Wie geht es eigentlich dem Freiburger Eidgenossen Lario Kramer? Er sagt: «Es braucht noch einen Moment, bis ich wieder das volle Vertrauen in mein Knie habe.»

Text: feldwaldwiesenblogger

Lario Kramer, der Neueidgenosse von Zug, bestritt den grössten Teil der letztjährigen Saison. Anfangs September zog sich der Freiburger aber eine Verletzung im Training zu. Die Fortsetzung der Saison war hernach leider gelaufen, und der Traum einer Teilnahme am Kilchberger Schwinget geplatzt.

Lario Kramer ist seit dem ESAF 2019 in Zug Eidgenosse

Bild: Lario Kramer

Bis zur Verletzung starke 2021er-Saison

Lario startete sehr gut in die Saison. Gleich zu Beginn setzte er mit Rang 3e am Stoos-Schwinget in Ibach SZ eine Duftmarke. Eine Woche später sicherte sich der Stoos-Sieger von 2018 an gleicher Stelle am «Innerschweizerischen» mit Platz 2a eine weitere Spitzenklassierung. Es folgte das eigene Teilverbandsfest in der Südwestschweiz, an welchem Lario erst im Schlussgang gebremst wurde. Dies von niemand geringerem als seinem Kumpel und Trainingskameraden Remo Käser. Es schaute Rang 5a heraus. Mitte August fuhr das Mitglied vom Schwingklub Kerzers auf der Schwägalp einen weiteren Spitzenplatz ein: Rang 3e. Und eine Woche später holte sich Lario am Freiburger Kantonalen bereits den fünften Saisonkranz (Rang 3). Bis zur Verletzung zeigte der in Galmiz FR wohnende Sennenschwinger eine hervorragende Saison und unterstrich mit dem Gewinn von Eichenlaub beim Stoos-Schwinget, ISAF und Schwägalp-Schwinget seine grossartige Form. Mehr noch: Lario etablierte sich so zum Team-Leader der Südwestschweizer.

Lario Kramer am Fusse des grossen Mythen mit dem gewonnenen Stoos-Kranz

Bild: Lario Kramer (Facebook)

Verletzung zwei Tage vor dem Schwarzsee-Schwinget

Der 23-Jährige hat sich mittlerweile gut von der Verletzung erholt und befindet sich inmitten der Vorbereitung auf die neue Saison. Wir blenden zurück: Am 3. September, zwei Tage vor dem Schwarzsee-Schwinget, passierte es. Der 186 Zentimeter grosse und 100 Kilogramm schwere Athlet zog sich im Training im rechten Knie eine fatale Aussenband-Verletzung zu. Lario sagt dazu: «Es war in jenem Training, an welchem ich mir ein gutes Gefühl für den Schwarzsee-Schwinget holen wollte.» Daraus wurde leider nichts. Es folgte eine Operation, an welchem dem 31-fachen Kranzschwinger der Meniskus genäht wurde. Die Verletzung am Aussenband wurde konservativ behandelt. Lario musste während sechs Wochen eine Schiene tragen. Dank dieser konnte er zwar laufen, an geordnetes Training war aber nicht zu denken. Angesagt war dreimal die Woche Physiotherapie. Den Oberkörper durfte der gelernte Gemüsegärtner in dieser Zeit so gut es ging mit entsprechenden Übungen und Geräten trainieren. Die Heilung verlief glücklicherweise nach Plan. Nach sechs Wochen kam die Schiene weg, und Lario durfte mit dem operierten Knie gezielt Bewegungen und Übungen machen. 

Schwierige Zeit

Nach der Verletzung sind nun vier Monate vergangen. Lario ergänzt: «Es war eine mühsame Zeit, und ich war mich das bis anhin nicht gewohnt. Denn: Es war die bisher gravierendste Verletzung in meiner Karriere. Momentan fehlt mir noch ein wenig die Mobilität.» Der siebenfache Teilverbandskranzer hat in dieser für ihn nicht einfachen Zeit viel mit seinem engsten Umfeld, der Familie und seinen Kollegen, unternommen. «Mit Leuten, die mir guttun», wie er sagt. Gedanken wie «Warum passierte das ausgerechnet mir?» gingen dem zweifachen Kranzfestsieger kurz nach der Verletzung durch den Kopf. Lario führt weiter aus: «Bis zur Operation war es für mich am schlimmsten. In dieser Zeit hätte ich den Kopf am liebsten in den Sand gesteckt. Als ich dann nach der Operation das Spital verlassen durfte, ging es bergauf. Ich wusste, dass es nur noch besser werden konnte. Mit meinen Trainern und der Physiotherapie haben wir das Bestmögliche unternommen. Ich habe versucht, laufend zu steigern und freute mich an den kleinen Fortschritten. Das hat mir von Anfang an den Druck genommen. Mir war bewusst, dass es seine Zeit braucht, bis das ganze verheilt ist.»

Am Schwägalp-Schwinget bezwang Lario Kramer im dritten Gang den Thurgauer Domenic Schneider

Bild: Barbara Loosli

Wettkampfmässiges Schwingtraining ist wieder möglich

Lario kann nun wieder normal trainieren. Pro Woche absolviert er drei Schwingtrainings, zwei Krafttrainings und weitere Einheiten für die Kondition. Just in dieser Woche durfte der Südwestschweizer wieder mit wettkampfmässigem Schwingtraining beginnen. Er sagt dazu: «Es braucht noch einen Moment, bis ich wieder das volle Vertrauen in mein Knie habe.» Lario arbeitet derzeit in einem 80 Prozent Pensum beim Familienbetrieb in Galmiz. Im letzten Sommer schloss er ein Zusatzstudium zum Agrokaufmann ab. Im Hinblick auf die bevorstehende Saison und genügend Erholung will der sechsfache Bergkranzer dieses Pensum beibehalten. Von Dezember bis März ist Lario überdies etappenweise während insgesamt sechs Wochen in Magglingen, und absolviert dort den Spitzensport-WK. Unter der Leitung von Schwingerkönig Matthias Glarner benutzt er die Möglichkeit, zusammen mit anderen Spitzenschwingern zu trainieren.

Das Ziel ist, beim Start in die Kranzfestsaison parat zu sein

Lario sagt: «Wenn alles gut läuft, kann ich im Frühling als Vorbereitung an Rangschwingfesten teilnehmen. Das Ziel ist, dass ich spätestens zum Start in die Kranzfestsaison wieder zu 100 Prozent parat bin.» Wie eingangs erwähnt, zeigte der Sieger vom Walliser Kantonalen 2019 bis zur Verletzung eine hervorragende Saison. Rückblickend meint er dazu: «Ich habe eine solide Leistung gezeigt und eine gewisse Konstanz an den Tag gelegt. Ich habe zudem weniger Kämpfe verloren, manchmal auch den einen oder anderen Gang gestellt. Schade war, dass mir ein Festsieg verwehrt blieb. Das wäre eine zusätzliche Motivation gewesen.» Lario hat es ziemlich gefuchst, dass er sich so kurz vor dem Heimbergfest am Schwarzsee und ein paar Wochen vor dem Kilchberger Schwinget verletzt hat. «Es war schon nicht einfach, diese beiden Feste zu verpassen. Vor allem auch, da 2020 kaum Schwingfeste stattfanden. Aber diese Situation war ja für alle gleich. Nun freue ich mich riesig auf die neue Saison», ergänzt der Neueidgenosse von Zug zum Abschluss.

feldwaldwiesenblogger

Wie geht es eigentlich dem Schwyzer Eidgenossen Michael Gwerder? Er sagt: «Ans Schwingen darf ich noch gar nicht denken.»

Text: feldwaldwiesenblogger

Die Verletzungshexe hatte letzte Saison die Innerschweizer in starkem Masse heimgesucht. Überdurchschnittlich viele Schwinger zogen sich Verletzungen zu, einige davon schwere. Der Schwyzer Michael Gwerder ist einer davon. In der Saison 2019 ging sein Stern so richtig auf, und das i-Tüpfelchen auf einer erfolgreichen Saison war der Eidgenössische Kranz am ESAF in Zug. 

Michael Gwerder als frischgebackener Eidgenosse

Bild: isv.ch

Hoffnungsvoll in die 2021er-Saison gestartet

Der gelernte Maurer startete hoffnungsvoll in die 2021er-Saison, gewann den Abendschwinget Weggis und wurde Zweiter am UKSV Rangschwinget (Ü20) in Schattdorf. Mit zwei tollen Resultaten im Gepäck startete der inzwischen 21-Jährige am 26. Juni am Stoos-Schwinget in Ibach. Dort reüssierte Michael sofort und bezwang im ersten Gang den späteren Kilchberg-Sieger Fabian Staudenmann. Im zweiten Gang zog Johann Borcard den Kürzeren, ehe im dritten Gang gegen Raphael Arnold ein «Gestellter» folgte. Für den vierten Gang wurde dem Brunner Matthias Aeschbacher zugeteilt. Der Kampf ging verloren, aber nicht nur das: Michael zog sich dabei eine schwere Knie-Verletzung zu. Seit diesem Unfall sind nun mehr als sechs Monate vergangen. Der Schwinger-Blog fragte deshalb beim Schwyzer Eidgenossen nach, und wollte wissen, wie es ihm geht.

Porträt im Schwinger-Blog

Der Schwinger-Blog widmete sich am 27. Dezember 2018 Michael und verfasste ein Porträt über den talentierten Schwinger. Der Neueidgenosse von Zug ist eine grosse Nachwuchshoffnung der Innerschweizer. Mit den drei Bergkränzen vor dem ESAF und eben diesem Eidgenössischen Kranz hievte sich der bärenstarke Modellathlet bereits als 19-Jähriger zum Spitzenschwinger und Leistungsträger empor. Von den Verantwortlichen des Innerschweizer Verbandes bis hin zu den Schwingerfreunden würden sich alle freuen, wenn der ruhige und bescheidene Sennenschwinger möglichst bald wieder seinen unwiderstehlichen «Kurz» auf den Schwingplätzen anwenden kann.

Michael Gwerder gewann 2021 beim Abendschwinget Weggis sein erstes Schwingfest als Aktiver

Bild: esv.ch

Operation am rechten Knie

Auf die Frage wie es ihm gehe, meint Michael: «Den Umständen entsprechend geht es mir gut. Voraussichtlich ab Februar kann ich wieder zu 50 Prozent meinem Beruf als Maurer nachgehen. Für diesen Job braucht’s Muskeln und das Vertrauen in den Körper. Zum Glück steht mein Chef zu 100 Prozent hinter mir.» Dann holt der in Ingenbohl wohnhafte Schwinger etwas aus, und erzählt von seiner Verletzungsgeschichte. Am Stoos-Schwinget passierte es im vierten Gang im Kampf mit Matthias Aeschbacher. Michael hörte ein Knacken, und bekam etwas später die Diagnose: Im rechten Knie riss das vordere Kreuzband, der Meniskus kam zu Schaden und das Aussenband wurde auch in Mitleidenschaft gezogen. Die nötige Operation, welche im Juli im St. Anna in Meggen vorgenommen wurde, verlief gut. Geflickt wurden dabei das Kreuzband und der Meniskus. Das Aussenband behandelte man konservativ.

Starke Schwellung am operierten Knie

Das operierte Knie von Michael war nach der Operation stark geschwollen. Die Schwellung klang auch nach acht Wochen noch nicht ab. In der Physiotherapie wurde alles versucht, zur Anwendung kamen auch Lymphdrainage und Elektrotherapie. Der dreifache Bergkranzer hielt sich an die Vorgaben und übertrieb es keineswegs mit überforcierten Übungen. «Ich ging drei- bis viermal pro Woche zur Physiotherapie, machte die mir aufgetragenen Übungen und lagerte für einen optimalen Heilungsprozess das Bein hoch», ergänzt der 12-fache Kranzschwinger. Die Therapeuten konnten sich das Verhalten seines Knies auch nicht erklären. Der Arzt versuchte die Schwellung mit einer Spitze zu punktieren und die darunter gebildeten Eiweissklumpen herauszuziehen, ohne Erfolg. Eine erneute Operation war nötig. Dabei wurden die Klumpen herausgespült. Zudem wurde untersucht, ob ein Infekt vorlag. Das war glücklicherweise nicht der Fall. Nach diesem Eingriff ging es Michael’s Knie eine Woche gut. Dann bildete sich wieder eine Schwellung. 

