Schwingklub Burgdorf – Der Sonderfall

Quelle: Chronik «100 Jahre Schwingklub Burgdorf / 1920 – 2020»
Bearbeitung: feldwaldwiesenblogger

Der Schwingklub Burgdorf veröffentlichte kürzlich zum 100. Geburtstag eine schöne Chronik. In dieser fand ich den nachfolgenden Text, welcher den «Sonderfall Burgdorf» behandelt. So dürfen Schwinger und Jungschwinger vom Schwingklub Burgdorf dem Emmentalischen oder dem Oberaargauischen Schwingerverband angehören. Dass Mitglieder eines Schwingklubs dem einen oder anderen Gau- oder Kantonalverband angehören können, ist schweizweit einzigartig.

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Gründung 1920
Der Schwingklub Burgdorf wurde 1920 als ältester Klub des Emmentalischen Schwingerverbandes gegründet. 22 Jahre nach der Entstehung des Mutterverbandes sah man damals zwar die Bildung eines Schwingklubs nicht gerne und witterte gar separatistische Tendenzen.


In der schön bebilderten Chronik wird die Geschichte des Schwingklubs Burgdorf nachgezeichnet
Bild: Chronik «100 Jahre Schwingklub Burgdorf / 1920 – 2020»

Sonderfall im Eidgenössischen Schwingerverband
Nebst Schwingern aus dem Emmental stiessen auch Sportler aus dem Oberaargau zum im Grenzgebiet der beiden Verbände gelegenen Schwingklub. Schliesslich wurde der geografischen Lage auch auf dem Papier Rechnung getragen, und daher ist Burgdorf auch heute noch in Bezug auf die Verbandszugehörigkeit ein Sonderfall im Eidgenössischen Schwingerverband. Schwinger aus beiden Gauverbänden treffen sich hier und halten seit jeher in sehr guter Kameradschaft und gegenseitiger Anerkennung zusammen. So gilt der Burgdorfer Verein als zweitältester Klub im Oberaargau (nach Herzogenbuchsee), auch wenn die Statuten klipp und klar festhalten: «Der Schwingklub Burgdorf ist Mitglied des Emmentalischen Schwingerverbandes und ist für seine Handlungen dem Emmentalischen Schwingerverband gegenüber verantwortlich.» Es steht aber auch zu lesen: «Schwinger und Jungschwinger können dem Emmentalischen oder dem Oberaargauischen Schwingerverband angehören. Über die Verbandszugehörigkeit entscheidet das Mitglied selbst.»

«Weder Fisch noch Vogel» bringt Vor- und Nachteile
Dieser schweizweit einzigartige Sonderstatus bringt den Burgdorfern sowohl Vor- wie auch Nachteile. Dass in der Trainingsgestaltung auf zwei Gauverbände zurückgegriffen und in Trainingszusammenzügen beider Regionen angetreten werden darf, ist sicherlich ein Gewinn. Die Kehrseite findet sich im Gegenzug dann und wann bei den Einteilungskampfgerichten. Weil die Emmestädter manchmal als «weder Fisch noch Vogel» gelten, kommt es vor, dass sie in der strategischen Taktik der Einteiler verloren gehen. Die Interessen der Burgdorfer, welche je nach Sichtweise eben nur «halbe» Emmentaler oder «halbe» Oberaargauer sind, werden teilweise nicht mit der gleichen Vehemenz verfolgt wie bei den «vollwertigen» Klubs.

Schwingpolitisches Geplänkel vor der Vergabe des ESAF 2013 in Burgdorf
Die «schwingerischen» Grenzen entsprachen früher den politischen Grenzen. Doch obwohl sich das politische Emmental heute bis nach Zielebach erstreckt und die Gemeinde Burgdorf vom «Tor zum Emmental» (also an der Grenze des Emmentals liegend) zur «Stadt im Emmental» mutierte (und jetzt in der Mitte der politischen Region liegt), hat sich an den schwingerischen Abgrenzungen nichts geändert. Der schwingpolitische Graben vollzieht sich seit jeher zwischen den Gemeinden Burgdorf und Kirchberg, was bei der Vergabe des Eidgenössischen 2013 in Burgdorf zu einem schwingpolitischen Geplänkel geführt hat. Das Festgelände des ESAF 2013 sollte in der Ey zwischen Burgdorf und Kirchberg und somit zu einem Teil auf Oberaargauer Boden zu liegen kommen. Dies wollten die Gegner zur Schwächung der Kandidatur Burgdorf nutzen. Da 1983 mit der Austragung Langenthal bereits einmal ein ESAF im Oberaargau stattgefunden hatte, versuchten diese, die Kandidatur Thun zu bevorteilen (das letzte ESAF im Oberland lag mit 1956 einiges weiter in der Vergangenheit). Aus gutem Grund benannte daher das Bewerbungs-OK damals seine Kandidatur mit dem Namen «Eidgenössisches Schwing- und Alplerfest 2013 Burgdorf im Emmental». Auch der später eingeführte Claim «Daheim im Emmental» sollte diese Zugehörigkeit unterstreichen. Die Kandidatur Burgdorf war 2009 nicht zuletzt deshalb erfolgreich, weil noch nie zuvor in der Geschichte des Eidgenössischen Schwingerverbandes ein ESAF im Emmental stattgefunden hatte. Indes: Der grössere Teil des ESAF-Festgeländes mit dem Campingplatz lag dann aber tatsächlich auf Kirchberger und somit aus schwingerischer (nicht aber aus politischer) Sicht auf Oberaargauer Boden, was ebenso für die Arena mit deren Standort galt.


