Benji von Ah’s Bericht aus dem Corona-Alltag

Text: feldwaldwiesenblogger

Mit Samuel Giger habe ich vor zwei Tagen eine Serie gestartet, bei welcher ich die Schwinger aus ihrem Corona-Alltag berichten lasse. Diese dürfen bekanntlich seit dem 29. Oktober letzten Jahres wegen des Kontaktsport-Verbots kein Schwingtraining ausüben. Das ist hart für unsere Sägemehl-Athleten! Wir alle müssen mit Einschränkungen leben, und auf bessere Zeiten hoffen. Diese kommen aber ganz bestimmt wieder. Und: Ich freue mich jetzt schon darauf, unseren Schwingern wieder bei der Arbeit zusehen zu können!

Heute folgt mit dem Innerschweizer Benji von Ah der zweite Bericht. Der Obwaldner wird im kommenden Februar 34-jährig und ist vierfacher Eidgenosse. Benji hat insgesamt 72 Kränze auf seinem Konto: 33 Kantonal-, 21 Berg-, 14 Teilverbands- und vier Eidgenössische Kränze. Hinzu kommen sieben Kranzfestsiege. Der 188 Zentimeter grosse und 118 Kilogramm schwere Athlet ist Mitglied vom Schwingklub Giswil. Der Turnerschwinger ist gelernter Sanitär-Monteur und arbeitet bei der SBB in Luzern als Chefmonteur für Kabelanlagen. Benji wohnt in Giswil.


Der vierfache Eidgenosse Benji von Ah hat 72 Kränze auf seinem Konto
Bild: Rolf Eicher (esafzug.ch)

Wie geht es dir?
«Mir geht es sehr gut.»

Wie sieht dein Trainingsalltag derzeit aus?
«Ich absolviere drei- bis viermal pro Woche ein Athletiktraining, bestehend aus Kraft und Kondition. Diese Trainingseinheiten praktiziere ich momentan alleine, aber unter Anleitung. Zusätzlich sitze ich nun öfters auf dem Hometrainer, um den Muskelkater wegzubringen.»

Momentan wäre die wichtigste Phase des Trainingsaufbaus im Sägemehl. Das ist nun vorerst nicht möglich. Wie kann man unter diesen Umständen eigentlich eine Saison planen?
«Eine Planung ist unter diesen Umständen schwierig. Ich hatte schon viele Verletzungen und musste deswegen auch länger pausieren. Ich fand den Anschluss hinterher immer wieder. Es braucht so oder so eine Anlaufzeit. Man weiss zudem nicht, wie es momentan weitergehen soll. Ich denke, wenn es los geht, muss man gefasst und parat sein.»

Kannst du deiner Arbeit wie gewohnt nachgehen?
«Ja, das kann ich. Am Anfang des Lockdowns im vergangenen Frühling musste ich mal eine Woche zu Hause bleiben. Seit damals sind wir aber immer dran, und arbeiten meist in Zweierteams. Natürlich eingeschränkt und mit den nötigen Schutzmassnahmen. Ich arbeite in Luzern bei der SBB und bin seit kurzem Chefmonteur für Kabelanlagen.»

Wie erlebst du persönlich die Corona-Pandemie?
«Ich empfinde es als sehr langweilig. Vorher war ich wegen Trainings und Schwingfesten viel unterwegs, und auch ab und zu im Ausgang. Jetzt ist nicht mehr viel los. Ich vermisse einfach das gesellschaftliche Leben. Man hat nun gelernt, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Ich lasse mich deswegen aber nicht verrückt machen.»


Benji von Ah konnte sich 2019 als Rigi-Sieger feiern lassen
Bild: appenzell24.ch

Wegen den fehlenden Aktivitäten im Sägemehl hast du wahrscheinlich mehr Freizeit als dir lieb ist. Welchen Beschäftigungen gehst du nun vermehrt nach?
Benji grinst. «Ich lese zwischendurch ein Buch und habe begonnen, Serien im TV zu schauen. Das hatte ich vorher noch nie gemacht. Man soll ja zuhause bleiben, dann beschäftigt man sich halt so.»