Vier Monate an Krücken gelaufen

Beim erneuten Gang zum Arzt erklärte dieser Michael, dass das Kreuzband gut am Verheilen sei. Die Reaktion seines Körpers sei aber ein Extremfall. Eine weitere Säuberung des Knies würde nichts bringen. Gefragt seien Geduld und das Weiterführen der bisherigen Therapiemassnahmen. Diese wurden mit dem Auftragen von «Kabiswickel» und «Munggensalbe» ergänzt. So nach und nach trat eine Besserung im geschwollenen Knie ein. Michael erläutert: «Ende November war dann die Schwellung endlich abgeklungen. Ich durfte mein Bein wieder trainieren. Vermutlich wegen Überbelastung schwoll das Knie leider wieder an. Dies warf mich drei Wochen zurück.» Im Verlauf des Dezembers ging es aber endlich aufwärts. Insgesamt lief der «Mythenverbändler» vier Monate an Krücken, und ist aktuell daran, die zurückgebildete Muskulatur mittels Physiotherapie wieder aufzubauen. Er ist zudem dabei, wieder richtig laufen zu lernen. Michael ist bewusst, dass er gut auf seinen Körper hören muss, und gestaltet dementsprechend auch sein Training. «Ich habe immer versucht, aktiv zu bleiben, damit ich nicht einroste. Den Oberkörper habe ich so gut es ging trainiert. Im Sitzen habe ich Krafttraining für meine Schultern und meine Arme absolviert», schliesst der 100 Kilogramm schwere und 188 Zentimeter grosse Athlet dieses Kapitel ab.

Hoffnungsvoller Blick in die Zukunft. Michael Gwerder sagt: «Es ist ein Lernprozess, welchen ich momentan beschreite. Das ist neu für mich. Ebenso der Umgang nach einer schweren Verletzung.»

Bild: esv.ch

Motivation durch Gespräche mit anderen Schwingern

Michael erzählt, dass ihm Gespräche mit Schwingern, welche ebenfalls wegen Knieverletzungen länger pausieren mussten, geholfen haben. Der Maurer ergänzt: «Ich habe mit Pirmin Reichmuth, Christian Schuler, Philipp Laimbacher und Dario Gwerder gesprochen. Sie hatten teilweise ähnliche Verletzungen. Sie erzählten mir von ihren gemachten Erfahrungen während Verletzungen und anschliessender Rehabilitation. Das war sehr hilfreich und zugleich motivierend.»

«Ans Schwingen darf ich noch gar nicht denken»

Mit gezieltem Aufbautraining versucht Michael nun, die Muskulatur ums Knie wieder aufzubauen und dieses gut zu trainieren. Nach einem Plan macht er Übungen für sein Bein und das Knie. Der Kurzzüger erklärt: «Ich nehme Tag um Tag, manchmal geht’s besser, manchmal weniger gut. Anhand der Fortschritte wird entschieden, wie es weitergeht. Ich habe gelernt, dass jeder Körper anders reagiert. Und: Ich darf mich auch nicht mit anderen Schwingern vergleichen. Ich muss auf meinen Körper hören, und wie er reagiert. Es ist ein Lernprozess, welchen ich momentan beschreite. Das ist neu für mich. Ebenso der Umgang nach einer schweren Verletzung.» Dem Neueidgenossen ist bewusst, dass der Heilungsprozess nach einem Kreuzbandriss neun bis zwölf Monate dauert. Da ihn eine starke Schwellung längere Zeit daran hinderte mit gezieltem Aufbautraining zu beginnen, kann Michael derzeit nicht einschätzen, wann er wieder das Schwingtraining aufnehmen darf. Abschliessend meinte er: «Ans Schwingen darf ich noch gar nicht denken.» Der Schreibende wünscht dem jungen Schwyzer einen guten Heilungsprozess, einen sauberen Aufbau und eine erfolgreiche Rückkehr ins Sägemehl!

feldwaldwiesenblogger

Zum Jahreswechsel: Gedanken und ein frecher Text

Einleitung und Bilder: feldwaldwiesenblogger

Mit herrlichem Sonnenschein über dem Bisisthal verabschiedet sich das Jahr 2021

Das Bestreben des Schwinger-Blogs ist es unter anderem auch, Ungewohntem, wenig Bekanntem oder sogar Frechem rund um den Schwingsport nachzugehen. Nachfolgend ein frecher Text, der zum Jahreswechsel zum Schmunzeln aber auch zum Nachdenken anregen soll. Der Schwingsport ist bodenständig, traditionell und unaufgeregt. Er fasziniert deshalb auch immer wieder Künstler, Schriftsteller und Musiker. Es ist dabei interessant zu beobachten, was diese Zunft am Schwingsport fasziniert und wo sie Berührungspunkte feststellen. Ein Miteinander statt Gegeneinander, auch wenn unterschiedliche Meinungen und Gegensätze vorhanden sind – Das wünsche ich mir von ganzem Herzen für 2022! Denn: Gräben in der Gesellschaft, wie sie sich 2021 auftaten, schaden dem Land und den Bewohnern. Es ist hier wie dort Achtung vor den Mitmenschen geboten, und seien ihre Meinungen noch so diametral verschieden. Für ein anständiges und friedliches Zusammenleben sind WIR alle gefordert – Miteinander statt Gegeneinander.

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Alternativ- und Künstlerschwingen

Text aus dem Buch: «Hosenlupf – eine freche Kulturgeschichte des Schwingens»; herausgegeben von Stephan Pörtner (2010)

Das Schwingen ist etwas Bodenständiges, Traditionelles und Unaufgeregtes. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hat es auch immer wieder Künstler, Schriftsteller und Musiker fasziniert. Sogar die Leute, die von der herkömmlichen schweizerischen Lebensweise vielleicht am weitesten entfernt sind, die Hausbesetzer, Punks und Alternativen liessen sich immer wieder vom Schwingen inspirieren. Was auf den ersten Blick erstaunen mag, ist bei näherem Hinsehen gar nicht so verwunderlich. Oft sahen diese Kreise im Schwingen einen Gegenentwurf zur oberflächlichen, städtischen Glitzerwelt, in der sie lebten. Die Fairness und Zusammengehörigkeit der Schwingerfamilie, das Ablehnen von Kommerz und Stars, damit konnte man sich identifizieren. 

Im Buch «Hosenlupf – eine freche Kulturgeschichte des Schwingens» findet sich Ungewohntes, wenig Bekanntes oder sogar Freches rund um den Schwingsport

Das erste alternative Schwingfest

Eines der ersten, wenn nicht das erste alternative Schwingfest fand Anfang der Achtzigerjahre in Wolfenschiessen statt. Martin Hess, der spätere Manager von Stephan Eicher, lud damals zum Künstlerschwinget. Mit dabei war eine Menge vor allem Zürcher Kulturschaffender mit Anhang, darunter auch Beat Schlatter. Geschwungen wurde auf einem Hof in idyllischer Umgebung. Wer gewonnen hat, ist nicht mehr zu eruieren, wahrscheinlich war es auch nicht so wichtig.

Unentwegte an Schwingfesten

Es gab auch während der Achtzigerjahre Unentwegte, die sich mit Lederjacken und in Pogostiefeln an Schwingfeste wagten, wo sie ziemlich misstrauisch beäugt und gebeten wurden, ihre Bierdeckel nicht herumzuspicken (damals hatte die 0,58cl Flasche einen Plastikverschluss, den der geübte Trinker beim Öffnen mit lautem «Plopp» mehrere Meter weit wegfliegen lassen konnte). 

Schwinget im Café Boy

In Zürich gab es das Café Boy, das ein beliebter Treffpunkt wurde. Im Keller war ein schöner Raum, der genutzt werden sollte. Er wurde «U-Boy» genannt, und weil die Nachbarn heikel waren, durften dort nur frühe Konzerte oder Veranstaltungen stattfinden, die keinen Lärm machten. Eines Tages kam jemand auf die Idee, ein Schwinget zu veranstalten. Der Boden wurde mit Sägemehl ausgelegt, mitmachen durfte, wer wollte, Schwünge und Regeln waren nicht wirklich bekannt. Aber es machte Spass. Wenn man schon keine richtigen Schwinger kannte, so kannte man doch ein paar Älpler. Viele Städter arbeiteten irgendwann einmal auf einer Alp, mit Kühen, Rindern oder Schafen, weil es zu der Zeit schwierig geworden war, Einheimische für die schlechtbezahlte Arbeit zu finden. Einige kamen aber vom Land und hatten als Jugendliche geschwungen (oder behaupteten es zumindest). Sie fungierten als Trainer und Schiedsrichter.

Das erste Kanzleischwinget

Wenig später fand im Kanzleizentrum, das damals noch nicht bloss aus einer Disco bestand, sondern allerlei Veranstaltungen beherbergte, darunter auch ein Badmintonturnier, das erste Kanzleischwinget statt. in der Turnhalle wurde ein richtiger Sägemehlring aufgebaut, ein Speakertisch, alles, was dazugehört. Natürlich gab es Frauen- und Männerkategorien, zu gewinnen war eine Sau. Schwierig war vor allem, jemanden zu finden, der das Frauenschwinget leitete, die Berührungsängste waren damals noch gross. Schliesslich stellte sich jemand vom traditionell eher linksgerichteten Turnerverein Satus als Schiedsrichter zur Verfügung. Das Kanzleischwinget wurde zweimal durchgeführt. 

Kein Bedarf nach alternativer Schwingerszene

Unterdessen sind sowohl das Schwingen wie die Alternativkultur im Mainstream angekommen und sich nur schon dadurch nähergekommen. Bedarf nach einer alternativen Schwingerszene gibt es nicht. Trotzdem gab es vor ein paar Jahren noch ein Schwinget in einem besetzten Haus in Zürich, anlässlich eines Festes zum Thema Bauern. Ausserdem wird gemunkelt, trendige Zürcher bastelten an der Gründung einer „Urban-Schwinging“- oder „Swiss-Style-City-Wrestling“-Veranstaltung.

Zitat aus: 50 Jahre Eidgenössischer Schwingerverband, 1895-1945 (1945)

«Recht angenehm fiel in dieser Ausstellung auf, wie wieder mehr und mehr sich die Kunst mit dem Schwingen beschäftigt. Das ist aber auch nicht verwunderlich; denn nirgends kommt die menschliche Körperform kraft- und bewegungsvoller zur Geltung. Das zeigen uns namentlich die Schwingerstatuen von Hugo Siegwart, Luzern, von J. Schwyzer, Zürich und von Brandenberger, Zug und schon von Alb. Kerns (1840), sodann die Gemälde von Giron und Hodler, die sich anreihten an die zahlreichen Bilder früherer Künstler wie Freudenberg, Köing, Levy, Frau Vigée-Lebrun u.a. All das machte sich augenscheinlich auch geltend in den Festplakaten, deren künstlerische Gestaltung entschieden gewonnen hat.»

feldwaldwiesenblogger

Christian Schmutz, der Technische Leiter der Südwestschweizer, zieht eine durchzogene Saisonbilanz. Er sagt: «Das Ziel für 2022 sind Kranzgewinne am ESAF in Pratteln, an den Bergfesten und an den auswärtigen Teilverbandsfesten.»

Text: feldwaldwiesenblogger

Die Südwestschweizer Schwinger durften nach dem ESAF 2019 in Zug mit drei Eidgenössischen Kränzen die Heimreise antreten. Die starken Resultate waren die Früchte harter und gezielter Arbeit. Und diese wollte man letztes Jahr weiterführen und sich erneut beweisen. Aber: Die Saison 2020 fiel wegen der Corona-Pandemie fast komplett ins Wasser. Glücklicherweise konnte dieses Jahr mit etwas Verspätung doch noch geschwungen werden. Das Team der Romands zeigte sich dabei bemüht und war gewillt, einen weiteren Schritt nach vorne zu tun. Das gelang teilweise, das Unterfangen wurde aber durch zahlreiche Verletzungen gebremst. So kamen auch die die drei Eidgenossen nicht verletzungsfrei durch die Saison. Beim Saisonhöhepunkt, dem Kilchberger Schwinget, fehlte mit Lario Kramer einer der Team-Leader. Und die beiden anderen Eidgenossen Benjamin Gapany und Steve Duplan waren kurz vorher verletzt ausgefallen und kehrten nicht in Bestform zurück. So verwunderte es nicht, dass Romain Collaud, der eigentliche Südwestschweizer Aufsteiger im Jahr 2021, mit einem respektablen Auftritt die Kastanien aus dem Feuer holte. Für seinen engagierten Auftritt wurde Romain mit dem Schönschwingerpreis belohnt.

