Die abenteuerliche und tragische Geschichte des Alfred Niklaus, Schwingerkönig 1895 in Biel

Der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) wurde 1895 gegründet. Noch im selben Jahr wurde das erste offizielle Eidgenössische Schwingfest in Biel ausgetragen. Schwingerkönig wurde dabei der Berner Alfred Niklaus, welcher vor 5000 Zuschauern obenaus schwang. Hinter ihm klassierten sich im zweiten Rang Simon Wüthrich (Trub) und Hermann Neeser (Zürich). Den dritten Platz belegten Alfred Strasser (Zürich) und Karl Studer (Flugbrunnen).

Quelle, Text und Bilder: «Die Könige der Schweiz» von Christina und Christian Boss (2019) / Bearbeitung: feldwaldwiesenblogger


Alfred Niklaus aus Köniz ist der erste König nach der Verbandsgründung

Nach zwei unentschiedenen Gängen mit dem gewaltigen Dubach Hans (Diemtigen) siegte Niklaus Alfred im Ausstich zweimal über den Turner Monnier Henri aus La Chaux-de-Fonds. Da sich Neeser Hermann (Zürich) und Wüthrich Simon (Trub) im Schlussgang ohne Entscheidung trennten, wurde Niklaus Alfred als lachender Dritter Schwingerkönig und holte sich damit den einzigen Kranz, der an diesem Fest vergeben wurde.

Der Kommentar aus der «Schweizerischen Turnzeitung», Nummer 41, vom 11. Oktober 1895
Prächtig kommen Gewandtheit, Kunst und Kraft zur Geltung bei dem folgenden Paar Niklaus Alfred und dem Turner Monnier von La Chaux-de-Fonds. Der überaus kräftige Niklaus nimmt den Turner federleicht und alle Augenblicke in Brusthöhe. Allein der Turner scheint in diesen Regionen so recht in seinem Element zu sein. Gelassen und äusserst elegant verschränkt er sich und kommt nie zum Rückenfall. Erst im zweiten Gang, nach wiederholten Versuchen, gelingt es Niklaus den gewandten Gegner zu bodigen. Wir bedauern nur, dass Monnier nie zur Offensive überging – vielleicht wäre dann die Sache ganz anders herausgekommen.

Zum Schluss greifen Neeser Hermann aus Zürich und Wüthrich Simon, der bewährte Schwingerkönig von Trub, zusammen. Letzterer versucht wiederholt, den Gegner auf die Knie zu zwingen. Allein Neeser kennt jenen Rummel und geht nicht auf den Leim. Wüthrich ist genötigt, den Kampf ebenfalls stehend aufzunehmen. In tief gebückter Stellung verharren die Kämpfenden, bei auffallender Ruhe und Spannung des Publikums, eine längere Zeit. Wüthrich sucht ab und zu durch allerlei Finten und Zwicke einen Angriff seines Gegners zu provozieren. Allein Neeser findet den Augenblick noch nicht für gekommen. Endlich schnellt Wüthrich auf und zieht an. Genau im gleichen Augenblick hat ihm Neeser die linke Seite eingesetzt, den Gegner aufgeladen auf die linke Hüfte und in hohem Bogen fliegt der gewaltige Truber platt auf den Rücken. Eine förmliche Explosion von Applaus durchzittert hierauf die Luft. Der zweite Gang, gleich beginnend, führt rascher zur Offensive des Schwingers. Bald ist dieser, bald jener in prekärer Lage. Plötzlich versucht Neeser vom Knie aus den «Brienzer» und in der Tat wirft er mit einem mächtigen Kreisschwung nach rechts den Gegner zum zweiten Mal auf den Rücken, dreht sich dabei aber selber derart, dass er den Boden berührt mit seinen Schultern. Wer hat nun gesiegt? Mittlerweile ist es Abend geworden. Rasch tritt das Kampfgericht zusammen, allein schon ist die Dämmerung eingebrochen, als die Preisverteilung beginnt. Bei dem nachfolgenden «balle-champêtre» kann niemand bei den Turnern oder Schwingern Zeichen von Ermüdung beobachten.

