Die abenteuerliche und tragische Geschichte des Alfred Niklaus, Schwingerkönig 1895 in Biel

Der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) wurde 1895 gegründet. Noch im selben Jahr wurde das erste offizielle Eidgenössische Schwingfest in Biel ausgetragen. Schwingerkönig wurde dabei der Berner Alfred Niklaus, welcher vor 5000 Zuschauern obenaus schwang. Hinter ihm klassierten sich im zweiten Rang Simon Wüthrich (Trub) und Hermann Neeser (Zürich). Den dritten Platz belegten Alfred Strasser (Zürich) und Karl Studer (Flugbrunnen).

Quelle, Text und Bilder: «Die Könige der Schweiz» von Christina und Christian Boss (2019) / Bearbeitung: feldwaldwiesenblogger


Alfred Niklaus aus Köniz ist der erste König nach der Verbandsgründung

Nach zwei unentschiedenen Gängen mit dem gewaltigen Dubach Hans (Diemtigen) siegte Niklaus Alfred im Ausstich zweimal über den Turner Monnier Henri aus La Chaux-de-Fonds. Da sich Neeser Hermann (Zürich) und Wüthrich Simon (Trub) im Schlussgang ohne Entscheidung trennten, wurde Niklaus Alfred als lachender Dritter Schwingerkönig und holte sich damit den einzigen Kranz, der an diesem Fest vergeben wurde.

Der Kommentar aus der «Schweizerischen Turnzeitung», Nummer 41, vom 11. Oktober 1895
Prächtig kommen Gewandtheit, Kunst und Kraft zur Geltung bei dem folgenden Paar Niklaus Alfred und dem Turner Monnier von La Chaux-de-Fonds. Der überaus kräftige Niklaus nimmt den Turner federleicht und alle Augenblicke in Brusthöhe. Allein der Turner scheint in diesen Regionen so recht in seinem Element zu sein. Gelassen und äusserst elegant verschränkt er sich und kommt nie zum Rückenfall. Erst im zweiten Gang, nach wiederholten Versuchen, gelingt es Niklaus den gewandten Gegner zu bodigen. Wir bedauern nur, dass Monnier nie zur Offensive überging – vielleicht wäre dann die Sache ganz anders herausgekommen.

Zum Schluss greifen Neeser Hermann aus Zürich und Wüthrich Simon, der bewährte Schwingerkönig von Trub, zusammen. Letzterer versucht wiederholt, den Gegner auf die Knie zu zwingen. Allein Neeser kennt jenen Rummel und geht nicht auf den Leim. Wüthrich ist genötigt, den Kampf ebenfalls stehend aufzunehmen. In tief gebückter Stellung verharren die Kämpfenden, bei auffallender Ruhe und Spannung des Publikums, eine längere Zeit. Wüthrich sucht ab und zu durch allerlei Finten und Zwicke einen Angriff seines Gegners zu provozieren. Allein Neeser findet den Augenblick noch nicht für gekommen. Endlich schnellt Wüthrich auf und zieht an. Genau im gleichen Augenblick hat ihm Neeser die linke Seite eingesetzt, den Gegner aufgeladen auf die linke Hüfte und in hohem Bogen fliegt der gewaltige Truber platt auf den Rücken. Eine förmliche Explosion von Applaus durchzittert hierauf die Luft. Der zweite Gang, gleich beginnend, führt rascher zur Offensive des Schwingers. Bald ist dieser, bald jener in prekärer Lage. Plötzlich versucht Neeser vom Knie aus den «Brienzer» und in der Tat wirft er mit einem mächtigen Kreisschwung nach rechts den Gegner zum zweiten Mal auf den Rücken, dreht sich dabei aber selber derart, dass er den Boden berührt mit seinen Schultern. Wer hat nun gesiegt? Mittlerweile ist es Abend geworden. Rasch tritt das Kampfgericht zusammen, allein schon ist die Dämmerung eingebrochen, als die Preisverteilung beginnt. Bei dem nachfolgenden «balle-champêtre» kann niemand bei den Turnern oder Schwingern Zeichen von Ermüdung beobachten.

