Erinnerungen an den ehemaligen Innerschweizer Spitzenschwinger Leo Betschart

Text: feldwaldwiesenblogger

Leo Betschart ist am 17. April an einem Krebsleiden gestorben. Der 65-Jährige war vor neun Jahren mit seiner Frau Edith nach Kanada ausgewandert, und arbeitete in Halifax auf einer Hirschfarm. Der Zuger mit Muotathaler Wurzeln war ein vorbildlicher, fairer und brillanter Spitzenschwinger. Leo weist ein phänomenales Palmarès auf, und war in den 1980er-Jahren der Leader der Innerschweizer. Der gelernte Käser und spätere Futtermittelberater begann seine schwingerische Laufbahn im Schwingklub Küssnacht. Nach dem Wohnortswechsel nach Sins trat Leo dem Schwingklub Cham-Ennetsee bei. Um weitere Details aus seiner Lebensgeschichte zu erfahren, empfehle ich die Lektüre des Nekrologes auf der ISV-Homepage.

Edwin Betschart erinnert sich im Gespräch an seinen Bruder

Der Schreibende ging auf die Suche nach Erinnerungen, und fand diese im Gespräch mit Edwin Betschart, dem 15 Jahre jüngeren Bruder von Leo. Edwin war ebenfalls Schwinger, zwar nicht ganz so erfolgreich wie sein grosser Bruder, die Ausbeute von 22 Kränzen kann sich aber absolut sehen lassen. Der 51-jährige wohnt in Dietwil AG, ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Edwin arbeitet als Krantechniker und war bis Februar 2020 Technischer Leiter der Zuger Schwinger.

«Er war unglaublich ehrgeizig und extrem kräftig. Leo zeichnete eine grosse Leidenschaft zum Sport aus», sagt Edwin Betschart über seinen Bruder

Bild: luzernerzeitung.ch

Was für ein Mensch war Leo?

«Leo war ein geradliniger und loyaler Mensch. Er schwamm bildlich betrachtet gegen den Strom, und nicht mit ihm. Mein Bruder hatte die Ja-Sager und Mitläufer nicht gerne. Leo war bodenständig, offen für Neues und setzte sich keine Schranken. Darum war er beispielweise ausgewandert.»

Welche Kindheitserinnerungen hast du an deinen älteren Bruder Leo?

«Er war für mich zugleich grosser Bruder und grosser Schwinger. Ich wuchs zusammen mit fünf Geschwistern auf, wir waren vier Buben und zwei Mädchen. Leo zog früh von zuhause aus und heiratete früh. Als Achtjähriger durfte ich an seiner Hochzeit in einem Sennenmutz vorauslaufen. Als ich 13 Jahre alt war, begleitete ich 1983 meine Mutter ans ESAF nach Langenthal. Leo belegte nach dem ersten Tag Platz zwei, und wir machten uns Hoffnungen auf eine Schlussgangteilnahme. Das war für mich ein grosses Erlebnis, und ich war beeindruckt von Leo’s Leistung. Er war für mich ein grosses Vorbild, sowohl menschlich wie auch als Schwinger.»

Wann begann dein Bruder zu schwingen?

«Leo war nie Jungschwinger, er begann erst als 16-Jähriger zu schwingen, damals beim Schwingklub Küssnacht. Anfangs der 1970iger-Jahre zogen wir von Küssnacht nach Sins, unser Vater konnte dort einen Bauernhof kaufen. Mein Bruder war in Sins erst beim Seilziehclub, ehe ISV-Ehrenmitglied Alfred Hegglin dafür sorgte, dass Leo dem Schwingklub Cham-Ennetsee beitrat.»

Wann oder wo ging der Stern von Leo so richtig auf?

«Den ersten Kranz gewann er 1976 als 21-Jähriger am Zuger Kantonalen in Hünenberg. Es ging danach alles sehr schnell, und zwei Jahre später stand er bereits im Schlussgang eines Innerschweizerischen. Zu dieser Zeit gewann Leo bereits die ersten Kranzfeste. Der Übergang vom Kranzgewinner bis zum Innerschweizer Spitzenschwinger ging zügig voran.»