Angenommen, ihr dürft gegen Ende März wieder ins Kurzholz: Wann würdest du dein erstes Schwingfest bestreiten?
«Ein bisschen Vorlauf muss man schon haben, um sich gezielt vorbereiten zu können. Ein erstes Schwingfest könnte man unter diesen Umständen auf Ende April planen.»

Wie ist die Stimmung unter deinen Trainingskameraden?
«Einige sind zum Teil sind nicht so motiviert. Gewisse Kameraden haben wegen fehlender Motivation nicht mehr viel gemacht. Ein paar von diesen trainieren gewöhnlich zweimal pro Woche im Sägemehl und trainieren einmal Kondition. Wegen dem fehlenden Sägemehl-Training machen sie halt nicht mehr viel. Sollte wieder eine Saison ausfallen, besteht die Befürchtung, dass einige den Schwingsport an den Nagel hängen könnten. Angst haben wir vor allem um die Jungschwinger, welche auf dem Sprung zu den Aktiven sind. Wir hoffen, dass wir sie nicht verlieren.»

Gibt es auch etwas Positives, was du aus dieser Pandemie mitnehmen kannst?
«Es ist alles ruhiger geworden. Man ist auch bescheidener geworden, und schätzt gewisse Dinge wieder mehr. Das Virus schränkt schon ziemlich ein. Man lernt alltägliche Sachen zu schätzen, die erst nach der Pandemie wieder möglich sind.
Positiv ist, dass sich meine Knie wegen der ausgefallenen Saison sehr gut erholen konnten. Dank der Schonung könnte so in den nächsten Jahren noch etwas drin liegen.»

Ist eine Corona-Impfung für euch Schwinger eine Option?
«Ich handhabe es wie Christian Stucki, und warte ab. Ich hätte meine Mühe damit, wenn TK-Chef Stefan Strebel und der Verband eine Impflicht durchsetzen möchten. Ich würde das gar nicht befürworten. Aber: Ich verstehe die Befürworter und Gegner der Corona-Impfung, und deren Argumente. Meiner Meinung nach soll diese Entscheidung jedem selber überlassen sein.»

feldwaldwiesenblogger

Samuel Giger’s Bericht aus dem Corona-Alltag

Text: feldwaldwiesenblogger

Die Corona-Pandemie hat alles fest im Griff, auch die Schwinger. Statt sich mit festem Griff im Sägemehl Mann gegen Mann gegenüber stehen zu dürfen, können die Kurzholz-Athleten momentan nur Kraft und Kondition trainieren. Vermutlich gegen Ende März dürfen die Schwinger wieder in die Schwingkeller, um sich für die diesjährige Saison vorzubereiten. Stefan Strebel, der TK-Chef des Eidgenössischen Schwingerverbandes, gab diese Einschätzung gestern in der St. Galler Zeitung ab. Er sagt dazu: «Ich hoffe, dass dies nach Ostern wieder möglich sein wird.»

Um die Wartezeit ein wenig zu verkürzen lasse ich die Hauptakteure, die Schwinger, zu Wort kommen und aus ihrem Corona-Alltag berichten. Der Start erfolgt heute mit dem Nordostschweizer Samuel Giger. Der Thurgauer wird im kommenden März 23-jährig und ist bereits zweifacher Eidgenosse. Samuel hat insgesamt 37 Kränze auf seinem Konto, nebst den zwei Eidgenössischen Kränzen zieren sein Palmarès 17 Kantonal-, zehn Berg- und acht Teilverbandskränze. Dazu kommen 15 Kranzfestsiege. Der 194 Zentimeter grosse und 120 Kilogramm schwere Athlet ist Mitglied vom Schwingklub Ottenberg. Der Sennenschwinger ist gelernter Zimmermann, arbeitet derzeit als LKW-Chauffeur und wohnt in Ottoberg.