Der grössere Teil des ESAF 2013-Geländes lag auf Oberaargauer Boden
Bild: Chronik «100 Jahre Schwingklub Burgdorf / 1920 – 2020»

Sonderstatuts ist eher eine Belastung
Besonders die heutige Vorstandsgeneration empfindet den Sonderstatus des Klubs mitunter als eher belastend. Der Grund liegt auf der Hand: Das Dabeisein in zwei Verbänden bringt nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Die Erwartungshaltung, in beiden Gauverbänden die üblichen Rollen einzunehmen, hängt jedoch sehr hoch. Für beide Verbandsvorstände und Kommissionen sollten Funktionäre bestellt werden. Da der Vorstand des Schwingklubs Burgdorf aber in den letzten 25 Jahren eher oberaargaulastig war, konnte beispielsweise über einen längeren Zeitraum niemand in den Emmentaler Vorstand entsandt werden.

Schwingfest-«Triple» 2024
Auf beiden Seiten werden alle Schwingklubs in Aktionen eingebunden, sollten an Sitzungen präsent sein und Aufgaben übernehmen und sowohl im Emmental wie auch im Oberaargau wird erwartet, dass periodisch Verbandsversammlungen und Kranzfeste durchgeführt werden. Insbesondere Letzteres wirkt in Zeiten von einer sich reduzierenden Anzahl an Schwingklubs, wie das aktuell im Emmental der Fall ist, noch verschärfend aus, da sich die Arbeit auf weniger Vereine verteilt. Die Klubführung wies schon 2002 ein vom Oberaargauischen Schwingerverband verfasstes Schwingfestreglement in erster Lesung zurück. «Wir sind nicht bereit, für beide Verbände Schwingfeste durchzuführen.» Gelebt wird die Pflicht jetzt aber trotzdem so, wie die Doppelschwingfeste von 2005 und das anstehende Schwingfest-«Triple» 2024 eindrücklich zeigen.

Stolze Sonderlinge
Trotz dieser Nachteile sind die Burgdorfer auch etwas stolz darauf, Sonderlinge zu sein. Ab und zu auftauchende Forderungen, sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden, werden jedenfalls regelmässig im Keim erstickt, wobei sich die früheren Rivalitäten im Sägemehl zu zeigen scheinen. Interessant ist, dass die Ablehnungshaltung, sich dem einstigen «Gegnerverband» anzuschliessen, mit zunehmendem Alter abnimmt, haben doch in einer (allerdings nicht repräsentativen) Umfrage ältere Ehrenmitglieder verlauten lassen, dass die Lösung dieser Frage nicht an ihnen scheitern solle. Die jüngere Garde der Ehrenmitglieder und derjenige Vorstandsteil, der selbst noch aktiv war, ist hingegen sehr bestimmt in den Meinungen. Eher noch werde es zu einer Fusion der beiden Verbände Emmental und Oberaargau kommen, als dass sich die Burgdorfer einer Seite hin- und somit der anderen Seite abwende, lautet es fast unisono.


Der Schwingklub Burgdorf im Jubiläumsjahr 2020
Bild: schwingklub-burgdorf.ch

Der «Sonderfall Burgdorf» wird wohl noch länger bestehen bleiben
Doch eine solche Fusion steht zumindest für die aktuelle Generation kaum auf der Traktandenliste. Die Emmentaler gelten als Bewahrer, die sich gemäss Volksmund Neuem verschliessen, während die Oberaargauer oftmals reformfreudig dargestellt werden, welche aber ebenso oft bei anderen anecken – vielleicht, weil sie in deren Augen leichtfertig mit jahrzehntealten Traditionen brechen.
So wird der «Sonderfall Burgdorf» wohl noch auf unbestimmte Zeit bestehen bleiben. Und vielleicht, ja vielleicht, ist es sogar ganz gut so.

feldwaldwiesenblogger

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