Thomas Sempach ist mit einem guten zweiten Rang am Hallenschwinget Oberdiessbach in die Saison gestartet. Er sagt: «Die Zweiklassengesellschaft ist Realität, da gibt es nichts schönzureden.»

Text: Schwinger-Blog

Der Emmentaler Thomas Sempach zeigte am vergangenen Wochenende beim Hallenschwinget Oberdiessbach, welches für einmal in Heimenschwand ausgetragen wurde, mit Rang zwei eine gute Leistung bei seinem Saisonstart. Für den im Januar 37 Jahre jung gewordenen Sennenschwinger war es ein Heimspiel in der Reithalle Rohrimoos. Er wohnt nämlich in Heimenschwand, einem Dorf in der Gemeinde Buchholterberg und bewirtschaftet dort mit seiner Familie einen Bauernhof. 

Thomas Sempach gewann 2021 das Waadtländer Kantonale

Bild: thsempach-eicherdigital.ch

Gute Frühform

Thomas zeigte sich in einer guten Frühform und feierte beim gut besetzten Schwingfest vier Siege. Er bodigte dabei Steve Duplan, Lorenz Berger, Florian Aellen und Gustav Steffen. Der Schlussgang zwischen ihm und Fabian Staudenmann endete nach 10 Minuten gestellt. Dem Mittelländer Staudenmann reichte der Vorsprung zum alleinigen Sieg. Die Punkte teilte Thomas zudem im dritten Gang mit dem Oberländer Jan Wittwer, mit welchem er in der Endabrechnung auch den zweiten Rang teilte. Trotz fortgeschrittenem Alter: Thomas ist nach wie vor Schwinger von Kopf bis Fuss. Man spürt bei ihm die Leidenschaft für diesen Sport aus jeder Faser seines Körpers.

107 Kränze und 10 Kranzfestsiege auf dem Konto

Die Erfolgszahlen von Thomas sind äusserst beeindruckend: 107 Kränze, 10 Kranzfestsiege und 22 regionale Festsiege. Der vierfache Eidgenosse besitzt zudem alle möglichen Kränze, die er als Emmentaler gewinnen kann und holte sich prestigeträchtige Siege wie jener auf dem Brünig oder der Schwägalp.

Thomas konnte sich trotz fünf Kränzen und dem Sieg am Waadtländer Kantonalen nicht für den letztjährigen Kilchberger Schwinget qualifizieren. Das zeigt einerseits die breite Dichte der Berner, andererseits aber, dass die Saison für Thomas durchzogen verlief. Man darf deshalb gespannt sein, was er 2022 zu leisten vermag. Der Start ist ihm auf jeden Fall gelungen.

Gespräch mit einem Mitglied der goldenen Generation

Wie eingangs erwähnt, führt Thomas in Heimenschwand einen Landwirtschaftsbetrieb mit 20 Milchkühen. Sein Bauernhof liegt etwas ausserhalb des Dorfes, und er betreibt ihn zusammen mit seiner Partnerin Andrea und den beiden Kindern Lia und Lorin. Zudem arbeitet Thomas in einem 40 Prozent Pensum als Maurer. Der 115 Kilogramm schwere und 186 Zentimeter grosse Athlet widmet sich in der Freizeit nebst dem Schwingsport seiner Familie, dem Krafttraining und der Viehzucht. Thomas hat den gleichen Jahrgang wie die Schwingerkönige Christian Stucki und Matthias Glarner: 1985. Diese goldene Generation hat den Schwingsport im Bernbiet nachhaltig geprägt. Thomas ist einer dieser Garde. Ihm hat der Schwinger-Blog einen Kratten Fragen gestellt, und einen Strauss an Antworten erhalten.

Der Schlussgang am Hallenschwinget Oberdiessbach zwischen Fabian Staudenmann und Thomas Sempach ging gestellt aus

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Mit dem zweiten Rang beim Hallenschwinget Oberdiessbach ist dir der Start in die Saison geglückt. Was für ein persönliches Fazit ziehst du?

«Es lief mir sehr gut. Ich wusste vor dem Schwingfest allerdings nicht genau, wo ich stehe. Denn: Die harten Gänge haben mir im Training durch die Abwesenheit von Matthias Aeschbacher und Patrick Schenk etwas gefehlt. Die beiden Athleten verbrachten halt eine längere Zeit im Sport-WK in Magglingen.»