Das kleine, aber feine Team der Südwestschweizer wird von den drei Eidgenossen Steve Duplan, Lario Kramer und Benjamin Gapany angeführt

Bild: Christian Schmutz

Gute Leistungen

Der angesprochene Romain Collaud wurde 2018 ENST-Sieger beim Jahrgang 2002 und feierte in diesem Jahr als Co-Sieger vom Freiburger Kantonalen seinen ersten Kranzfestsieg. Steve Duplan, welcher das Walliser Kantonale gewann, hiess der andere Kranzfestsieger. Die meisten Kränze gewann Lario Kramer, nämlich deren fünf. Lario, welcher unter anderem den Stoos-, den Innerschweizer und den Schwägalp-Kranz gewann, verletzte sich leider anfangs September im Training am Aussenband und fiel für den Rest der Saison aus. Benjamin Gapany holte sich vier Kränze und setzte mit dem Gewinn des Schwägalp-Kranzes und desjenigen am Bernisch-Kantonalen starke Duftmarken. Leider musste der Freiburger wegen Verletzungen immer wieder mal pausieren. Den Kranz am Bernisch-Kantonalen sicherte sich zudem Johann Borcard, ein weiterer Routinier im Team der Südwestschweizer. Zu den festen Grössen darf man zudem Marc Gottofrey und Mickael Matthey zählen. Zu ihnen gehören aber auch Steven Moser, Vincent Roch, Pascal Piemontesi oder Michel Dousse. Das Quartett wurde in der Vergangenheit aber immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen. Weiter drücken mit Christoph Baeriswyl, Sven Hofer, Dorian Kramer oder Nicolas Sturny junge Nachwuchskräfte nach. Und: Am ENST in Schwarzenburg holte man sich vier Doppelzweige, gleich viele wie 2018 in Landquart.

Optimistischer Blick in die Zukunft

Trotz der zahlreichen Ausfälle, dem mässigen Abschneiden beim Kilchberger Schwinget und nur zwei Kranzfestsiegen gab Christian Schmutz, der Technische Leiter, in der Schwingerzeitung SCHLUSSGANG zu Protokoll: «Die sportliche Entwicklung stimmt mich für die Zukunft sehr optimistisch.» Hier setzt der Schwinger-Blog an und fragte bei Christian nach. Im Gespräch war die Saisonbilanz und eben diese sportliche Entwicklung ein Thema. Weiter auch die Trainings-Arbeit, der Team-Geist, das ESAF 2022 in Pratteln und die Ziele des Technischen Leiters für kommende Saison.

Was für eine Bilanz ziehst du nach der 2021er-Saison?

«Es ist schwierig eine Bilanz zu ziehen, denn es war ein spezielles Jahr. Anfangs Jahr war Schwingen gar nicht möglich. Dann war es erst für die Spitzenschwinger möglich und etwas später auch für die anderen Athleten. Die stattgefundenen Schwingfeste bei der etwas verspätet gestarteten Saison waren wichtig. Wir konnten bis auf das Neuenburger Kantonale alle Kranzfeste durchführen. Die Teilnehmerzahlen waren allerdings nicht berauschend, diese waren tiefer als in den vergangenen Jahren. Zudem waren etliche Schwinger verletzt. Unter dem Strich ziehe ich eine durchzogene Bilanz, angesichts der Umstände war die Saison mittelmässig.»

Nach welchen Schwingfesten warst du besonders stolz auf dein Team?

«Es sind einzelne Dinge, die hervorstechen und mich stolz machten. Eines der Feste ist das Bernisch-Kantonale Schwingfest, an welchem beide unserer Athleten kranzgeschmückt heimkehren durften. Das war sehr erfreulich. Weiter das «Innerschweizerische», wo Lario Kramer eine grossartige Leistung bot. Und nach dem Freiburger Kantonalen, an welchem mit Romain Collaud eine junge Nachwuchshoffnung sein erstes Kranzfest gewinnen konnte. Da darf man sicher stolz sein.»

Christian Schmutz ist seit 2017 der Technische Leiter der Südwestschweizer Schwinger

Bild: esv.ch

Stichwort sportliche Entwicklung

Die sportliche Entwicklung stimmt dich sehr optimistisch. Kannst du das erläutern?

«Nach den drei Eidgenössischen Kränzen 2019 in Zug durften wir auch in dieser Saison an auswärtigen Teilverbands- und Bergfesten regelmässig um Kränze schwingen. Es drücken Junge nach, acht Nachwuchsschwinger haben in diesem Jahr ihren ersten Kranz gewonnen. Diese jungen Athleten sind teilweise noch nicht mal 20-jährig. Da ist einiges an Potenzial vorhanden. Wir haben allgemein ein junges Team. Schwinger, die über 30 Jahre alt sind, kannst du bei uns an einer Hand abzählen.»

Wie wird die sportliche Entwicklung in der Südwestschweiz vorangetrieben?

«Das läuft nicht anders als in anderen Teilverbänden. Wir versuchen bei den Kaderzusammenzügen jeweils einen Schritt weiterzukommen. Hinsichtlich Professionalität wurden auch diese Trainings optimiert. Es wird nicht nur bei den Aktiven gut gearbeitet. Auch bei den Nachwuchsschwingern wird sehr gut trainiert. Stéphane Rogivue und sein Team leisten hervorragende Arbeit. Das erleichtert den jungen Schwingern den Übergang zu den Aktiven. Wichtig ist, dass wir dranbleiben.»

Wie siehst du die Breite deines Kaders?

«Ich sehe sie zu wenig breit. Aber: In einem kleinen Verband hast du halt naturgemäss nicht die Breite wie bei einem der grossen Teilverbände. Ausfälle fallen sofort ins Gewicht. Das sieht man beispielsweise beim eigenen Teilverbandsfest. Fallen zwei oder drei unserer Spitzenleute aus, wird es schon ziemlich schwierig, gegen acht starke Gäste zu bestehen. Oder wie beim diesjährigen Schwarzsee-Schwinget, als alle drei Eidgenossen verletzt gefehlt haben. Da fehlt dann schon Substanz, um mithalten zu können.»

Lario Kramer belegte am «Innerschweizerischen» in Ibach SZ mit Rang 2a einen Spitzenplatz

Bild: Lario Kramer (Facebook)

Stichwort Trainings-Arbeit und Team-Geist

Worin siehst du als Technischer Leiter primär deine Aufgabe?

«Meine Aufgabe ist, den Überblick über alles zu haben. Ich fungiere als Koordinator. Weiter liegt mein Augenmerk im Bereich Einteilung. Ich habe gute Leute im Staff, auf welche ich zählen kann. Die Leitung der Kader-Trainings ist nicht primär meine Aufgabe.»

Nach der Saison ist vor der Saison. Welche Punkte musst du mit den Schwingern im Wintertraining angehen?

«Weil die Saison lange ging, haben wir nun einen Break eingebaut. Dies auch deswegen, da noch einige Schwinger rekonvaleszent sind. Wir starten im Januar mit den Trainingszusammenzügen. Schwingerisch werden wir auf der gleichen Linie weiterfahren. Wir haben hinsichtlich auf das ESAF in Pratteln einen Systemwechsel geplant. Die Kadertrainings werden nun statt einmal im Monat im Zwei- oder Drei-Wochen-Rhythmus stattfinden. Diese werden fortan nicht mehr separat, sondern mit den kantonalen Zusammenzügen kombiniert, und so an mehrere Standorte verteilt. Die gemeinsamen Trainings finden auch nicht mehr nur an Freitagabenden, sondern auch an anderen Wochentagen statt. Zudem sind zwei zusätzliche Trainingstage, welche an einem Samstag durchgeführt werden, geplant.»

Wie sieht der Team-Geist und deren Bildung in der Südwestschweiz aus?

«Der Team-Geist ist sehr gut, die Schwinger haben einen sehr guten Zusammenhalt untereinander. Dieser hat sich in den letzten Jahren merklich verbessert. Die Sprachgrenze, welche früher öfters ein Hindernis war, ist kein Thema mehr. Bei den Trainingszusammenzügen liegt der Fokus primär auf dem Schwingen. Hinsichtlich des «Eidgenössischen» wollen wir aber noch andere Komponenten wie die Ernährung oder die Saisonplanung in die Zusammenzüge reinbringen.»

Stichwort ESAF 2022 in Pratteln

Drei Kränze wie am ESAF 2019 in Zug liegen 2022 auch in Pratteln drin?

«Das würde ich sofort unterschreiben. Die drei Kränze zu bestätigen wäre schön. Denn: Man macht nicht gerne weniger Kränze als beim letzten Anlass. In so einem kleinen Verband wie dem unsrigen hängt das aber mit vielen Faktoren zusammen. Wir definieren nicht eine bestimmt Anzahl Kränze, wir sprechen vom Gewinn von Kränzen.»

Wie bereitet sich ein kleines Team wie dasjenige der Südwestschweizer auf das ESAF vor? Holt man sich zusätzlich Unterstützung von aussen?

«Wir haben unseren Staff erweitert und unsere Arbeit wurde in den letzten Jahren professioneller. Ich habe zwei Coaches, welche die Trainings leiten. Seit diesem Jahr ist ein zusätzlicher Betreuer dabei an den Schwingfesten. Es ist kein Unbekannter: Werner Jakob, der ehemalige Technische Leiter des Eidgenössischen Schwingerverbandes. Der Staff wird aufs ESAF hin nicht weiter vergrössert. Wir werden mit den Leuten arbeiten, welche wir in den Letzen Jahren an Bord geholt haben.»

Romain Collaud (links) gewann zusammen mit Christian Schuler das Freiburger Kantonale, und darf sich nun auch Kranzfestsieger nennen

Bild: bote.ch

Stichwort Ziele für 2022

Wie sehen die Ziele des Technischen Leiters für 2022 aus?

«Das Ziel sind Kranzgewinne am ESAF in Pratteln, an den Bergfesten und an den auswärtigen Teilverbandsfesten. Ein weiteres Ziel ist, mit dem Team schwingerisch einen Schritt vorwärtszukommen.»

feldwaldwiesenblogger

Guido Thürig, der Technische Leiter der Nordwestschweizer, sagt: «Mein Ziel ist es, dass wir 2022 an den Bergfesten und am ESAF die Qualität an den Tag legen, wie wir sie dieses Jahr am Nordwestschweizer Schwingfest taten.»

Text: feldwaldwiesenblogger

Wie sieht die Bilanz für den Nordwestschweizer Schwingerverband (NWSV) nach der nun abgelaufenen Saison aus? Kurz zusammengefasst darf man konstatieren, dass sie das eigene Teilverbandsfest, trotz starken Gästen, mit Andreas Döbeli gewonnen haben. Und an ihrem Bergfest auf dem Weissenstein stand der genannte Döbeli im Schlussgang. Joel Strebel zeigte bis zu seiner Verletzung eine starke Saison (am meisten Kränze) und Patrick Räbmatter lief nach einem schwachen Start zu toller Form auf. Nick Alpiger wurde nach starkem Beginn durch eine Verletzung ausser Gefecht gesetzt und fehlte etwas später wegen Corona am Teilverbandsfest in Zunzgen. Die beiden letzten Schwingfeste des Jahres gewann Alpiger aber in absolut überzeugender Manier. Und: Am Kilchberger Schwinget lief es für die Nordwestschweizer gelinde gesagt nicht gut.

Das Team der Nordwestschweizer vor dem letzten ESAF 2019 in Zug

Bild: aargauerzeitung.ch

Viel Potenzial

Im kleinen Teilverband in der Nordwestschweiz ist man an der Spitze auf jeden Schwinger angewiesen. Das zeigte sich besonders deutlich am Kilchberger Schwinget, wo Joel Strebel fehlte, Nick Alpiger noch nicht ganz der «Alte» war, Patrick Räbmatter nicht seine beste Form ausspielte und Andreas Döbeli keinen guten Tag einzog. Die vier erwähnten Aargauer Eidgenossen bilden die Spitze, mit Nick Alpiger als Team-Leader. Dahinter befinden sich mit Roger Erb, Samuel Brun, Oliver Hermann, Marcel Kropf, Samuel Schmid, Fabian Bader, Kaj Hügli und Simon Schmutz weitere Kranzschwinger, welche diese Saison starke Leistungen zeigten. Dass auch viel Potenzial im Nachwuchs vorhanden ist, beweist einerseits Adrian Odermatt, welcher diese Saison zum Teilverbandskranzer aufstieg. Andererseits aber auch die Ausbeute am Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag (ENST) in Schwarzenburg. Nebst einem Kategoriensieg mit Sinisha Lüscher holten sich die Nordwestschweizer elf Doppelkränze, gleich viele wie die Berner. Das sind verglichen mit dem ENST 2018 eine Steigerung um sechs Doppelzweige. Die Nordwestschweizer wurden in dieser Saison aber auch durch zahlreiche Verletzungen und Corona-bedingte Ausfälle gebeutelt.

