«Mit meiner Verletzungsgeschichte darf ich sehr zufrieden auf die vergangene Saison zurückblicken» – Gespräch mit Pirmin Reichmuth

Text: feldwaldwiesenblogger / Fotos: pirminreichmuth.ch

Im kürzlich erschienenen Buch «Königsfest», dem offiziellen Buch zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2019 in Zug, sind Pirmin Reichmuth auch vier Seiten gewidmet. Darin wird der 24-Jährige als «Der Aufholjäger» bezeichnet. Man erfährt aber auch, dass er sich am «Eidgenössischen» erst ab dem sechsten Gang so richtig wohl fühlte. Pirmin sagt dazu: «Ich habe mir schon das ganze Jahr selber viel Druck gemacht und die Medien haben meine persönlichen Erwartungen noch hochgetrieben. Aber dass es so schlimm wird, habe ich nicht erwartet.» Wir wissen, wie es in Zug kam: Im ersten Gang gegen Christian Stucki verloren, und im zweiten Gang schaute gegen Dominik Roth nur ein «Gestellter» heraus. Der vierfache Kranzfestsieger erklärte hernach in Interviews, dass er am Druck zerbrochen sei. Der Chamer fing sich aber wieder, und bezwang anschliessend jeden seiner Gegner und landete auf dem versöhnlichen dritten Schlussrang.

Der gelernte Metzger, welcher nach abgeschlossener Berufsmatura nun ein Studium an der Internationalen Hochschule für Physiotherapie in Landquart absolviert, kann auf eine äusserst erfolgreiche Saison zurückblicken. Vier Kranzfestsiege, sieben Kränze und fünf Rangschwingfestsiege. Dies ist umso erstaunlicher, nachdem «Piri» drei Kreuzbandrisse erlitten hatte, und nach dem ESAF in Estavayer fast zwei Jahre kein Schwingfest mehr bestreiten konnte.
Beim Comeback im Herbst 2018 belegte der Physiotherapie-Student am Chemiehütte-Schwinget in Aeschiried auf Anhieb Platz zwei. Die darauffolgenden beiden Feste, der Herbstschwinget Unteriberg und der Niklausschwinget in Dietikon, gewann Pirmin souverän. Spätestens ab dann war klar: Der Zuger ist zurück, und wird wieder ein gewichtiges Wörtchen mitreden – was er 2019 äusserst beeindruckend tat.
Zeit also, mit dem zweifachen Eidgenossen ein Gespräch zu führen, und auf die erfolgreiche Saison zurückzublicken.


Mit einem versöhnlichen dritten Schlussrang am ESAF den zweiten Eidgenössischen Kranz gewonnen

Herzliche Gratulation zu dieser tollen Saison! Wie ordnest du diese ein?
«Ich durchlebte Höhen und Tiefen. Nebst den drei Kantonalfestsiegen, lief es auf dem Stoos und am Innerschweizerischen nicht so gut. Der Brünig war wieder super, am ESAF lief’s hingegen durchzogen. Schlussendlich bin ich aber mit dem Ergebnis in Zug zufrieden. Mit meiner Verletzungsgeschichte darf ich sehr zufrieden auf die vergangene Saison zurückblicken.»

Das Comeback im Herbst 2018 verlief ab wie im Märchen. Warst du auch überrascht, wie gut es lief?
«Nein, ich war nicht überrascht. Ich habe hart dafür gearbeitet und setzte mir Ziele. Die Erfolge waren dann die Bestätigung für mein hartes Training.»

Diesen Frühling ging es erfolgreich weiter, und nach Siegen an Regionalschwingfesten folgte Kranzfestsieg um Kranzfestsieg. Wurde dir das auf dem Stoos und am «Innerschweizerischen» etwas zum Verhängnis?
«Ja, das sicher. Vor allem stieg der Druck, auch von mir selber. Es wurde wie selbstverständlich, dass ich erfolgreich bin. Vor dem Bergschwinget auf dem Stoos und am Innerschweizerischen in Flüelen war die Konzentration nicht so hoch wie vor den anderen Kranzfesten, an welchen ich vorgängig gewann. Ich dachte mir, dass es dann schon gehen wird. Dies wurde mir etwas zum Verhängnis.»