Wie sieht dein Trainingsaufwand aus? Hat der sich im Vergleich zu jüngeren Jahren verändert? 

«Ich absolviere wöchentlich zwei bis drei Schwingtrainings. Hinzukommen Krafttrainings in meinem eigenen Kraftraum. Ich mache täglich etwas. 2014 übernahm ich von meinen beiden Onkeln den Bauernhof. Das war sehr einschneidend für mich. Von einem Tag auf den anderen bin ich nun zwischen 17 und 19 Uhr im Stall und kann in dieser Zeit kein Training besuchen. Aus diesem Grund habe ich mir in der Turnhalle in Heimenschwand einen eigenen Kraftraum eingerichtet.»

Was ist deine Motivation, mit 37 Jahren noch wettkampfmässig zu schwingen?

«Ich schwinge einfach gerne und gehe auch gerne ins Training. Voraussetzung ist, dass die Gesundheit mitmacht. Mir fehlen zudem wegen Verletzungen in jüngeren Jahren ein paar Saisons.»

Du hast mittlerweile 107 Kränze auf deinem Konto. Zum alleinigen Rekordhalter im Emmental fehlen dir noch vier Kränze. Strebst du diese Marke an?

«Das ist eine Zahl und diese ist nicht unbedingt meine Motivation weiter zu schwingen. Wenn Matthias Aeschbacher gesund bleibt, wird er dereinst mehr machen. Schwingen ist einfach meine Leidenschaft und dies führt mich zu meinem Grundsatz: Leidenschaft ist eine Eigenschaft die Leiden schafft.»

Ist nach dem ESAF in Pratteln Schluss?

«Das kann ich heute noch nicht sagen. Ich halte es mir offen, und werde nicht wie Dario Cologna meinen Rücktritt schon zu Saisonbeginn verkünden. Sowieso geht die Gesundheit vor, und ich habe aus meinen Verletzungen gelernt, sorgfältig zu planen. Was sicher feststeht ist, dass ich in einem Jahr einen neuen Stall bauen werde. Ob dies auf die Fortsetzung meiner Karriere Einfluss haben wird, sehen wir dann.»

Wie sind die Erinnerungen an deinen ersten Kranzgewinn?

«Die sind immer noch präsent. Das war 2002 am Mittelländischen Schwingfest in Niederscherli. Ich war damals 17-jährig und steckte mitten im Bauernlehrjahr. Im sechsten Gang bekam ich es mit einem Kranzschwinger zu tun. Ich setzte dabei alles auf eine Karte, gewann den Gang und meinen ersten Kranz. Am Abend bin ich dann wieder auf meinem Lehrbetrieb eingerückt.» 

Mit viel Herzblut und Leidenschaft für die Viehzucht

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Bekannt ist, dass du dir in jungen Jahren zweimal das Kreuzband gerissen hast. Hast du in der Folge die Schwingweise angepasst?

«Ich riss mir im linken und im rechten Knie das Kreuzband und war damals 17 respektive 20 Jahre alt. Das erste Mal passierte es einen Monat nach meinem ersten Kranzgewinn. Weiter ist mir die Kniescheibe zweimal rausgesprungen. Ich zog meine Lehren daraus und stellte meine Schwingweise in der Folge um. Vorher griff ich vor allem mit Brienzer und einhängen an. Ich eignete mir gerade Züge an, versuchte mich fortan mit Hüfter und schwang vermehrt aus der Flanke. Die beiden längeren Verletzungspausen hinterliessen bei mir einen bleibenden Eindruck. Meine gleichaltrigen Kollegen wie beispielsweise Matthias Sempach oder Matthias Siegenthaler wurden nun besser und besser und ich konnte nicht mittun. Ich lernte, Geduld zu haben und wollte mir zudem nicht vorwerfen, ich hätte nicht alles dafür gegeben, um weiter schwingen zu können. Ich weiss heute aus eigener Erfahrung, wie schnell es gehen kann und geniesse seither jeden Erfolg und bin dankbar für alles.»

Warst du seither verschont von schweren Verletzungen?

«2009 zog ich mir eine Verletzung am Fussgelenk zu, welche operiert werden musste. 2019 hatte ich einen Infekt in einem Ellbogen und durfte zwei Monate nicht schwingen. Seit 2010 konnte ich an jedem Kranzfest teilnehmen, an welchem ich startberechtigt war und durfte so über die letzten Jahre zwischen neun und zehn Kranzfeste jährlich bestreiten.»