Saisonbilanz

Guido Thürig ist seit letztem Jahr der technische Leiter der Nordwestschweizer. Mit ihm unterhielt sich der Schwinger-Blog, und liess ihn eine Saisonbilanz ziehen. Weiter wurde Thürig mit Kritik konfrontiert, welche fünf Monate zurückliegt. Zudem erzählte der Aargauer von der Trainings- und Team-Arbeit seiner Athleten, blickte auf das nächstjährige ESAF 2022 in Pratteln voraus, und wurde nach den Zielen für kommende Saison befragt.

Was für eine Bilanz ziehst du nach der 2021er-Saison?

«Ich ziehe eine durchzogene Bilanz von dieser Saison, welche auch durch Inkonstanz geprägt war. Die Schwinger-Zahlen im eigenen Verband bereiten mir Sorgen. Von den Schwingfesten her waren der Rigi- und der Kilchberger Schwinget die Tiefpunkte. An diesen wurde nicht das gezeigt, wie von uns erhofft. Die Highlights waren der Brünig-Schwinget und das Nordwestschweizer Schwingfest in Zunzgen. An diesen beiden Anlässen lief es gut.»

Nach welchen Schwingfesten warst du besonders stolz auf dein Team?

«Wie bereits erwähnt, nach dem Brünig-Schwinget und nach unserem Teilverbandsfest. In Zunzgen zeigten wir eine gute Mannschaftsleistung, und einzelne Athleten lieferten eine Topleistung ab. Trotz Ausfall von Nick Alpiger konnten wir den Sieg in den eigenen Reihen halten. Auf dem Weissenstein lief es auch gut.» 

Guido Thürig ist seit 2020 Technische Leiter der Nordwestschweizer Schwinger

Bild: nwsv.ch

Stichwort Kritik vom Schwinger-Blog

In einem Beitrag vom 13. Juli gab es Kritik hinsichtlich der Reduktion der Startplätze für den diesjährigen Weissenstein-Schwinget. Die 40 Startplätze der Nordwestschweizer wurden auf deren 30 reduziert. Der Schwinger-Blog schrieb, dass die primären Gründe auf Corona und die Führungsschwäche des Verbandes, seiner Kantonalverbände sowie der Schwingklubs zurückzuführen sind. Eine Stellungnahme von dir war längst überfällig. Was ist dein Kommentar?

«Der Weissenstein-Schwinget ist ein Bergkranzfest und das Teilnehmerfeld soll auch deren Qualität haben. Das ist eine Momentaufnahme, und wir müssen uns der Realität stellen. Mit solchen Aussagen wie im erwähnten Beitrag kann ich leben, aber sie bringen nicht viel und zaubern können wir auch nicht. Wir sind bestrebt, die Breite an Kranzschwingern zu erhöhen. Das Kader haben wir bereits verjüngt. Nun gilt es, die jungen Schwinger heranzuführen und auf baldige Kranzgewinne zu hoffen. Man muss bedenken, dass bei weniger Schwinger wie bei uns in der Nordwestschweiz halt auch weniger Kränze an den Schwingfesten abgegeben werden können. Es ist bei uns schwieriger einen Kranz zu gewinnen als in den drei grossen Teilverbänden.»

Treten nächstes Jahr wieder 40 Nordwestschweizer auf dem Weissenstein an?

«Nein, es werden wieder 30 Schwinger von uns dabei sein. Das haben wir in der Technischen Kommission vom Eidgenössischen Schwingerverband so entschieden.»

Weiter schrieb der Schwinger-Blog im erwähnten Beitrag, dass die Nordwestschweizer in den nächsten Jahren Mühe haben werden, an den eigenen Kantonalfesten 100 Schwinger an den Start zu bringen. Wie siehst du das?

«Corona hat uns hart getroffen. Wir hoffen, dass das ESAF in unserem Verbandsgebiet etwas bewirkt und wir den Schwung mitnehmen können. Wir streben zudem eine Verbreiterung auf Kaderstufe an. Und: Wir haben vom Vorstand einen Workshop initiiert, welchen wir momentan in Kleingruppen vorbereiten. Dieser Workshop, welcher anfangs nächstes Jahr über die Bühne gehen soll, ist dem Thema Schwingen NWSV 2030 gewidmet. Wir wollen dabei Massnahmen definieren, um die Zukunft positiv gestalten zu können.»

Die Kranzgewinner vom Nordwestschweizer Schwingfest 2021 in Zunzgen. In der Mitte erkennt man den glücklichen Sieger Andreas Döbeli.

Bild: aargauerzeitung.ch

Stichwort Trainings- und Team-Arbeit

Worin siehst du als Technischer Leiter primär deine Aufgabe?

«Wir möchten unser Kader schwingerisch vorwärtsbringen. Es finden im Zwei-Wochen-Rhythmus Kadertrainings statt, welche wir anfangs November gestartet haben. Ich leite diese Trainings, zusammen mit einem Trainer-Stab. Zum Team gehören mein Bruder Mario, Thomas Notter und Yanick Klausner. Weiter möchten wir den NWSV noch mehr als Team formen, unabhängig von der Kantonszugehörigkeit.»

Nach der Saison ist vor der Saison. Welche Punkte musst du mit den Schwingern im Wintertraining angehen?

«Ich konzentriere mich auf zwei Fokusgeschichten. Ich möchte die Schwinger technisch weiterbringen und ihre Vielseitigkeit fördern. Das andere ist die Trainingsgestaltung, in welcher ich sportliche Härte reinbringen möchte. Damit wir vom Mindset her anders auftreten können.»

Wie sieht der Team-Geist und deren Bildung in der Nordwestschweiz aus?

«Dieser ist auf einem Stand, der sehr positiv ist. Vor Jahren war der noch anders, insbesondere wegen dem Kantönligeist. Wir arbeiten darauf hin, dass dies kein Thema mehr sein wird. Mein grosser Wunsch für das ESAF 2022 in Pratteln ist, dass Schwinger aus dem Baselland und wenn möglich auch aus dem Solothurn Eidgenössische Kränze gewinnen können. Es ist zwingend nötig, dass wir nicht nur im Aargau Eidgenossen haben.»

Stichwort ESAF 2022 in Pratteln

Wenn Nick Alpiger die Form, welche er Ende Saison ausspielte, bis zum ESAF konservieren könnte, wäre er in deinen Augen ein Königskandidat?

«Aus meiner Sicht gehört er zu den absoluten Topschwingern. Ich traue ihm für Pratteln alles zu.»

Das «Eidgenössische» im eigenen Teilverbandsgebiet war auch schon eine Sondermotivation. Liegen sechs Kränze wie nach dem ESAF 2007 in Aarau auch 2022 drin?

«Träumen darf man und ist erlaubt. Fünf Kränze sind ein realistisches Ziel.»

Der Nordwestschweizer Schwingerverband feierte diesen Herbst in Möhlin den 125. Geburtstag

Bild: nwsv.ch

Stichwort Ziele für 2022

Wie sehen die Ziele des Technischen Leiters für 2022 aus?

«Die Highlights der nächsten Saison sind die Bergkranzfeste Stoos, Weissenstein und Schwägalp. Diese sind für mich sehr wichtig. Dann das ESAF, welches im Zentrum steht. Mein Ziel ist es, dass wir an diesen Festen die Qualität an den Tag legen, wie wir sie dieses Jahr am Nordwestschweizer Schwingfest taten. Weiter ist es für mich ein Bedürfnis, diejenigen Schwinger, welche in dieser Saison wegen Verletzungen oder Corona fehlten, wieder gut ins Team zu integrieren. Ich denke da insbesondere an Tobias Widmer oder Lars Voggensperger.»

feldwaldwiesenblogger

Rück- und Ausblick mit Fridolin Beglinger, dem Technischen Leiter der Nordostschweizer. Er sagt: «Die Ziele für 2022 sind der Schwingerkönig-Titel, möglichst viele Kranzgewinne am ESAF in Pratteln und der Brünig-Sieg.»

Text: feldwaldwiesenblogger

Die Nordostschweizer dürfen auf eine erfolgreiche Saison zurückblicken. Ihre Schwinger lieferten, gewannen wichtige Schwingfeste und fuhren schöne Erfolge ein. Zwar musste auch dieser Teilverband Verletzte und Ausfälle beklagen. Sie fielen aber nicht derart ins Gewicht wie bei den Innerschweizern, oder in etwas kleinerem Ausmass bei den Bernern.

Die Nordostschweizer Schwinger zeigten eine starke Saison

Bild: nosv.ch

Starkes Team

Der Nordostschweizer Schwingerverband (NOSV) verfügt zum einen mit Samuel Giger über den Kilchberger Sieger und Überschwinger des Jahres. Zum anderen gehört zu ihrem Team Kilchberger Co-Sieger Damian Ott, der eigentliche Aufsteiger des Jahres. Dahinter befinden sich mit Domenic Schneider, Samir Leuppi, Roger Rychen oder Michael Bless weitere starke Leader. Einen grossen Sprung nach vorne taten diese Saison Werner Schlegel, ebenso Marcel Räbsamen. Aber auch der inzwischen zurückgetretene Tobias Krähenbühl, Shane Dändliker und Jeremy Vollenweider zeigten 2021 starke Leistungen. Nicht richtig auf Touren kam Armon Orlik, mit ihm dürfte aber 2022 wieder zu rechnen sein.

Saisonbilanz

Der Schwinger-Blog führte heute mit Fridolin Beglinger, dem technischen Leiter der Nordostschweizer, ein Gespräch. Einerseits ging es um die Saisonbilanz, andererseits aber auch um Stichworte wie Teamgeist, Trainingsarbeit, das ESAF 2022 in Pratteln und die Ziele für kommende Saison.

Was für eine Bilanz ziehst du nach der 2021er-Saison?

«Ich ziehe eine sehr positive Bilanz. Wir haben alle vier Bergfeste gewonnen, an welchen wir antreten durften und konnten zwei Kilchberger Sieger feiern.»

Nach welchen Schwingfesten warst du besonders stolz auf dein Team?

«Das ist einerseits nach dem Weissenstein Schwinget, an welchem überraschend Damian Ott gewann und wo wir die meisten Kränze mit nach Hause nehmen konnten. Andererseits war ich nach dem Kilchberger Schwinget besonders stolz auf mein Team.

Der Glarner Fridolin Beglinger ist der Technische Leiter der Nordostschweizer

Bild: nosv.ch

Stichwort Teamgeist

Rückblick: Im März wurde ein Trainingsverzicht bis Mitte April beschlossen. Dies als Zeichen der Solidarität der NOSV-Eidgenossen mit den Mittelschwingern. Der Teamgeist bei den Nordostschweizern lebt. War der schon immer so stark?

«Der Teamgeist ist in letzter Zeit viel besser geworden und wurde mit dieser Solidaritäts-Aktion noch mehr gestärt. Es ist schön, dass unser Team-Leader Samuel Giger so pflegeleicht ist und voll hinter unseren Mittelschwingern steht. Das ist sehr wertvoll für das Team.»

Der NOSV ist der einzige Teilverband mit zwei Technischen Leitern. Du teilst das Amt mit Christian Heiss. Erfolgte dies auch aus dem Teamgeist heraus? 

«Eigentlich nicht. Wir haben dem Vorschub geleistet, damit sich jeder auf seine Aufgaben konzentrieren kann.»

Wie teilen sich Christian und du die Arbeit auf?

«Christian ist zuständig für die administrativen und organisatorischen Belange. Er organisiert unter anderem die Trainings und die Lokalitäten. Ich kann mich dadurch voll auf die Arbeit mit den Schwingern und das Training konzentrieren, und bin zudem für die Einteilung zuständig.»

Der Saisondominator Samuel Giger feierte in Mels beim Nordostschweizer Schwingfest seinen 22. Kranzfestsieg

Bild: tagblatt.ch

Stichwort Trainingsarbeit

Was macht eigentlich ein Technischer Leiter während der Winterpause?

«Wir haben die Kadertrainings wieder aufgenommen und führen einmal pro Woche eines durch. Ich leite diese Trainings und bin darum bemüht, dass möglichst alle anwesend sind. Weiter führe ich Gespräche mit den Schwingern, was sehr wichtig ist.»

Trotz erfolgreicher 2021er-Saison: Gibt es dennoch Punkte, welche der Technische Leiter im Training angehen muss?

«Man kann sich immer verbessern, auch in technischen Belangen. Wir arbeiten auch daran, dass die Spitze noch breiter wird.»

Stichwort ESAF 2022 in Pratteln

Seit 2010 wurden ausnahmslos Berner Schwingerkönige gekrönt. Ist 2022 wieder einmal die Nordostschweiz an der Reihe?

«Das ist unser Ziel, und nach dieser erfolgreichen Saison dürfen wir dieses auch so setzen. Denn: Wenn alle gesund bleiben, besitzen wir gute Chancen auf den Königstitel.»

2019 stand trotz grossen Ambitionen kein Schwinger von euch im Schlussgang in Zug. Welche Lehren habt ihr aus diesem ESAF gezogen?

