Rück- und Ausblick mit Roland Gehrig, dem Technischen Leiter der Berner Schwinger

Text: feldwaldwiesenblogger

Die Berner Schwinger haben eine erfolgreiche Saison hinter sich. Etliche Schwinger überzeugten und lieferten Top-Ergebnisse ab. Zwar wütete die Verletzungshexe auch in ihrem Team. Aber dies hatte nur marginale Auswirkungen auf die Saisonbilanz.

Co-Sieg am Kilchberger Schwinget und ENST-Kategoriensieg

Als Höhepunkte der 2021er-Saison gelten Fabian Staudenmann’s Co-Sieg am Kilchberger Schwinget und Daniel Tschumi’s Kategoriensieg am Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag (ENST) in Schwarzenburg. Der Erfolg fusst dabei auf einer intakten und gesunden Mischung aus Routine und erfolgshungrigen Nachwuchsleuten. Trotz Rücktritten diverser Spitzenschwinger fielen die Berner in kein Loch. Und: Nach verletzungsbedingten Ausfällen von arrivierten Spitzenleuten stiessen Schwinger aus der zweiten und dritten Reihe nach und feierten schöne Erfolge. Letztendlich fanden sich an der Tabellenspitze der meisten Kranzfeste routinierte Spitzenschwinger wie auch erfolgsversprechende Nachwuchshoffnungen. Bei den «Mutzen» ist grosses Potenzial vorhanden, die Verteidigung des Schwingerkönig-Titels 2022 in Pratteln alles andere als eine Illusion.

Das Berner Team bei der Besichtigung vom ESAF-Gelände 2019 in Zug

Bild: esafzug.ch

Sehr gute Saisonbilanz

In der aktuellen Ausgabe des SCHLUSSGANG’s bilanziert Roland Gehrig, der Technische Leiter: «Mit der vergangenen Saison bin ich mehr als zufrieden. Besonders die Jungen zeigten durchwegs starke Leistungen. Es macht grosse Freude, mit ihnen zu arbeiten und ich darf beruhigt in die Zukunft schauen.» Der Schwinger-Blog knüpft hier an, hält in diesem Beitrag Rück- und Ausblick mit besagtem Roland Gehrig und stellt dem Technischen Leiter Fragen zur diesjährigen Saison. Zur Sprache kommen aber auch andere Stichworte, wie etwa die Verletzungshexe, das ESAF 2022 in Pratteln oder der gute Teamgeist.

Nach welchen Schwingfesten warst du besonders stolz auf dein Team?

«Ganz klar nach dem Kilchberger Schwinget! Im Kollektiv haben wir eine super Team-Leistung erbracht. Weiter war der Brünig-Schwinget ein Highlight, ebenso das Bernisch Kantonalschwingfest. An jenem Schwingfest in Aarberg waren erstmals in dieser Saison wieder viele Zuschauer zugelassen. Das war eine Freude für die Zuschauer und die Schwinger. Nach dem Ausfall von Schwingerkönig Christian Stucki fassten wir die Devise: Feste gewinnen ohne Stucki. Wir bauten dabei auf eine starke Teamleistung.»

Trotz erfolgreicher Saison: Gibt es dennoch Punkte, welche der Technische Leiter nach dieser Saison angehen muss?

«Nach dem Fest ist vor dem Fest, heisst: Das ESAF 2022 in Pratteln vor Augen zu haben und als Ziel zu setzen. Wir haben eine junge Mannschaft. Es gilt, diese weiterzubringen und an die Spitze heranzuführen. Um am «Eidgenössischen» erfolgreich zu sein.»

Der Technische Leiter Roland Gehrig sagt: «Unser Ziel und Anspruch ist es, den Königstitel zu verteidigen.»

Bild: esv.ch

Stichwort Nachwuchsarbeit

Nebst den arrivierten Kräften lieferten in dieser Saison auch die Jungen. Die Berner haben seit Jahren ein gut funktionierendes Nachwuchskonzept. Wann wurde dieses eingeführt, und wie sieht das aus?

