Was ist mit den Innerschweizer Schwingern los?

Text: feldwaldwiesenblogger

Am vergangenen Montag schrieb der «Bote der Urschweiz» nach dem Brünigschwinget: «Innerschweizer Debakel auf dem Brünig». Und tatsächlich: Es resultierten gerade mal vier Kränze für den Innerschweizer Schwingerverband (ISV), einen mehr als für die Nordwestschweizer. Die Berner hamsterten mit 12 Exemplaren den Löwenanteil. So bescheiden schnitten die ISV-Athleten auf der Wasserscheide zwischen der Innerschweiz und dem Bernbiet wohl schon seit Jahren nicht mehr ab. Schon eine Woche vorher ergatterten sie sich auf dem Weissenstein gerade mal so viele Bergkränze wie die gastgebenden Nordwestschweizer, nämlich deren vier. Auf dem Solothurner Hausberg schwangen die Nordostschweizer mit sechs «Schlaufen» oben aus. 

Viele verletzte und angeschlagene Schwinger

Da stellen sich dem geneigten Beobachter etliche Fragen, die wichtigste lautet: Was ist mit den Innerschweizer Schwingern los? Denn bereits die Startlisten sprechen eine Sprache für sich: Auf dem Brünig traten gar nur drei Innerschweizer Eidgenossen an, und der Rigi-Schwinget war so schwach besetzt wie schon lange nicht mehr. Die Liste der verletzten und angeschlagenen Schwinger ist gross.

Nachgefragt beim ISV-Präsidenten Peter Achermann

Die Ursachen sind vielerlei: Corona, die üble Verletzungshexe und die Schwingfestagenda sind dabei wohl die wichtigsten Gründe. Und: Die lange Corona-Pause bekam den Innerschweizer Schwingern wohl um einiges weniger gut als den anderen Teilverbänden. Der Schwinger-Blog fragte deshalb bei Peter Achermann, dem Präsidenten der Innerschweizer Schwinger, nach.

Die Innerschweizer Schwinger (auf dem Bild beim Einzug am ESAF 2019 in Zug) durchlaufen derzeit eine schwierige Phase

Bild: isv.ch

Was ist deine Meinung zum schlechten Abschneiden auf dem Brünig?

«Wenn wir die Rangliste vom Brünigschwinget 2019 betrachten, stellen wir das konträre Bild fest. Damals gewannen wir 12 Kränze – und es gab auch etliche Innerschweizer Paarungen. Wir konnten dieses Jahr für den Brünig leider nicht die stärkste Truppe stellen, das Ergebnis ist ein Abbild der Situation. Aber: Das Ganze ist ein ständiges auf und ab. Wenn beispielsweise unser aktueller Team-Leader Joel Wicki und auch Christian Schuler hätten antreten können, hätte es durchaus anders laufen können. Ich bin überzeugt, dass wieder andere Zeiten kommen. Die Schwinger, welche antraten, gaben ihr Bestes. Ohne die vielen Zuschauer herrschte zudem eine sehr spezielle Atmosphäre auf dem Brünig.»

Etliche Innerschweizer Schwinger sind verletzt oder angeschlagen. Das kann kein Zufall sein. Wo siehst du die Hauptgründe?

«Der Hauptgrund ist sicher, dass man die Saisonvorbereitung nicht wie üblich im letzten Herbst starten konnte. Man stellt hinsichtlich Trainingsstand schon Unterschiede fest, das ist auch verständlich. Die jungen Schwinger mit Jahrgang 2001 und jünger durften früher mit dem Schwingtraining beginnen. Sie haben gut trainiert und absolvierten schon etliche Feste. Auch unsere Spitze durfte von der Ausnahmeregelung profitieren. Es ist auch so, dass der eine oder andere Schwinger die Corona-Pause nicht optimal genutzt hat oder diese Zeit in eine Weiterbildung investiert hat. Aber: Unfälle mussten wir leider schon immer registrieren. Die weiteren Gründe sind vielfältiger Natur. Auch im Training kann es zu Verletzungen kommen. Oder die jungen Athleten wollen manchmal zu früh zurückkehren, statt eine Verletzung vollständig ausheilen zu lassen. Und: Die Halswirbelverletzung von Carlo Gwerder beim Stoos-Schwinget in Ibach ist uns sehr nahe gegangen. Zum Glück war auch unser Verbandsarzt Didi Schmidle auf dem Platz. Die Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst vor Ort hat hervorragend funktioniert. In solchen Momenten ist mir dies wichtiger, als den einen oder anderen Kranz mehr zu gewinnen.»