«Wir suchen noch mehr den Kontakt zu den Schwingern und legen grossen Wert auf die Teambildung. Gewisse Schwinger haben nach ihrem Abschneiden in Zug auch persönliche Lehren gezogen.»

Als erst 18-Jähriger gewann Werner Schlegel beim Appenzeller Kantonalen in Urnäsch seinen ersten Kranzfestsieg

Bild: toggenburg24.ch

Stichwort Ziele für 2022

Wie sehen die Ziele des Technischen Leiters für 2022 aus?

«Die Ziele sind der Schwingerkönig-Titel, möglichst viele Kranzgewinne am ESAF in Pratteln und der Brünig-Sieg. Wir sind nächstes Jahr Gast auf der Wasserscheide zwischen der Innerschweiz und dem Bernbiet. Der letzte Sieg eines Nordostschweizers beim Brünig-Schwinget war 2006 und liegt einige Zeit zurück. Damals gewann Stefan Fausch.»

Definierst du auch individuell mit den Schwingern Ziele? 

«Wir haben unsere Ziele klar im Team kommuniziert und dass wir mit der bestmöglichen Mannschaft auf dem Brünig und am ESAF antreten möchten. Die Schwinger definieren ihre individuellen Ziele mit ihren persönlichen Betreuern, Bezugspersonen oder den technischen Leitern der Schwingklubs.»

feldwaldwiesenblogger

Rück- und Ausblick mit Roland Gehrig, dem Technischen Leiter der Berner Schwinger

Text: feldwaldwiesenblogger

Die Berner Schwinger haben eine erfolgreiche Saison hinter sich. Etliche Schwinger überzeugten und lieferten Top-Ergebnisse ab. Zwar wütete die Verletzungshexe auch in ihrem Team. Aber dies hatte nur marginale Auswirkungen auf die Saisonbilanz.

Co-Sieg am Kilchberger Schwinget und ENST-Kategoriensieg

Als Höhepunkte der 2021er-Saison gelten Fabian Staudenmann’s Co-Sieg am Kilchberger Schwinget und Daniel Tschumi’s Kategoriensieg am Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag (ENST) in Schwarzenburg. Der Erfolg fusst dabei auf einer intakten und gesunden Mischung aus Routine und erfolgshungrigen Nachwuchsleuten. Trotz Rücktritten diverser Spitzenschwinger fielen die Berner in kein Loch. Und: Nach verletzungsbedingten Ausfällen von arrivierten Spitzenleuten stiessen Schwinger aus der zweiten und dritten Reihe nach und feierten schöne Erfolge. Letztendlich fanden sich an der Tabellenspitze der meisten Kranzfeste routinierte Spitzenschwinger wie auch erfolgsversprechende Nachwuchshoffnungen. Bei den «Mutzen» ist grosses Potenzial vorhanden, die Verteidigung des Schwingerkönig-Titels 2022 in Pratteln alles andere als eine Illusion.

Das Berner Team bei der Besichtigung vom ESAF-Gelände 2019 in Zug

Bild: esafzug.ch

Sehr gute Saisonbilanz

In der aktuellen Ausgabe des SCHLUSSGANG’s bilanziert Roland Gehrig, der Technische Leiter: «Mit der vergangenen Saison bin ich mehr als zufrieden. Besonders die Jungen zeigten durchwegs starke Leistungen. Es macht grosse Freude, mit ihnen zu arbeiten und ich darf beruhigt in die Zukunft schauen.» Der Schwinger-Blog knüpft hier an, hält in diesem Beitrag Rück- und Ausblick mit besagtem Roland Gehrig und stellt dem Technischen Leiter Fragen zur diesjährigen Saison. Zur Sprache kommen aber auch andere Stichworte, wie etwa die Verletzungshexe, das ESAF 2022 in Pratteln oder der gute Teamgeist.

Nach welchen Schwingfesten warst du besonders stolz auf dein Team?

«Ganz klar nach dem Kilchberger Schwinget! Im Kollektiv haben wir eine super Team-Leistung erbracht. Weiter war der Brünig-Schwinget ein Highlight, ebenso das Bernisch Kantonalschwingfest. An jenem Schwingfest in Aarberg waren erstmals in dieser Saison wieder viele Zuschauer zugelassen. Das war eine Freude für die Zuschauer und die Schwinger. Nach dem Ausfall von Schwingerkönig Christian Stucki fassten wir die Devise: Feste gewinnen ohne Stucki. Wir bauten dabei auf eine starke Teamleistung.»

Trotz erfolgreicher Saison: Gibt es dennoch Punkte, welche der Technische Leiter nach dieser Saison angehen muss?

«Nach dem Fest ist vor dem Fest, heisst: Das ESAF 2022 in Pratteln vor Augen zu haben und als Ziel zu setzen. Wir haben eine junge Mannschaft. Es gilt, diese weiterzubringen und an die Spitze heranzuführen. Um am «Eidgenössischen» erfolgreich zu sein.»

Der Technische Leiter Roland Gehrig sagt: «Unser Ziel und Anspruch ist es, den Königstitel zu verteidigen.»

Bild: esv.ch

Stichwort Nachwuchsarbeit

Nebst den arrivierten Kräften lieferten in dieser Saison auch die Jungen. Die Berner haben seit Jahren ein gut funktionierendes Nachwuchskonzept. Wann wurde dieses eingeführt, und wie sieht das aus?

«Unser Nachwuchskonzept basiert auf dem Novizen-Kader, welches vor acht Jahren eingeführt wurde. Es ist ein Erfolg, und wir können sozusagen daraus pflücken. Das Kader betreut zudem den Nachwuchs beim Übertritt zu den Aktiven, was ein ganz wichtiger Schritt für die einzelnen Athleten ist.»

Am ENST fiel besonders der Jahrgang 2005 auf. Im Schlussgang standen sich mit Daniel Tschumi und Fabian Stucki zwei Berner gegenüber. Gewonnen wurde diese Kategorie von Tschumi. Wie sieht es bei den anderen Nachwuchs-Jahrgängen aus?

«Beim Jahrgang 2005 waren wir überlegen. Bei den anderen Jahrgängen sind wir nicht ganz so stark unterwegs. Es ist für mich aber nicht beängstigend, wenn ein Jahrgang etwas schwächer besetzt ist. Es hat schon immer stärkere und schwächere Jahrgänge gegeben. Der Jahrgang 1985 beispielsweise war bekanntermassen auch ein ganz starker.»

Daniel Tschumi gewann am ENST beim Jahrgang 2005 und liess die Berner jubeln

Bild: Berner Zeitung

Stichwort Verletzungshexe

Die Innerschweizer wurden durch Verletzungen mehrerer Spitzenschwinger arg gebeutelt. Bei den Bernern hielt sich diese Misere in Grenzen?

«So eine Misere ist immer relativ zu betrachten. Wir haben ein breit aufgestelltes Team mit arrivierten Kräften und jungen Nachwuchshoffnungen. Einige dieser Nachwuchsleute haben in dieser Saison einen relativ grossen Schritt nach vorne getan.»

Wie geht es den verletzten Schwingern, allen voran Christian Stucki und Michael Wiget? Werden sie zu Beginn der neuen Saison wieder ins Wettkampfgeschehen eingreifen können?

«Christian Stucki ist auf einem guten Weg. Ich denke, wir dürfen zu Beginn der neuen Saison wieder auf ihn zählen. Michael Wiget geht es den Umständen entsprechend gut. So wie es derzeit aussieht wird er vermutlich die ersten Schwingfeste verpassen.»

Stichwort ESAF 2022 in Pratteln

Seit 2010 wurden ausnahmslos Berner Schwingerkönige gekrönt. Wie kommt das? 

«Die Berner pflegen schon seit etlichen Jahren gute Teamarbeit. Auch meine Vorgänger haben viel Wert daraufgelegt. Wie oben angesprochen ist es uns wichtig, den Nachwuchs gut zu fördern. Wir setzen uns gemeinsam Ziele, und versuchen diese kollektiv als Mannschaft anzupeilen und zu erreichen. Wir sind Berner und ein Team – das zeichnet uns vermutlich aus.»

Die beiden besten Schwinger der Saison 2021, Samuel Giger und Damian Ott, kommen aus der Ostschweiz. Um den Schwingerkönig-Titel zu verteidigen, müssen die Berner erst an diesen beiden Spitzenschwingern vorbeikommen. Wie wollt ihr das anstellen?

«Wie bereits erwähnt, kann man solche Ziele nur gemeinsam als Mannschaft erreichen. Christian Stucki ist zwar nicht mehr der Jüngste, er könnte die beiden aber durchaus bezwingen. Mit einer starken Mannschaftsleistung ist vieles möglich. Aber es wird eine schwierige Aufgabe.»

Schwingerkönig Christian Stucki wird voraussichtlich zu Beginn der nächsten Saison wieder ins Wettkampfgeschehen eingreifen

Bild: esv.ch

Stichwort Teamgeist und Ziele für 2022

Als Aussenstehender bekommt man den Eindruck, dass die Berner einen guten Teamgeist haben. Wie stärkt ihr diesen?

«Unser Motto ist «Zämä simmer starch». Nach diesem Leitfaden gehen wir vor, dies pflegen wir bei den Kader-Trainings wie auch an den Schwingfesten. Zudem rekrutieren wir Mitglieder für unseren Staff, welche zu unseren Schwingern passen und keine Selbstdarsteller sind. Wir wollen keine Unruhe im Team. Wenn es erforderlich ist, führen wir auch Einzelgespräche mit den Schwingern. Uns ist ein guter Teamgeist sehr wichtig.»

Es ist bekannt, dass die Berner Betreuer besonders an Eidgenössischen Anlässen alles für das Wohl ihrer Schwinger tun. Wie muss man sich das vorstellen?

«Das ESAF ist der wichtigste Anlass. Unser Bestreben ist es, an diesem sehr gut zu unseren Athleten zu schauen. Das Schwingen ist längst ein absoluter Spitzensport. Wir leben dies vor und stellen eine zeitgemässe Infrastruktur zur Verfügung. Die Vorbereitungen sind jeweils gross, aber wir scheuen keinen Aufwand. Im Team-Zelt sollen sich die Schwinger in diesen drei Tagen wohl und geborgen fühlen. Sie sollen spüren, dass wir hinter ihnen stehen. Unseren Athleten soll es vom Essen über die Getränke bis hin zu Hometrainern an nichts mangeln. Es sind meist die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen.»

Wie sehen die Ziele des Technischen Leiters für 2022 aus?

«Das Hauptziel ist, dass sich möglichst wenige verletzen und wir am ESAF in Pratteln aus dem vollen schöpfen können. Und natürlich: Unser Ziel und Anspruch ist es, den Königstitel zu verteidigen.»

feldwaldwiesenblogger

Saison-Bilanz der Innerschweizer: Verletzungssorgen, nüchterne Ergebnisse und viele Fragen zur nahen Zukunft

Text: feldwaldwiesenblogger

Der SCHLUSSGANG schreibt in seiner aktuellen Ausgabe treffend: «Nachdem sie vor der Corona-Pandemie unbeirrt nach vorne schritten, wurde der Aufwärtstrend jäh gestoppt.» Gemeint sind dabei die Innerschweizer Schwinger, welche in der nun abgelaufenen Saison ziemlich unten durchmussten. Der Hauptgrund liegt an den überdurchschnittlich vielen verletzten Akteuren. Aber nicht nur.

Pirmin Reichmuth, welcher sich vor Beginn der Saison verletzte, befindet sich wieder im Aufbautraining für die neue Saison

Bild: pirminreichmuth.ch

Lange Verletzungs-Liste

Schon vor der Saison verletzte sich Pirmin Reichmuth und zu Saisonbeginn Michael Gwerder sowie Noe van Messel. Während der Saison fielen Marcel Bieri oder René Suppiger wegen Verletzungen aus. Und nicht zu vergessen Joel Wicki: Der Erstgekrönte verletzte sich während der Saison gleich zweimal und musste deswegen länger pausieren. Auch Sven Schurtenberger, der mit acht Kränzen beste Kranzsammler, erwischte es. Der Luzerner verletzte sich am eigenen Kantonalen und schied deswegen am Kilchberger Schwinget frühzeitig aus. Mike Müllestein fiel zudem krankheitsbedingt eine Zeitlang aus. Die Liste ist leider noch länger. Der Schwinger-Blog fragte deshalb bei Thedy Waserdem Technischen Leiter der Innerschweizer, nach.

Wie sieht die Verletzungssituation derzeit aus? Konkret: Wie geht es Pirmin Reichmuth, Michael Gwerder, Noe van Messel, Marcel Bieri, René Suppiger und Sven Schurtenberger?