«Unser Nachwuchskonzept basiert auf dem Novizen-Kader, welches vor acht Jahren eingeführt wurde. Es ist ein Erfolg, und wir können sozusagen daraus pflücken. Das Kader betreut zudem den Nachwuchs beim Übertritt zu den Aktiven, was ein ganz wichtiger Schritt für die einzelnen Athleten ist.»

Am ENST fiel besonders der Jahrgang 2005 auf. Im Schlussgang standen sich mit Daniel Tschumi und Fabian Stucki zwei Berner gegenüber. Gewonnen wurde diese Kategorie von Tschumi. Wie sieht es bei den anderen Nachwuchs-Jahrgängen aus?

«Beim Jahrgang 2005 waren wir überlegen. Bei den anderen Jahrgängen sind wir nicht ganz so stark unterwegs. Es ist für mich aber nicht beängstigend, wenn ein Jahrgang etwas schwächer besetzt ist. Es hat schon immer stärkere und schwächere Jahrgänge gegeben. Der Jahrgang 1985 beispielsweise war bekanntermassen auch ein ganz starker.»

Daniel Tschumi gewann am ENST beim Jahrgang 2005 und liess die Berner jubeln

Bild: Berner Zeitung

Stichwort Verletzungshexe

Die Innerschweizer wurden durch Verletzungen mehrerer Spitzenschwinger arg gebeutelt. Bei den Bernern hielt sich diese Misere in Grenzen?

«So eine Misere ist immer relativ zu betrachten. Wir haben ein breit aufgestelltes Team mit arrivierten Kräften und jungen Nachwuchshoffnungen. Einige dieser Nachwuchsleute haben in dieser Saison einen relativ grossen Schritt nach vorne getan.»

Wie geht es den verletzten Schwingern, allen voran Christian Stucki und Michael Wiget? Werden sie zu Beginn der neuen Saison wieder ins Wettkampfgeschehen eingreifen können?

«Christian Stucki ist auf einem guten Weg. Ich denke, wir dürfen zu Beginn der neuen Saison wieder auf ihn zählen. Michael Wiget geht es den Umständen entsprechend gut. So wie es derzeit aussieht wird er vermutlich die ersten Schwingfeste verpassen.»

Stichwort ESAF 2022 in Pratteln

Seit 2010 wurden ausnahmslos Berner Schwingerkönige gekrönt. Wie kommt das? 

«Die Berner pflegen schon seit etlichen Jahren gute Teamarbeit. Auch meine Vorgänger haben viel Wert daraufgelegt. Wie oben angesprochen ist es uns wichtig, den Nachwuchs gut zu fördern. Wir setzen uns gemeinsam Ziele, und versuchen diese kollektiv als Mannschaft anzupeilen und zu erreichen. Wir sind Berner und ein Team – das zeichnet uns vermutlich aus.»

Die beiden besten Schwinger der Saison 2021, Samuel Giger und Damian Ott, kommen aus der Ostschweiz. Um den Schwingerkönig-Titel zu verteidigen, müssen die Berner erst an diesen beiden Spitzenschwingern vorbeikommen. Wie wollt ihr das anstellen?

«Wie bereits erwähnt, kann man solche Ziele nur gemeinsam als Mannschaft erreichen. Christian Stucki ist zwar nicht mehr der Jüngste, er könnte die beiden aber durchaus bezwingen. Mit einer starken Mannschaftsleistung ist vieles möglich. Aber es wird eine schwierige Aufgabe.»

Schwingerkönig Christian Stucki wird voraussichtlich zu Beginn der nächsten Saison wieder ins Wettkampfgeschehen eingreifen

Bild: esv.ch

Stichwort Teamgeist und Ziele für 2022

Als Aussenstehender bekommt man den Eindruck, dass die Berner einen guten Teamgeist haben. Wie stärkt ihr diesen?