Und hier kommt die abenteuerliche und tragische Geschichte des Alfred Niklaus
Geboren ist Alfred Niklaus im Dezember 1870 in der Nähe von Biglen im Emmental. Kurze Zeit später zog sein Vater mit der ganzen Familie auf das Schlossgut Köniz, wo Alfred inmitten einer Schar von 12 Kindern aufwuchs. Dass der kräftige Bub auf dem grossen Bauernbetrieb reichlich Gelegenheit hatte, seine körperliche Tätigkeit nach allen Seiten zu entfalten, liegt auf der Hand. Die Ende der Sechzigerjahre im bernischen Mittelland aufblühende Schwingerei zog den energiegeladenen Jüngling völlig in ihren Bann. Er wurde sogar als Mitgründer des Schwingklubs Köniz (1891), aus dem zwei Jahre später der mittelländische Verband hervorging, mehrfach erwähnt. Alfred Niklaus erlernte den Beruf eines Käsers und arbeitete unter anderem auch als Käs-Salzer in Grosshöchstetten. Die beste Voraussetzung, um körperlich in vollster Kraft zu stehen.


Alfred Niklaus (stehend zweiter von links) und sein Schwingklub Köniz

Durch Energie, aussergewöhnliche Körperkräfte und gute Schwingkenntnisse machte sich Niklaus bald einen ebenso guten Namen. Im Jahre 1895 gewann er das Alphirtenfest zu Unspunnen, um im gleichen Jahr den ganz grossen Wurf zu landen. Wir wissen es, er wurde in Biel Schwingerkönig, kehrte mit dieser grossartigen Auszeichnung nach Hause zurück, um seine Schwingerkarriere abzuschliessen. Der Grund? Im Jahre 1896 wanderte er auf Anregung eines in Lettland lebenden Freundes aus, um im damaligen Zarenstaat den Käserberuf auszuüben. Wie es von diesem unternehmenden und einsatzvollen Mann nicht anders zu erwarten war, brachte er es mit seiner Ausdauer zu Ansehen und Wohlfahrt.

Doch der Erste Weltkrieg brachte ihn um all sein Hab und Gut. Unverdrossen kehrte er nach Kriegsschluss in das Land Lettland zurück, fing nochmals ganz von vorne an und brachte es neuerdings sehr, sehr weit. Es ging ihm richtig gut.


Alfred Niklaus wird später vom Schicksal schwer gepeinigt

1940 wurde er, wie so viele andere, einfach evakuiert und für das ihm weggenommene Eigentum erhielt er als kleines Entgelt ein Bauerngut in Polen zugeteilt. Als 70 Jahre alter Mann musste er sich vom Käser zum Bauern umfunktionieren. Eine harte Aufgabe.

Zum Überdruss setzte der Zweite Weltkrieg ein. In dieser Zeit traf ihn auch der Tod seiner Ehefrau enorm hart. Nicht genug. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bei Nacht und Nebel vor den Russen zu flüchten. Zuerst mit Wagen und Pferden. Nach nicht zu schildernden Strapazen erreichte er die Grenzstelle Singen und betrat als komplett Mittelloser sein gastliches Vaterland. Aber er musste seine Tochter mit ihren drei Kindern an der Grenze zurücklassen. Es gab kein Erbarmen, sie durften nicht in die Schweiz miteinreisen. Das war zu viel. Aus dem nie verzagenden, ehemaligen Schwingerkönig wurde ein an Körper und Seele gebrochener Mann. Der Heimgekehrte fand Unterkunft bei seiner Nichte in Münsingen. Er hatte nach all dem Ausgestandenen wieder ein Dach über dem Kopf. Der still gewordene Mann fügte sich zufrieden in sein Los und fand auf dem Friedhof von Münsingen seine endgültige Ruhestätte.

feldwaldwiesenblogger

Nach Kritik: Nachgefragt beim ISV-TK-Chef Thedy Waser

Text: feldwaldwiesenblogger / Foto: Thedy Waser

Nach dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest wurde gefeiert, aber auch Bilanz gezogen. Und wie das beim Sport üblich ist, gibt es nebst Siegern auch Verlierer. Zu diesen darf man die Innerschweizer Schwinger ein Stück weit zählen. Unbestritten sind deren Erfolge in Zug, inklusive dem Erstgekrönten Joel Wicki. Aber: Nebst dem Sörenberger holte sich beispielsweise nur noch ein Luzerner, nämlich Sven Schurtenberger, Eidgenössisches Eichenlaub. Verständlicherweise waren die Luzerner, welche in der Innerschweiz inzwischen zur Nummer eins gereift sind, unzufrieden. Diese Unzufriedenheit wurde in Kritik umgemünzt, und diese betrifft auch den TK-Chef. Gemeint ist die Person von Thedy Waser, welcher seit sechs Jahren für die Technischen Belange der Innerschweizer Schwinger zuständig ist. Thedy ist 51-jährig, von Beruf Forstwart-Vorarbeiter und Mitinhaber der Waser Forst AG in Beckenried. Der Nidwaldner ist derzeit wegen einem Arbeitsunfall rekonvaleszent, wohnt in Beckenried, und ist zudem ein leidenschaftlicher Jäger, Skifahrer und Berggänger.

