Saisonrückblick mit Stefan Strebel, dem TK-Chef des Eidgenössischen Schwingerverbandes

Text: feldwaldwiesenblogger

Was war das für ein Schwinger-Jahr! Erst wusste man lange nicht, ob und wie geschwungen werden kann, und ob eine reguläre Saison in Angriff genommen werden kann. Anfangs Juni lichtete sich langsam der Covid-Nebel, und die Schwingerei nahm Fahrt auf. Und wie! Die Innerschweizer legten gleich mit dem Stoos-Schwinget, dem «Innerschweizerischen» und dem Rigi-Schwinget im Wochentakt los. Die anderen Teilverbände taten es ihnen gleich, und schickten ihre Schwinger ohne längere Vorlaufzeit zum Ernst-Kampf ins Sägemehl. Anfänglich hatte man das Gefühl: Das kommt hinsichtlich Verletzungen gar nicht gut, vor allem aus Innerschweizer Sicht. Und: Die Verletzungshexe machte vor keinem Teilverband Halt. Man fand sich mit diesem Umstand ab und arrangierte sich. Je länger die Saison dauerte, je spektakulärer wurde geschwungen. Und so jagte ein Höhepunkt den anderen, eine Verschnaufpause gab es (fast) keine. Zu guter Letzt folgte der Höhepunkt Kilchberger Schwinget. Was dort schwingtechnisch geboten wurde war erste Sahne. Was gewisse Funktionäre entschieden, weniger. Diese und andere Themen möchte heute der Schwinger-Blog mit Stefan Strebel, dem TK-Chef vom Eidgenössischen Schwingerverband (ESV) besprechen.

Stefan Strebel, der TK-Chef vom ESV, blickt auf die zu Ende gehende Saison zurück

Bild: esv.ch

Stichwort stufenweise Öffnungsschritte:

Würdest du mit dem Wissen von heute nochmals alles so machen wie im vergangenen Spätwinter/Frühling?

«Absolut, ich würde nochmals die genau gleiche Linie fahren. Im Nachhinein gestehe ich ein, dass ich nicht so polarisieren hätte sollen. Aber ich stehe zu meiner Rolle als Vorreiter, welcher den Karren zog. Dabei benötigte es mehrere Leute, welche mich unterstützten. Zu ihnen zähle ich unter anderem Rolf Gasser und Matthias Glarner.»

Du warst der eigentliche Motor hinter den Öffnungsschritten. Dein Elan hat sich bei den Teilverbänden gewissermassen zum Turbo entwickelt. War die Ansetzung fast aller Kranzfeste in der verkürzten Saison im Sinne des ESV?

«Es war der einzige Weg und wir hatten keine andere Möglichkeit. Drei Kranzfeste fanden nicht statt. Die OK’s arbeiteten sehr gut und stellten die Schwingfeste teilweise in kürzester Zeit auf die Beine. Und: Wir vom Zentralvorstand haben nie Druck gemacht betreffs Zuschauerzahl an den Festen.»

Stichwort Saisonrückblick:

Kürzlich hat ein Schwinger gesagt: Die Saison mit der konzentrierten Reihe an Kranzfesten war falsch aufgebaut. Was entgegnest du ihm?

«Er hat nicht unrecht. Die Saison hatte nicht den üblichen Aufbau. Aber: Dies war aus meiner Sicht nicht möglich, da wir in vier Monaten alles durchbringen mussten. Ich nehme dabei die OK’s in Schutz, welche teilweise keine grosse Vorplanungszeit hatten. Die Lage war lange ungewiss, und man war auf die nächsten Bundesrats-Entscheide angewiesen. Ich darf behaupten, dass wir in dieser Zeit der fortschrittlichste Verband waren und Anlässe organisierten, sobald dies möglich war. Im Nachhinein hätte man die Festplanung anders machen können, die Lage aber war zu ungewiss.»

Wie beurteilst du schwingtechnisch gesehen die verspätet gestartete und hoch intensive Saison?

«Beim ENST durfte ich feststellen, dass die Jungen technisch besser geworden sind. Die Aktiven machten einen guten Job und sie wollten unbedingt schwingen. Ich war sehr zufrieden mit dem Gezeigten an den Schwingfesten.»

Was fiel dir in der Saison 2021 positiv auf, was negativ?

«Positiv war, dass die Schwingfeste stattfanden und der grösste Teil der Kranzfeste durchgeführt wurde, mit dem Fokus Schwingsport. Das von uns definierte Ziel «Schwingfest 2021 zu 100 Prozent ja» wurde erfüllt. Die Zusammenarbeit innerhalb aller Stufen des Verbandes hat dabei gut funktioniert. Negativ war, dass anfangs Saison von Zweiklassengesellschaft gesprochen wurde. Dabei stand dies alles im Kontext mit der stufenweisen Öffnung. Ein weiterer negativer Punkt sind die vielen Verletzten in dieser Saison.»

Der Kilchberger Schwinget, welcher unbestritten der Saisonhöhepunkt war, gab viel zu reden

Bild: kilchberger-schwinget.ch / Lorenz Reifler

Stichwort Verletzungen:

Wie schätzt du die Situation mit den überdurchschnittlich vielen Verletzten ein?