«Unser Motto ist «Zämä simmer starch». Nach diesem Leitfaden gehen wir vor, dies pflegen wir bei den Kader-Trainings wie auch an den Schwingfesten. Zudem rekrutieren wir Mitglieder für unseren Staff, welche zu unseren Schwingern passen und keine Selbstdarsteller sind. Wir wollen keine Unruhe im Team. Wenn es erforderlich ist, führen wir auch Einzelgespräche mit den Schwingern. Uns ist ein guter Teamgeist sehr wichtig.»

Es ist bekannt, dass die Berner Betreuer besonders an Eidgenössischen Anlässen alles für das Wohl ihrer Schwinger tun. Wie muss man sich das vorstellen?

«Das ESAF ist der wichtigste Anlass. Unser Bestreben ist es, an diesem sehr gut zu unseren Athleten zu schauen. Das Schwingen ist längst ein absoluter Spitzensport. Wir leben dies vor und stellen eine zeitgemässe Infrastruktur zur Verfügung. Die Vorbereitungen sind jeweils gross, aber wir scheuen keinen Aufwand. Im Team-Zelt sollen sich die Schwinger in diesen drei Tagen wohl und geborgen fühlen. Sie sollen spüren, dass wir hinter ihnen stehen. Unseren Athleten soll es vom Essen über die Getränke bis hin zu Hometrainern an nichts mangeln. Es sind meist die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen.»

Wie sehen die Ziele des Technischen Leiters für 2022 aus?

«Das Hauptziel ist, dass sich möglichst wenige verletzen und wir am ESAF in Pratteln aus dem vollen schöpfen können. Und natürlich: Unser Ziel und Anspruch ist es, den Königstitel zu verteidigen.»

feldwaldwiesenblogger

Saison-Bilanz der Innerschweizer: Verletzungssorgen, nüchterne Ergebnisse und viele Fragen zur nahen Zukunft

Text: feldwaldwiesenblogger

Der SCHLUSSGANG schreibt in seiner aktuellen Ausgabe treffend: «Nachdem sie vor der Corona-Pandemie unbeirrt nach vorne schritten, wurde der Aufwärtstrend jäh gestoppt.» Gemeint sind dabei die Innerschweizer Schwinger, welche in der nun abgelaufenen Saison ziemlich unten durchmussten. Der Hauptgrund liegt an den überdurchschnittlich vielen verletzten Akteuren. Aber nicht nur.

Pirmin Reichmuth, welcher sich vor Beginn der Saison verletzte, befindet sich wieder im Aufbautraining für die neue Saison

Bild: pirminreichmuth.ch

Lange Verletzungs-Liste

Schon vor der Saison verletzte sich Pirmin Reichmuth und zu Saisonbeginn Michael Gwerder sowie Noe van Messel. Während der Saison fielen Marcel Bieri oder René Suppiger wegen Verletzungen aus. Und nicht zu vergessen Joel Wicki: Der Erstgekrönte verletzte sich während der Saison gleich zweimal und musste deswegen länger pausieren. Auch Sven Schurtenberger, der mit acht Kränzen beste Kranzsammler, erwischte es. Der Luzerner verletzte sich am eigenen Kantonalen und schied deswegen am Kilchberger Schwinget frühzeitig aus. Mike Müllestein fiel zudem krankheitsbedingt eine Zeitlang aus. Die Liste ist leider noch länger. Der Schwinger-Blog fragte deshalb bei Thedy Waserdem Technischen Leiter der Innerschweizer, nach.

Wie sieht die Verletzungssituation derzeit aus? Konkret: Wie geht es Pirmin Reichmuth, Michael Gwerder, Noe van Messel, Marcel Bieri, René Suppiger und Sven Schurtenberger?

Thedy Waser: «Sie befinden sich mit Rehabilitation und Kraftaufbau auf einem guten Weg. Wir sind sehr zuversichtlich. Die einen nehmen das Training im Sägemehl früher auf, die anderen etwas später.»

