Schwingsport auf. Nach dem Abschluss des Gymnasiums arbeitet der Wünnewiler derzeit temporär auf dem Bau, möchte jedoch in naher Zukunft mit einem Studium beginnen. Zu seinen Hobbys zählt Michael nebst dem Schwingen den Sport allgemein, hält sich gerne in der Natur auf und ist nach eigenen Angaben ein Bewegungsmensch.

Wurzeln in der Innerschweiz
Michael ist Mitglied beim Schwingklub Laupen, welcher dem Mittelländischen Gauverband angehört. Zu seinen bisher grössten Erfolgen zählt der grossgewachsene Schwinger die beiden gewonnene Kränze, die Schlussgang-Teilnahme beim Mittelländischen und die beiden Siege am Bernisch Kantonalen Nachwuchsschwingertag. Die bevorzugten Schwünge sind der Kurz und der Übersprung.
Der Modelathlet schwingt seit dem Kindergarten (2006) und benennt als schwingerische Vorbilder Matthias Siegenthaler, Matthias Sempach und Kilian Wenger. Zum Schwingsport kam Michael durch seine Mutter. In seinem Umfeld spielten alle Fussball, der Jungspund entschied sich aber für den Schwingsport. Der kleine Bruder Adrian schwingt mittlerweile auch bei den Jungschwingern.
Der Name Wiget lässt auf einen Ursprung in der Innerschweiz schliessen. Der Heimatort von Michael ist denn auch Arth. Die Grosseltern väterlicherseits wohnen in Schindellegi. Der Vater zog als junger Mann von Schindellegi nach Wünnewil, die Mutter stammt aus Laupen.


Im Schlussgang vom «Mittelländischen» griff Michael (rechts) keck an

Herzliche Gratulation zum Erreichen des Schlussganges! Was ging dir hinterher durch den Kopf?
«Ich war im ersten Moment extrem enttäuscht. Man verliert natürlich nicht gerne einen Schlussgang. Erst recht nicht, wenn man so nahe von seinem Wohnort schwingt. Ich kenne Bernhard sehr gut von gemeinsamen Trainings, und rechnete mir durchaus auch Chancen aus. Ich gönne dem Berner Oberländer den Kranzfestsieg nach seiner Verletzungspause aber von Herzen.»

Würdest du heute mit einer anderen Taktik den Schlussgang in Angriff nehmen?
«Ja, ich würde das Risiko noch mehr suchen. Ich war den ganzen Tag über nicht so nervös wie vor dem Schlussgang. Denn: Ich realisierte, dass ich das erste Mal wieder an einem grossen Schwingfest teilnehmen konnte. Zudem kamen viele Leute vor dem Schlussgang zu mir, und es wurde mir ein bisschen zu viel.»

Du hast die Endausmarchung souverän erreicht. Welcher Gang war für dich ein sogenannter «Schlüsselgang»?
«Der Gang gegen Jonas Lengacher war so einer. Er schwang sehr defensiv gegen mich und die Freude war entsprechend gross, als ich ihn bezwingen konnte.»

Was für ein persönliches Fazit ziehst du vom Mittelländischen Schwingfest?
«Ich denke, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und es hat mir klar aufgezeigt, dass es viel schöner ist, im Ring zu stehen, als zuzuschauen. Ich sage immer: Wenn man nicht schwingen kann, bekommt man keine Chance und hat in dem Sinne schon verloren.»

Du hast deinen ersten Kranz 2015 gewonnen. Danach wurde es bis diesen Frühling ruhig um dich. Was ist geschehen?
«2016 erlitt ich anfangs Jahr einen Ermüdungsbruch an der Schulter, anfangs der 2017er-Saison riss ich mir das Innenband im Ellbogen. 2018 zog ich mir eine Schleimbeutel-Entzündung am Knie zu, welche mir in der Folge das Leben schwer gemacht hat. Beim Bernisch Kantonalen nahm ich nach einer Woche Training einen Anlauf und ging an den Start. Ich musste aber nach fünf Gängen aufgeben. In der Vergangenheit wollte ich wohl einfach zu viel und habe zu wenig auf meinen Körper gehört. Nun habe ich daraus gelernt und schenke der Erholung viel mehr Beachtung.»


Völlig überraschend konnte sich Michael anfangs Saison als Sieger vom Worblentaler Hallenschwinget ausrufen lassen

Was sind die Gründe für die äusserst starke Rückkehr auf die Schwingplätze?
«Während den Verletzungen habe ich nie aufgegeben, denn das war keine Option. Im Training mit Willy Graber, Fabian Staudenmann, Severin Schwander, Lukas Renfer oder Lario Kramer sehe ich, wo ich stehe. Da ich trotz den Verletzungspausen immer wieder trainieren konnte, brach der Rhythmus nie ab. Dass es aber nun so gut läuft, hat mich auch überrascht. Ich habe natürlich viel mit meinen Berner Kollegen trainiert und konnte mich so weiterentwickeln. Ich denke, dass spätestens nach letztem Sonntag der Überraschungseffekt nicht mehr so gross sein wird.»

Wie konntest du dich trotz langer Abwesenheit für den Schwingsport motivieren?
«Ich habe ein sehr gutes Umfeld. Mein Physiotherapeut Michel Olivari, meine Familie und meine Kollegen haben mich stets unterstützt. Die verschiedenen Verletzungen sind gut ausgeheilt. Einzig das Knie bereitet mir manchmal Probleme. Darum stellte sich mir nie die Frage, aufhören oder nicht.»

Wie sieht dein gegenwärtiges Trainingsprogramm aus?
«Wegen meinem Knie, welches mir manchmal einen Strich durch die Rechnung macht, muss ich mein Training wochenweise anpassen und auf meinen Körper hören. Wenn ich beschwerdefrei bin, sind es zwei Schwingtrainings und zwei Kraft-/Ausdauer-Einheiten pro Woche.»

Wenn deine Entwicklung so weiterläuft, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis zu deinem ersten Kranzfestsieg?
Michael lacht. «Es wäre natürlich sehr schön und ist ein Traum. Der Fokus ist die Gesundheit, und dass ich beschwerdefrei durch die Saison komme. Dann werden wir sehen, wie es läuft. Die Ausgangslage beim Mittelländischen, wo viele Topcracks gefehlt haben, war sicher offener als sie es beim Oberaargauischen sein wird. Aber: Ein Kranzfestsieg ist sicher irgendwann mal ein Ziel.»

Welches sind deine nächsten Kranzfeste?
«Ich nehme morgen Pfingstsamstag am Oberaargauischen Schwingfest in Grafenried teil. Wenn mein Körper mitmacht, starte ich auch auf dem Stoos. Im Hinblick aufs Eidgenössische ist dies sicher ein guter Härtetest mit zwei Schwingfesten innerhalb von drei Tagen.»

feldwaldwiesenblogger