Saisonrückblick mit Kilchberger Sieger Damian Ott, dem Aufsteiger der Saison

Text: feldwaldwiesenblogger

Damian Ott darf man wahrlich als «den Aufsteiger» der diesjährigen Saison bezeichnen. Praktisch aus dem Nichts gewann der 21-Jährige am 17. Juli den Weissenstein Schwinget und landete eine faustdicke Überraschung. Hernach folgte zwar eine kleinere Berg- und Talfahrt mit Tops und Flops, bis der St. Galler am Schwarzsee wieder zuschlug. Damian bezwang im Schlussgang keinen Geringeren als den Überschwinger der Saison, Samuel Giger. Der Erfolgshunger des 197 Zentimeter-Mannes war aber noch nicht gestillt: Am Kilchberger Schwinget setzte er eine Marke für die Ewigkeit und durfte sich als Co-Sieger eines eidgenössischen Anlasses feiern lassen. 

Zusammen mit Samuel Giger (Mitte) und Fabian Staudenmann (links) gewann Damian den Kilchberger Schwinget 2021

Bild: Luzerner Zeitung

Nicht von 0 auf 100, sondern von 4 auf 10 respektive 0 auf 2

Die Medien erwähnen dieser Tage öfters, dass Damian von 0 auf 100 durchstartete. Im übertragenen Sinn stimmt das sicher, in reinen Fakten gemessen aber nicht. So besass der 100 Kilogramm schwere Athlet vor dieser Saison 4 Kränze, liess die Ausbeute nun auf 10 anwachsen. Vor 2021 hatte das Mitglied vom Schwingklub Wil 0 Kranzfestsiege auf dem Konto, Ende Saison steht er nun auf deren 2. Dazu kommt der hochdekorierte Kilchberger Sieg. Aus der bärenstarken 2021er-Saison resultierte Rang zwei in der SCHLUSSGANG-Wertung, der offiziellen Jahrespunkteliste des Eidgenössischen Schwingerverbandes.

Starkes Toggenburger Umfeld

Der schlaksige Hüne wohnt in Dreien, einer Ortschaft der Gemeinde Mosnang, welche im St. Gallischen Toggenburg liegt. Damian wuchs zusammen mit sieben Geschwistern auf. Das Toggenburg brachte schon etliche hervorragende Schwinger hervor, wie beispielswiese die beiden Schwingerkönige Jörg Abderhalden und Nöldi Forrer, oder den Unspunnen-Sieger Daniel Bösch. In deren Sog ist nun mit Damian Ott, Werner Schlegel und Marcel Räbsamen eine neue starke Generation herangewachsen, welche den Schwingsport in den nächsten Jahren entscheidend prägen wird.

Erster Schwingfestsieg im Sertig-Tal

Damian’s erster Sieg an einem Schwingfest der Aktiven datiert auf den 28. Juli 2019. Er gewann damals als 19-Jähriger den Sertig-Schwinget in Davos. Zu Beginn dieser Saison folgte mit dem ersten Rang beim Rüfeli-Schwinget in Untervaz Sieg Nummer zwei, bevor die grosse «Ott-Show» begann. 

Damian arbeitet als Zimmermann, und zählt das Trycheln und Skifahren zu seinen Hobbies. Für den Schwinger-Blog ist es nun höchste Zeit, sich mit dem Aufsteiger von 2021 zu unterhalten und von ihm ein paar spannende Informationen zum Saisonrückblick zu entlocken.

Damian bezwang im Schlussgang des Schwarzsee-Schwingets überraschend Samuel Giger, den Überschwinger dieser Saison

Bild: Berner Zeitung

Herzliche Gratulation zu dieser sensationellen Saison. Kannst du diese kurz in Worte fassen?

«Ich habe daraufhin gearbeitet, Kränze zu gewinnen, konstante Leistungen abzuliefern und vorne dabei zu sein. Und nach Möglichkeit den einen oder anderen Eigenossen zu bezwingen. Dass es dann so rauskommt, hätte ich mir nie erträumt!»

Praktisch aus dem Nichts führte dein Weg an die absolute Schwingerspitze. Hast du eine Erklärung dafür? 

«Mein erstes Kranzfest in dieser Saison war das Appenzeller Kantonale. Ich war nicht 100 Prozent fit und leicht erkältet. Es lief mir dann mittelmässig, ich holte mir dennoch den Kranz. Mein Team-Kollege Werner Schlegel gewann das Fest. Das war mir Ansporn genug, um weiter Gas zu geben, und es zeigte mir, was möglich ist. Ich fuhr auf den Weissenstein mit dem Ziel Kranzgewinn. Als ich voll angriff und meine Gänge gewann, darunter auch namhafte Eidgenossen, kam ich in einen richtigen Lauf. Vor dem Schlussgang hatte ich mein Ziel längst erreicht. Ich ging völlig entspannt in diesen und schwang voller Freude. Dieses Gefühl konnte ich dann die ganze Saison mittragen. Am Schwarzsee lief es mir wieder fantastisch, und der Sieg am Kilchberger Schwinget war das i-Tüpfelchen auf diese grossartige Saison. Obwohl ich dies nicht speziell trainiert habe, spürte ich, dass ich mental parat bin. Ich konnte während der ganzen Saison locker in die Zweikämpfe gehen.»