Samuel Giger absolviert momentan wöchentlich sieben bis acht Trainingseinheiten
Bild: Reto Martin (Tagblatt)

Wie geht es dir?
«Mir geht es soweit sehr gut. Ich bin körperlich fit und versuche mich auch fit zu halten.»

Wie sieht dein Trainingsalltag derzeit aus?
«Ich trainiere täglich und komme so wöchentlich auf sieben bis acht Einheiten. Auf dem Programm stehen Kondition, Koordination, Kraft und Schnellkraft. Diese Trainings absolviere ich alleine.»

Momentan wäre die wichtigste Phase des Trainingsaufbaus im Sägemehl. Das ist nun vorerst nicht möglich. Wie kann man unter diesen Umständen eigentlich eine Saison planen?
«Das ist eine gute Frage, ich weiss es selber nicht genau. Ich gehe davon aus, dass die Kranzfest-Saison im Mai starten kann und bereite mich dementsprechend vor. Das ist meine Motivation. Schwingfest-Daten kann man momentan nicht festlegen. Niemand weiss, ob, wie und wann diese Anlässe stattfinden können.»

Kannst du deiner Arbeit wie gewohnt nachgehen?
«Ja, das kann ich zum guten Glück. Ich arbeite in der der Baubranche als LKW-Fahrer. Wir verzeichneten bisher nie einen Unterbruch und konnten durcharbeiten. Natürlich mit den bekannten Schutzmassnahmen und Maskenpflicht. Ich arbeite in einem 80 Prozent Pensum.»

Wie erlebst du persönlich die Corona-Pandemie?
«Ich erlebe es wie die meisten, und dass man es nämlich langsam gesehen hat. Nichtsdestotrotz versuche ich sportlich wie privat das Beste aus dieser Situation zu machen, und versuche auch die positiven Aspekte daraus zu ziehen.»


Samuel Giger konnte sich 2018 auf der Schwägalp als Sieger feiern lassen
Bild: appenzell24.ch

Wegen den fehlenden Aktivitäten im Sägemehl hast du wahrscheinlich mehr Freizeit als dir lieb ist. Welchen Beschäftigungen gehst du nun vermehrt nach?
«Aufgrund der fehlenden Schwingfeste 2020 nutzte ich die zusätzliche Freizeit und verbrachte diese mit meiner Freundin und meiner Familie. Wir gingen wandern und machten Tagesausflüge. Das fehlende Schwingtraining kompensiere ich momentan mit anderen Trainings und habe so dadurch nicht mehr Freizeit.»

Angenommen, ihr dürft gegen Ende März wieder ins Kurzholz: Wann würdest du dein erstes Schwingfest bestreiten?
«Ich denke, sobald wir wieder schwingen dürfen, baue ich mir eine Vorlaufzeit von vier bis fünf Wochen vor dem ersten Schwingfest ein. Aber: Wenn der Trainingsstart im Sägemehl Ende März erfolgen sollte, würde ich ein Frühlingsfest Mitte April bestreiten. Natürlich wäre es schön, wenn die Vorlaufzeit länger wäre. Das wird dieses Jahr aber schwierig.»

Wie ist die Stimmung unter deinen Trainingskameraden?
«Die Stimmung ist hauptsächlich positiv. Es gibt schon ein paar, die man fürs Training zusätzlich motivieren muss. Im Grossen und Ganzen haben meine Trainingskameraden aber die gleiche Einstellung wie ich.»

Gibt es auch etwas Positives, was du aus dieser Pandemie mitnehmen kannst?
«Das wird im Nachhinein sicher die zusätzliche Zeit mit meiner Freundin und meiner Familie sein. Ein sehr schöner und positiver Aspekt. Weitere Punkte gibt es eigentlich gar nicht. Das Schwingen ist sportlich gesehen so ein grosser Teil von meinem Leben, was nun nicht stattfinden kann. Ein Vorteil dieser Pandemie ist sicher, dass der Körper nun ein Jahr lang schonen konnte. Ich hoffe, dass sich das für die Zukunft positiv auswirkt.»