«Piri» darf als Brünig-Sieger auf eine erfolgreiche Saison zurückblicken

Auf dem Brünig zeigtest du wieder deine volle Klasse und hast dich so zu einem der grössten ESAF-Favoriten herauskristallisiert. Wurde dir das langsam aber sicher etwas unheimlich?
«Ja, schon ein bisschen. Und: Es wurde alles ein bisschen viel auf einmal. Wer auf dem Brünig gewinnt, ist bei anschliessenden Eidgenössischen Anlässen automatisch Topfavorit. Es ging für mich alles irgendwie zu schnell.»

Wie man im Buch «Königsfest» lesen konnte, standest du kurz vor dem «Eidgenössischen» und vor allem am ESAF-Samstag laut deinen eigenen Aussagen neben den Schuhen. Bist du vor allem am eigenen Druck zerbrochen?
«Ja, ich denke schon. Der Druck von aussen hat dies zusätzlich beeinflusst. Letztendlich war es aber mein eigener Druck, den ich mir gemacht habe. Ich wollte in Zug nämlich unbedingt gewinnen.»

Arbeitest du eigentlich mit einem Mentaltrainer zusammen?
«Ja, seit September 2018 arbeite ich diesbezüglich mit dem Muotathaler Mark Schelbert zusammen. Das war sicher ein Erfolgsrezept. Wir haben sehr viel aufs ESAF hingearbeitet. Schlussendlich war es aber die fehlende Erfahrung, und dass alles so schnell gegangen ist. Weil die Saison so gut verlief, kam das Gefühl auf, dass es in Zug auch so weiter geht. Ich bekam dabei sicher die fehlende Schwingfest-Praxis der letzten beiden Jahre zu spüren. Diese Erfahrung wird mir am meisten helfen fürs «Eidgenössische» in drei Jahren.»

Was würdest du Stand heute anders vor dem ESAF machen?
«Ich würde es sicher gelassener nehmen. Drei Wochen vor dem ESAF habe ich mir zudem einen Virus eingefangen, und konnte während zwei Wochen nicht richtig trainieren. Ich denke, das war aber nicht matchentscheidend. Diese drei Wochen waren nicht mehr ausschlaggebend. Wie gesagt, ich würde das ganze gelassener angehen, und das «Eidgenössische» wie ein normales Schwingfest nehmen.»


Der kompromisslose und erfolgreiche Angriff, wie am Zuger Kantonalen gegen Andi Imhof, zeichnet den Zuger aus

Wie ordnet ihr ISV-Schwinger eigentlich die Querelen rund um den TK-Chef Thedy Waser und den Athletik-Trainer Tom Burch ein?
«Die Meinungen gehen bei uns Schwingern auch auseinander. Unser Bestreben ist aber, dass kein Keil zwischen uns Athleten getrieben wird. Wir Schwinger haben keine Probleme untereinander und versuchen das Ganze nicht zu stark auf uns zukommen zu lassen. Zudem besteht bei solchen Querelen die Gefahr, dass der Kantönligeist wieder überhandnehmen könnte. Wir wollen aber nicht, dass es wieder in diese Richtung geht.»

Wie geht es dir derzeit? Bist du bereits wieder voll im Training?
«Mir geht es sehr gut. Ich habe zwei Wochen nach dem «Eidgenössischen» das Krafttraining wieder aufgenommen. Und vor zwei Wochen starteten wir mit dem Schwingtraining.»

Provokative Aussage: Am Eidgenössischen Jubiläumsschwingfest in Appenzell heisst der Sieger Pirmin Reichmuth!
«Das würde ich nicht unterschreiben. Früher war es schon so, dass ein Topfavorit oder Saison-Dominator solche Feste auch gewann. Heute ist das Niveau aber so hoch und so breit gefächert, dass der Ausgang stets ungewiss bleibt. Nein, diese Aussage würde ich selber nie machen!»

feldwaldwiesenblogger

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