Hast du zu Saisonbeginn gespürt, dass dies dein Jahr werden könnte? Oder warst du ob deiner Erfolge selbst erstaunt?

«Bevor ich in die Kranzfestsaison einstieg, hat Werner Schlegel schon drei Kranzfeste bestritten. Ich sah, wie gut es ihm lief, und ich wusste, ich kann auch auf diesem Level schwingen. Ich spürte, dass vieles möglich sein könnte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, ob ich mental stark genug bin, und dem Druck standhalten würde. Ich war dann am meisten überrascht, dass ich so locker und mit so wenig Nervosität an den Schwingfesten antreten konnte. Und dass ich mit so viel Freude schwingen durfte. Wie bereits erwähnt: Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es so gut herauskommen würde.»

Nach den beiden Bergkranzfestsiegen und vor allem dem Kilchberger Sieg bist du nun in aller Leute Mund. War der Rummel nach dem Saisonhöhepunkt gross?

«Ja, in der ersten Woche nach dem Kilchberger Schwinget war sehr viel los. Es war sehr schön, zugleich auch streng. Es galt, Interviews und viele Fragen zu beantworten. Ich habe es genossen und es war schön zu sehen wie sich die Leute an meinen Erfolgen freuten. Dies war eine neue Situation für mich, und ich konnte gut damit umgehen.»

Arbeitest du in einem 100 Prozent Pensum?

«Bis im Juni habe ich in einem 100 Prozent gearbeitet, welches ich ab Juli auf 90 Prozent gesenkt habe. Damit ich Zeit fand für ein zusätzliches Training am Mittwochnachmittag. Der Beginn war eine Woche vor dem Weissenstein Schwinget. Mit dem zusätzlichen Training strebten wir die Qualifikation für den Kilchberger Schwinget an, welche ich ja dann mit dem Sieg auf dem Solothurner Hausberg eine Woche später im Sack hatte. Dieses zusätzliche Training hat sich definitiv gelohnt. Und: Auch vor dem «Eidgenössischen» werde ich wieder mein Arbeitspensum reduzieren. Denn ich möchte mich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Es braucht viel Zeit für Training und Erholung.»

Scheinbar hast du den Lockdown und die Zwangspause im Jahr 2020 optimal genutzt. Wer und was hat dich so stark werden lassen?

«Dazu gehören viele Leute. Nebst meinen Klubkollegen zähle ich die Schwing-Trainer und Robin Städler, den Kraft- und Konditionstrainer, dazu. Wir sind ein gutes Team. Zudem haben wir auch im NOS-Verband eine sehr gute Truppe beisammen, welche trainingsfleissig ist und will. Je mehr mitmachen, je mehr hat man davon.»

Im Jahr 2019 gewann Damian beim Sertig-Schwinget sein erstes Schwingfest als Aktiver

Bild: feldwaldwiesenblogger

Etwas verwundert nahm man zur Kenntnis, dass ein so grosser Schwinger wie du den Münger-Spezial anwendet. Wie kam es dazu?

«So genau weiss ich das nicht mehr. Diesen Schwung habe ich schon als Jungschwinger im Training geübt. Ich wendete ihn damals schon bei Schwingfesten an, und gewann damit etliche Gänge. Ich habe mir betreffs Münger-Spezial Videos von Marcel Kuster und Schwingerkönig Silvio Rüfenacht angesehen. Beide Eidgenossen hatten diesen Schwung im Repertoire. Ich habe mich mit Kuster denn auch darüber unterhalten, und er gab mir einige Tipps. Am ESAF 2019 in Zug gewann der inzwischen zurückgetretene Appenzeller fünf Gänge mit «Münger», was mir sehr imponierte. Jetzt fokussiere ich mich im Training aber auf andere Schwünge, vor allem auf jene, welche ich nicht so gut beherrsche.»

Zwischen den Siegen auf dem Weissenstein und am Schwarzsee gab’s resultatmässig eine kleinere Berg- und Talfahrt. Einerseits Tops wie am Thurgauer Kantonalen oder am Bernisch-Kantonalen Schwingfest. Andererseits Flops wie am St. Galler Kantonalen und auf der Schwägalp. Wie erklärst du dir das?