Und hier kommt die abenteuerliche und tragische Geschichte des Alfred Niklaus
Geboren ist Alfred Niklaus im Dezember 1870 in der Nähe von Biglen im Emmental. Kurze Zeit später zog sein Vater mit der ganzen Familie auf das Schlossgut Köniz, wo Alfred inmitten einer Schar von 12 Kindern aufwuchs. Dass der kräftige Bub auf dem grossen Bauernbetrieb reichlich Gelegenheit hatte, seine körperliche Tätigkeit nach allen Seiten zu entfalten, liegt auf der Hand. Die Ende der Sechzigerjahre im bernischen Mittelland aufblühende Schwingerei zog den energiegeladenen Jüngling völlig in ihren Bann. Er wurde sogar als Mitgründer des Schwingklubs Köniz (1891), aus dem zwei Jahre später der mittelländische Verband hervorging, mehrfach erwähnt. Alfred Niklaus erlernte den Beruf eines Käsers und arbeitete unter anderem auch als Käs-Salzer in Grosshöchstetten. Die beste Voraussetzung, um körperlich in vollster Kraft zu stehen.


Alfred Niklaus (stehend zweiter von links) und sein Schwingklub Köniz

Durch Energie, aussergewöhnliche Körperkräfte und gute Schwingkenntnisse machte sich Niklaus bald einen ebenso guten Namen. Im Jahre 1895 gewann er das Alphirtenfest zu Unspunnen, um im gleichen Jahr den ganz grossen Wurf zu landen. Wir wissen es, er wurde in Biel Schwingerkönig, kehrte mit dieser grossartigen Auszeichnung nach Hause zurück, um seine Schwingerkarriere abzuschliessen. Der Grund? Im Jahre 1896 wanderte er auf Anregung eines in Lettland lebenden Freundes aus, um im damaligen Zarenstaat den Käserberuf auszuüben. Wie es von diesem unternehmenden und einsatzvollen Mann nicht anders zu erwarten war, brachte er es mit seiner Ausdauer zu Ansehen und Wohlfahrt.

Doch der Erste Weltkrieg brachte ihn um all sein Hab und Gut. Unverdrossen kehrte er nach Kriegsschluss in das Land Lettland zurück, fing nochmals ganz von vorne an und brachte es neuerdings sehr, sehr weit. Es ging ihm richtig gut.


Alfred Niklaus wird später vom Schicksal schwer gepeinigt

1940 wurde er, wie so viele andere, einfach evakuiert und für das ihm weggenommene Eigentum erhielt er als kleines Entgelt ein Bauerngut in Polen zugeteilt. Als 70 Jahre alter Mann musste er sich vom Käser zum Bauern umfunktionieren. Eine harte Aufgabe.

Zum Überdruss setzte der Zweite Weltkrieg ein. In dieser Zeit traf ihn auch der Tod seiner Ehefrau enorm hart. Nicht genug. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bei Nacht und Nebel vor den Russen zu flüchten. Zuerst mit Wagen und Pferden. Nach nicht zu schildernden Strapazen erreichte er die Grenzstelle Singen und betrat als komplett Mittelloser sein gastliches Vaterland. Aber er musste seine Tochter mit ihren drei Kindern an der Grenze zurücklassen. Es gab kein Erbarmen, sie durften nicht in die Schweiz miteinreisen. Das war zu viel. Aus dem nie verzagenden, ehemaligen Schwingerkönig wurde ein an Körper und Seele gebrochener Mann. Der Heimgekehrte fand Unterkunft bei seiner Nichte in Münsingen. Er hatte nach all dem Ausgestandenen wieder ein Dach über dem Kopf. Der still gewordene Mann fügte sich zufrieden in sein Los und fand auf dem Friedhof von Münsingen seine endgültige Ruhestätte.

feldwaldwiesenblogger

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