Ist eine Corona-Impfung für euch Schwinger eine Option?
«Ich kann nur für mich sprechen. Wenn es irgendwie geht, lasse ich mich nicht impfen. Ich bin gesund und denke, dass ich, Stand heute, diese Impfung nicht brauche. Ob man dann wegen der fehlenden Impfung nicht schwingen darf, weiss ich derzeit nicht. Aber momentan ist eine Corona-Impfung für mich keine Option.»

feldwaldwiesenblogger

Eine Zukunftsskizze des Schwingsports

Quelle: «Schwere Kerle rollen besser» – Autor: Linus Schöpfer (2019)
Bearbeitung: feldwaldwiesenblogger

Zukunftsskizze des Schwingsports? Nein, heute geht es ausnahmsweise nicht um die nahe Zukunft in der Corona-Pandemie, um die Frage, wann die Schwinger den Trainingsbetrieb im Sägemehl wieder aufnehmen dürfen. Dies dürfte laut jüngsten Berichten und Aussagen vermutlich im März wieder der Fall sein.
Nein, ich möchte vielmehr eine allgemeine Zukunftsskizze von Linus Schöpfer heranziehen. Um sich selber seine eigenen Gedanken machen zu können.

Der nachfolgende Text stammt aus Linus Schöpfer’s Buch «Schwere Kerle rollen besser». Schöpfer widmet sich im letzten Kapitel um das «Wie weiter?». Er macht sich dabei vor allem Gedanken um das ESAF, das mit Abstand grösste aller Schwingfeste. Etliche Kritiker sehen im «Eidgenössischen» eine Kommerzialisierung des Schwingsports und ein Zurückdrängen des Brauchtums. Doch Schöpfer sieht noch lange nicht das Ende des Schwingens. Denn dieses hat sich in der Vergangenheit ständig neu erfunden.

Linus Schöpfer ist Historiker und Kulturjournalist. Er erzählt im besagten Buch vom Schwingen als Bühne menschlicher Dramen und als Spiegel der Schweizer Geschichte – Schwingen: der Lieblingskult der Eigenossen.
Ich kann dieses Buch jedem Schwingerfreund wärmstens empfehlen.


Das Buch «Schwere Kerle rollen besser» – «Warum die Schweiz das Schwingen erfand» erzählt eine interessante Kulturgeschichte über unseren Nationalsport
Bild: «Schwere Kerle rollen besser»

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Die Sehnsucht nach einem urtümlicheren Schwingen ohne Zwang und Kalkül
Ein Wanderer schreibt, nachdem er ein lokales Schwingfest in den Bergen besucht hat: «Ich habe dieses Fest immer weit interessanter gefunden, als die angeordneten Feste bey Unspunnen, wo das Ungezwungene fehlt.» Jeder schwinge, wann er will, und so erscheine der Mensch in «seiner ächten glücklichen Freyheit». Wer schreibt diese nostalgischen Zeilen? Es ist kein anderer als Franz Niklaus König, der sie 1814 in seinem Buch «Reise in die Alpen» notiert. Die Sehnsucht nach einem urtümlicheren Schwingen ohne Zwang und Kalkül erfasste also bereits ihn, den Erfinder des Unspunnenfests.