Hast du als sehr erfahrener Schwinger Tipps für die jungen Athleten, wie man das Verletzungsrisiko minimieren kann?

«Der Kraftraum bedeutet für mich Unfallverhütung. 80 Prozent aller Übungen, die ich absolviere, sind Beinübungen. Den Bizeps trainiere ich gar nicht gross. Thomas Stauffer, heute Swiss-Ski-Herrencheftrainer, half mir seinerzeit bei der Umstellung des Trainings. Er lehrte mich, dass es wichtig ist, die Kräfte abzufangen. Haben Schwinger Probleme mit den Knien, ist es wichtig, das speziell zu trainieren. Es gilt dabei, die Muskulatur hinter den Knien gezielt aufzubauen. Wichtig ist, dass man immer dranbleibt.»

Von deinen schwingerischen Anfangstagen bis heute hat sich rings um den Schwingsport allerhand getan. Was beurteilst du positiv, was negativ?

«Der Schwingsport ist sehr populär geworden und ich habe den Wandel hautnah miterlebt. Es ist schön, dass Jung und Alt Freude am Schwingen haben und die Traditionen nicht nur erhalten, sondern auch aufleben lassen. Negativ ist, dass es fast Richtung Professionalität geht. Die Zweiklassengesellschaft ist bereits vorhanden, und dies muss nicht noch mehr gefördert werden. Es braucht einfach alle, um ein Schwingfest durchzuführen. Es soll eine Liga bleiben, vom einfachen Aktivschwinger bis hin zum Schwingerkönig. Zu dieser Eigenart muss man einfach Sorge tragen.»

Die Thurgauer Schwinger haben via den Nordostschweizer Schwingerverband eine Anfrage und einen Antrag zuhanden des ESV gestellt. Die Anfrage wurde in Bezug auf die «Einseitige Spitzensportförderung durch den ESV mit Bundesgeldern» gestellt. Der Antrag lautet: «Keine Bevorzugung gewisser Schwinger vom ESV während einer vom Bund verhängten Sperre für Amateursportarten». Die beiden Anliegen kommen an der an diesem Wochenende stattfindenden Abgeordnetenversammlung zur Sprache. Wie stehst du diesen beiden Ansinnen gegenüber?

«Es sind heikle Themen. Wie erwähnt, die Zweiklassengesellschaft ist Realität, da gibt es nichts schönzureden. Meines Erachtens sollte ein Sport-WK nicht länger gehen als drei Wochen. Dabei sollten alle Schwinger die Möglichkeit haben, diesen WK besuchen zu können. Ich kritisiere nicht die Schwinger, welche die WK’s besuchen. Sondern diejenigen, welche diese überzogene Möglichkeit bieten. Das zweite ist die Bevorzugung im letzten Frühling. Ich bin nun seit rund 18 Jahren Technischer Leiter in meinem Schwingklub Oberdiessbach. Ich war der einzige Schwinger, welcher hätte trainieren dürfen. Das stiess mir sauer auf. Das war nicht gerecht gegenüber den schwächeren Aktiven. Ich finde es negativ, dass dies der ESV ermöglicht hat. Für die Zukunft hoffe ich für mehr Rücksicht auf alle.»

Beim SCHLUSSGANG kann man lesen, dass du ein eigenes Videoarchiv mit Aufnahmen der letzten 20 Jahre besitzt. Welches sind deine liebsten Schätze darin?

«Das sind Filme von den «Eidgenössischen» 1989 und 1992. Mittlerweile habe ich sogar Material vom ESAF 1983 in Langenthal. Da wurde noch ohne grosses Sponsoring geschwungen, das beeindruckt mich sehr. Das Professionelle war noch kein Thema, man schwang am Sonntag und ging am Montag wieder arbeiten. Im Verlaufe der Zeit sammelte sich einiges an Filmmaterial an. Mein Archiv führe ich derzeit nicht mehr nach, dafür fehlt mir einfach die Zeit. Denn: Auf Platz eins und zwei folgen die Familie und der Bauernhof. Schwingen ist «nur» noch auf dem dritten Platz. Dereinst möchte ich meine Filme aber digitalisieren.»