Im SCHLUSSGANG erwähnt Thedy Waser zudem: «Verletzungen kann man nicht beeinflussen.» Das ist wohl wahr. Trotzdem: Ganz offensichtlich verletzten sich viele Schwinger am «Innerschweizerischen» wegen des unglücklichen Festkalenders nach der Corona-Pause. So einem Kalender kann und darf ein Technischer Leiter in Zukunft doch niemals mehr zustimmen, oder?

Waser: «Das war eine Ausnahmesituation. Die grossen Feste folgten gleich zu Beginn, teilweise ohne grosses Training vorher. Das darf man in Zukunft nicht mehr so durchführen. Zu dieser Aussage stehe ich.»

Thedy Waser sagt: «Das darf man in Zukunft nicht mehr so durchführen.»

Bild: esv.ch

Nüchterne Saisonbilanz der Innerschweizer

Weiter erwähnt Thedy Waser im besagten SCHLUSSGANG-Artikel: «Wir haben das eigene Verbandsfest, einen Bergklassiker und ein Ausserkantonales gewonnen, was gar nicht so schlecht ist. Die Nichtverletzten haben ihre Ansprüche erfüllt.» Hand aufs Herz: Mit dieser nüchternen Bilanz darf der Technische Leiter des grössten Teilverbandes nicht zufrieden sein?

Waser: «Es wäre eventuell schon mehr drin gelegen. Wenn man aber schaut auf wen wir verzichten mussten, durften wir nicht unbedingt mehr erwarten.»

Analysiert man weiter die Ergebnisse der einzelnen Innerschweizer Kantonalverbände, dann schneidet eigentlich nur derjenige der Luzerner zufriedenstellend ab. Was läuft in den anderen Kantonalverbänden nicht optimal?

Waser: «Die Ob- und Nidwaldner mussten nach dem ESAF 2019 in Zug mit Marcel Mathis und Lutz Scheuber zwei gewichtige Rücktritte zur Kenntnis nehmen. Zudem war Martin Zimmermann, welcher kürzlich zurückgetreten ist, während einem grossen Teil der Saison verletzt. Das sind einfach Verluste, die nicht so schnell kompensiert werden können. Bei den Urnern war Stefan Arnold praktisch während dem ganzen letzten Winter verletzt. Weitere Urner Kranzschwinger waren zudem wegen Verletzungen ausser Gefecht gesetzt. Bei den wenigen noch übrig gebliebenen Schwyzer Eidgenossen fällt jeder Ausfall ins Gewicht, wie beispielsweise derjenige von Michael Gwerder. Und bei den Zugern fehlten je länger die Saison ging die meisten Spitzenleute verletzungsbedingt.»

Trotz grossen Verletzungssorgen: Das Abschneiden der Innerschweizer am Kilchberger Schwinget wirft grosse Fragen auf. Wurde der Saisonhöhepunkt inzwischen analysiert?

Waser: «Wir haben ihn analysiert. Sven Schurtenberger musste wegen einer Verletzung vorzeitig aufgeben. Joel Wicki, welcher eine verknorzte Saison mit zwei Verletzungen hinter sich hatte, lieferte eine sehr gute Leistung ab. Auch Christian Schuler, eine wichtige Stütze in unserem Verband, zeigte einen sehr guten Wettkampf. Marco Reichmuth musste leider kurzfristig wegen Krankheit verzichten. Die Schwinger hinter der Spitze konnten an jenem Tag keinen Exploit landen. Wenn man halt am Tag X nicht eine besondere Leistung abrufen kann, kommt das dann so heraus.»

Die ISV-Spitze ist nach etlichen Rücktritten dünner geworden

Bild: Tobias Meyer

Dünne Spitze – Wird wirklich alles für den Erfolg getan?