Thedy Waser: «Sie befinden sich mit Rehabilitation und Kraftaufbau auf einem guten Weg. Wir sind sehr zuversichtlich. Die einen nehmen das Training im Sägemehl früher auf, die anderen etwas später.»

Im SCHLUSSGANG erwähnt Thedy Waser zudem: «Verletzungen kann man nicht beeinflussen.» Das ist wohl wahr. Trotzdem: Ganz offensichtlich verletzten sich viele Schwinger am «Innerschweizerischen» wegen des unglücklichen Festkalenders nach der Corona-Pause. So einem Kalender kann und darf ein Technischer Leiter in Zukunft doch niemals mehr zustimmen, oder?

Waser: «Das war eine Ausnahmesituation. Die grossen Feste folgten gleich zu Beginn, teilweise ohne grosses Training vorher. Das darf man in Zukunft nicht mehr so durchführen. Zu dieser Aussage stehe ich.»

Thedy Waser sagt: «Das darf man in Zukunft nicht mehr so durchführen.»

Bild: esv.ch

Nüchterne Saisonbilanz der Innerschweizer

Weiter erwähnt Thedy Waser im besagten SCHLUSSGANG-Artikel: «Wir haben das eigene Verbandsfest, einen Bergklassiker und ein Ausserkantonales gewonnen, was gar nicht so schlecht ist. Die Nichtverletzten haben ihre Ansprüche erfüllt.» Hand aufs Herz: Mit dieser nüchternen Bilanz darf der Technische Leiter des grössten Teilverbandes nicht zufrieden sein?

Waser: «Es wäre eventuell schon mehr drin gelegen. Wenn man aber schaut auf wen wir verzichten mussten, durften wir nicht unbedingt mehr erwarten.»

Analysiert man weiter die Ergebnisse der einzelnen Innerschweizer Kantonalverbände, dann schneidet eigentlich nur derjenige der Luzerner zufriedenstellend ab. Was läuft in den anderen Kantonalverbänden nicht optimal?

Waser: «Die Ob- und Nidwaldner mussten nach dem ESAF 2019 in Zug mit Marcel Mathis und Lutz Scheuber zwei gewichtige Rücktritte zur Kenntnis nehmen. Zudem war Martin Zimmermann, welcher kürzlich zurückgetreten ist, während einem grossen Teil der Saison verletzt. Das sind einfach Verluste, die nicht so schnell kompensiert werden können. Bei den Urnern war Stefan Arnold praktisch während dem ganzen letzten Winter verletzt. Weitere Urner Kranzschwinger waren zudem wegen Verletzungen ausser Gefecht gesetzt. Bei den wenigen noch übrig gebliebenen Schwyzer Eidgenossen fällt jeder Ausfall ins Gewicht, wie beispielsweise derjenige von Michael Gwerder. Und bei den Zugern fehlten je länger die Saison ging die meisten Spitzenleute verletzungsbedingt.»

Trotz grossen Verletzungssorgen: Das Abschneiden der Innerschweizer am Kilchberger Schwinget wirft grosse Fragen auf. Wurde der Saisonhöhepunkt inzwischen analysiert?

Waser: «Wir haben ihn analysiert. Sven Schurtenberger musste wegen einer Verletzung vorzeitig aufgeben. Joel Wicki, welcher eine verknorzte Saison mit zwei Verletzungen hinter sich hatte, lieferte eine sehr gute Leistung ab. Auch Christian Schuler, eine wichtige Stütze in unserem Verband, zeigte einen sehr guten Wettkampf. Marco Reichmuth musste leider kurzfristig wegen Krankheit verzichten. Die Schwinger hinter der Spitze konnten an jenem Tag keinen Exploit landen. Wenn man halt am Tag X nicht eine besondere Leistung abrufen kann, kommt das dann so heraus.»

Die ISV-Spitze ist nach etlichen Rücktritten dünner geworden

Bild: Tobias Meyer

Dünne Spitze – Wird wirklich alles für den Erfolg getan?

Nach etlichen Rücktritten in den letzten Jahren ist die Spitze der Innerschweizer nicht mehr so breit besetzt. Man hat nicht unbedingt den Eindruck, dass diese Lücken schnell geschlossen werden, zumal in naher Zukunft weitere Spitzenschwinger wie Andi Imhof oder Benji von Ah zurücktreten werden.

Waser: «Wenn all die Verletzten wieder zurückkehren, wird die Breite auch wieder grösser. Die verschiedenen Rücktritte versuchen wir mit jungen Talenten wie beispielsweise Joel Ambühl aufzufüllen. Ich bin zuversichtlich, dass sich unsere Breite weiterentwickelt und nicht schmäler wird. Guter Nachwuchs ist vorhanden. Denn: Am Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag (ENST) in Schwarzenburg holten wir einen Kategoriensieg, stellten einen weiteren Schlussgang-Teilnehmer und gewannen die meisten Auszeichnungen.»

Man sieht deutlich, dass vor allem die Berner und die Nordostschweizer alles für ihr Team und den Teamgeist an den Schwingfesten unternehmen. Diesen Eindruck bekommt man leider immer noch nicht von den Innerschweizern. Tun die Verantwortlichen wirklich alles für den Erfolg?

Waser: «Wir tun alles für den Erfolg und versuchen alles, um den Zusammenhalt zu stärken. Wir führen beispielsweise ein monatliches Training mit allen Kranzschwingern durch. Es liegt viel Arbeit vor uns und es braucht einfach seine Zeit. Den «Kantönligeist» haben wir inzwischen wegbekommen. Und: Den gestärkten Zusammenhalt kann man daran erkennen, wie das ISV-Team am ESAF 2019 in Zug einmarschiert ist.»

ENST-Sieger und Neukranzer Luca Müller ist ein Lichtblick für die Innerschweizer

Bild: luzernerzeitung.ch

Lichtblick, Nachwuchskonzept und Ziele für 2022

Der Zuger Luca Müller bescherte mit seinem Kategorien-Sieg am ENST und seinem ersten Kranz am Luzerner Kantonalen einen Lichtblick für das ISV-Team. Drücken noch mehr solcher Talente nach?

Waser: «Mit Luca Müller besitzen wir ein Riesentalent, und beim Jahrgang 2005 schlummern weitere grosse Talente. Wenn wir diese Jungen optimal aufbauen und ins ISV-Team integrieren können, werden uns diese dereinst viel Freude bereiten.»

Stichwort Berner Breite: Fällt beispielsweise Schwingerkönig Christian Stucki aus, stossen junge und hungrige Schwinger aus der zweiten oder dritten Reihe nach, und können an der Spitze mitreden. Diese Dichte fehlt den Innerschweizern einfach. Müsste man sich diesbezüglich nicht ein wenig am Nachwuchskonzept der Mutzen orientieren?

Waser: «Wir haben auch ein gutes Nachwuchskonzept und verrichten ebenfalls gute Arbeit. Unser Ziel ist es, unseren Nachwuchs zu fördern, sie beim Übertritt von den Jungschwingern zu den Aktiven zu begleiten und sie gut in das Team zu integrieren.»

Welche Ziele definiert der Technische Leiter für die Saison 2022?

Waser: «Wir wollen mit unserer Mannschaft am ESAF 2022 in Pratteln vorne mitreden, und zwar bis zum Schluss. Mein Wunsch ist es, dass alle schwingen können, gesund bleiben, und der Innerschweizer Schwingerverband so seine Ziele erreichen kann.»

feldwaldwiesenblogger

Die Arbeiterschwinger von Oerlikon

Einleitung: feldwaldwiesenblogger

Just am heutigen Tag feiert der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) in Collombier (NE) seinen 125. Geburtstag. Dieser wäre zwar letztes Jahr gewesen, Corona-bedingt wurde die grosse Feier aber auf dieses Jahr verschoben. Der ESV gab zu diesem runden Jubiläum 2020 eine dicke und schön illustrierte Chronik heraus. Der geschichtlichen Details gäbe es viele zu erwähnen, ist die Historie rund um unseren Nationalsport doch gespickt mit unzähligen spannenden und legendären Fakten, Anekdoten und Erzählungen. 

«Schwere Kerle rollen besser»

Der Schwinger-Blog entschied sich heute für eine Geschichte aus dem Buch von Linus Schöpfer: «Schwere Kerle rollen besser». Darin gibt es mit «Links abgedreht: Die Arbeiterschwinger von Oerlikon» ein besonders interessantes Kapitel zu lesen. Da der Schreibende von den «Arbeiterschwingern» bis anhin noch nie etwas gehört oder gelesen hatte, erlaubte er sich, dieses Kapitel aus Schöpfer’s Buch in einen Blogbeitrag zu packen. Möge mir der Autor das Abschreiben verzeihen. 

Die Arbeiterschwinger bilden ein «seltsames Kapitel des Schweizer Sports», schreibt Schöpfer. Sie gehören zwar zur Geschichte des Schwingsportes, nicht aber zu jener des Eidgenössischen Schwingerverbandes. Die Arbeiterschwinger waren während ihrem Bestehen in eigenen Verbandsstrukturen eingebunden. 

Linus Schöpfer’s Buch «Schwere Kerle rollen besser» enthält viel Wissenswertes rund ums Schwingen

Bild: feldwaldwiesenblogger

Links abgedreht: Die Arbeiterschwinger von Oerlikon

Autor: Linus Schöpfer

Stellen wir uns vor, in Olten stehe eine Statue von Kilian Wenger. Fünf Meter hoch, aus demselben roten Granit gehauen wie das Lenin-Denkmal in Berlin-Friedrichshain, in die Zwilchhose hineingemeisselt das Emblem von Hammer und Sichel. Eine groteske Vorstellung, nicht? Doch die Idee vom Schwinger als Vorarbeiter des Sozialismus, die gab es tatsächlich. Sie ist heute vergessen. So wie die ganze merkwürdige Episode des Arbeiterschwingens vergessen ging. 

1919, Oerlikon bei Zürich. Fünf Herren mit Schnäuzen und biederen Anzüge blicken in die Kamera. Bäggli heisst der eine, Bommeli ein anderer. Lassen wir uns nicht täuschen: Diese Herren sind radikal. Es geht ihnen um sehr viel, wenn nicht um alles, um die grosse gesellschaftliche Umwälzung. Ein glücklicheres Leben schwebt ihnen vor, das hinter sich lässt die proletarische Baracken-Existenz, die trostlosen Hallen, hungrigen Münder und engen Zimmer, die man auch in der Schweiz des frühen 20. Jahrhunderts kennt. Das Foto hält einen sporthistorischen Moment fest: Eben wurde der Arbeiterschwingerverband gegründet. Er wird bald Teil des Satus werden, des Schweizer Arbeiter- und Turnverbands, einer von sechs Unterverbänden. Das Schwingen soll ein Fitnesstraining sein, seine Übungen sollen der einförmigen Belastung des Fabrikalltags entgegenwirken und die Körper der Arbeiter abhärten.

Alfred Edelmann, der Aktuar des Arbeiterschwingerverbands, erklärt es 1919 in der Satus-Zeitung so: »Das Doppelziel unseres Gesamtverbandes besteht darin, beim Turner neben einer rationellen Körperausbildung auch das Geistesleben zu fördern, in ihm das Klassenbewusstsein zu wecken und ihn damit zu befähigen, vereint bessere Lebensbedingungen zu erlangen.« Edelmann schliesst seinen Text »Ueber den Wert des Schwingens« doppeldeutig ab: »Bald wird für unsere Schwinger die Zeit kommen, wo sie ihre Probe bestehen könne; darum nützet die Zeit, damit möglichst vielen die Palme des Sieges überreicht werden kann.» Was ist das für eine »Probe«, die die Arbeiterschwinger bestehen sollen? Meint Edelmann das erste Arbeiterschwingfest? Oder doch die Eskalation des Klassenkampfs? 

Zum reinen Spass haben Bäggli, Bommeli und Edelmann jedenfalls nicht mit dem Schwingen angefangen. Es ist Mittel zum Zweck, genauso wie der Körper des Arbeiters Mittel zum Zweck ist. Die Satus-Zeitung zitiert 1922 einen österreichischen Sporttheoretiker: Der Körper soll »Gefäss sein für die menschlichen Werte, vermieden werden soll die Ausbildung zum »grässlichen Typ des Nursportlers, des Muskelschweins oder Windhundes«. Ab 1927 werden die Schwinger vom Schweizerischen Arbeiterjodlerverband unterstützt. Auch hier sehen wir den Versuch, den Konservativen ein Brauchtum zu entreissen und sie als dessen Förderer links zu überholen. Die Arbeiterjodler sollten die Arbeiterschwinger um drei Jahre überleben, immerhin.