Das Schwingen, die Bratwurst und am Abend eine gute Party
Die Sehnsucht ist nicht kleiner geworden seither. Als der Berner Schwingerkönig Matthias Glarner 2017 bei einem Foto-Shooting vom Dach einer Seilbahngondel stürzt, ist für das Onlineportal «watson.ch» der Fall klar: «Ein König als Opfer des Geldes». Überall ist die Klage zu hören, das Eidgenössische als Hauptfest des Schwingens sei zu einem blossen Event verkommen, der Kommerz habe das Brauchtum verdrängt.
Man kann den Erfolg des Schwingens, des «Eidgenössischen» und die hervorragenden TV-Quoten auch anders sehen. Hunderttausende haben sich mittlerweile daran gewöhnt, die Kämpfe im Fernsehen zu schauen, vor Bildschirmen. Eine Umfrage der Hochschule Luzern zeigt, dass drei Viertel der Besucher des «Eidgenössischen» in Burgdorf 2013 die Live-Übertragungen auf den großen Screens des Festgeländes als «gerade richtig» schätzten. Und auch das viel kritisierte, ins Gigantische gewachsene Drumherum der Ess-, Trink- und T-Shirt-Stände und der Festzelte – es stört die meisten gar nicht. Im Gegenteil: 57 Prozent empfanden in Burgdorf die Anzahl der Verkaufsstände «gerade richtig», 56 Prozent empfanden die Größe des Festbetriebs «gerade richtig» oder sogar zu klein. Die Studie hält fest, dass die Besucher hauptsächlich wegen des Schwingens und des Festbetriebs kämen. Nur vier Prozent der Besucher schauten sich das traditionelle Hornussen an. Vielleicht bekommen die Schweizerinnen und Schweizer erst jetzt, was sie wirklich wollen von den Schwingfesten: das Schwingen, die Bratwurst und am Abend eine gute Party.


Das ESAF 2019 in Zug war ein Fest der Superlative: Eine Arena mit 56’500 Plätzen und rund 420’000 Besucherinnen und Besucher während den drei Festtagen
Bild: esafzug.ch

Wohin treibt die Kommerzialisierung das Schwingen?
Natürlich fragt man sich, wohin die Kommerzialisierung das Schwingen treibt. Zwischen 2000 und 2010 verwandelten sich die besten Schwinger zu Pseudo-Amateuren mit kleinen Arbeitspensen. Vorbei ist die Zeit, in der sich ein Schwingerkönig mit dem Rollen von Käsen oder dem Hieven von Heuballen die nötigen Muskeln angeeignet hat. Die Einkommen stiegen in Manager-Gefilde, die Trainingsbedingungen und Ernährungspläne wurden raffinierter. Ab und zu wurde einer beim Dopen erwischt.

Hat sich der Kommerz auch hörbar durchgesetzt?
Wenn die beiden Teilnehmer des Schlussgangs in den 2010er-Jahren einliefen, ertönte kein Alphorn oder Örgeli, sondern «Conquest of Paradise». Ein bombastischer, pseudo-sakraler Popsong, komponiert von Vangelis, einem griechischen Synthesizer-Künstler, der berühmt geworden ist für seinen Soundtrack zu Ridley Scotts Science-Fiction-Film «Blade Runner». Den Traditionalisten in den Zuschauerrängen musste das vorkommen, als habe sich der Kommerz damit auch hörbar durchgesetzt auf den Schwingplätzen, als habe er sich das «Paradies» Schwingen definitiv erobert.


Die vier letzten Schwingerkönige, allesamt Berner, blieben trotz der Kommerzialisierung auf dem Boden und sind der Tradition verbunden
Bild: Matthias Sempach (Instagram)

Vergleich mit anderen Kampfsportarten
Andere Kampfsportarten lassen vermuten, welche Entwicklung das Schwingen nehmen könnte. Im Boxen kam es nach der großen Zeit um Ali, Foreman und Frazier zu einem Durcheinander der Titel und Verbände und zu absurden Hypes um dubiose Kämpfe. Promoter und Funktionäre machten noch ein paar Jahre ordentlich Geld, doch der Glanz der Ali-Ära verflüchtigte sich. Heute ist das Boxen wieder eine Randsportart von zweifelhaftem Ruf.

