ESAF-Rückblick mit Stefan Strebel – der TK-Chef sagt: «So wie die Einteilung funktioniert hat, haben auch die Schwinger funktioniert.»

Text: Schwinger-Blog

Das Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest (ESAF) in Pratteln ist bereits wieder Geschichte. Das stimmungsvolle «Eidgenössische» vor den Toren Basels in der Nordwestschweiz bot von Schwingsport vom Feinsten, über Spektakel bis hin zum Drama alles, was das Schwingerherz begehrt. Natürlich kam auch das Drumherum samt urchiger Folklore und einem schön orchestrierten Festakt nicht zu kurz. Kurz: Das ESAF 2022 schrieb seine eigene Geschichte und wird den Schwingern und Zuschauern in bester Erinnerung bleiben. Und: Die Innerschweiz konnte nach 36 Jahren mit Joel Wicki endlich ihren zweiten Schwingerkönig feiern.

Einer der die Geschicke in Pratteln massgeblich mitprägte war der Technische Leiter vom Eidgenössischen Schwingerverband (ESV). Die NZZ erklärte in einem Beitrag: «Zu einem Sieger des Fests wurde auch der Funktionär Stefan Strebel». Denn: Bei der Einteilung der Spitzenpaarungen vor dem ersten Gang schlug ihm teils harsche Kritik entgegen. Die NZZ schreibt weiter: «Doch seine Taktik erwies sich als ausgeklügelt. Und das dürfte ihm, der als Nonkonformist in diesem Sport hie und da aneckt, Auftrieb geben.» Der Schwinger-Blog unterhielt sich heute mit Stefan Strebel, und liess mit ihm zusammen das ESAF nochmals Revue passieren. Angesprochen wurde aber auch der VAR, und ob nun Reformen angepackt werden sollen.

TK-Chef Stefan Strebel prägte massgeblich die Geschicke am ESAF in Pratteln

Bild: srf.ch

Bei deinem Instagram-Account war nach dem ESAF zu lesen: «Eine Einteilung am Limit». Kannst du das erläutern?

«Aus meiner Sicht sind wir sehr viel Risiko eingegangen. Ich habe bereits bei der Einteilung der Spitzenpaarungen gewisse ungeschriebene Gesetze gebrochen. Am ESAF erlebten wir an der Spitze ein Wechselbad der Gefühle. Am Schluss ist zum Glück alles aufgegangen und wir haben nun einen würdigen Schwingerkönig.»

Bist du grundsätzlich zufrieden mit der Einteilung von dir und deinem Team?

«Ich bin sehr zufrieden. Es wurde brenzlig, glücklicherweise gab es eine Entscheidung im Schlussgang. Wenn wir drei Erstgekrönte gehabt hätten, wäre ich nicht zufrieden. Das Krönen eines Schwingerkönigs war das i-Tüpfelchen des Fests.»

Hast du dir vorher als Ziel gesetzt, möglichst spannende Paarungen für jeden Gang einzuteilen?

«Ja, dieses Ziel habe ich mir gesetzt. Und: Auf dem Schwingplatz gab es Entscheidungen und die Schwinger haben mitgemacht. Aber: Nicht nur die Spannung ist wichtig. Es muss auch fair eingeteilt werden und die Übersicht über das Fest darf nicht verloren gehen.»

Die von dir eingeteilten Spitzenpaarungen für den ersten Gang überraschten die meisten Schwingerfreunde. Ein Teil freute sich, dass du dich kaum um irgendwelche ungeschriebenen Gesetze geschert hast. Ein anderer Teil der Schwing-Fans kritisierte dies vehement. War es dein Bestreben, mit den Spitzenpaarungen schon vor dem ESAF zu überraschen und Diskussionen auszulösen?

Seit dem Eidgenössischen 2019 in Zug ist einiges passiert. 2020 konnte gar nicht geschwungen werden und viele Schwinger waren bis kurz vor dem ESAF in Pratteln verletzt. Diese Tatsachen hatten klar einen Einfluss auf die Einteilung für den ersten Gang. In meine Überlegungen nahm ich den Kilchberger Schwinget und die 17 von mir besuchten Schwingfeste in diesem Jahr auf. Da kam ich nicht umhin, gewisse ungeschriebene Gesetze zu brechen.»

Nach 36 Jahren durfte die Innerschweiz mit Joel Wicki wieder einen Schwingerkönig bejubeln

Bild: bazonline.ch

Wie beurteilst du die gezeigten Leistungen der Schwinger am «Eidgenössischen»?

«Ich finde, es wurde sehr offensiv geschwungen. Die Schwinger wollten zeigen, was sie können. So wie die Einteilung funktioniert hat, haben auch die Schwinger funktioniert.»

Wie stufst du als Chef-Techniker vom ESV das Abschneiden der einzelnen Teilverbände ein?