Eines ist klar: Der Druck nimmt für die Innerschweizer alle drei Jahre noch mehr zu, endlich den zweiten Schwingerkönig zu stellen. Und: Da die Innerschweizer den grössten Teilverband bilden, und somit jeweils die meisten Athleten ans «Eidgenössische» entsenden können, erheben sie auch Anspruch, die meisten Kränze gewinnen zu können. Das misslang nach Estavayer auch in Zug. Aber: Der ISV stellt zwar mit 85 Athleten die grösste Teilnehmerzahl, was nicht automatisch bedeuten muss, die meisten Kränze gewinnen zu können.

Im heutigen Beitrag möchte ich die Sichtweise von Thedy Waser widergeben, auf welchen nach dem ESAF doch ziemlich Kritik eingeprasselt ist.


ISV-TK-Chef Thedy Waser

Bist du mit dem Festverlauf und mit der Einteilung am ESAF zufrieden?
«Ja und Nein. Anfangs ging es gut. Am Schluss wurde nicht mehr nur um des Sportes Willen eingeteilt. Es ging lediglich darum, dass die einzelnen Verbände ihre Kränze sichern konnten und wollten. Auf einzelne Gänge will ich jetzt aber nicht weiter eingehen.»

Wie weit lässt sich eigentlich ein Festverlauf mit der Einteilung steuern?
«Du kannst mit der Einteilung ein Fest spannend, interessant und attraktiv gestalten. Man kann den genauen Verlauf nicht voraussehen, respektive gänzlich beeinflussen. Schlussendlich kann es ganz anders kommen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Samuel Giger in Zug zwei Gänge verliert. Schliesslich wird in den Sägemehlringen geschwungen, und die Schwinger müssen dabei einfach auch ihre Resultate bringen.»

War die Einteilung in Zug ein zähes Unterfangen?
«Zum Teil ging es ziemlich emotional hin und her, und es brauchte manchmal einige Zeit, bis die Entscheidungen fielen und akzeptiert wurden. Es war vor allem ein zähes Unterfangen bei den Spitzenpaarungen und als es um die Kranzausbeute ging. In der Einteilung gilt nicht Einstimmigkeit, die Mehrheit muss dafür sein. In Zug mussten demzufolge bei einer Entscheidung vier von sechs Einteilern dafür sein.»

Bist du mit der Leistung der Innerschweizer am «Eidgenössischen» zufrieden?
«Ja, ich bin sehr zufrieden. Obwohl arrivierte Schwinger am ersten Tag nicht super in den Wettkampf starten konnten. Aber schlussendlich haben sie trotzdem eine gute Leistung gezeigt und sich steigern können. Bei der Anzahl Kränze hätte ich mir mehr erhofft. Da es leider gegen Ende des Festes nicht mehr nur um den Sport ging, gab es teilweise sehr harte Paarungen, wo wir einige Kränze nicht machen konnten.»

Wie begegnest du der Kritik nach dem ESAF, welche auch deine Person betrifft?
«Ich sage es so, wie es gewesen ist. Ich habe mein Möglichstes gegeben und mich auch für alle Innerschweizer Schwinger voll eingesetzt.»

Die grösste Kritik war von Luzerner Seite zu vernehmen? Kannst du das nachvollziehen?
«Ich kann die Emotionen zum Einen nachvollziehen. Mit zwei Kränzen wurden sie unter ihren Erwartungen geschlagen. Zwei oder drei unglückliche Gänge sind auf die Einteilung zurückzuführen. Weiter haben einige Schwinger nicht die Leistung gebracht, welche sie während der Saison gezeigt hatten. Dennoch sollte versucht werden, professionell, objektiv und differenziert zu analysieren. Und nicht aus dem Affekt heraus alles nur schlecht zu reden.»