Was zeichnete Leo als Spitzenschwinger aus?

«Er war unglaublich ehrgeizig und extrem kräftig. Leo zeichnete eine grosse Leidenschaft zum Sport aus. Wir haben auch zusammen trainiert. Er gab mir mit auf den Weg, dass man nie aufgeben soll und dranbleiben muss. Und: Dass man mehr machen muss als die anderen, wenn man stärker sein will.»

Leo Betschart (links) bei einem seiner grössten Erfolge, dem Unspunnen-Sieg 1981 in Interlaken

Bild: srf.ch

Welche Erinnerungen hast du an seine Erfolge?

«Ich erinnere mich noch gut an seinen ersten ISAF-Sieg 1980 in Bürglen UR, an welchem er einen prächtigen Stier gewann. Diesen hat er anschliessend mit nach Hause genommen. Dieser Erfolg mitsamt dem Muni hat mich sehr beeindruckt.»

Welches war in den Augen von Leo sein grösster Erfolg?

«Das ist eine gute Frage. Ich denke, für Leo war der Unspunnen-Sieg 1981 einer seiner grössten Erfolge. 1987 bezwang er am Brünig-Schwinget beim Anschwingen den zweifachen Schwingerkönig Ernst Schläpfer. Diesen Sieg stufte Leo auch als einen grossen Erfolg ein.»

Die Muotathaler Wurzeln von Leo und dir?

«Diese sind uns wichtig und stets präsent. Wir gingen etliche Male gemeinsam ins Muotathal um beispielsweise zu bräteln. Weiter begleiteten wir unseren Vater öfters an den Ort, wo er geboren wurde. Einmal wanderten wir zusammen mit unserem Vater auf die Alp Träsmeren, welche im weitläufigen Muotatal liegt. Ihm ging es dabei auch darum, ob wir den grossen Steinbrocken, welcher oberhalb der Alphütte liegt, aufheben können. Leo und ich konnten ihn ein Stück weit aufheben. Dass wir das schafften, war unserem Vater sehr wichtig. Denn Kraft war der Mittelpunkt im Leben unseres Vaters, und er lebte uns diese vor.»

Erinnerungen an die Zeit, als Leo für den Schwingklub Cham-Ennetsee aktiv war?

«Eindrücklich war Leo’s Einstellung beim Konditionstraining. Als alle platt waren, legte er noch eine Schippe drauf. Er gab uns mit, dass man auch dann noch weitermacht, wenn es fast nicht mehr geht. Oder beim Fitnesstraining im Vitaparcours: Wir liefen eine Treppe zehnmal rauf und runter, und dachten, dass nun genug sei. Leo forderte von uns, nochmals hinauf zu rennen. Er war ein zäher und ausdauernder Sportler. Manchmal haben wir 10 oder 15 Minuten lang am Stück wettkampfmässig geschwungen, bis wir nicht mehr konnten. Gute und reissfeste Trainings-T-Shirts gab es damals noch nicht. Also haben wir oben ohne trainiert. Nach diesen Trainings waren wir dementsprechend verschwitzt und voll Sägemehl. Unsere Körper haben gedampft und über der Schwinghalle hing ein Nebel aus Dampf.»

Welche spezielle Geschichte passt hervorragend zu Leo?

«Zehn Alpinisten stehen vor einem steilen Berg und ergründen zusammen, ob eine Route hinaufführt. Neun von ihnen meinen, dass ein Aufstieg unmöglich sei, und ein Versuch gar nicht in Frage komme. Nur einer erklärt, dass er es versuchen möchte. Dieser eine war Leo: Er hat dieses Neue entdecken, trotz Unwägbarkeiten, gelebt. Er hat beispielsweise nicht nur davon gesprochen, auszuwandern. Leo hat sein grosser Wunsch auch in die Tat umgesetzt, und wanderte mit seiner Frau Edith nach Kanada aus. Ich freue mich für ihn, dass er das erleben durfte.» 

feldwaldwiesenblogger