«Schwingerkönig Joel Wicki überstrahlt die nicht gute Kranz-Bilanz der Innerschweizer. Die Nordwestschweizer feierten einen historischen Kranzerfolg, und konnten bis zuletzt an der Spitze mithalten. Die Nordostschweizer Königskandidaten gingen unter, mit der Kranzausbeute dürfen sie aber zufrieden sein. Die Berner widerspiegelten ihre Stärke nicht nur in den Spitzenpaarungen, sondern auch mit der Anzahl der gewonnenen Kränze. Die Südwestschweizer dürfen mit ihrer Kranzausbeute zufrieden sein. Sie sind ein aufstrebender Verband.»

Die Entscheidung im Schlussgang war wegen fehlenden Hosengriffs umstritten, ebenso diejenige im Gang zwischen Pirmin Reichmuth und Bernhard Kämpf. Bist du mit den Kampfrichter-Leistungen insgesamt zufrieden?

«Ja, bin ich. Beim Kampf Reichmuth-Kämpf war die Entscheidung korrekt. Das Regelwerk besagt, dass für ein Resultat beide Schultern ganz unten sein müssen. Das waren sie aber nicht. Tatsache ist, dass die blitzschnelle Entscheidung im Schlussgang niemand sehen konnte. Ich bin überdies mit den gezeigten Kampfrichter-Leistungen in dieser Saison zufrieden. Dank den unzähligen Zeitlupen im TV stehen die Kampfrichter noch mehr im Fokus. Aber: Es gab schon früher nicht mehr oder weniger Fehler im Kampfrichter-Wesen.»

Wie geht es weiter mit dem Kampfrichter-Wesen?

«Wir intensivieren die Ausbildung. Angedacht ist ein Trainingslager für Kampfrichter in Magglingen, und zwar mit einer ERFA-Gruppe aus anderen Sportarten. Es geht dabei um einen Erfahrungsaustausch.»

Es heisst, dass du das umstrittene Hilfsmittel VAR (Video Assistant Referee) gerne im Schwingen austesten möchtest. Gibt es schon Ideen dazu?

«Ich habe den VAR vor neun Monaten an einer Sitzung traktandiert. Ich habe dabei nur gesagt, dass ich dies einmal an einem Schwingfest testen möchte. Aber: Es gibt kein Konzept, und die Idee ist momentan ad acta gelegt.»

Das ESAF 2022 in Pratteln bot von Schwingsport vom Feinsten, über Spektakel bis hin zum Drama alles, was das Schwingerherz begehrt 

Bild: Schwinger-Blog

Etliche Kommentar-Schreiber liessen in den letzten Tagen verlauten, dass das Schwingen den Videobeweis nicht braucht. In einem Kommentar war zu lesen, dass dafür eine Reform für wichtige Schlussgänge angebracht ist. Die NZZ schreibt: «Zwei Kampfrichter im Ring hatte es früher schon einmal gegeben. Jenen, die im Schwingen Reformen scheuen, könnte man dieses Vorgehen also als Wiedereinführung verkaufen.» Deine Meinung dazu?

«Mehrere Leute können die Suppe auch versalzen. Meiner Meinung nach reicht ein Platzchef. Um Winkel abzudecken, könnten die beiden Kampfrichter am Tisch beispielsweise an verschiedenen Orten sitzen. Ich möchte aber an den drei Kampfrichtern festhalten. Erneuerungen kann man aber durchaus traktandieren.»

In einem NZZ-Kommentar war zudem zu lesen: «Schwingen am Scheideweg: Will man den Status quo bewahren, braucht es ein klares Bekenntnis zum Spitzensport. Und damit Reformen im Sägemehl.» Was sagst du dazu?

«Es muss nichts am Status quo geändert werden. Ich sehe nämlich keinen Scheideweg. Diesen gäbe es, wenn etwas nicht erfolgreich ist. Überdies gewannen nicht nur Spitzenschwinger Kränze. Das ESAF brachte 21 Neueidgenossen hervor, die nächste Generation ist also eingeläutet. Die älteren Schwinger dürfen beruhigt in den Ruhestand gehen, wir haben keine Überalterung im Schwingsport.»

Gibt es nach dem ESAF Aspekte, die du möglichst rasch anpacken möchtest?

«Ins Kampfrichter-Wesen müssen wir vielmehr investieren, dazu gehört auch die Teambildung. Weiter möchte ich auch den Gang an den Brunnen und die Medical-Time (medizinischer Unterbruch) unter die Lupe nehmen.»

Ist die künftige Zusammensetzung der Einteilung an Bergkranzfesten auch ein Aspekt? Schwingerkönig Matthias Sempach forderte nach dem umstrittenen Stoos-Schwinget, dass diese künftig paritätisch aus den teilnehmenden Teilverbänden zusammengesetzt sein soll.

«Wenn ein Schwingerkönig etwas sagt, hat das medial eine grosse Auswirkung. Ich habe Verständnis für seine Äusserung und bin selbst für so einen Ausgleich. Aber: Solche Entscheidungen müssen erst durch alle Gremien. Die Entscheidung liegt primär bei den Berg-OK’s. Es könnte darum schwierig werden, das durchzubringen.»