«Dafür gibt’s eine einfache Erklärung. Vor dem St. Galler Kantonalen befand ich mich im Hoch, griff stets voll an und machte dabei meine Gegner müde. Ich bin wohl übermütig geworden, und wurde deswegen in Kaltbrunn zweimal ausgekontert. Unterschätzt habe ich meine Gegner nie, ich nehme jeden ernst. Ich wollte wohl zu schnell gewinnen, um Kraft zu sparen. Ich habe daraus gelernt, und wurde geduldiger. Was mir am «Kilchberger» im Gang gegen Matthias Aeschbacher, welchen ich kurz vor Gang-Ende bezwingen konnte, zum Vorteil gereichte. Auf der Schwägalp hatte ich anfänglich ein gutes Gefühl, und schwang im fünften Gang gar um den Schlussgang-Einzug. Ich verlor den Kampf gegen Michael Wiget aber relativ schnell. Im sechsten Gang haben mir dann die Nerven etwas versagt. Ich ging mit einem schlechten Gefühl in den Zweikampf, verlor diesen prompt und weiss nun, dass das nicht funktionieren kann. Ich habe daraus eine Lehre gezogen, und dies hat mir eine Riesenstärke verliehen für den letzten Gang in Kilchberg. Ich weiss jetzt, dass man mental parat sein muss, damit es am Schluss nach ganz vorne reicht. In einem Formtief befand ich mich nicht. Ich wusste stets, dass ich starke Gegner bezwingen kann. Am Schwarzsee habe ich das alles hinter mir gelassen, und es hat dann auch sehr gut funktioniert.»

Jetzt bist du nicht mehr Jäger, sondern Gejagter. Wie kommst du mit der neuen Rolle zurecht?

«Eigentlich bis jetzt sehr gut. Nach dem Kilchberger Schwinget bestritt ich mit dem Olma-Schwinget bisher erst ein Schwingfest. Es lief mir dabei mit vier gewonnenen und zwei gestellten Gängen sehr gut. Beim Anschwingen stellte ich mit dem späteren Sieger Nick Alpiger und im Gang zwei folgte ein weiterer «Gestellter» gegen Adrian Odermatt. Der junge Baselbieter hat sich sehr defensiv auf mich eingestellt. Im Winter werde ich daran arbeiten. Ich versuche dabei, ein Mittel zu finden, um auch passive Gegner bezwingen zu können.»

2022 wird eine andere Saison als 2021 und etliche Schwinger werden sich im Zweikampf mit dir passiver verhalten. Wie wirst du diesen Umstand in dein Wintertraining einbauen?

«Darum wird sich unser Trainer kümmern, welcher Trainings so gestalten wird, dass einer angreift und der andere dagegenhält. Ich werde dabei einen Schwung üben, welcher gegen passive Gegner effizient ist. Diesen Schwung werde ich hier nicht verraten. Weitere gute Ideen kommen aber auch von ehemaligen Spitzenschwingern wie Jörg Abderhalden, Urban Götte oder Dani Bösch. Diese versuchen uns Tipps zu geben, wie sie sich während ihrer Aktivzeit in solchen Situationen geschlagen haben.»

SRF schrieb diese Woche, dass der zweite Platz am letzten Sonntag nach dieser unglaublichen Saison schon kein grosser Erfolg mehr ist. Wie bist du persönlich mit dem Abschneiden am Olma-Schwinget zufrieden?

«Ich bin sehr zufrieden, und erwarte von mir nicht, dass ich nun jedes Schwingfest gewinne. Ich nehme das locker und habe mich über den zweiten Platz gefreut. Zudem: Ich habe mich sehr über die Schlussgangteilnahme von meinem Teamkollegen Marcel Räbsamen gefreut. Das ist zusätzliche Motivation fürs Wintertraining.»

Gibt’s jetzt nun Ferien? Und: Wann erfolgt der Trainingsstart für die neue Saison?

«Im Winter haben wir zwei Wochen Betriebsferien, jetzt gibt’s keine. Dann werde ich vermutlich ein Trainingslager bestreiten. Nach dem Kilchberger Schwinget haben wir eine zweiwöchige Trainingspause eingelegt. Anschliessend haben wir uns zu einer Trainingsbesprechung mit Robin Städler, Jörg Abderhalden und Urban Götte getroffen. Jörg hat uns dabei Videos gezeigt, und uns im Hinblick auf die nächste Saison sowie fürs Wintertraining Tipps gegeben. Urban gab uns ebenfalls wertvolle Tipps. Zudem haben wir mit Robin die Trainingsgestaltung besprochen. Das Kraft- und Konditionstraining haben wir mittlerweile aufgenommen. Anfangs November legen wir dann mit dem Schwingtraining los.»

feldwaldwiesenblogger

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