Zweiklassengesellschaft im Schwingsport? ESV-Obmann Markus Lauener sagt: «Das wollen wir ganz klar nicht. Es braucht alle, vom Nichtkranzer bis hin zum Schwingerkönig.»

Text: Schwinger-Blog

Letztes Wochenende wurde an der Abgeordnetenversammlung (AV) des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV) das Thurgauer Anliegen «Keine Bevorzugung gewisser Schwinger des ESV während einer vom Bund verhängten Sperre für Amateursportarten» mit 89 zu 116 Stimmen knapp abgelehnt. Die Thurgauer Schwinger schrieben hinterher auf ihrer Facebook-Seite: «Kein Gehör für Thurgauer Anliegen». Das stimmt so sicher nicht. 89 Stimmen für dieses Ansinnen sind nicht von der Hand zu weisen. Und: Der Emmentaler Thomas Sempach meinte am vergangenen Wochenende in einem Beitrag auf dem Schwinger-Blog: «Die Zweiklassengesellschaft ist Realität, da gibt es nichts schönzureden.» Die Thurgauer, aber auch Sempach nehmen mit Bedauern zur Kenntnis, dass man auf höchster Verbandsstufe offensichtlich bereit ist, diese besagte Zweiklassengesellschaft in Kauf zu nehmen. Wirklich? Dieser und anderen Fragen geht heute der Schwinger-Blog in einem Gespräch mit Markus Lauener, dem ESV-Obmann, nach.

Markus Lauener ist seit 2020 ESV-Obmann

Bild: esv.ch

Thurgauer Antrag: Breitabgestützt in der Nordostschweiz

Der Vorstand des Nordostschweizer Schwingerverbandes (NOSV) stimmte dem Thurgauer Antrag einstimmig zu, bevor die Delegierten im Februar diesen mit 215 Ja- zu 16 Nein-Stimmen zuhanden der Abgeordnetenversammlung des ESV weiterleiteten. Der Thurgauer Antrag wurde an der AV vom zurückgetretenen Eidgenossen Tobias Krähenbühl, Präsident des Schwingerverbandes Unterthurgau, eingehend erörtert. Das Ansinnen hat in seiner Philosophie den Gedanken, dass in Zukunft bei einer Krise keinem Schwinger, ob nun Schwingerkönig oder Nichtkranzer, einen Trainingsvorteil zugestanden wird. Markus Lauener erläuterte die Beweggründe des Zentralvorstandes, der Technischen Kommission und des Aktiven-Rates für deren Vorgehen im Winter/Frühjahr 2021. Man befand die stufenweise Öffnung damals als einzige Möglichkeit. Verschiedene weitere Votanten beleuchteten Pro und Contra des Antrages. So meldete sich unter anderem Simon Schild, der Technische Leiter und Vizepräsident des Thurgauer Kantonalen Schwingerverbandes, mit einer Pro-Empfehlung zu Wort. Eine Contra-Empfehlung gab Stefan Strebel, der technische Leiter des ESV, ab. Schliesslich wurde der Antrag mit bloss 27 Stimmen Unterschied, bei 9 Enthaltungen, abgelehnt. 

Zweites Anliegen der Thurgauer

Parallel zum Antrag stellte der Thurgauer Kantonale Schwingerverband eine Anfrage in Bezug auf die «Einseitige Spitzensportförderung durch den ESV mit Bundesgeldern» an den NOSV. Die Anfrage wurde am 1. Januar an Stefan Strebel weitergeleitet. Laut der Website der Nordostschweizer Schwinger hat der Technische Leiter vom ESV zurückgemeldet, dass er die Fragen klären werde und die Kommunikation anschliessend in einem stufenweisen Vorgehen über den Zentralvorstand und die Technische Kommission des ESV erfolgen wird. 

Der Antrag und die Anfrage sowie das knappe Abstimmungsergebnis zeigen, dass man sich nicht nur in der Nordostschweiz um den Schwingsport sorgt. Die Thurgauer, und mit ihnen wohl ein nicht zu unterschätzender Teil der Schwingerfamilie, befürchten, dass der ESV eine Zweiklassengesellschaft zulassen könnte. Diese Befürchtungen und wie dem der ESV entgegenwirken möchte, sind die nachfolgenden Themen im Gespräch mit Markus Lauener. Zur Sprache kam aber auch, dass der Obmann an der AV mit den Thurgauern zusammengesessen ist und sich mit ihnen ausgesprochen hat.

Markus Lauener hat sich an der AV am Schwarzsee mit den Thurgauern ausgesprochen: «Im Moment ist die Angelegenheit zur Zufriedenheit aller geregelt.»

Bild: Barbara Loosli

Der SCHLUSSGANG schreibt in seiner neusten Ausgabe: «Die Corona-Massnahmen sind zumindest vorerst vom Tisch, noch nicht aber aus den Köpfen aller Funktionäre und Schwinger.» Könnten dies auch die Gedanken des Zentralvorstandes beim Erhalt des Thurgauer-Antrages gewesen sein?

«Nein, diese Gedanken kamen bei uns nicht auf. Denn: Ich sehe da keinen Zusammenhang.»

Nimmt der ESV die Zweiklassengesellschaft tatsächlich in Kauf?

