Willy Graber blickt auf seine äusserst erfolgreiche Karriere zurück

Text: feldwaldwiesenblogger

Willy Graber bestritt am letzten Samstag beim Heimfest, dem Hallenschwinget Bolligen, sein letztes Schwingfest und sagte mit einem vielumjubelten Sieg Adieu vom aktiven Schwingsport. Der Publikumsliebling bezwang im Schlussgang seinen jungen und aufstrebenden Klubkollegen Adrian Walther. «Wilu», wie er von seinen Berner Kollegen liebevoll genannt wird, gewann in seiner langen und erfolgreichen Karriere 110 Kränze, darunter fünf eidgenössische, und holte sich sechs Kranzfestsiege. 

Von der grossen Bühne ist der 37-Jährige bereits nach dem Kranzgewinn am ESAF 2019 in Zug abgetreten. Der geplante Rücktritt am Heimschwingfest verzögerte sich wegen der Corona-Pandemie, dieser Schwinget musste dreimal verschoben werden. Willy investierte seit dem «Eidgenössischen» nicht mehr viel Zeit fürs Training. Der vierfache Familienvater absolvierte aber als Vorbereitung vor seinem endgültigen Abschied den Herbstschwingertag Siebnen.

Willy Graber als glücklicher Sieger zum Abschluss seiner erfolgreichen Karriere

Bild: Barbara Loosli

Würdigung durch Stefan Hofmänner

Willy’s älterer Bruder Alfred bestritt in Bolligen ebenfalls seinen letzten Wettkampf. Alfred gewann in seiner Karriere sechs Kränze, und war der Wegbegleiter von Willy. Die beiden wurden am Schluss des Schwingfestes von keinem geringeren als dem SRF-Schwingexperten Stefan Hofmänner gewürdigt. Dieser fand die passenden Worte und erzählte in einer Gesprächsrunde die eine oder andere amüsante Anekdote. Das Publikum in der vollen Halle lauschte aufmerksam, und spendete immer wieder grossen Applaus. Der bisher erfolgreichste Berner Mittelländer Schwinger sagte dabei: «Von der ersten Minute an war «Fredu» mein Wegbegleiter. Ich bin überzeugt, dass ohne ihn meine Karriere nicht so erfolgreich gewesen wäre.»

Der Publikumsliebling

Die NZZ schrieb am 5. September 2011, unmittelbar nach dem Unspunnen-Schwinget: «Eine Kampfsau wird er zuweilen genannt und lobend als besonders unangenehmer Gegner bezeichnet. Die Stärke am Boden hat sich Graber gezwungenermassen angeeignet: «Ich war lange einer der Kleinsten und musste meine Unterlegenheit irgendwie ausgleichen.» Weil er seine Widersacher öfters zur Verzweiflung bringt und attraktive Kämpfe ausficht, ist Graber bei den Zuschauern sehr beliebt. Nach dem Rücktritt von Hanspeter Pellet wäre er ein Kandidat für den neuen Publikumsliebling – er hat auch ein ähnlich spitzbübisches Lachen.» Wie wir mittlerweile wissen, avancierte «Wilu» dank erstklassiger Bodenarbeit zum Publikumsliebling. Mit seiner filigranen Technik begeisterte er schweizweit das Schwingfest-Publikum, zuletzt am Hallenschwinget Bolligen.

Willy Graber bleibt dem Schwingsport in verschiedenen Funktionen erhalten, und wird sein schwingerisches Knowhow so weitergeben können: Als Technischer Leiter von seinem Schwingklub Worblental und als Trainingsleiter im Berner Mittelländer Verband. Willy blickt heute mit dem Schwinger-Blog auf seine äusserst erfolgreiche Schwingerkarriere zurück.

Die beiden Brüder «Wilu» und «Fredu» umarmen sich zum Abschluss ihrer Karrieren

Bild: Barbara Loosli

Herzliche Gratulation zum Sieg in Bolligen! Was für Gedanken gingen dir nach dem allerletzten Gang deiner Karriere durch den Kopf? 

«Ich verspürte eine Erleichterung, und dass nun alles ein schönes Ende gefunden hat. Ich werde nun mehr Zeit für meine Familie haben.»

Wie war die Gefühlslage vor dem Schlussgang?

«Mein Bruder Alfred beendete kurz vorher seinen allerletzten Gang. Ich hatte mich bisher immer gut unter Kontrolle. Aber das hat mich emotional ziemlich durchgeschüttelt. Am Anfang des Schlussganges hatte ich noch Schwierigkeiten mit der Konzentration. Aber bereits beim zweiten Zusammengreifen konnte ich mich wieder gut konzentrieren. Mein Ziel war, meine Karriere mit einem gewonnenen Gang zu beenden. Dass dies gleich der Schlussgang war, ist umso schöner.»

Am Mittag hast du gesagt: «Ich schwinge einfach gerne!» Wann hast du dich eigentlich dazu entschlossen zurückzutreten?