War das geballte Kranzfest-Programm der Innerschweizer so kurz nach den Öffnungsschritten anfangs Juni nicht zu streng? Denn: Ganz offensichtlich ist die Schwingfestagenda nicht gut koordiniert. Warum brachte man nicht den Mut auf, die verspätet gestartete Saison so zu gestalten, dass erst etliche Rangschwingfeste, dann Kantonal-/Gaufeste und erst dann Teilverbands- und Bergfeste auf dem Programm gestanden hätten?

«Traditionell finden unsere Kantonalschwingfeste in den Monaten Mai und anfangs Juni statt. Das war dieses Jahr aus den bekannten Gründen nicht möglich. Es mussten in dieser speziellen Zeit Entscheidungen getroffen werden, und wir wollten einfach wieder schwingen und damit Schritt für Schritt zurück zur Normalität kehren. Und eine zweite Saison ohne Schwingfeste wäre wohl die schlechtere Alternative gewesen. Die entsprechenden OK’s sind teilweise seit Jahren am Planen und Organisieren. Die Verfügbarkeit von Sportanlagen und die einzuhaltenden Schutzkonzepte – mit ständigen Unsicherheiten – mussten ebenfalls mit in die Planung aufgenommen werden. Um auch Synergien zu nutzen, haben die Organisatoren in Absprache mit den Verbänden den Entschluss gefasst, die verschiedenen Schwingfeste Stoos, Innerschweiz, Rigi und das Schwyzer Kantonale in Ibach zu organisieren. Denn der Terminplan ist hinten raus ebenfalls schon dicht gedrängt. Zum Glück wurde schon früh festgelegt, dass der Saisonhöhepunkt, der Kilchberger Schwinget, erst am 25. September stattfinden soll. Das gab für die weiteren Kantonalschwingfeste etwas mehr Luft.»

Die Berner sind für gewöhnlich ähnlich stark wie die Innerschweizer. Diesmal waren sie auf dem Brünig um Längen besser. Was machen die Mutzen derzeit besser?

«Unsere Spitze ist mit etlichen Ausfällen, darunter Joel Wicki und Pirmin Reichmuth, dezimiert. Die Verletzungshexe hat leider zugeschlagen. Aber: Wir mussten nach dem ESAF 2019 auch gewisse Abgänge von Spitzenleuten, wie beispielsweise jene von Marcel Mathis, Andreas Ulrich und Lutz Scheuber in Kauf nehmen. Sie waren eine Stütze und überall einsetzbar. Der Fokus muss nun aber wieder nach vorne gerichtet werden: Auf den Kilchberger Schwinget und auf das ESAF 2022 in Pratteln. Wir werden dann wieder parat sein. Wie bereits erwähnt: Hochs und Tiefs gab es schon immer, diese liegen oft sehr nahe beisammen.»

Den Innerschweizern bekam wohl auch die lange Corona-Pause deutlich weniger gut als den anderen Teilverbänden. Warum?

«Das würde ich so nicht sagen. Es gibt einzelne Schwinger, die haben während der Corona-Pause sehr gut trainiert, andere halt weniger. Wie bereits angesprochen, fehlen unserer Spitze etliche Athleten. Die Berner hatten zudem einen anderen Start in die Schwingfest-Saison. Was mir trotz allem Freude bereit sind die vielen jungen Schwinger, welche grosse Fortschritte gemacht haben. Und zwar bei allen Teilverbänden. Diese prägen zum Teil die Schwingfeste in beträchtlichem Masse, was viel Vorfreude fürs «Eidgenössische» in Pratteln auslöst. Und: Unsere Schwinger wissen, was sie zu tun haben, und richten den Fokus auf zukünftige Ziele.»

ISV-Präsident Peter Achermann sagt: «Wir werden mit dem Betreuerteam zusammensitzen und das ganze analysieren.»