Nach etlichen Rücktritten in den letzten Jahren ist die Spitze der Innerschweizer nicht mehr so breit besetzt. Man hat nicht unbedingt den Eindruck, dass diese Lücken schnell geschlossen werden, zumal in naher Zukunft weitere Spitzenschwinger wie Andi Imhof oder Benji von Ah zurücktreten werden.

Waser: «Wenn all die Verletzten wieder zurückkehren, wird die Breite auch wieder grösser. Die verschiedenen Rücktritte versuchen wir mit jungen Talenten wie beispielsweise Joel Ambühl aufzufüllen. Ich bin zuversichtlich, dass sich unsere Breite weiterentwickelt und nicht schmäler wird. Guter Nachwuchs ist vorhanden. Denn: Am Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag (ENST) in Schwarzenburg holten wir einen Kategoriensieg, stellten einen weiteren Schlussgang-Teilnehmer und gewannen die meisten Auszeichnungen.»

Man sieht deutlich, dass vor allem die Berner und die Nordostschweizer alles für ihr Team und den Teamgeist an den Schwingfesten unternehmen. Diesen Eindruck bekommt man leider immer noch nicht von den Innerschweizern. Tun die Verantwortlichen wirklich alles für den Erfolg?

Waser: «Wir tun alles für den Erfolg und versuchen alles, um den Zusammenhalt zu stärken. Wir führen beispielsweise ein monatliches Training mit allen Kranzschwingern durch. Es liegt viel Arbeit vor uns und es braucht einfach seine Zeit. Den «Kantönligeist» haben wir inzwischen wegbekommen. Und: Den gestärkten Zusammenhalt kann man daran erkennen, wie das ISV-Team am ESAF 2019 in Zug einmarschiert ist.»

ENST-Sieger und Neukranzer Luca Müller ist ein Lichtblick für die Innerschweizer

Bild: luzernerzeitung.ch

Lichtblick, Nachwuchskonzept und Ziele für 2022

Der Zuger Luca Müller bescherte mit seinem Kategorien-Sieg am ENST und seinem ersten Kranz am Luzerner Kantonalen einen Lichtblick für das ISV-Team. Drücken noch mehr solcher Talente nach?

Waser: «Mit Luca Müller besitzen wir ein Riesentalent, und beim Jahrgang 2005 schlummern weitere grosse Talente. Wenn wir diese Jungen optimal aufbauen und ins ISV-Team integrieren können, werden uns diese dereinst viel Freude bereiten.»

Stichwort Berner Breite: Fällt beispielsweise Schwingerkönig Christian Stucki aus, stossen junge und hungrige Schwinger aus der zweiten oder dritten Reihe nach, und können an der Spitze mitreden. Diese Dichte fehlt den Innerschweizern einfach. Müsste man sich diesbezüglich nicht ein wenig am Nachwuchskonzept der Mutzen orientieren?

Waser: «Wir haben auch ein gutes Nachwuchskonzept und verrichten ebenfalls gute Arbeit. Unser Ziel ist es, unseren Nachwuchs zu fördern, sie beim Übertritt von den Jungschwingern zu den Aktiven zu begleiten und sie gut in das Team zu integrieren.»

Welche Ziele definiert der Technische Leiter für die Saison 2022?

Waser: «Wir wollen mit unserer Mannschaft am ESAF 2022 in Pratteln vorne mitreden, und zwar bis zum Schluss. Mein Wunsch ist es, dass alle schwingen können, gesund bleiben, und der Innerschweizer Schwingerverband so seine Ziele erreichen kann.»

feldwaldwiesenblogger

Die Arbeiterschwinger von Oerlikon

Einleitung: feldwaldwiesenblogger

Just am heutigen Tag feiert der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) in Collombier (NE) seinen 125. Geburtstag. Dieser wäre zwar letztes Jahr gewesen, Corona-bedingt wurde die grosse Feier aber auf dieses Jahr verschoben. Der ESV gab zu diesem runden Jubiläum 2020 eine dicke und schön illustrierte Chronik heraus. Der geschichtlichen Details gäbe es viele zu erwähnen, ist die Historie rund um unseren Nationalsport doch gespickt mit unzähligen spannenden und legendären Fakten, Anekdoten und Erzählungen. 

