Wegen Corona: Kommt Zweiklassengesellschaft im Schwingsport?

Text: feldwaldwiesenblogger

Es kann niemand behaupten, dass Stefan Strebel, der neue TK-Chef des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV), nicht neuen Wind in den Schwingsport bringt. Vor ein paar Tagen veröffentlichte er auf seinem Instagram-Kanal ein ziemlich brisantes Video. In diesem spricht Strebel davon, dass er den Schwingsport mit einem Konzept stufenweise öffnen möchte, und dass ihm die immer noch grassierende Corona-Pandemie praktisch keine andere Wahl lässt. Dieses Konzept soll zudem vorsehen, dass gewisse Schwinger an zwölf vom ESV organisierten Schwingfesten antreten würden. Diese Aussagen und die Erklärung, was denn genau eine stufenweise Öffnung bedeutet, konnte der Schreibende leider nicht näher in Erfahrung bringen. Es riecht aber verdächtig nach einer künftigen Zweiklassengesellschaft, zumindest für diese Saison…


Stefan Strebel möchte den Schwingsport mit einem Konzept stufenweise öffnen
Bild: esv.ch

Bei den Teilverbänden zur Vernehmlassung
Was man bisher weiss ist, dass dieses Konzept nun bei den Teilverbänden zur Vernehmlassung ist. Weiter unterbreitete Strebel seine Vorschläge dem Aktivenrat. Eingehend Stellung wollte bisher niemand dazu nehmen. Zu brisant scheinen diese Ideen. Man scheint sehr gut zu überlegen, was man eigentlich möchte und was nicht.
Es ist noch nicht lange her, als der TK-Chef solcherlei in Abrede stellte: «Entweder dürfen alle, oder niemand» war die Devise. Der nun immer länger andauernde Lockdown und das damit verbundene Verbot für Kontaktsportarten im Amateurbereich liess die Oberen im Schwingerverband aber wohl nun umdenken. Oder wie es der «Bote der Urschweiz» heute formulierte: Das Schwingen ist bereit für den Tabubruch.

Wer darf nun ins Sägemehl?
Der ESV möchte nun zusammen mit Swiss Olympic und dem Bundesamt für Sport eine Elite definieren, welche von der Ausnahmeregelung profitieren könnte, die das Ausüben von professionellem Sport erlaubt. Wer nun zum Handkuss kommen könnte, kann man sich denken. Dies sind wohl die Eidgenössischen Kranzschwinger, Gewinner von Teilverbands-, Bergfest- und Kantonalschwingfesten. Diese Spitzenschwinger dürften als Erste wieder ins Sägemehl. Diese Athleten sind dann wohl auch die Teilnehmer bei den eingangs erwähnten zwölf Schwingfesten.
Was aber geschieht mit den vielen Mittelklasse-Schwingern und den Jungschwingern, die erst zu den Aktiven gewechselt haben? Richtig, man weiss es vorderhand nicht. Je länger die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen dauern, umso unwahrscheinlicher wird ein geordneter Start in die Kranzfestsaison. Diese sollte eigentlich Ende April beginnen…

Was meinen nun die Teilverbände?
Ich vermute, dass die Verantwortlichen sich derzeit täglich mit den Fragen zu diesem Konzept beschäftigen und ihr Gehirn zermartern. Es ist ein zähes und schwieriges Abwägen: Will man wenigstens die Elite schwingen lassen, oder gar nochmals praktisch auf eine ganze Saison verzichten? Das sind sehr heikle Fragen, eindeutige Antworten gibt es nicht. Ich persönlich fordere aber: Die Zustimmung zu Strebel’s Konzept muss einstimmig von allen Teilverbänden angenommen werden. Ohne diese Einstimmigkeit wäre von allem Anfang an schon Sand im Getriebe.


Duellieren sich Joel Wicki und Christian Stucki schon bald wieder im Sägemehl?
Bild: neo1.ch

Und was ist mit den Kranzfesten und den Eidgenössischen Anlässen?
Das Konzept sieht eine stufenweise Öffnung vor. Dies bedeutet, dass je nach Pandemie-Verlauf irgendwann wieder alle Schwinger ins Sägemehl zurückdürfen. Erst mal wären «nur» die Spitzenschwinger an der Reihe. Sollten die Teilverbände und die zuständigen Bundesbehörden dem Konzept zustimmen, könnte es wohl schnell gehen. Gut möglich, dass die besten Schwinger ab Anfang März trainieren dürfen und die vom ESV organisierten Schwingfeste Ende April/Anfangs Mai losgehen. Wo werden diese stattfinden?
Man darf sich weiter fragen: Werden die Kranzfeste für dieses Jahr sistiert? Die zwölf ESV-Schwingfeste folgen Schlag auf Schlag und die besten Schwinger messen sich zusätzlich Ende Saison als krönenden Abschluss am ESV-Jubiläumsschwingfest in Appenzell und am Kilchberger Schwinget? Und was ist mit dem Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag in Schwarzenburg?

Ist das nicht alles zu viel für die Traditionalisten?
Der Schwingsport lebt von der Tradition. Und unter den Funktionären und den Schwingfreunden sind sehr viele Traditionalisten. Ich vermute, dass dieses Stufenkonzept und meine obigen Überlegungen einfach zu viel sein könnten für diese Leute. Widerstand und massive Kritik ist vorprogrammiert. Wie will Stefan Strebel und der ESV dem begegnen? Es steht ausser Zweifel, dass mit diesem Vorstoss eine (vorübergehende) Zweiklassengesellschaft im Schwingsport geschaffen wird. Dies hat man bis anhin vehement verhindert. Mit gutem Grund: Der Schwingsport ist ein Breitensport und er lebt von den vielen Mittelschwingern. Diese bilden die Basis. Etliche von diesen Schwingern dürften sich wohl gut überlegen, ob sie dem Schwingen nicht lieber den Rücken kehren sollen. Dasselbe mit einigen Funktionären, die aus Frust auch gleich das Handtuch werfen. Und was ist mit den Organisatoren von den diesjährigen Kranzschwingfesten? Vertröstet man die auf 2022?

Fragen über Fragen und so viel Unsicherheit! Das einfachste wäre, wenn die Corona-Pandemie möglichst schnell vorbei wäre. Es sieht aber im Moment leider nicht so aus. Und so macht der ESV und sein TK-Chef Planspiele, damit wenigstens ein Teil der Schwinger möglichst rasch wieder ins Sägemehl zurückkehren kann. Man versucht die Oberen im Schwingsport zu verstehen. Diese haben nämlich im vergangenen Herbst die Devise rausgegeben: «Schwingfeste 2021 zu 100 Prozent JA». Dies versuchen sie nun unter den gegebenen Umständen umzusetzen.
Ich hoffe, dass sich bei den nun anstehenden Diskussionen und Entscheiden alle so begegnen wie es im Schwingsport üblich ist: Mit Fairness und Rücksichtnahme. Und dass am Ende keine Verlierer auf der Strecke bleiben.

feldwaldwiesenblogger