Bild: esv.ch

Gibt es aus deiner Sicht noch andere Aspekte für das derzeitige Formtief der Innerschweizer?

«Nein, und ich würde nicht von einem Formtief sprechen. Es ist in meinen Augen keine aussergewöhnliche Situation. Bei dieser Konstellation mit den vielen Verletzten muss man für die einzelnen Schwingfeste nun halt anders selektionieren.» 

Hat sich der ISV-Vorstand eigentlich schon zu einer Krisensitzung getroffen?

«Nein. Wir werden mit dem Betreuerteam zusammensitzen und das ganze analysieren. Die Technische Kommission macht das auch. Der Austausch im sportlichen Bereich funktioniert gut. Im Betreuerteam sammeln wir die gemachten Erfahrungen der letzten Zeit und bereiten uns so auf den Kilchberger Schwinget vor. Für die Betreuer war die Corona-Pause auch nicht einfach, wegen dieser aussergewöhnlichen Situation haben sie die Schwinger teilweise länger nicht gesehen.»

Muss man sich aus Innerschweizer Sicht Sorgen um den Saisonhöhepunkt Kilchberger Schwinget machen?

«Überhaupt nicht. Wir werden Ende August die Selektion vornehmen und unsere 17 Startplätze vergeben. Ich bin überzeugt, dass wir für den Kilchberger Schwinget eine gute Mannschaft beisammenhaben werden. Die selektionierten Schwinger werden ihr Bestes geben, um vorne an der Spitze auch mitmischen zu können. Wir hoffen natürlich, dass sie gesund antreten können. Und: Schön, wenn die Favoritenrolle mal andere tragen müssen.»

Machen sich die Verbandsoberen momentan auch Gedanken hinsichtlich Verletzungs-Prophylaxe?

«Verbandsarzt Didi Schmidle und das Betreuerteam werden, wie bereits erwähnt, die Situation analysieren. Schlussendlich geht es darum, gewisse Dinge zu optimieren. Früher gingen praktisch alle Schwinger einer körperlichen Arbeit nach. Das ist heute längst nicht mehr der Fall. Die Kraft eignen sich die Athleten – nicht alle – deshalb im Kraftkeller an. Wir wissen, dass übermässiges Krafttraining nicht optimal ist. Die Anfälligkeit auf Verletzungen ist dadurch erhöht. Wir vom Verband versuchen dabei unseren Beitrag zu leisten und die Rahmenbedingungen so gut wie möglich zu optimieren.»

Und: Wie nimmst du die Hauptakteure, die Schwinger, zu der momentanen Situation wahr? Wirken sie verunsichert?

«Das ist eine gute Frage. Wir durchleben alle derzeit eine schwierige Situation. Wichtig ist nun, dass wir gemeinsam Schritt für Schritt zur Normalität zurückkehren können. Ein Schwingfest ist ein Volksfest mit Folklore, was momentan so überhaupt noch nicht stattfindet. Die Schwinger hätten an den Festen gerne ihre Familien und Fans dabei, auch unsere verdienten Ehrenmitglieder würden gerne wieder Schwingfeste besuchen und ihre Kameraden treffen. Wir hoffen nun auf weitere Lockerungen. Denn die Schutzkonzepte, welche nach wie vor gelten, ziehen eine enorme Mehrarbeit mit sich. Dabei müssen Lösungen unter Zeitdruck erarbeitet und Entscheidungen getroffen werden. Die Saison ist nämlich in gut zwei Monaten schon wieder vorbei. Ich finde es grossartig, dass das OK vom Kilchberger Schwinget mit 6’000 Zuschauern plant. Das ist ein gutes Zeichen für den Saisonabschluss. Wir hoffen einfach, dass sich die Corona-Situation bis dann nicht massiv verschlechtert. Ich widme allen OK’s ein grosses Kränzchen, denn sie haben trotz allen Widrigkeiten schöne Schwingfeste organisiert. Wir hoffen alle, dass die nächste Saison normal gestartet und durchgeführt werden kann, und wir ohne Einschränkungen den Saisonhöhepunkt in Pratteln geniessen können. Selbstverständlich mit einem starken Auftritt der Innerschweizer.»

feldwaldwiesenblogger

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