«Schwere Kerle rollen besser»

Der Schwinger-Blog entschied sich heute für eine Geschichte aus dem Buch von Linus Schöpfer: «Schwere Kerle rollen besser». Darin gibt es mit «Links abgedreht: Die Arbeiterschwinger von Oerlikon» ein besonders interessantes Kapitel zu lesen. Da der Schreibende von den «Arbeiterschwingern» bis anhin noch nie etwas gehört oder gelesen hatte, fand er, dass man dieses Thema in einem eigenen Beitrag thematisieren sollte.

Die Arbeiterschwinger bilden ein «seltsames Kapitel des Schweizer Sports», schreibt Schöpfer. Sie gehören zwar zur Geschichte des Schwingsportes, nicht aber zu jener des Eidgenössischen Schwingerverbandes. Die Arbeiterschwinger waren während ihrem Bestehen in eigenen Verbandsstrukturen eingebunden. 

Linus Schöpfer’s Buch «Schwere Kerle rollen besser» enthält viel Wissenswertes rund ums Schwingen

Bild: feldwaldwiesenblogger

Links abgedreht: Die Arbeiterschwinger von Oerlikon

Autor: Linus Schöpfer

«Stellen wir uns vor, in Olten stehe eine Statue von Kilian Wenger. Fünf Meter hoch, aus demselben roten Granit gehauen wie das Lenin-Denkmal in Berlin-Friedrichshain, in die Zwilchhose hineingemeisselt das Emblem von Hammer und Sichel. Eine groteske Vorstellung, nicht? Doch die Idee vom Schwinger als Vorarbeiter des Sozialismus, die gab es tatsächlich. Sie ist heute vergessen. So wie die ganze merkwürdige Episode des Arbeiterschwingens vergessen ging. 

1919, Oerlikon bei Zürich. Fünf Herren mit Schnäuzen und biederen Anzüge blicken in die Kamera. Bäggli heisst der eine, Bommeli ein anderer. Lassen wir uns nicht täuschen: Diese Herren sind radikal. Es geht ihnen um sehr viel, wenn nicht um alles, um die grosse gesellschaftliche Umwälzung. Ein glücklicheres Leben schwebt ihnen vor, das hinter sich lässt die proletarische Baracken-Existenz, die trostlosen Hallen, hungrigen Münder und engen Zimmer, die man auch in der Schweiz des frühen 20. Jahrhunderts kennt. Das Foto hält einen sporthistorischen Moment fest: Eben wurde der Arbeiterschwingerverband gegründet. Er wird bald Teil des Satus werden, des Schweizer Arbeiter- und Turnverbands, einer von sechs Unterverbänden. Das Schwingen soll ein Fitnesstraining sein, seine Übungen sollen der einförmigen Belastung des Fabrikalltags entgegenwirken und die Körper der Arbeiter abhärten.» (…)

Hier endet ein kurzer Ausschnitt aus diesem Kapitel. Unter diesem Link gelangt man bei Zeit.de zu einem Vorabdruck zu Linus Schöpfer’s Buch «Schwere Kerle rollen besser». Der Schreibende empfiehlt interessierten Lesern unbedingt zum Kauf dieses Buches.

Bild: Aus dem Buch «Schwere Kerle rollen besser» 

Schlusswort aus dem Kapitel «Links abgedreht: Die Arbeiterschwinger von Oerlikon»

«Ein kurzes, seltsames Kapitel des Schweizer Sports wird damit geschlossen. Die Aneignung und Neu-Erfindung des Schwingers linkerseits ist missglückt. Als 1989 erst die Mauer zusammenkracht und dann in ganz Europa die sozialistischen Denkmäler eingerissen werden, sind die Arbeiterschwinger schon vergessen.»

feldwaldwiesenblogger