«Das ist schon eine Weile her. Im Frühling 2019 vor dem «Eidgenössischen» in Zug entschied ich mich, nochmals voll zu trainieren, um an einem ESAF mitreden zu können. Für mich war es logisch, dass hinterher alles fertig ist. Denn: So viel Zeit für noch ein intensiveres Training finde ich gar nicht mehr.»

Den Herbstschwingertag Siebnen hast du gemäss deiner eigenen Aussage benötigt, um wieder in den Wettkampf-Modus zu finden. Wie viel hast du eigentlich in letzter Zeit trainiert? 

«Ich hatte seit dem ESAF in Zug keine Hantel mehr in den Fingern. Als Vorbereitung für die beiden letzten Schwingfeste war ich einmal pro Woche, manchmal auch zweimal, im Schwingkeller. Ansonsten habe ich keine weiteren Trainings bestritten.»

Du hast deinen ersten Kranz 2003 beim Emmentalischen Schwingfest in Wasen gewonnen. Welches war deine erfolgreichste Saison?

«Das ist schwierig zu sagen. Ich blicke als Ganzes auf meine Karriere zurück und kann dabei keine einzelne Saison hervorheben. Ich habe meine Ziele verfolgt und nach vorne geschaut. So ging es denn auch stetig aufwärts. Ich riss mir leider je einmal pro Knie das Kreuzband, kehrte aber beide Male stark auf die Schwingplätze zurück.»

Was wird dir in deiner nun zu Ende gegangenen Karriere besonders positiv in Erinnerung bleiben?

«Mein erster Kranzfestsieg am Bernisch-Kantonalen Schwingfest in Eggiwil. Das war besonders schön, denn die Verwandtschaft mütterlicherseits ist von dort. Es gab einen speziellen Empfang samt Feier auf dem Bauernbetrieb meiner Verwandten, wo ich damals in der Lehre war. Dieser Anlass hat einen sehr grossen Stellenwert in meiner Erinnerung.» 

Willy Graber vor seinem allerletzten Schwingfest als Aktiver

Bild: feldwaldwiesenblogger

Was hat sich deiner Meinung nach während deiner Karriere im Schwingsport verändert?

«Die Zunahme der Sponsoren für die Schwinger und die Schwingfeste einerseits. Andererseits die Grösse der Eidgenössischen Schwing- und Älplerfeste. Das ESAF in Luzern erlebte schon einen gewaltigen Sprung. Die «Eidgenössischen» danach waren nochmals grösser.»

Mit einer Körpergrösse von 181 Zentimetern hast du beinahe das Optimum aus deinen körperlichen Möglichkeiten herausgeholt. Hast du dir bereits als Jungschwinger vorgenommen, deine Siege in einer spezialisierten Bodenarbeit zu holen?

«Vorgenommen habe ich mir das nicht. Als ich aus der Schule kam und damals zu den Aktiven wechselte, war ich 172 Zentimeter gross und etwa 65 Kilogramm leicht. Als kleiner und leichter Schwinger blieb mir nichts anderes übrig. Um Erfolg zu haben, eignete ich mir eine spezialisierte Bodenarbeit an. Später konnte ich je länger je mehr auch aus dem Stand schwingen.»

Du hast am Hallenschwinget Bolligen in der Gesprächsrunde mit dir, deinem Bruder Alfred und dem Moderator Stefan Hofmänner erklärt, dass ohne «Fredu» deine Karriere nicht so erfolgreich gewesen wäre. Wie darf man sich das vorstellen? 

«Er ist bloss ein Jahr älter, und wir haben so ziemlich alles zusammen gemacht. «Fredu» war immer für mich da, und wir haben uns gegenseitig gepusht. Körperlich hatten wir die gleichen Voraussetzungen. Ich war aber mental stärker. Diese Stärke hat mir unter anderem bei Verletzungen geholfen. Es wurde mir dabei bewusst, wie viel eigentlich im Kopf abläuft.»

Dank deiner Grösse und deiner Schwingweise warst du in der ganzen Schweiz ein Publikumsliebling. Hat dich das jeweils an den Schwingfesten zusätzlich beflügelt?

«Ich habe es wahrgenommen und es hat mir zusätzlich Kraft verliehen. Ich ging aber unbeirrt an die Kämpfe und versuchte dabei dem Gegner meinen Schwingstil aufzuzwingen.»

Du bleibst dem Schwingsport glücklicherweise als Technischer Leiter erhalten. Was ist dir bei der Zusammenarbeit mit den Schwingern besonders wichtig?

«Die Kameradschaft, die Ehrlichkeit und der Trainingsfleiss. Und: Ich habe Freude an den Schwingern, welche wirklich wollen.»

Auf was freust du dich nun am meisten nach deiner aktiven Schwingerkarriere?

«Ich freue mich darauf, mit meiner Familie mehr Zeit verbringen zu können. Ich freue mich aber auch darauf, im Schwingkeller solche Schwinger formen zu können, welche nicht die grössten Talente sind. Dabei meine Schwünge weitergeben kann und so unsere Athleten weiterbringe.»

feldwaldwiesenblogger

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