Im Nachhinein hiess es auch, der ISV-TK-Chef konnte sich in der Einteilung zu wenig durchsetzen. Was sagst du dazu?
«Dieses Gefühl hatte ich nicht. Ich konnte mich gut durchsetzen. In der Einteilung gab es harte Diskussionen, wo ich recht bekam und unterstützt wurde. Dies haben mir hinterher auch meine Einteilungs-Kollegen bestätigt. Es gilt zudem zu beachten, dass man nicht immer das erreichen kann, was man will. Das geht bei einem Gremium von sechs Personen schlicht und einfach nicht.»

Dem Vernehmen nach waren in Zug im ISV-Zelt ein paar unschöne Dinge vorgefallen. Was steckt dahinter?
«Das Wort «unschön» stört mich. Das, was ich nachträglich vernommen habe, konnte ich in der jeweiligen Situation nachvollziehen. Ich persönlich konnte sehr wenig im Verbandszelt sein, und kann dazu nicht viel sagen. Wenn ich im Zelt war, waren die Schwinger meist an den Sägemehlringen bei der Schwingerarbeit. Bei 85 Schwingern kommen halt verschiedene Meinungen und Ansprüche zusammen. Diese Vorkommnisse nehmen wir zum Anlass, es in Zukunft noch besser anzupacken, um das Optimum für unsere Schwinger rauszuholen.»

Wie ist, ganz allgemein betrachtet, momentan die Stimmung im Innerschweizer Lager?
«Die Stimmung war schon besser, es herrscht eine Unruhe. Wir haben im Verband klare Ziele definiert, und haben dazu das Projekt «16-19-22» gestartet. Wir wollen an diesem festhalten, und dann wird es aus meiner Sicht gut kommen. Zudem: Wir haben in den letzten Jahren bewiesen, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, der richtige ist. Aber: Der Weg, den wir beschreiten, müssen wir bestimmt auch in einigen Punkten anpassen. Dinge, die nicht gut sind, nehmen wir raus. Damit wir in Zukunft noch besser fahren. Wichtig ist, dass der ganze ISV-Verband in die gleiche Richtung zieht.»

Trittst du an der nächsten ISV-Delegiertenversammlung (DV) nochmals zur Wahl an?
«Das Projekt, das wir gestartet haben, möchte ich durchziehen und beenden. Die Schwinger nehmen dies positiv auf, und ich habe einen guten Kontakt zu ihnen. Es ist unser gemeinsames Ziel, denn ich alleine kann das nicht erreichen und ich möchte diesen eingeschlagenen Weg weitergehen. Deshalb stelle ich mich an der nächsten DV nochmals zur Wahl.»

Was würdest du, Stand heute, am ESAF anders machen?
«Rückblickend kann man Vieles anders machen, und man ist immer schlauer. Wichtig ist, die Fehler, die passiert sind, möglichst auszumerzen. Aber: Wenn man dies oder jenes anders macht, passieren vielleicht andere Fehler. Schlussendlich wollen wir die nötigen Lehren daraus ziehen und es beim nächsten Mal besser machen. Mehr als sich mit Leib und Seele einsetzen, und das Beste daraus machen, kann man als einzelner sowieso nicht. Das Fest lief ansonsten perfekt ab, und man hörte von allen Seiten nur lobende Worte.»

Haben du und dein Team bereits eine Analyse der Saison und dem ESAF vorgenommen? Ergeben sich daraus Neuerungen oder Änderungen?
«Das Fest und die Saison wurden bereits analysiert. An den meisten Festen schnitten wir sehr gut ab, und besetzten vordere Ränge. Wir hatten eine starke Saison, auch am «Eidgenössischen», an welchem einige ISV-Athleten Spitzenplätze belegten. Die vergangene Saison zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Planung für die nächste Zeit läuft bereits. Dabei wollen wir einige Dinge verbessern. Bis zum nächsten ESAF im Jahr 2022 finden zwei Anlässe mit eidgenössischem Charakter (ESV-Jubiläumsschwingfest 2020 in Appenzell und der Kilchberger Schwinget 2021) statt. An diese beiden Schwingfeste dürfen wird 30 bis 40 Athleten entsenden. Wir wollen unsere Schwinger möglichst gut darauf vorbereiten. Dazu gehören Trainingsweekends und Zusammenzüge.»