Noch lange nicht das Ende des Schwingens
Das Schwingen ist nicht gefeit vor solchen Entwicklungen. Die Eigenart, dass auch Verbandskollegen gegeneinander antreten müssen, und die undurchsichtige Arbeit der Einteilungsrichter machen es sogar besonders anfällig für Absprachen und Mauscheleien. Je größer die Summen im Spiel, desto größer die Verlockung. Was, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass ein mittelmäßiger Schwinger und ein Top-Athlet einen Schaukampf aufführten, damit der Spitzenmann einen besonders spektakulären Schwung zeigen konnte? Gut möglich, dass die Menschen dennoch kämen und sich das Schwingen der irreführenden englischen Übersetzung vom «Swiss Wrestling» allmählich anpassen würde. Vielleicht verlöre das Eidgenössische durch solche Skandale aber tatsächlich an Reiz, würde anrüchig. Vielleicht kämen dann plötzlich nur noch ein paar Tausend an die Feste.
Doch damit wäre noch lange nicht das Ende des Schwingens gekommen. Dann schlüge die Stunde des nächsten Königs, Schärers, Zschokkes. Dann könnte das Schwingen neu erfunden werden, einmal mehr.

feldwaldwiesenblogger

Schwingen in der Stadt: Der Schwingklub Zürich

Quelle: «Hosenlupf – Eine freche Kulturgeschichte des Schwingens» (Herausgeber: Stephan Pörtner / Mitarbeit: Samuel Schnydrig; 2010)
Bearbeitung: feldwaldwiesenblogger

Heute, am 2. Januar, stünde eigentlich der traditionelle Berchtold-Schwinget auf dem Programm. Diesen musste der Organisator, der Schwingklub Zürich, aber schweren Herzens absagen. Wegen der Corona-Pandemie dürfen derzeit weder Schwingtrainings noch Anlässe in dieser Grössenordnung stattfinden.

Wegen dem leider nicht stattfindenden Berchtold-Schwinget widme ich meinen heutigen Beitrag darum dem Schwingklub Zürich. Nachfolgender Text fand ich in einem interessanten Buch: «Hosenlupf – Eine freche Kulturgeschichte des Schwingens». Darin findet der Schwingklub Zürich auf zwei Seiten Erwähnung, welche den Berchtold-Schwinget bisher 123 Mal organisiert haben. Der letztjährige Sieger war kein Geringerer als der Thurgauer Ausnahmekönner Samuel Giger.


Der Schwingklub Zürich findet in dieser interessanten Schwingerlektüre auch Erwähnung
Bild: Buch «Hosenlupf – Eine freche Kulturgeschichte des Schwingens»

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Der Schwingklub Zürich: Etwas versteckt, aber mitten in der Stadt
Etwas versteckt, aber mitten in der Stadt, in der Nähe des Rigiplatzes, befindet sich der Schwingklub Zürich. Ein geschnitztes Holzschild im modernen Gebäude weist den Weg die Treppe hinunter in einen der schönsten Schwingkeller der Schweiz. Die versteckte Lage des Schmuckstücks ist sinnbildlich für das Schwingen in Zürich. Es wird von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Natürlich sind die Grossanlässe wie das Eidgenössische auch in der Stadt ein Thema. Das traditionelle Berchtoldschwinget am 2. Januar, das in der Saalsporthalle in Zürich stattfindet, hat ebenfalls seinen festen Platz im Schwingkalender. Aber sonst wissen die wenigsten Zürcher:
… dass es in der Stadt überhaupt einen Schwingklub gibt.
… dass dieser einer der ältesten Schwingklubs des Landes ist.
… dass der Klub mit 1’250 Passiv- und dreissig Aktivmitgliedern (wovon etwa zwölf an Schwingfeste gehen) plus acht Jungschwingern einer der grössten des Landes ist.
… dass der Klub das traditionelle und prestigeträchtige Kilchberger Schwinget organisiert

Die stärkste Zeit in den 1950er und 1960er Jahren
Der Schwingklub Zürich hatte seine stärkste Zeit in den 1950er und 1960er Jahren, wie Peter Hoff erklärt, der elf Jahre Präsident war. «Zu jener Zeit war der Zürcher Verband mit Abstand der Stärkste. Heute macht er am Nordostschweizer Verbandschwingen zwei, drei Kränze, in den besten Jahren kam der Schwingklub Zürich mit neun Kränzen heim.» Von den Aktiven wohnt die Mehrheit auch nicht mehr in der Stadt, sondern am Stadtrand oder in der Nähe.