«Das hat verschiedene Faktoren. Wir konnten wegen der Corona-Pandemie lange nicht schwingen und die Schwinger haben anderweitig trainiert. Innerhalb der vier Monate wurde ein strenges Programm durchgeführt. Wie bereits angesprochen fehlte der sonst übliche Saisonaufbau. Die hohe Intensität hat dann teilweise zu Überbelastung geführt, was leider überdurchschnittlich viele Verletzungen nach sich zog. An dieser Stelle wünsche ich allen verletzten Schwingern gute Besserung!»

Gedenkt der ESV hinsichtlich Verletzungs-Prophylaxe etwas zu tun?

«Nein. Ich bin überzeugt, dass nächstes Jahr mit 3G eine normale Saison durchgeführt werden kann, mit einem sauberen Trainings- und Schwingfestaufbau. Da Planungssicherheit besteht, braucht es keine Massnahmen von unserer Seite.»

Stichwort Saisonhöhepunkt Kilchberger Schwinget:

Schwingkundige Fachleute haben nach der Fehlentscheidung im Gang Samir Leuppi gegen Bernhard Kämpf von einem Fehler gesprochen, welche halt im Schwingsport passieren können. Was ist dein Kommentar zu dieser Aussage?

«Das sehe ich genauso. Man muss bedenken, dass ein Kampfrichter an einem Schwingfest zwischen 500 bis 600 Entscheide zu treffen hat. Dass dabei Fehler passieren, ist menschlich. Ich schütze dabei jeden Kampfrichter. Dieser sieht an einem Schwingfest eine Situation nur einmal. Ich habe die Szene zwischen Samir Leuppi und Bernhard Kämpf mittlerweile mehrmals gesehen. Leuppi hat eindeutig gewonnen. Wichtig ist, dass man dazu steht und sich entschuldigt. Und: Ich wurde wegen meiner öffentlichen Entschuldigung mehrheitlich gelobt, es war nur vereinzelt Kritik zu vernehmen.»

Wegen einiger strittigen Entscheidungen haben nicht schwingkundige Zuschauer nach dem Saisonhöhepunkt von «Mauschelei» gesprochen. Konkret geht es um den Fehlentscheid betreffs Samir Leuppi und die Nichtberücksichtigung von Damian Ott für den Schlussgang. Was entgegnest du diesen Leuten?

«Das stimmt nicht. Betreffs Samir Leuppi gab es keine Mauschelei, der Kampfrichter hat so entschieden. Und ich bin in meiner Funktion nach vorne gestanden und habe mich entschuldigt. Mauschelei wäre gewesen, wenn ich nichts gesagt hätte. Betreffs Damian Ott: Innerhalb der Einteilung haben wird die Schlussgang-Paarung nur kurz diskutiert. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass bei Punktgleichheit ein Schwingerkönig gesetzt ist. Es stimmt, dass Ott mit vier gewonnenen Gängen zu diesem Zeitpunkt ein Siegkreuzchen mehr auf dem Notenblatt hatte als die anderen. Wir haben aber auch auf die Qualität der Notenblätter geschaut. Schlussendlich kristallisierte sich der Saisondominator Samuel Giger als zweiter Schwinger für den Endkampf heraus. Zudem wollten viele diese Paarung bereits beim Anschwingen. Ich forderte den Kampf Giger – Wenger im vierten Gang, kam aber nicht durch. Letztendlich lag diese Paarung auf der Hand, die meisten Zuschauer wünschten sich diese. Es ist und bleibt eine Grauzone, welche die Einteilung dabei beschreitet.»

Nächstes Jahr steht mit dem ESAF 2022 in Pratteln ein nächster Meilenstein auf dem Programm. Wird der eidgenössische Anlass nur mit der 3G-Regelung stattfinden können?

Bild: Tages Anzeiger

Stichwort Vorausblick auf 2022

Wird es aus den gemachten Erfahrungen von 2021 Änderungen oder Anpassungen für 2022 geben? 

«Von meiner Seite her nicht. Denn: Wir können schwingen. Politisch wird sich in nächster Zeit betreffs Corona-Tests und Impfungen noch einiges regeln.»

Auffallend war, dass bei einigen Kranzfesten deutlich weniger Schwinger antraten als üblich. Wie will man diesem Umstand begegnen?

«Ich erwarte von unseren Mittelschwingern, dass sie wieder das Training aufnehmen und zurückkehren werden. Wir haben nun Planungssicherheit, welche für die Saisonvorbereitung auf 2021 fehlte. Ich habe volles Verständnis, dass wegen diesem Umstand einige Mittelschwinger fehlten.»

Inwieweit bleibt das Corona-Virus ein Thema beim ESV?

«Das bleibt ein Thema und wird uns ins 2022 begleiten. 3G wird uns erhalten bleiben. Ich hoffe, dass 2G nicht kommen wird. In nächster Zeit wird sich zeigen, wie die Entwicklung weitergehen wird.»

feldwaldwiesenblogger

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