Wurden aus deiner Sicht nach dem ESAF irgendwelche Dinge nicht korrekt widergegeben?
«Es wurden einige Sachen rumerzählt, die so nicht passiert sind. Wenn Gerüchte von einem Ohr zum andern wandern, sind sie am Schluss nicht mehr wieder zu erkennen. Dies ist einfach nicht die Schwinger-Art, bei welcher man einander in die Augen schaut und direkt anspricht. Es wurde viel hinten herumgeredet, ohne dass man dabei das persönliche Gespräch mit den kritisierten Personen gesucht hat. Diesen Tugenden wurde zu wenig Beachtung geschenkt, was mich persönlich enttäuscht hat. Zudem und ganz wichtig: Das Gerede kam nicht von den Schwingern, sondern von Aussenstehenden. Diese kamen aber nie direkt auf mich zu.
Ich hoffe für den ISV, dass wir gemeinsam mit dem Elan weiterfahren können, mit welchem unsere Schwinger am Samstagmorgen in Zug in die Arena geschritten sind: Voller Selbstvertrauen und Kraft.»

feldwaldwiesenblogger

Nachgefragt bei der neuen Schwingerkönigin Michelle Brunner

Text: feldwaldwiesenblogger / Fotos: Michelle Brunner

Die Ostschweizerin Michelle Brunner wurde am vorletzten Sonntag in Menznau Schwingerkönigin. Der Schreibende war selber vor Ort und berichtete auf dem Schwinger-Blog live vom Eidgenössischen Frauen- und Meitlischwingfest.

Spannende Ausgangslage am «Eidgenössischen»
Vor dem alles entscheidenden «Eidgenössischen» lag Michelle in der Jahreswertung an der Spitze. Der Vorsprung war allerdings knapp, und so entwickelte sich in Menznau ein Zweikampf zwischen ihr und der letztjährigen Schwingerkönigin Diana Fankhauser. Beim Anschwingen bodigte Michelle die Schwingerkönigin in einem spannenden Duell. Diana machte allerdings in der Folge mit vier Siegen Boden gut. Die Ostschweizer Königsanwärterin hingegen musste nebst zwei Siegen zwei «Gestellte» in Kauf nehmen. Aus diesem Grund blieb der Kampf bis zum sechsten Gang hochspannend. In diesem kamen beide in ihren Duellen nicht über einen «Gestellten» hinaus. In der Endabrechnung lag Michelle mit einem «Vierteli» hauchdünn vor Diana und wurde zur neuen Schwingerkönigin gekürt.

Schwingerkönigin dank dem Sieg in der Jahreswertung
Im Gegensatz zu den Männern krönen die Frauen jährlich eine Schwingerkönigin. Und zwar mittels einer Jahreswertung, und nicht am Eidgenössischen Frauen- und Meitlischwingfest. In der Jahreswertung wurden in diesem Jahr sechs Kranzfeste gewertet. Diese Feste fanden der Reihe nach in Hergiswil, Kandersteg, auf dem Ricken, in Boveresse, Uezwil und im bereits erwähnten Menznau statt. Zwei dieser Feste konnte Michelle für sich entscheiden. Zu Beginn der Saison fand zudem mit dem 1. Frauen- und Meitli-Hallenschwingfest in Brugg ein Schwinget statt, an welchem keine Kränze abgegeben wurden.
Wer aber ist Michelle Brunner? Nachfolgend versuche ich die junge Sennenschwingerin etwas besser kennen zu lernen und gratuliere ihr auf diesem Weg zum Königstitel.


Die neue Schwingerkönigin Michelle Brunner

Mitglied beim Frauenschwingclub Linth
Das Geburtsdatum von Michelle ist der 23. April 1998. Die 21-Jährige wohnt in Benken. Die frisch gebackene Schwingerkönigin absolvierte eine Ausbildung zur Zimmerin (Zimmermann) und arbeitet momentan auf diesem Beruf in einem Betrieb in St. Gallenkappel. Die Zeit nebst der Arbeit widmet die St. Gallerin hauptsächlich dem Schwingsport.
Die Zimmerin ist Mitglied beim Frauenschwingclub Linth, bei welchem sie das komplette Training absolviert. Dieser Klub zählt derzeit 15 Schwingerinnen, und zwar von allen Kategorien (Aktive, Meitli 1, Meitli 2 und Zwergli). Es gibt etliche Frauen, die regelmässig zusammen mit Männern trainieren. Michelle macht dies derzeit aber nicht.