«Wir wollen ganz klar keine Zweiklassengesellschaft. Nach einem fast schwingfestfreien 2020 wollten wir, dass 2021 nach Möglichkeit geschwungen werden kann. Unsere Entscheidungen basierten auf den Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Unser Ziel war, dass möglichst alle, und möglichst bald eine Rückkehr ins Sägemehl erfolgen konnte. Das ging vorerst nicht, und es war in dem Moment der einzig gangbare Weg. Wenn wir tatsächlich eine Zweiklassengesellschaft wollten, hätten wir das längstens einführen können. Es braucht im Schwingsport alle, vom Nichtkranzer bis hin zum Schwingerkönig. Zudem, was heisst Zweiklassengesellschaft schon? Der Begriff ist dehnbar. Einige Schwinger machen mehr für den Erfolg, andere halt weniger.»

«Kein Gehör für Thurgauer Anliegen» schrieben diese nach der Abstimmung. Geht man nach dem knappen Abstimmungsergebnis nun einfach zur Tagesordnung über?

«Wir hoffen alle, dass wir nie mehr so eine Situation haben werden. Wir vom ZV gehen nicht einfach so zur Tagesordnung über. Für uns ist es zum Beispiel ein Riesenanliegen, dass den Mittelschwingern, welche 2021 teilweise in grosser Zahl fehlten, grosse Beachtung geschenkt wird. Dass die Klubs alles unternehmen, um diese Schwinger wieder zurückzugewinnen. Es hat mich positiv gestimmt, dass vor zwei Wochen am Hallenschwinget Oberdiessbach 97 Schwinger teilgenommen haben. Im Teilnehmerfeld waren einige Athleten, welche letzte Saison nicht geschwungen haben.»

Eine Antwort betreffs der «Einseitigen Spitzensportförderung durch den ESV mit Bundesgeldern» ist noch hängig. Wann erfolgt die Kommunikation bezüglich der Spitzensport-WK’s?

«Die Kommunikation wird demnächst in einem ESV-Newsletter erfolgen. Wir haben zu diesem Anliegen gründlich recherchiert. Den Anfragestellern haben wir inzwischen in einem Schreiben die Antworten gegeben. Anhand der Gespräche, die ich rings um die AV am Schwarzsee führte, sind die Thurgauer mit den Antworten zufrieden. Sollten noch Unklarheiten oder Fragen auftauchen, bin ich jederzeit bereit, mit ihnen zusammenzusitzen.»

Obmann Markus Lauener sagt: «Es hat mich positiv gestimmt, dass vor zwei Wochen am Hallenschwinget Oberdiessbach 97 Schwinger teilgenommen haben»

Bild: Schwinger-Blog

Thomas Sempach sagt in einem Beitrag im Schwinger-Blog: «Meines Erachtens sollte ein Sport-WK nicht länger gehen als drei Wochen. Dabei sollten alle Schwinger die Möglichkeit haben, diesen WK besuchen zu können. Ich kritisiere nicht die Schwinger, welche die WK’s besuchen. Sondern diejenigen, welche diese überzogene Möglichkeit bieten.» Was entgegnest du diesem gestandenen Schwinger?

«Sempach’s Gedanken entstammen aus der Anfrage der Thurgauer. TK-Chef Stefan Strebel hat nun dazu ein neues Anforderungsprofil ausgearbeitet. Darin enthalten sind die Kriterien, wer darf, welche Resultate es dafür braucht und wie lange die WK’s dauern. Es geht auch um mehr Transparenz in dieser Angelegenheit. Bis jetzt war das kein Thema, und es wurde auch nicht gefordert. Angefangen hat das Ganze mit der Spitzensport-RS von Kilian Wenger. Daraus entstanden die Spitzensport-WK’s mit einem Kontingent an Schwingern, was im übrigen nicht der ESV entscheiden kann. Es gab schon Zeiten, da hatten wir Mühe, das Kontingent auszuschöpfen. Mittlerweile ist das Interesse wieder grösser.»

Wie will man sicherstellen, dass die Professionalität tatsächlich nicht noch mehr überhandnimmt und das Schwingen eine Liga bleibt?

«Unser Anliegen ist, dass die Schwingfeste ihren jetzigen Charakter beibehalten. Solange die Schwingfeste in der Hand des Verbandes bleiben und es keine «Spezialschwingfeste» nebst den traditionellen Anlässen gibt, wird das Schwingen eine Liga bleiben. Betreffs Sponsorings haben einige Schwinger schon andere Möglichkeiten als andere. Wir laufen dank unseren Strukturen aber nicht Gefahr, dass es auf eine Seite kippt. Ich habe keine Angst, dass die Professionalität in unserem Schwingsport überhandnehmen könnte.»

Man sieht beim Anliegen der Thurgauer und dem knappen Abstimmungsergebnis sowie bei den Äusserungen von Thomas Sempach deutlich, dass Gesprächsbedarf vorhanden ist. Wäre nicht ein runder Tisch mit ihnen angebracht? 

«Unser Angebot für Gespräche steht jederzeit. Ich bin überdies an der AV mit den Thurgauern zusammengesessen. Im Grundsatz ist ihr Antrag nicht verkehrt. Es ist aber nun ein Entscheid gefallen. Dabei gab es keine Sieger oder Verlierer. Wir haben uns ausgesprochen, und im Moment ist die Angelegenheit zur Zufriedenheit aller geregelt.»