Das Spektakel des Sportfests wird von den Sozialisten als Köder genutzt. Sie instrumentalisieren es so, wie es bereits Aristokraten, Liberale und Rechtsbürgerliche instrumentalisiert haben. Der Schwinger soll die Zuschauer am Sägemehlrand beeindrucken, sie im besten Fall fürs grosse Proletarier-Projekt gewinnen. Die Satus-Feste sollen Anlässe sein, an denen die Utopie geprobt wird. Das Drumherum in den Zelten und auf den Bühnen ist deshalb mindestens so wie wichtig wie der Wettkampf selbst. Im »Leitfaden für die Agitation« des Satus heisst es: »Unsere Festspiele sind nicht schmalzig, sondern erzählen vom Kampf der Arbeiter und ihrer Menschwerdung.« Vor 12’000 Zuschauern werden 1930 am Arbeitersportfest in Aarau Theaterstücke inszeniert. Das Schauspiel soll »eine Apotheose auf den Sieg des Sozialismus über die alte Welt« darstellen, so die Festschrift.

Maschinist und Schwingerkönig

Noch im Gründungsjahr 1919 organisieren die Funktionäre in Oerlikon das erste grosse Arbeiterschwingfest. 126 Arbeiterschwinger nehmen teil. In seiner Festrede erklärt ein Funktionär, die Klassengegensätze spitzten sich zu. Auch im Sport müsse sich die Arbeiterschaft vom Bürgertum distanzieren und sich in eigenen Verbänden zusammenschliessen. Drei Jahre später findet das Arbeiterschwingfest in Olten statt. Auf der Frontseite der Satus-Zeitung schreibt das Organisationskomitee, das geleitet wird von Jacques Schmid, dem SP-Nationalrat und erklärten Marxisten: 

»Unser schweizerisches Arbeiterschwingfest in Olten wird ein glänzendes Zeugnis ablegen dafür, dass der proletarische Turner im Kreise seiner Klassengenossen dem edlen Turnsport ebensogut oder noch viel besser huldigen kann als im Verbande der bürgerlichen Turnvereinigungen. In unserem Kreise kann er die edle Kameradschaft pflegen ohne den bitteren Beigeschmack der Gewissheit empfinden zu müssen, dass die Kollegen, denen er zum friedlichen Wettkampf die Hand drückt, draussen im ernsten Leben des grauen Alltags wieder als seine Klassengegner gegen ihn stehen und auf die Vernichtung seiner menschenwürdigen Existenz als Arbeiter sinnen.«

In Olten kämpfen 230 Arbeiterschwinger um den Sieg. Zum Vergleich: Am ersten Eidgenössischen in Biel 1895 machten 124 Schwinger mit, und erst in Zürich 1911 nahmen erstmals über 200 Schwinger an einem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest teil. Die Satus-Zeitung schreibt von »Hunderten von Zuschauern«, die in Olten die Kämpfe verfolgt hätten. Zwischen 1919 und 1930 bauen die Arbeiterschwinger in der Deutschschweiz gut zwei Dutzend Sektionen auf. Von Mai bis September findet meist jeden Monat irgendwo ein Arbeiterschwingen statt, am »Schweizerischen Arbeiterschwingtag« wird jedes dritte Jahr der beste Sportler des Verbands gekürt. Die Schwingerkönige kommen aus Bümpliz, Grenchen und verschiedenen Kreisen der Stadt Zürich.

Bild: Aus dem Buch «Schwere Kerle rollen besser»

Auf den Siegesbildern posieren die Arbeiterschwinger oft mit der Krawatte oder im Kittel. Das ist nicht verwunderlich, denn viele der Schwinger sind Städter. Um 1930 dominiert mit Albert Guyer ein Maschinist aus Oerlikon das Arbeiterschwingen. Er gewinnt gleich drei nationale Feste in Folge. Zu seinen härtesten Konkurrenten gehört Emil Sanvittore, ein eingebürgerter Italiener, der als Magaziner arbeitet und im Zürcher Kreis 5, dem Industriequartier, wohnt. 

Das Arbeiterschwingfest von 1940 gewinnt Franz Limacher, der später für die Sozialdemokraten im Luzerner Stadtrat sitzen sollte und schon früh, so sein Nachruf, »mit den Problemen der Arbeiterschaft konfrontiert« worden sei. 

Eingekeilt 

Im Berner Dorf Zimmerwald tüftelte 1915 die sozialistische Avantgarde, darunter Lenin, am Zusammenschluss der Proletarier aller Länder. Luzern wird am 14. September 1920 quasi zum Zimmerwald des Arbeitersports, hier gründen Sozialisten aus ganz Europa die »Sozialistische Arbeitersport-Internationale«. Die Sportinternationale organisiert die Arbeiter-Olympiaden in Frankfurt und Wien, gewaltige Schauen mit Zehntausenden Besuchern. Bald zeigt sich jedoch auch im Sport die tiefe Spaltung der Linken, unversöhnlich stehen sich Sozialdemokraten und Kommunisten gegenüber. Die Sowjets gründen die Rote Sportinternationale und bauen mit der Spartakiade eine Gegenveranstaltung zur Arbeiter-Olympiade auf. Der Satus und sein Schwingerverband sind eingekeilt. Rechts von ihm locken bürgerliche Verbände die gemässigten oder unpolitischen Arbeiter. Links werben die Stalinisten um radikale und dogmatische Sportler, die die Diktatur der UdSSR nicht sehen oder als notwendiges Übel akzeptieren. Notgedrungen sucht der Arbeiterschwingerverband nach einem rettenden Mittelweg. Was den Sport betrifft, orientiert er sich stark am Eidgenössischen Schwingerverband, dessen Benotung und Prämierung der Kämpfer, Titel des »Schwingerkönigs« und Drei-Jahres-Turnus für das wichtigste Fest er kopiert. 

Die Abweichungen hinsichtlich der Schwingregeln sind marginal, für Kenner aber durchaus interessant: So gilt bei den Arbeiterschwingern ein Gang als verloren, wenn ein Kämpfer mehr als fünf Sekunden in der Brücke verharrt – jener gefährlich durchgebogenen Position, in der Kopf und Ferse Bodenkontakt haben, der Rücken dagegen in der Luft ist. In der hehren Theorie des Arbeitersports sind Punktesammeln, Ranglisten und das Streben nach Preisen und Rekorden Symptom eines kapitalistischen Denkens, das es zu überwinden gilt. Dem Arbeiterschwingerverband ist ein solches Avantgarde-Denken fremd: Auch bei den Arbeiterschwingern gibt es Notenblätter und bescheidene Gabentempel mit Schafen oder Velos als Hauptpreise. 

An ihrer grundsätzlichen Opposition zum Eidgenössischen Schwingverband ändert das jedoch nichts. So stellen die Funktionäre in einem Protokoll fest, der ESV habe einen Aufruf an seine Mitglieder erlassen, dass diejenigen Schwinger, die sich an einem Fest der Arbeiterschwinger beteiligten, »in ihrem Verbande für längere Zeit gesperrt würden«. Während der ESV die Schwinger, Ringer und Turner strikt auseinanderhält, fusionieren die sozialistischen Schwinger und Turner 1935 zum »Schweizerischen Arbeiter-Schwinger- und Nationalturnverband«. So gewinnt man Ruhm im Ausland: An der Arbeiter-Olympiade von Antwerpen 1937 holen sich drei Freistilringer des Verbands Medaillen, darunter eine goldene. Vor allem aber will man sich mit der Erweiterung die fürs Überleben nötige Mitgliedermasse sichern. 

Unter der Pappelallee 

Doch es reicht nicht. Für die Arbeiterschwinger geht es ab den 30ern abwärts. Die Schweizer Sozialdemokratie hat sich mittlerweile eingegliedert ins Abwehrdispositiv gegen die faschistischen Nachbarn im Norden und Süden. Der Satus entscheidet an seinem Verbandstag 1937, sich »unbedingt« für die Landesverteidigung einsetzen zu wollen. Als der Zweite Weltkrieg überstanden ist, steht die Linke vor der Frage, ob sie das Bürgertum wieder vermehrt attackieren oder gemässigt bleiben soll. Auch die Arbeiterschwinger wirken konfus. Erneut bauen sie ihren Satus-Teilverband um, er heisst nun »Schweizerischer Arbeiter-Schwinger-, Ringer- und Nationalturnerverband«. 1949 wird in Luzern das erste Schweizerische Arbeiterschwing- und -jodlerfest ausgetragen, ein Zusammenzug der Arbeiterschwinger und -jodler. Wiederum ist der ESV das offensichtliche Vorbild. Der Anlass in Luzern ist von einer bürgerlichen Veranstaltung nicht mehr zu unterscheiden, ist eine biedere Imitation. Aufmüpfige Parolen und Klassenkampf-Rhetorik fehlen, dafür wird Schwingern und Schwingfans ein Besuch des Löwendenkmals und das Flanieren unter der »prächtigen Pappelallee« beim Richard-Wagner-Museum empfohlen. Die Satus-Zeitung schätzt die Zuschauerzahl des Fests auf 1’500. 

Im Verband gibt es mittlerweile mehr Ringer als Schwinger, die Teilnehmerzahlen an den Schwingfesten schwinden. Man experimentiert mit einem Hallenschwingen und scheitert. Das Arbeiterschwingen lebt nur noch von seiner Vergangenheit, das zeigt auch die Grussbotschaft von Otto Schütz zum 50-Jahre-Jubiläum 1969. Schütz ist ein Zürcher Mechaniker, der von den Kommunisten zu den Sozialdemokraten gewechselt und diese 28 Jahre im Nationalrat vertreten hatte. Er schreibt: »Wir laden zum Fest nicht nur die Schwinger ein, sondern vor allem auch die Veteranen und Ehrenmitglieder, die (…) bestimmt glücklich sind, ihren alten Mitkämpfern wieder zu begegnen.« In den Protokollen des Arbeiterschwingerverbands macht sich derweil Frustration breit. Die Kursbesuche seien »katastrophal«, ein »schwerer Rückgang« sei zu bedauern, viele Schwinger hätten sich zwar angemeldet, seien schliesslich aber doch ferngeblieben, »beschämend«, »es müsste doch möglich sein«, und so weiter. 

In den 1970ern bleibt den Arbeiterschwingern das Schwingen auf dem Aargauer Schafmatt-Pass als letzter regelmässiger Wettbewerb übrig. 1977 gibt es kein einziges Fest mehr. Nicht einmal ein Schwingkurs wird vom Satus noch angeboten. »Das Interesse für’s Schwingen scheint überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein«, so das Protokoll. 1979 verfügt der Arbeiterschwingclub Zürich noch über 27 Mitglieder. 1980 lösen die Ringer und Schwinger ihren gemeinsamen Satus-Verband auf. Die letzten Arbeiterschwinger werden heimatlos, die Ringer formieren sich neu. Am 6. April 1981 treffen sich die Funktionäre nochmals, wieder steht das Arbeiterschwingen auf der Traktandenliste: »Die Fahne des Schwingerverbands soll im Zentralsekretariat in Zürich deponiert werden. Es soll von Fall zu Fall abgesprochen werden, ob die Fahne bei Beerdigungen noch verwendet werden soll.«

Ein kurzes, seltsames Kapitel des Schweizer Sports wird damit geschlossen. Die Aneignung und Neu-Erfindung des Schwingers linkerseits ist missglückt. Als 1989 erst die Mauer zusammenkracht und dann in ganz Europa die sozialistischen Denkmäler eingerissen werden, sind die Arbeiterschwinger schon vergessen.

feldwaldwiesenblogger

Saisonrückblick mit Kilchberger Sieger Damian Ott, dem Aufsteiger der Saison

Text: feldwaldwiesenblogger

Damian Ott darf man wahrlich als «den Aufsteiger» der diesjährigen Saison bezeichnen. Praktisch aus dem Nichts gewann der 21-Jährige am 17. Juli den Weissenstein Schwinget und landete eine faustdicke Überraschung. Hernach folgte zwar eine kleinere Berg- und Talfahrt mit Tops und Flops, bis der St. Galler am Schwarzsee wieder zuschlug. Damian bezwang im Schlussgang keinen Geringeren als den Überschwinger der Saison, Samuel Giger. Der Erfolgshunger des 197 Zentimeter-Mannes war aber noch nicht gestillt: Am Kilchberger Schwinget setzte er eine Marke für die Ewigkeit und durfte sich als Co-Sieger eines eidgenössischen Anlasses feiern lassen. 