Michelle’s Erfolge
In der nun zu Ende gegangenen Saison gewann Michelle die beiden Kranzfeste in Kandersteg sowie Uezwil und holte fünf Kränze, was ihr in der Endabrechnung den ersten Titel als Schwingerkönigin einbrachte. In Kandersteg realisierte sie vier Siege und zwei Gestellte. Im Schlussgang, gegen Franziska Ruch, reichte ein «Gestellter» mit der Note neun zum alleinigen Tagessieg. Die zweifache Saisonsiegern überzeugte in Uezwil mit fünf Siegen, unter anderem im Schlussgang gegen Angela Riesen, dem eine Niederlage gegenübersteht.
Michelle’s Palmarès umfassen 15 Kränze (inklusive dem Goldkranz für die Schwingerkönigin) und 30 Zweige. Bei den Aktiven hat sie bisher drei Tagessiege geholt, bei den Nachwuchskategorien waren es etliche. Die genaue Anzahl weiss die Schwingerin nicht.
Michelle ging mit sechs Jahren zum ersten Schwingtraining und blieb diesem Sport bis heute treu. Den ersten Kranz als Aktive gewann sie 2014 beim Frauen- und Meitlischwingfest in Oron-la-Ville. Der bevorzugte Schwung ist der Hochschwung. Zum Schwingsport kam die schwingbegeistere Frau durch Fränzi Schatt, eine frühere Schwingerkönigin vom Schwingklub Linth. Schwingergene wurden Michelle bereits in die Wiege gelegt. Denn ihr Vater Ruedi und ihr Onkel Sepp haben in jungen Jahren ebenfalls geschwungen.


Michelle (mit Ohrenschutz) im erfolgreichen Zweikampf

Der Königstitel ist das Resultat einer starken Saison. Was für Gedanken begleiteten dich bei der Krönung?
«Ich realisierte es in Menznau nicht wirklich und konnte nicht fassen, was gerade passiert ist. Inzwischen habe ich es wahrgenommen. Am Abend des «Eidgenössischen» gab es zuhause einen kleinen Empfang und der offizielle Empfang der Gemeinde folgt am 19. Oktober.»

Das Rennen um den Titel war spannend bis zum letzten Gang, beim Skifahren würde man von einem Hundertstel-Krimi sprechen. Wie verlief für dich der alles entscheidende letzte Gang?
«Im alles entscheidenden letzten Gang war Diana Fankhauser vor mir dran, und stellte diesen mit der Note neun. Ich wusste, dass mir mit dieser Ausgangslage ein guter Gestellter reicht. Ich riskierte trotzdem alles, damit es schlussendlich aufging und ich mir so auch den Kranz sichern konnte.»

Was für ein Fazit ziehst du vom Eidgenössischen Schwingfest in Menznau?
«Ich durfte ein wunderbares Schwingfest erleben und war glücklich, dass ich dort dabei sein durfte. Ich habe es genossen, auch wegen der schönen Kulisse und dem Traumtag. In Menznau zählte man überdies am meisten Zuschauer aller Feste dieses Jahres.»

Wie verlief diese Saison in deinen Augen?
«Ich bin sehr zufrieden mit dieser Saison. Zudem hat unser Schwingklub ein stimmungsvolles Schwingfest auf dem Ricken organisiert, wo alles bestens geklappt hat und wir auch schönes Wetter erleben durften.»

Mit den zwei Kranzfestsiegen konntest du vor dem „Eidgenössischen“ eine gute Basis legen. War das rückblickend die Vorentscheidung?
«Nein, das war keine Vorentscheidung, denn der Vorsprung war zu knapp. Eine gute Ausgangslage war es dennoch. Mir war klar, dass ich am Eidgenössischen alles geben musste, damit es für den Titel klappen könnte. Als ich im ersten Gang die Königin besiegen konnte, war mein Ziel klar. Ich sagte mir, wenn es am Schluss nicht reicht, soll es halt nicht so sein.»


In Kandersteg realisierte Michelle den ersten von zwei Kranzfestsiegen 2019, und wurde dafür mit einem Lebendpreis belohnt

Wie viel Zeit investierst du in dein Training? Wie sieht dieses aus?
«Ich absolviere bei meinem Schwingklub zwei Trainings pro Woche. Das Schwingtraining dauert jeweils rund zwei Stunden, welches zudem Kraft- und Ausdauer-Einheiten beinhaltet. Momentan haben wird Trainingspause, der Start ins Wintertraining ist Mitte November.»

Woran wirst du im Wintertraining verstärkt arbeiten?
«Ich möchte meine Technik weiter verbessern und an der Ausdauer und der Kraft feilen.»

Gibt es im Frauen-Schwingsport eigentlich auch fünf Teilverbände? Wie sieht die Organisation generell aus?
«Wir sind nicht in Teilverbände unterteilt. Der Frauen-Schwingsport besteht aus verschiedenen Schwingklubs, welche in der ganzen Schweiz und in allen Landesteilen anzutreffen sind. Diese sind direkt im Eidgenössischen Frauenschwingverband integriert.»

