Schwingen in der Stadt: Der Schwingklub Zürich

Quelle: «Hosenlupf – Eine freche Kulturgeschichte des Schwingens» (Herausgeber: Stephan Pörtner / Mitarbeit: Samuel Schnydrig; 2010)
Bearbeitung: feldwaldwiesenblogger

Heute, am 2. Januar, stünde eigentlich der traditionelle Berchtold-Schwinget auf dem Programm. Diesen musste der Organisator, der Schwingklub Zürich, aber schweren Herzens absagen. Wegen der Corona-Pandemie dürfen derzeit weder Schwingtrainings noch Anlässe in dieser Grössenordnung stattfinden.

Wegen dem leider nicht stattfindenden Berchtold-Schwinget widme ich meinen heutigen Beitrag darum dem Schwingklub Zürich. Nachfolgender Text fand ich in einem interessanten Buch: «Hosenlupf – Eine freche Kulturgeschichte des Schwingens». Darin findet der Schwingklub Zürich auf zwei Seiten Erwähnung, welche den Berchtold-Schwinget bisher 123 Mal organisiert haben. Der letztjährige Sieger war kein Geringerer als der Thurgauer Ausnahmekönner Samuel Giger.


Der Schwingklub Zürich findet in dieser interessanten Schwingerlektüre auch Erwähnung
Bild: Buch «Hosenlupf – Eine freche Kulturgeschichte des Schwingens»

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Der Schwingklub Zürich: Etwas versteckt, aber mitten in der Stadt
Etwas versteckt, aber mitten in der Stadt, in der Nähe des Rigiplatzes, befindet sich der Schwingklub Zürich. Ein geschnitztes Holzschild im modernen Gebäude weist den Weg die Treppe hinunter in einen der schönsten Schwingkeller der Schweiz. Die versteckte Lage des Schmuckstücks ist sinnbildlich für das Schwingen in Zürich. Es wird von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Natürlich sind die Grossanlässe wie das Eidgenössische auch in der Stadt ein Thema. Das traditionelle Berchtoldschwinget am 2. Januar, das in der Saalsporthalle in Zürich stattfindet, hat ebenfalls seinen festen Platz im Schwingkalender. Aber sonst wissen die wenigsten Zürcher:
… dass es in der Stadt überhaupt einen Schwingklub gibt.
… dass dieser einer der ältesten Schwingklubs des Landes ist.
… dass der Klub mit 1’250 Passiv- und dreissig Aktivmitgliedern (wovon etwa zwölf an Schwingfeste gehen) plus acht Jungschwingern einer der grössten des Landes ist.
… dass der Klub das traditionelle und prestigeträchtige Kilchberger Schwinget organisiert

Die stärkste Zeit in den 1950er und 1960er Jahren
Der Schwingklub Zürich hatte seine stärkste Zeit in den 1950er und 1960er Jahren, wie Peter Hoff erklärt, der elf Jahre Präsident war. «Zu jener Zeit war der Zürcher Verband mit Abstand der Stärkste. Heute macht er am Nordostschweizer Verbandschwingen zwei, drei Kränze, in den besten Jahren kam der Schwingklub Zürich mit neun Kränzen heim.» Von den Aktiven wohnt die Mehrheit auch nicht mehr in der Stadt, sondern am Stadtrand oder in der Nähe.


Der Schwingklub Zürich ist einer der grössten Schwingklubs des Landes Bild:sk-zuerich.ch

1923 konnte der Schwingklub einen Schwingerkönig feiern
Der Verein stellte einmal, 1923 in Vevey, mit Karl Thommen den Schwingerkönig. Guido Zurkirchen war ein gefürchteter Böser, der bis in die 1970er Jahre aktiv war und unzählige Schlussgänge gegen Meli Karl bestritt. Er war zwar nicht besonders schwer, dafür aber technisch versiert und sogar einmal Schweizer Meister im Judo. 2010 ging vom Stadtklub niemand ans Eidgenössische. Dafür holte der Bergdietiker Jodok Huber vom Schwingklub Glatt- und Limmattal, der öfters im Zürcher Schwingkeller anzutreffen ist, in Frauenfeld den Kranz und klassierte sich im neunten Rang. «Wir haben eine sehr junge Mannschaft», erklärt Hoff. «Wir hatten ein enormes Tief in den 1980er und 90er Jahren, jetzt bessert es wieder. Wir hoffen, dass am nächsten Eidgenössischen wieder einer oder zwei von uns dabei sind.»

Hoffnung, dass sich der Boom auf die Mitgliederzahlen auswirkt
Als Exoten sehen sich die Zürcher Schwinger nicht. Zumindest nicht in der Schwingerwelt, eher vielleicht in Zürich selber. «Sogar die Nachbarn wissen zum Teil nicht, dass hier ein Schwingkeller ist.» Vom Schwingboom merkt der Schwingklub vor allem wegen des gestiegenen Medieninteresses etwas, auf die Aktivenzahlen wirkt er sich aber noch nicht aus. Sogar ein Spielfilm wurde im Schwingkeller gedreht. Jetzt hofft man, dass sich der Boom irgendwann auch in den Mitgliederzahlen, vor allem den Aktiven, niederschlägt. Aber die Schwinger begnügen sich natürlich nicht mit Hoffen und Warten, sie packen an.


Der Berchtold-Schwinget fand bisher 123 Mal statt, musste dieses Jahr aber leider abgesagt werden
Bild: feldwaldwiesenblogger

«Der Aufwand ist enorm, der Ertrag gering»
Der Schwingklub Zürich führt rund fünfundzwanzig Werbeanlässe pro Jahr durch. Probeschwingen, Auftritte an Quartierfesten, ein Stand am Zürifest, an Open Airs. «Trotzdem ist es sehr schwierig, Junge zu gewinnen. In der Stadt ist das Angebot einfach riesig. Nach dem Eidgenössischen fangen jeweils wieder ein paar an. Aber nicht viele bleiben. Von zehn Anlässen bleibt vielleicht ein Schwinger hängen, und da muss man schon zufrieden sein. Der Aufwand ist enorm, der Ertrag gering», sagt Daniel Reichlin, der die Jungen einst trainierte. «In der Stadt sind die asiatischen Sportarten populärer als das Schwingen.» Das Schwingervolk lebt heute mehr auf dem Land, auch in den lokalen Medien wird viel übers Schwingen berichtet. «Hier bringen die Zeitungen nichts, aber wenn das Kilchberger Schwinget ist, wollen sie dann fünf Billette», winkt Peter Hoff ab.

Zähe Zürcher Schwinger
Aber nicht nur für den Schwingklub Zürich ist der Boom nicht einfach ein Segen. Peter Hoff: «Heute schauen alle auf die grossen Feste, und die kleineren haben zusehends Mühe, gute Schwinger zu gewinnen. Auch das Publikum wird weniger. Das ist eigentlich schade, früher gingen auch Spitzenschwinger an kleinere Feste, das gibt es heute fast nicht mehr.» Schwinger aber, das weiss man, sind zäh, und die Zürcher sind vielleicht noch ein wenig zäher. Der Schwingklub Zürich wird sicher noch lange bestehen, nur schon wegen dem Veteranentisch in der gemütlichen Schwingstube, wo jeweils lebhaft diskutiert wird.

feldwaldwiesenblogger