Der Schwingklub Zürich ist einer der grössten Schwingklubs des Landes Bild:sk-zuerich.ch

1923 konnte der Schwingklub einen Schwingerkönig feiern
Der Verein stellte einmal, 1923 in Vevey, mit Karl Thommen den Schwingerkönig. Guido Zurkirchen war ein gefürchteter Böser, der bis in die 1970er Jahre aktiv war und unzählige Schlussgänge gegen Meli Karl bestritt. Er war zwar nicht besonders schwer, dafür aber technisch versiert und sogar einmal Schweizer Meister im Judo. 2010 ging vom Stadtklub niemand ans Eidgenössische. Dafür holte der Bergdietiker Jodok Huber vom Schwingklub Glatt- und Limmattal, der öfters im Zürcher Schwingkeller anzutreffen ist, in Frauenfeld den Kranz und klassierte sich im neunten Rang. «Wir haben eine sehr junge Mannschaft», erklärt Hoff. «Wir hatten ein enormes Tief in den 1980er und 90er Jahren, jetzt bessert es wieder. Wir hoffen, dass am nächsten Eidgenössischen wieder einer oder zwei von uns dabei sind.»

Hoffnung, dass sich der Boom auf die Mitgliederzahlen auswirkt
Als Exoten sehen sich die Zürcher Schwinger nicht. Zumindest nicht in der Schwingerwelt, eher vielleicht in Zürich selber. «Sogar die Nachbarn wissen zum Teil nicht, dass hier ein Schwingkeller ist.» Vom Schwingboom merkt der Schwingklub vor allem wegen des gestiegenen Medieninteresses etwas, auf die Aktivenzahlen wirkt er sich aber noch nicht aus. Sogar ein Spielfilm wurde im Schwingkeller gedreht. Jetzt hofft man, dass sich der Boom irgendwann auch in den Mitgliederzahlen, vor allem den Aktiven, niederschlägt. Aber die Schwinger begnügen sich natürlich nicht mit Hoffen und Warten, sie packen an.


Der Berchtold-Schwinget fand bisher 123 Mal statt, musste dieses Jahr aber leider abgesagt werden
Bild: feldwaldwiesenblogger

«Der Aufwand ist enorm, der Ertrag gering»
Der Schwingklub Zürich führt rund fünfundzwanzig Werbeanlässe pro Jahr durch. Probeschwingen, Auftritte an Quartierfesten, ein Stand am Zürifest, an Open Airs. «Trotzdem ist es sehr schwierig, Junge zu gewinnen. In der Stadt ist das Angebot einfach riesig. Nach dem Eidgenössischen fangen jeweils wieder ein paar an. Aber nicht viele bleiben. Von zehn Anlässen bleibt vielleicht ein Schwinger hängen, und da muss man schon zufrieden sein. Der Aufwand ist enorm, der Ertrag gering», sagt Daniel Reichlin, der die Jungen einst trainierte. «In der Stadt sind die asiatischen Sportarten populärer als das Schwingen.» Das Schwingervolk lebt heute mehr auf dem Land, auch in den lokalen Medien wird viel übers Schwingen berichtet. «Hier bringen die Zeitungen nichts, aber wenn das Kilchberger Schwinget ist, wollen sie dann fünf Billette», winkt Peter Hoff ab.

Zähe Zürcher Schwinger
Aber nicht nur für den Schwingklub Zürich ist der Boom nicht einfach ein Segen. Peter Hoff: «Heute schauen alle auf die grossen Feste, und die kleineren haben zusehends Mühe, gute Schwinger zu gewinnen. Auch das Publikum wird weniger. Das ist eigentlich schade, früher gingen auch Spitzenschwinger an kleinere Feste, das gibt es heute fast nicht mehr.» Schwinger aber, das weiss man, sind zäh, und die Zürcher sind vielleicht noch ein wenig zäher. Der Schwingklub Zürich wird sicher noch lange bestehen, nur schon wegen dem Veteranentisch in der gemütlichen Schwingstube, wo jeweils lebhaft diskutiert wird.

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