Erlebst du Vorurteile rings um deinen Sport? Wie begegnest du diesen?
«Ich erlebe eigentlich keine Vorurteile, mir kommen gelegentlich Sprüche zu Ohren. Diese kann ich aber gut ausblenden. Ich betreibe den Schwingsport schon von klein an, und der Schwingsport ist ein Teil von mir. Das weiss mein Umfeld. Weiter bin ich allgemein sehr am Schwingsport interessiert und besuche auch Schwingfeste der Männer.»

Was wünscht du dir für den Frauen-Schwingsport im Allgemein?
«Dass er weiterhin so familiär ist und der Zusammenhalt so gut bleibt wie bisher. Dass jährlich genügend Organisatoren, Helfer und Gabenspender für unsere Schwingfeste gefunden werden können, damit unser Sport weiterhin lebendig bleibt. Unser Klub ist derzeit sehr gut aufgestellt mit Trainern und Funktionären. Wir erleben momentan im Frauenschwingsport allgemein eine gute Phase, und erhoffen uns, dass es so bleibt. Es war nämlich bei weitem nicht immer so, und es herrschten auch schon schwierigere Verhältnisse.»

feldwaldwiesenblogger

Stefan Heinzer’s letztes Schwingfest in Unteriberg

Text: feldwaldwiesenblogger

Am vergangenen Samstag bestritt Stefan Heinzer am Herbstschwinget Unteriberg sein letztes Schwingfest. Bei guten äusseren Bedingungen durfte der Muotathaler noch einmal einen Wettkampf als Aktiver geniessen und belegte in der Endabrechnung den starken 6. Platz (Rang 6a). Nach dem letzten Gang hängte Stefan die Schwingerhosen an den berühmten Nagel und seine Klubkollegen sowie das Publikum spendeten dem sympathischen Schwinger viel Applaus.
Gestern Abend telefonierte ich mit Stefan, und stellte ihm meine sieben Fragen.


Stefan als glücklicher Sieger vom diesjährigen Muotathaler-Schwinget
Bild: feldwaldwiesenblogger

Der 50. Herbstschwinget Unteriberg
Sieger des letzten Freiluft-Schwingfests der Saison wurde Christian Schuler. Der Rothenthurmer bodigte im Schlussgang bereits nach 13 Sekunden seinen Bruder Philipp mit einem Kurz. 600 Zuschauer fanden bei angenehmem Herbstwetter den Weg nach Unteriberg. Das Organisationskomitee unter der Leitung von Aktivschwinger Michael Hess scheute keinen Aufwand, und führte beim Bezirkschulhaus ein stimmungsvolles Schwingfest durch. Bei diesem kam die volkstümliche Unterhaltung natürlich nicht zu kurz. Zudem wurde zum runden Jubiläum ein kleiner, aber nicht minder feiner Gabentempel hergerichtet. Der Sieger erhielt mit Muni «Beni» gar einen Lebendpreis.
49 Schwinger, die Mehrzahl aus dem Kanton Schwyz, traten am Samstagmittag an. Darunter waren drei Eidgenossen und weitere starke Kranzschwinger, welche den Schwingerfreunden nochmals attraktiven Schwingsport boten.