Zusammen mit Samuel Giger (Mitte) und Fabian Staudenmann (links) gewann Damian den Kilchberger Schwinget 2021

Bild: Luzerner Zeitung

Nicht von 0 auf 100, sondern von 4 auf 10 respektive 0 auf 2

Die Medien erwähnen dieser Tage öfters, dass Damian von 0 auf 100 durchstartete. Im übertragenen Sinn stimmt das sicher, in reinen Fakten gemessen aber nicht. So besass der 100 Kilogramm schwere Athlet vor dieser Saison 4 Kränze, liess die Ausbeute nun auf 10 anwachsen. Vor 2021 hatte das Mitglied vom Schwingklub Wil 0 Kranzfestsiege auf dem Konto, Ende Saison steht er nun auf deren 2. Dazu kommt der hochdekorierte Kilchberger Sieg. Aus der bärenstarken 2021er-Saison resultierte Rang zwei in der SCHLUSSGANG-Wertung, der offiziellen Jahrespunkteliste des Eidgenössischen Schwingerverbandes.

Starkes Toggenburger Umfeld

Der schlaksige Hüne wohnt in Dreien, einer Ortschaft der Gemeinde Mosnang, welche im St. Gallischen Toggenburg liegt. Damian wuchs zusammen mit sieben Geschwistern auf. Das Toggenburg brachte schon etliche hervorragende Schwinger hervor, wie beispielswiese die beiden Schwingerkönige Jörg Abderhalden und Nöldi Forrer, oder den Unspunnen-Sieger Daniel Bösch. In deren Sog ist nun mit Damian Ott, Werner Schlegel und Marcel Räbsamen eine neue starke Generation herangewachsen, welche den Schwingsport in den nächsten Jahren entscheidend prägen wird.

Erster Schwingfestsieg im Sertig-Tal

Damian’s erster Sieg an einem Schwingfest der Aktiven datiert auf den 28. Juli 2019. Er gewann damals als 19-Jähriger den Sertig-Schwinget in Davos. Zu Beginn dieser Saison folgte mit dem ersten Rang beim Rüfeli-Schwinget in Untervaz Sieg Nummer zwei, bevor die grosse «Ott-Show» begann. 

Damian arbeitet als Zimmermann, und zählt das Trycheln und Skifahren zu seinen Hobbies. Für den Schwinger-Blog ist es nun höchste Zeit, sich mit dem Aufsteiger von 2021 zu unterhalten und von ihm ein paar spannende Informationen zum Saisonrückblick zu entlocken.

Damian bezwang im Schlussgang des Schwarzsee-Schwingets überraschend Samuel Giger, den Überschwinger dieser Saison

Bild: Berner Zeitung

Herzliche Gratulation zu dieser sensationellen Saison. Kannst du diese kurz in Worte fassen?

«Ich habe daraufhin gearbeitet, Kränze zu gewinnen, konstante Leistungen abzuliefern und vorne dabei zu sein. Und nach Möglichkeit den einen oder anderen Eigenossen zu bezwingen. Dass es dann so rauskommt, hätte ich mir nie erträumt!»

Praktisch aus dem Nichts führte dein Weg an die absolute Schwingerspitze. Hast du eine Erklärung dafür? 

«Mein erstes Kranzfest in dieser Saison war das Appenzeller Kantonale. Ich war nicht 100 Prozent fit und leicht erkältet. Es lief mir dann mittelmässig, ich holte mir dennoch den Kranz. Mein Team-Kollege Werner Schlegel gewann das Fest. Das war mir Ansporn genug, um weiter Gas zu geben, und es zeigte mir, was möglich ist. Ich fuhr auf den Weissenstein mit dem Ziel Kranzgewinn. Als ich voll angriff und meine Gänge gewann, darunter auch namhafte Eidgenossen, kam ich in einen richtigen Lauf. Vor dem Schlussgang hatte ich mein Ziel längst erreicht. Ich ging völlig entspannt in diesen und schwang voller Freude. Dieses Gefühl konnte ich dann die ganze Saison mittragen. Am Schwarzsee lief es mir wieder fantastisch, und der Sieg am Kilchberger Schwinget war das i-Tüpfelchen auf diese grossartige Saison. Obwohl ich dies nicht speziell trainiert habe, spürte ich, dass ich mental parat bin. Ich konnte während der ganzen Saison locker in die Zweikämpfe gehen.»

Hast du zu Saisonbeginn gespürt, dass dies dein Jahr werden könnte? Oder warst du ob deiner Erfolge selbst erstaunt?

«Bevor ich in die Kranzfestsaison einstieg, hat Werner Schlegel schon drei Kranzfeste bestritten. Ich sah, wie gut es ihm lief, und ich wusste, ich kann auch auf diesem Level schwingen. Ich spürte, dass vieles möglich sein könnte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, ob ich mental stark genug bin, und dem Druck standhalten würde. Ich war dann am meisten überrascht, dass ich so locker und mit so wenig Nervosität an den Schwingfesten antreten konnte. Und dass ich mit so viel Freude schwingen durfte. Wie bereits erwähnt: Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es so gut herauskommen würde.»

Nach den beiden Bergkranzfestsiegen und vor allem dem Kilchberger Sieg bist du nun in aller Leute Mund. War der Rummel nach dem Saisonhöhepunkt gross?

«Ja, in der ersten Woche nach dem Kilchberger Schwinget war sehr viel los. Es war sehr schön, zugleich auch streng. Es galt, Interviews und viele Fragen zu beantworten. Ich habe es genossen und es war schön zu sehen wie sich die Leute an meinen Erfolgen freuten. Dies war eine neue Situation für mich, und ich konnte gut damit umgehen.»

Arbeitest du in einem 100 Prozent Pensum?

«Bis im Juni habe ich in einem 100 Prozent gearbeitet, welches ich ab Juli auf 90 Prozent gesenkt habe. Damit ich Zeit fand für ein zusätzliches Training am Mittwochnachmittag. Der Beginn war eine Woche vor dem Weissenstein Schwinget. Mit dem zusätzlichen Training strebten wir die Qualifikation für den Kilchberger Schwinget an, welche ich ja dann mit dem Sieg auf dem Solothurner Hausberg eine Woche später im Sack hatte. Dieses zusätzliche Training hat sich definitiv gelohnt. Und: Auch vor dem «Eidgenössischen» werde ich wieder mein Arbeitspensum reduzieren. Denn ich möchte mich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Es braucht viel Zeit für Training und Erholung.»

Scheinbar hast du den Lockdown und die Zwangspause im Jahr 2020 optimal genutzt. Wer und was hat dich so stark werden lassen?

«Dazu gehören viele Leute. Nebst meinen Klubkollegen zähle ich die Schwing-Trainer und Robin Städler, den Kraft- und Konditionstrainer, dazu. Wir sind ein gutes Team. Zudem haben wir auch im NOS-Verband eine sehr gute Truppe beisammen, welche trainingsfleissig ist und will. Je mehr mitmachen, je mehr hat man davon.»

Im Jahr 2019 gewann Damian beim Sertig-Schwinget sein erstes Schwingfest als Aktiver

Bild: feldwaldwiesenblogger

Etwas verwundert nahm man zur Kenntnis, dass ein so grosser Schwinger wie du den Münger-Spezial anwendet. Wie kam es dazu?

«So genau weiss ich das nicht mehr. Diesen Schwung habe ich schon als Jungschwinger im Training geübt. Ich wendete ihn damals schon bei Schwingfesten an, und gewann damit etliche Gänge. Ich habe mir betreffs Münger-Spezial Videos von Marcel Kuster und Schwingerkönig Silvio Rüfenacht angesehen. Beide Eidgenossen hatten diesen Schwung im Repertoire. Ich habe mich mit Kuster denn auch darüber unterhalten, und er gab mir einige Tipps. Am ESAF 2019 in Zug gewann der inzwischen zurückgetretene Appenzeller fünf Gänge mit «Münger», was mir sehr imponierte. Jetzt fokussiere ich mich im Training aber auf andere Schwünge, vor allem auf jene, welche ich nicht so gut beherrsche.»

Zwischen den Siegen auf dem Weissenstein und am Schwarzsee gab’s resultatmässig eine kleinere Berg- und Talfahrt. Einerseits Tops wie am Thurgauer Kantonalen oder am Bernisch-Kantonalen Schwingfest. Andererseits Flops wie am St. Galler Kantonalen und auf der Schwägalp. Wie erklärst du dir das?

«Dafür gibt’s eine einfache Erklärung. Vor dem St. Galler Kantonalen befand ich mich im Hoch, griff stets voll an und machte dabei meine Gegner müde. Ich bin wohl übermütig geworden, und wurde deswegen in Kaltbrunn zweimal ausgekontert. Unterschätzt habe ich meine Gegner nie, ich nehme jeden ernst. Ich wollte wohl zu schnell gewinnen, um Kraft zu sparen. Ich habe daraus gelernt, und wurde geduldiger. Was mir am «Kilchberger» im Gang gegen Matthias Aeschbacher, welchen ich kurz vor Gang-Ende bezwingen konnte, zum Vorteil gereichte. Auf der Schwägalp hatte ich anfänglich ein gutes Gefühl, und schwang im fünften Gang gar um den Schlussgang-Einzug. Ich verlor den Kampf gegen Michael Wiget aber relativ schnell. Im sechsten Gang haben mir dann die Nerven etwas versagt. Ich ging mit einem schlechten Gefühl in den Zweikampf, verlor diesen prompt und weiss nun, dass das nicht funktionieren kann. Ich habe daraus eine Lehre gezogen, und dies hat mir eine Riesenstärke verliehen für den letzten Gang in Kilchberg. Ich weiss jetzt, dass man mental parat sein muss, damit es am Schluss nach ganz vorne reicht. In einem Formtief befand ich mich nicht. Ich wusste stets, dass ich starke Gegner bezwingen kann. Am Schwarzsee habe ich das alles hinter mir gelassen, und es hat dann auch sehr gut funktioniert.»

Jetzt bist du nicht mehr Jäger, sondern Gejagter. Wie kommst du mit der neuen Rolle zurecht?

«Eigentlich bis jetzt sehr gut. Nach dem Kilchberger Schwinget bestritt ich mit dem Olma-Schwinget bisher erst ein Schwingfest. Es lief mir dabei mit vier gewonnenen und zwei gestellten Gängen sehr gut. Beim Anschwingen stellte ich mit dem späteren Sieger Nick Alpiger und im Gang zwei folgte ein weiterer «Gestellter» gegen Adrian Odermatt. Der junge Baselbieter hat sich sehr defensiv auf mich eingestellt. Im Winter werde ich daran arbeiten. Ich versuche dabei, ein Mittel zu finden, um auch passive Gegner bezwingen zu können.»

2022 wird eine andere Saison als 2021 und etliche Schwinger werden sich im Zweikampf mit dir passiver verhalten. Wie wirst du diesen Umstand in dein Wintertraining einbauen?

«Darum wird sich unser Trainer kümmern, welcher Trainings so gestalten wird, dass einer angreift und der andere dagegenhält. Ich werde dabei einen Schwung üben, welcher gegen passive Gegner effizient ist. Diesen Schwung werde ich hier nicht verraten. Weitere gute Ideen kommen aber auch von ehemaligen Spitzenschwingern wie Jörg Abderhalden, Urban Götte oder Dani Bösch. Diese versuchen uns Tipps zu geben, wie sie sich während ihrer Aktivzeit in solchen Situationen geschlagen haben.»

SRF schrieb diese Woche, dass der zweite Platz am letzten Sonntag nach dieser unglaublichen Saison schon kein grosser Erfolg mehr ist. Wie bist du persönlich mit dem Abschneiden am Olma-Schwinget zufrieden?

«Ich bin sehr zufrieden, und erwarte von mir nicht, dass ich nun jedes Schwingfest gewinne. Ich nehme das locker und habe mich über den zweiten Platz gefreut. Zudem: Ich habe mich sehr über die Schlussgangteilnahme von meinem Teamkollegen Marcel Räbsamen gefreut. Das ist zusätzliche Motivation fürs Wintertraining.»

Gibt’s jetzt nun Ferien? Und: Wann erfolgt der Trainingsstart für die neue Saison?

«Im Winter haben wir zwei Wochen Betriebsferien, jetzt gibt’s keine. Dann werde ich vermutlich ein Trainingslager bestreiten. Nach dem Kilchberger Schwinget haben wir eine zweiwöchige Trainingspause eingelegt. Anschliessend haben wir uns zu einer Trainingsbesprechung mit Robin Städler, Jörg Abderhalden und Urban Götte getroffen. Jörg hat uns dabei Videos gezeigt, und uns im Hinblick auf die nächste Saison sowie fürs Wintertraining Tipps gegeben. Urban gab uns ebenfalls wertvolle Tipps. Zudem haben wir mit Robin die Trainingsgestaltung besprochen. Das Kraft- und Konditionstraining haben wir mittlerweile aufgenommen. Anfangs November legen wir dann mit dem Schwingtraining los.»

feldwaldwiesenblogger