Sieg am diesjährigen Muotathaler Schwinget
Stefan’s Geburtsdatum ist der 1. April 1990. Der 29-Jährige wohnt in Muotathal, ist verheiratet und Vater einer Tochter. Der Muotathaler weist mit seiner Grösse (187 Zentimeter) und seinem Gewicht (110 Kilogramm) Idealmasse für den Schwingsport auf. Stefan ist gelernter Schreiner und arbeitet derzeit bei einer Montagefirma. Daneben betreibt er zusammen mit seiner Familie hoch ob dem Muotatal, auf der Wysswand, einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb mit Ziegen und Schafen. Der Schwyzer hält sich zudem gerne in der Natur auf, geht «z‘Bärg» und sammelt Treicheln.
Stefan schwingt seit 2000, und ist Mitglied beim Schwingklub Muotathal. In der nun zu Ende gegangenen Saison konnte er am Schwyzer Kantonalen in Bennau vor die Kranzdamen treten. Dieser Kranz und der Sieg am Muotathaler-Schwinget brachten ihm die Qualifikation fürs «Eidgenössische» in Zug. Apropos Muotathaler-Schwinget: An diesem Anlass zog der «Wyssäwändler» einen super Tag ein, errang fünf Siege und musste im ersten Gang nur dem Eidgenossen Mike Müllestein einen Gestellten zugestehen. Um die Schlussgang-Teilnahme bezwang der Familienvater den Berg- und Teilverbandskranzer Bruno Linggi und im Schlussgang den Berner Kranzschwinger Florian Aellen mit Übergreifen und Brienzer vorwärts.
Stefan’s Palmarès umfassen 11 Kränze. Die gewonnenen Kränze setzen sich aus neun Kantonal-, einem Gau- und einem Teilverbandskranz zusammen. Den ersten Kranz gewann der gelernte Schreiner 2011 am Schwyzer Kantonalen. Die bevorzugten Schwünge sind der Lätz und der Übersprung. Zum Schwingsport kam Stefan durch seinen Vater Richard, welcher als zweifacher Eidgenosse und zweifacher Kranzfestsieger ebenfalls ein erfolgreicher Schwinger war.


Der Lätz- und Übersprungspezialist bodigte in seiner Karriere so manchen Gegner
Bild: Stefan Heinzer

Wie hast du dich beim letzten Schwingfest deiner Karriere gefühlt?
«Ich habe mich vorgängig darauf gefreut und fühlte mich am Schwingfest gut. Ich war nervöser als sonst, vergleichbar mit einem Kranzfest. Dass nachher fertig ist, steckte natürlich schon im Hinterkopf.»

Was waren deine Beweggründe zurückzutreten?
«Der Hauptgrund ist die Übernahme des Landwirtschaftsbetriebs von meinen Eltern auf der Wysswand. Das zieht nun verschiedene Arbeiten nach sich, und im Winter auch die Schneeräumung. Da wäre es mir kaum möglich, genügend Zeit fürs Training aufzubringen.»

Was sind rückblickend deine Karrierehöhepunkte?
«Dazu zähle ich den gewonnenen Innerschweizer Kranz 2017, den Sieg am diesjährigen Muotathaler-Schwinget, den Emmentaler Kranz 2016 und die drei ESAF-Teilnahmen (2013, 2016 und 2019).»

Was waren in deiner langen Schwingerkarriere die grössten Enttäuschungen?
«2015 musste ich wegen einer Knieverletzung (Meniskus) die ganze Saison pausieren. Diese Verletzung zog ich mir im Wintertraining zu. Ansonsten hatte ich glücklicherweise nur Blessuren und musste nie lange aussetzen.»

Hast du während deiner Karriere Veränderungen im Schwingsport wahrgenommen?
«Das Sponsoring hat in dieser Zeit stark zugenommen. Zu Beginn meiner Schwingkarriere hatten nur wenige Spitzenschwinger Sponsoren. Heute werden viele Schwinger durch Sponsoren unterstützt. Schwingtechnisch hat sich nicht viel verändert, ganz im Gegensatz zu der Zeit, als mein Vater noch schwang. Ich stelle auch fest, dass das Interesse enorm zugenommen hat und alles viel grösser geworden ist. Das erlebte ich selber als Aktiver an Schwingfesten wie dem Schwyzer Kantonalen oder dem Innerschweizerischen.»

Was wünscht du dir für den Schwingsport im Allgemeinen?
«Dass der Schwingsport so bleibt wie er ist. Weiter wünsche ich mir, dass das Interesse nach wie vor gross bleibt, und das Schwingen gewissermassen eine Trendsportart bleibt. Und die Leute auch in zwanzig Jahren noch Freude und Interesse am Schwingsport haben.»

In welcher Funktion wird man dich in Zukunft auf den Schwingplätzen antreffen?
«Sicher als Zuschauer, ich möchte gerne einige Schwingfeste besuchen. Auch weil es gemütlich ist. Nächstes Jahr werde ich als Fähndrich am Schwyzer Kantonalen in Muotathal tätig sein. Zudem versehe ich im Vorstand vom Schwingklub Muotathal die Ämter als Beisitzer und J+S-Coach.»


Umringt von seinen Klubkollegen hat Stefan soeben die Schwingerhosen an den berühmten Nagel gehängt
Bild: feldwaldwiesenblogger

Ich bedanke mich bei Stefan für die interessanten und offenen Aussagen, und wünsche ihm für die Zukunft alles Gute und beste Gesundheit!

feldwaldwiesenblogger